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Skandal im Sperrbezirk: Jagd in der Nationalpark-Kernzone

Jagd und Naturschutz – Freunde oder Feinde? Verbündete für eine gemeinsame Sache oder eher Kontrahenten? Die Beziehung ist durchaus ambivalent: „Jagd ist angewandter Naturschutz“ und „Jagd ersetzt die ausgerotteten Räuber und ist daher unverzichtbar“ lauten zwei vielfach stereotypisch und unkritisch wiederholte Aussagen. Wenn dann aber ein Räuber wie der Wolf plötzlich wieder Bestandteil der Fauna ist, sehen ihn manche Jäger als Konkurrenten, der unbedingt ins Jagdrecht aufgenommen werden müsse, damit man ihn denn auch „regulieren“ könne. Wobei diese Diskussion einem Schattenboxen gleicht: Der Wolf ist durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, die Berner Konvention, die europäische FFH-Richtlinie (Anhang IV) und § 44 BNatSchG streng geschützt. Damit läuft der Jagdtrieb mancher Zeitgenossen ohnehin ins Leere.

Fallbeispiel Kellerwald

Es gibt „den Jäger“ ebenso wenig wie „den Naturschützer“. Wie so oft ist die Welt viel komplizierter. In vielen Fällen verfolgen sie weitgehend identische Ziele – etwa für den Biotopverbund oder Schutzprojekte für Wegraine und Rebhühner. Aber es gibt auch immer wieder Konflikte – wie bei Einschränkungen der Jagd aufgrund von Zielen des Naturschutzes. Ein Beispiel dafür: das Wildtiermanagement respektive der Jagdverzicht in größeren Teilen des hessischen Nationalparks Kellerwald-Edersee. Mark Harthun beschreibt den Konflikt zwischen dem Anspruch, jagdliche Nutzung auf die Randbereiche des Nationalparks zu beschränken und drei Viertel der Fläche von der Jagd auszunehmen – wie es die Kriterien der IUCN-Zertifizierung und der Auszeichnung als UNESCO-Weltnaturerbe und auch der eigene Nationalparkplan vorsehen.
Jagd nutzt verschiedene Ökosystemleistungen, nämlich die Versorgungsleistungen für Wildbret und – für manche Jagdgenoss(inn)en wichtig – Trophäen. Sie beeinflusst aber auch Versorgungs- und Regulationsleistungen, sofern man unterstellt, dass Jagd die Bestände an Pflanzenfressern (insbesondere Reh und Rothirsch) verändert und so indirekt die Baumarten- Verjüngung und das künftige Waldbild. Missbrauchen darf man das Argument der Ökosystemleistungen aber nicht, etwa in dem Sinne, dass damit die Jagd eine auch aus Naturschutzgründen sinnvolle, ja notwendige Nutzung auf allen Flächen darstelle. Maximierte Ökosystemleistungen können ebenso wenig ein Pauschalziel des Naturschutzes sein wie maximierte Artenzahlen. Stets muss, durchaus subjektiv, abgewogen und entschieden werden.

Prozessschutz als Ziel

Absolut prioritäres und unverzichtbares Ziel von Nationalparks ist der Prozessschutz, d.h. die allein aufgrund natürlicher Umweltfaktoren ohne aktive Steuerung des Menschen ablaufende natürliche Dynamik. Dazu braucht es keine Jagd. So sieht es auch die IUCN als maßgebliche Organisation. Warum bloß ist es so schwierig, auf minimalen Anteilen des Bundesgebiets auf die Jagd zu verzichten? Es herrscht wahrlich kein Mangel an Rehen und Wildschweinen, die geschossen werden könnten – eher das Gegenteil ist der Fall, nimmt man die massiven Wildschäden in vielen Regionen zum Maß. Zumal allein die Organisation der Jagd im Nationalpark Kellerwald-Edersee, wie Mark Harthun vorrechnet, jährlich 100 000 € an Kosten verursacht – für eine Jagdstrecke von zuletzt 260 Tieren. Das macht 384 € pro geschossenem Tier – ein Fall für das Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler. Nicht zu vergessen die am Leben erhaltene jagdliche und Waldwege-Infrastruktur. „Skandal im Sperrbezirk“ könnte man rufen, denn naturschutzfachlich ist es genau das.

Mehr Mut zum Laufenlassen

Auch in anderen deutschen Nationalparks ist die Jagd ein kritisches Thema. Der Bayerische Wald ragt mit 15 000 ha jagdfreier Zone positiv heraus, erreicht aber dennoch nicht das75-%-Mindestkriterium. Im Hainich sind es gerade 600 ha, in anderen Gebieten besteht gänzlich Fehlanzeige. Dringender Handlungsbedarf also – nicht allein wegen der Erfüllung der internationalen Kriterien. Nationalparks sollen als Freilandlabore die natürlicherweise ablaufenden Prozesse und die langfristige Entwicklung von Wildnis beobachten lassen. Wildtiere wie im Kellerwald gerade der Rothirsch sollen bitte einmal zumindest auf solchen Kleinflächen zeigen können, wie sie die Waldökosysteme verändern. Das betrifft nicht allein die Waldverjüngung, sondern beispielsweise durch das Schälen von Bäumen auch die Bereitstellung von Totholz als Schlüsselressource. Ein Appell an Politik und Behörden: Zeigt mehr Mut, „Natur Natur sein“ und die Dynamik einfach laufen zu lassen!
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issue 1/2018 of 29.12.2017
Published monthly , 12 issues per year
Language German
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Category Nature Magazines, Agricultural Magazines and Environmental Magazines

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