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BERICHTE ANALYSEN TERMINE: Dichter, Päpste, Anarchisten

Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 28.02.2020 ⋅ Seiten 4-5 ⋅ Lesedauer ca. 6 Min.

BERICHTE ANALYSEN TERMINE: Dichter, Päpste, Anarchisten

Stargardts Autografen-Auktion ist wieder hervorragend besetzt



Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2020

GESCHÄTZT Man würde über ihn sagen, er sei einer der besten Käufer und einer der schlechtesten Verkäufer. So begründete der 2019 verstorbene Peter Willborg in der Facebook-Gruppe „Great or Fake? Discovering African Art“, warum seine Galerie in Stockholm so vollgestopft war. Die Profession des schwedischen Experten war der Teppichhandel, die Tribal Art sein leidenschaftliches Hobby. Zemanek- Münster versteigert am 7. März in Würzburg über 100 afrikanische und ozeanische Objekte aus seiner Sammlung. Eine nur 18 Zentimeter große Zauberfigur Nkisi Nkondi ist mit einer Taxe von 12 000 Euro das Toplos. Wer auf der Suche nach einem originellen Stück ist, wird sich an einer kleinen Altarfigur in Form eines sitzenden Hundes aus Benin (Taxe 1000 Euro) erfreuen und an einer seltenen anthropomorphen Tiermaske der Ogoni aus Nigeria: halb Antilope, halb Mensch (Abb., H. 35,5 cm, Taxe 5000 Euro).


Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2020

TAXE 16 000 € Friedrich Schiller (1759 - 1805), „Auch drüben unterm Wald geht schweres vor“, eigenh. Manuskript, beidseitig beschriebener Ausschnitt aus dem Werk-Manuskript des Wilhelm Tell von 1804, ca. 8 x 20,5 cm


Abb.: Zemanek-Münster, Würzburg; Stargardt, Berlin

Wenn Stargardt, das weltweit führende Handelshaus für Autografen, seine jährliche Auktion veranstaltet, dann wird die deutsche Hauptstadt Berlin zum Wallfahrtsort für Sammler hochwertiger Manuskripte, Briefe und Musikalia (s. a. S. 6). Und naturgemäß ist auch der international agierende Handel präsent. Am 10. und 11. März ist es wieder so weit. Wolfgang Mecklenburg, in vierter Generation Inhaber des traditionsreichen Hauses, kann einmal mehr eine Fülle hochwertiger Handschriften aufrufen. Das Angebot ist hervorragend. Viele große Namen aus Literatur (236 Lose), Wissenschaft (86 Lose), Bildender Kunst (57 Lose), Theater und Film (15 Lose), Geschichte (133 Lose) und Musik (271 Lose) listet der exzellent bearbeitete Katalog auf.

Gleich zu Beginn der zweitägigen Auktion kommen die Verehrer des Weimarer Dichterfürsten Goethe auf ihre Kosten. Zehn Lose werden aufgerufen. Das reicht von einem vierzeiligen Billett mit einer Weinbestellung bis hin zu Briefen von erstaunlicher Länge. „Achtzehn Bouteillen Bourgunder, sechs Rheinwein, zwey Champagner erbittet sich Goethe,“ für diese Bestellung des trinkfesten Dichters notiert der Katalog 2000 Euro. Das Glanzstück der Offerte aber ist ein prachtvoller Brief Goethes an die Sängerin und Schauspielerin Caroline von Heygendorf, zu jener Zeit die Mätresse Herzog Carl Augusts. Die empörte Künstlerin hatte sich beschwert, weil sie keine Freikarten erhalten hatte. Goethe beschwichtigt, weist auf die ausverkauften Vorstellungen hin, umschmeichelt die „schöne Freundin“ und den „lieben Engel“ und empfiehlt, die beigefügten „letzten Opfer des Vogelfangs“ braten zu lassen und sie dem Fürsten als dessen Lieblingsspeise vorzusetzen. Die Taxe von 12 000 Euro wird wohl nicht das letzte Wort sein. Weitere Schreiben von Goethe notieren zwischen 3000 und 8000 Euro.


