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Lesen Sie das Editorial von Betrifft Mädchen - epaper

Mit diesem Editorial leitet der/die Herausgeber/in oder die Chefredaktion der Zeitschrift Betrifft Mädchen - epaper die aktuelle Ausgabe 3/2018 ein. Hier erfahren Sie, welche Artikel besonders lesenswert sind oder woher die Anregungen dazu kamen.

Liebe Leser_innen,
Die Annahme, dass Sprache in der Lage ist, zu verletzen, ist in der feministischen Theorie und Praxis spätestens seit Judith Butlers Buch „Hass spricht“ eine Selbstverständlichkeit (1997 in den USA als „Exitable Speech“ erschienen). Sie schreibt: „Welche Art von Behauptung stellt man eigentlich auf, wenn man sagt, durch Sprache verletzt worden zu sein? Im Grunde schreibt man der Sprache eine Handlungsmacht zu, nämlich die Macht zu verletzen“ (Butler 2006: 9). Damit ist nicht allein ein Kerngedanke ihrer Theorie der Performativität benannt, sondern auch ein wichtiges Merkmal spätmoderner Gesellschaften markiert: Die Anerkennung als Subjekt wird in zentraler Weise auch sprachlich gewährt (vgl. den Text von Jergus in diesem Heft).

An Aktualität gewinnt dieser Gemeinplatz insbesondere durch neue technische und kulturelle Entwicklungen im Zuge der sogenannten ‚Digitalisierung alltäglicher Lebenswelten Heranwachsender‘, denn im ‚Netz‘ scheinen durch Anonymität und gleichzeitige Öffentlichkeit z.T. sonst gültige Kommunikationsregeln unterminierbar und verletzendes Sprechen besonders wirksam. Rassistische und sexistische Diffamierungen treffen hier statistisch gesehen besonders junge Weiblichkeiten, oft sind sie im Netz bis zu viermal mehr geschlechtsbezogenen Diskriminierungen ausgesetzt als Jungen* (vgl. Döring 2017). Dabei wirkt sexistische Hate Speech, Cybermobbing, Trolling oder Shitstorming – wie auch immer es genannt wird – in vielfältiger individueller und struktureller Weise: Es schränkt die Handlungs- und Selbstdefinitionsmöglichkeiten einzelner, direkt adressierter Mädchen* ein und sorgt zugleich für die Begrenzung von Teilhabemöglichkeiten in Netzöffentlichkeiten für Mädchen* im Allgemeinen. Ob ich als Mädchen* oder junge Frau* an die (nicht nur digitale) Öffentlichkeit gehe – diese Frage ist mit einem hohen Preis verbunden. In dieser Einstellung wird deutlich, dass es bei Hate Speech nicht um Fragen der Meinungsfreiheit und Freiheit der Rede geht. Es geht also auch nicht darum, dass ‚man‘ nicht mehr alles sagen darf. Sexismus oder Rassismus sind als (auch juristisch belangbare) Gewaltformen zu verstehen.

In diesem Zusammenhang ist die Mädchen* arbeit und Arbeit mit Mädchen* herausgefordert, nach Formen der Intervention zu suchen, die einerseits Hate Speech als strukturelle politische Praxis des Ausschlusses aus der Öffentlichkeit skandalisieren und andererseits für Empowerment- Zusammenhänge sorgen. In der Erstellung des Heftes sind uns weitere Herausforderungen begegnet: Zum einen hat die Beschäftigung mit Formen von Hate Speech immer wieder die – emotionalen, moralischen, politischen – Grenzen der an diesem Heft Mitarbeitenden ‚gereizt‘. Zum anderen waren wir mit der Frage konfrontiert, wie wir zeigen, was Hate Speech ist und wie sie funktioniert, um sie bearbeitbar zu machen, ohne dabei die Verletzungen, Normen und Bilder zu reproduzieren, über welche das Sprechen sich selbst als Hate generiert.

Die Wiederholung verletzender Bilder lässt sich im Folgenden nicht gänzlich vermeiden, wir hoffen darauf, dass sich unsere Leser*innen der Ambivalenz bewusst sind und bitten sie/Sie um (selbst) achtsame Lektüre. Unsere Autor*innen wählen sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema, so dass nicht nur verschiedene Facetten in den Blick kommen, sondern auch Kritik am Konzept von Hate Speech deutlich werden kann (vgl. Dumke in diesem Heft) und es ist eine Aufsatzsammlung entstanden, die verschiedene Perspektiven berücksichtigt.

Kerstin Jergus führt in die Grundlagen der sprachphilosophischen Idee ein, wie Sprechen, Gewalt und Anerkennung miteinander verknüpft sind. Damit zeigt sie die vielfältigen Wirkweisen des Sprechens im Sozialen auf.

Julia Preisker erkundet am Beispiel der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ (engl. 13 Reasons why) die Konsequenzen von Hate- und Mobbingerfahrungen für Mädchen* sowie die Gefahren der Reproduktion sexistischer Ordnungen durch Medien.

Zeynep Demir zeigt, inwiefern antimuslimischer Rassismus als Hate Speech (auch) eng mit Sexismus verknüpft ist und welche psychologischen Konsequenzen die latente Konfrontation mit Rassismen im Alltag für die Betroffenen hat.

Liriam Sponholz beleuchtet Formen und Wirkweisen sexistischer Hate Speech auch im Verhältnis zu anderen Formen der Diskriminierung. Hier knüpft auch der Beitrag von Jörg Kratzsch an: Er betrachtet sexistische Hate Speech-Angriffe gegen Mädchen und ordnet sie zudem in einen antifeministischen, rechtspopulistischen Kontext ein.

Spezifische Formen von Hate Speech gegen Feminismus und Feminist*innen diskutieren im nächsten Schritt Kerstin Schachtsiek, Andrea Petri-Bartfeld und Marc Jelitto und schlagen verschiedene Umgangsformen damit vor. Aus einer empirischen Studie heraus stellt Thomas Dumke die Frage, inwiefern möglicherweise die Anwendung des Konzepts Hate Speech den Blick auf jugendliche Umgangsweisen mit Konflikten sowie strukturelle Ungleichheiten zu verstellen droht.
Als Heftverantwortliche freuen wir uns, Ihnen eine „Betrifft Mädchen“ vorzulegen, die verschiedene Gesichtspunkte eines aktuellen Themas beleuchtet. Eine anregende Lektüre wünschen,
Kerstin Schachtsiek, Britta Hoffarth
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Kategorie Zeitschriften für Pädagogik

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