Heinrich Heine nimmt unter den Sammlern eine Spitzenstellung ein


Von Friedrich Schiller kommt ein bedeutungsvoller Brief zum Aufruf, in dem sich der Dramatiker gegenüber dem Hamburger Theaterchef Friedrich Ludwig Schröder über seinen gerade fertiggestellten Don Carlos äußert. Er macht Besetzungsvorschläge für die Rollen des Don Carlos und des Posa und unterbreitet Vorschläge zum dramatischen Auftreten der Hauptpersonen. Der Brief stand zuletzt 1919 zur Auktion. Jetzt beläuft sich die moderat erscheinende Taxe auf 24 000 Euro. Ein weiteres Autograf von der Hand Schillers enthält Auszüge aus seinem Wilhelm Tell aus dem Jahr 1804 (Abb., Taxe 16 000 Euro). Und auch ein dritter Vertreter der Weimarer Klassik ist präsent. Von Christoph Martin Wieland finden sich zwei längere Briefe, die jeweils mit einer Schätzung von 8000 Euro an den Start gehen.

Heinrich Heine nimmt nach wie vor unter den Autografensammlern eine Spitzenstellung ein. 1834 hatte der Dichter Kontakt mit dem Komponisten Ferdinand Hiller aufgenommen. „Montag werde ich bey Ihnen essen.“ Er habe ihn lange nicht mehr gesehen, „aber ich sehe mich kaum selber. Gott weiß, was ich treibe. Gearbeitet wird gar nichts.“ Nach der Fertigstellung seiner Französischen Zustände hatte Heine eine Arbeitspause eingelegt. Ab 8000 Euro kann für den Brief geboten werden (Abb. S. 5). Hoffentlich verfügt das Düsseldorfer Heine-Museum über genügend Reserven.

Das 19. Jahrhundert ist glänzend besetzt. Neben Wilhelm Busch, Eichendorff, E. T. A. Hoffmann, Nestroy, August von Platen, Jean Paul, Stifter und Storm sind auch französische Autoren präsent - so Balzac, Flaubert und Émile Zola. Hier kommen auch Sammler mit bescheidenen Mitteln zum Zug, denn auf so manche Kostbarkeit kann ab dreistelligen Preisen geboten werden.

Ein Konvolut mit 20 Autografen von Walter Benjamin ist das Toplos der Auktion. Die Briefe und Karten an den Wiener Germanisten Franz Glück vermitteln einen tiefen Einblick in Walter Benjamins Arbeit der Jahre zwischen 1930 und 1937, die er in Paris und San Remo verbracht hat (Taxe 40 000 Euro). Ein weiterer Brief notiert mit 6000 Euro, mehrere Widmungsexemplare seiner Aufsätze können ab 2000 Euro beboten werden.

Zwei Briefe des todkranken Wolfgang Borchert aus seinen letzten Lebensmonaten werden mit jeweils 6000 Euro aufgerufen. Dem Verleger Henry Goverts berichtet er ausführlich über den Verlauf seiner Krankheit. „Ich bin sehr gerne bereit, alle Unkosten, die ich verursache, wieder abzuarbeiten - und sei es als Ihr Chauffeur oder Gärtner oder sonst etwas.“ Am Tag vor der Uraufführung seines Stücks Draußen vor der Tür ist der junge Dichter am 20. November 1947 gestorben.

Rainer Maria Rilke gehört nach wie vor zu den Kultautoren, für deren Autografen von engagierten Sammlern Höchstpreise bewilligt werden. Ein eigenhändiges Gedicht des blutjungen Dichters aus dem Jahr 1895 wird bei 3000 Euro aufgerufen. Fünf eigenhändige Briefe an eine Schlossbesitzerin, bei der Rilke den Winter und das Frühjahr 1921 verbrachte, sollen 8000 Euro bringen.

Die Glanzlichter aus dem Sortiment der Wissenschaften sind eigenhändige Briefe bedeutender Philosophen. Ein Brief von Leibniz aus dem Jahr 1697 enthält interessante Ausführungen zu neuen Forschungsergebnissen und Kontroversen, für die Leibniz-Forschung eine vorzügliche Quelle (Taxe 12 000 Euro). Einer der frühesten Nietzsche-Briefe stammt aus dem Jahr 1859. Der Vierzehnjährige berichtet aus der Landesschule Pforta über seine Versetzung nach Obertertia (Taxe 12 000 Euro). Zehn Jahre später geht ein weiterer Brief an denselben Empfänger. Der gerade zum Professor für Latein an die Universität Basel berufene Nietzsche entschuldigt sich, dass er dessen Geburtstag vergessen hat (Abb., Taxe 12 000 Euro). Und auch Arthur Schopenhauer ist vertreten. Im Alter von 66 Jahren bedankt sich der Philosoph für das Schreiben eines jungen Mannes, der sich für die Parerga und Paralipomena begeistert hatte. „Die Gewalt der Wahrheit ist es, die auf Sie gewirkt hat“ (Taxe 8000 Euro).


Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2020

TAXE 8000 € Heinrich Heine (1797 - 1856), „Gott weiß was ich treibe!“, eigenh. Brief mit Unterschrift, 11. April 1834



Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2020

AXE 12 000 € Friedrich Nietzsche (1844 - 1900), „Das erste Lebenszeichen aus Basel“, eigenh. Brief mit Unterschrift, 24. Juli 1869


Abb.: Stargardt, Berlin

Ansonsten tauchen viele bekannte Namen aus der Physik und Medizin, Biologie und Chemie auf. Das reicht von Ernst Abbé und d’Alembert über Niels Bohr, Buffon, Bunsen, Otto Hahn, Robert Koch und Röntgen bis hin zu Werner von Siemens. Fast alle starten mit Schätzpreisen zwischen 200 und 1200 Euro.

Für die Vertreter der Bildenden Kunst sind Malerei und Bildhauerei die aussagekräftigen Medien. Das geschriebene Wort, mit dem sie sich zu ihrer Kunst äußern, spielt eine untergeordnete Rolle. So sind die meisten ihrer Handschriften Mitteilungen und Grüße. Das spiegelt sich auch im Preisgefüge wieder. Autografen von Lovis Corinth, Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Oskar Kokoschka, Adolph von Menzel und Ludwig Meidner, um nur einige zu nennen, finden sich schon ab 120 Euro. In höhere Preisregionen führt eine Bleistiftzeichnung von Alexej von Jawlensky mit der Darstellung einer Madonna, signiert und datiert auf das Jahr 1937 (Taxe 1200 Euro). Kurz nach der Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ in München, auf der Paul Klee mit 17 Gemälden vertreten war, schreibt er an einen Förderer aus der Schweiz und bietet ein baldiges Wiedersehen an (Taxe 2600 Euro). Das Toplos aus dieser Abteilung ist aber ein eigenhändiger Brief von Peter Paul Rubens aus dem Jahr 1624, in dem er den Erhalt von 1800 Gulden bestätigt (Taxe 24 000 Euro).


Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2020

TAXE 16 000 € Urkunde aus der Zeit des Pontifikats von Papst Johannes XXII., Avignon, 1. Mai 1329, ca. 78 x 53 cm


Rilke gehört zu den Kultautoren, deren Autografen Höchstpreise erzielen


Für die Fans von Marlene Dietrich findet sich ein früher Brief der Zwanzigjährigen. Die junge Geigenschülerin langweilt sich in Weimar, Ablenkung findet sie nur bei gelegentlichen Tanzveranstaltungen.

Zwei Jahre später brach sie die Musikausbildung ab und wechselte zur Schauspielerei (Taxe 600 Euro). Ein Typoskript mit handschriftlichen Zusätzen sowie eine beigegebene signierte Porträtpostkarte von Karl Valentin gibt es ab 1200 Euro.

Die 133 Lose aus dem Sortiment der Geschichte enthalten Briefe, Postkarten, Billetts und Urkunden von Päpsten und Kardinälen, Kaisern und Kaiserinnen, Königen und Königinnen, Kurfürsten, Herzögen und Grafen. Vertreten sind weiter Generale, Präsidenten, Minister und Diplomaten, Freiheitskämpfer, Revolutionäre, Anarchisten und Sozialreformer. Je nach Rang und Bedeutung der Persönlichkeiten und dem Gehalt der Schreiben schwanken die Taxen zwischen 150 und 24 000 Euro. Dieser Höchstpreis wird für einen weitgehend ungedruckten Brief von Karl Marx an den Verleger der französischen Ausgabe vom Kapital verlangt.

Ein weiteres Toplos ist ein Ablassbrief, ausgestellt am 1. Mai 1329 in Avignon aus der Zeit des Pontifikats von Papst Johannes XXII. (Abb.). Die mit kunstvoller Malerei und kalligrafierter Kopfzeile ausgestattete Urkunde, der eine weitere Urkunde vom Kurfürst-Erzbischof von Trier angeheftet ist, geht mit 16 000 Euro an den Start. Von besonderem Interesse ist ein längerer Brief in französischer Sprache, den die spätere Zarin von Russland, Katharina die Große, als Fünfzehnjährige an ihre ehemalige Erzieherin geschrieben hat (Taxe 10 000 Euro). Alles in allem bietet diese Abteilung eine faszinierende Parforcejagd durch sieben Jahrhunderte.

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