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Die Macht der Form

Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 07.02.2020 ⋅ Seiten 4-5 ⋅ Lesedauer ca. 5 Min.

Die Macht der Form

Das Dorotheum versteigert Tribal Art aus der Sammlung Horstmann



Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 2/2020

TAXE 35 000 € Hockende Figur, Holz, Bena Lulua, Kongo, um 1900, H. 11 cm



Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 2/2020

TAXE 7000 € Schützende Löwenfigur mit Krokodil im Maul, Holz, Fon, Benin, L. 51 cm


In Sehen lernen beschreibt der berühmte Fotograf und ehemalige Walker-Evans-Assistent Jerry L. Thompson auf zwei Seiten seine Eindrücke von einer nur 11 Zentimeter großen, hockenden Figur der Lulua aus dem Kongo, die in der kommenden Tribal-Art-Auktion des Dorotheums versteigert wird (Abb., Lot 39). Ein, zwei Stunden, so Thompson, habe er sich mit dem Objekt befasst - wobei sich seine Wahrnehmung aus unterschiedlichen Distanzen und Blickwinkeln veränderte: Im Dreiviertelprofil der rechten Seite, schreibt er, würden die „dünnen gekrümmten Gliedmaßen, der knaufartige Kopf (…) und vor allem die gerippten Strukturen an Armen und Beinen, in denen die seltsame Arm- Ellenbogen-Verbindung widerklingt“, ins Auge fallen. Diese Ansicht verdeutliche die „kollabierende Asymmetrie der Körpergeste“. Die Rückansicht schließlich zeige, dass „der Laib kaum mehr als ein Rückgrat ist.“

Diese kleine, äußerst kühne und vielschichtige Skulptur wurde bereits 1937 in der Antwerpener Ausstellung „Congo“ gezeigt - und zu diesem Anlass vom bedeutenden Ethnologen Frans Olbrechts skizziert. Zwar ist diese Arbeit typisch für die Lulua - ein ähnliches Objekt wird derzeit in der Ausstellung „Fiktion Kongo“ im Rietberg Museum gezeigt -, doch geht sie formal auch über deren Schnitztradition hinaus. Susan Vogel, ehemals Kuratorin am Metropolitan Museum of Art in New York, bezeichnete die Skulptur in Close up als „work of a genius“. Für mich persönlich ist die Figur eines der spannendsten Werke der traditionellen afrikanischen Kunst überhaupt.

Dass dieses Meisterwerk vom Dorotheum angeboten wird - und nicht etwa von Sotheby’s oder Christie’s -, ist eine kleine Sensation. Nur eine Frage dürfte dem Tribal-Art-Experten des Hauses, Joris Visser, schlaflose Nächte bereitet haben: Wie taxieren, wo doch nichts Vergleichbares je auf den Markt kam? Am Ende entschied sich Visser für einen Kompromiss: Interessenten können sich ab 35 000 Euro engagieren. Viel Geld für eine kleine Figur der Lulua - wenig für so ein geniales Stück.

Die Lulua-Skulptur befand sich in der bekannten Zuger Sammlung Udo Horstmann - wie zehn weitere Objekte der Versteigerung. Eine Publikation über Horstmanns Kollektion besitzt den vielsagenden Titel The Power of Form - und so zeichnet sich beispielsweise auch eine großartige Figur der Lobi (Lot 34) durch Ruhe und formale Strenge aus. Sie ist mit 70 000 Euro angesetzt - und damit das Toplos der Auktion. Die Formbesessenheit des Sammlers zeigt sich ferner in einer Skulptur der Luba Shankadi (Lot 38, Taxe 14 000 Euro): In Seitenansicht wird dieses Werk durch die Zickzackform der Glied-maßen dominiert, von vorne aber ist es geprägt durch den Kopf mit den geschlitzten Augen und der aufwendigen Frisur. Noch stärker reduziert ist eine Horstmann-Figur der Songo aus Angola (Abb., Lot 40, Taxe 7000 Euro).


Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 2/2020

Sitzende Mutterfigur, Holz, Nsapo Nsapo, Kongo, um 1900, H. 48 cm



Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 2/2020

Stilisierte Lihamba Figur, Holz, Songo, Angola, um 1900, H. 43 cm



Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 2/2020

Hermaphrodit, Holz, Dogon, Mali, 16. - 19. Jh., H. 73 cm


Die Offerte des Dorotheums hat aber noch mehr zu bieten als diese qualitätvolle Werkschau. Ein Dutzend Lose kommt von den Fon aus Benin - die Arbeiten stammen größtenteils aus dem Voodoo-Kontext. Besonders eindrucksvoll ist ein Löwe mit Krokodil im Maul, der - wie andere Lots dieser Reihe - 1996 im „Afrika Museum“ von Berg en Dal ausgestellt war (Abb. S. 4, Lot 1, Taxe 7000 Euro). Das Schnitzwerk bildet mit seiner naiv-naturalistischen Darstellung einen starken Kontrast zu den „abstrakten“ Horstmann-Objekten und demonstriert die Bandbreite der Tribal Art aus Afrika. Ein überzeugender Bochio - ein Gedenkpfosten mit einer stilisierten Figur - ist ebenfalls in der Begleitpublikation zur Berg-en-Dal-Ausstellung verewigt (Lot 12, Taxe 9000 Euro).

In der Afrika-Sektion fällt zudem eine sehr seltene, sitzende Maternité der wenig bekannten Ethnie Nsapo Nsapo aus dem Kongo auf, die 1966 im Pariser Musée de L’Homme ausgestellt war (Abb., Lot 58, Taxe 20 000 Euro). Eine abstrahierte Figur aus Mali (Abb., Lot 47, Taxe 6000 Euro) könnte eine Frau oder einen Hermaphroditen darstellen, wie Visser im Katalog vermutet. Ihr Alter ist unbestimmt. Allerdings weist ihre archaische Form sie als Werk der Niongom aus, die am Bandiagara- Felsmassiv in der Mitte Malis wohl bereits vor den bekannteren Dogon gelebt und diese stilistisch beeinflusst haben. Damit wäre sie zeitlich zumindest ein Werk aus dem 19. Jahrhundert, wahrscheinlich aber noch deutlich älter.


Einige Lose von den Fon aus Benin stammen aus dem Voodoo-Kontext


Ein legendärer Sammler taucht gleich zweimal in den Provenienzlisten auf: Sir Jacob Epstein, der 1959 verstorbene englische Bildhauer, der eine exquisite Tribal-Art-Kollektion besaß. Ab 6000 Euro kann auf einen von Epstein bereits vor 1920 erworbenen Elfenbein-Armreif der Kikuyu geboten werden (s. Titel, Lot 59).

Immerhin 14 der insgesamt 97 Lose haben ihren Ursprung in Indonesien, genauer gesagt: Sumatra. Dass ein seltener Fetisch der Batak (Lot 17) für nur 2000 Euro aufgerufen wird, eine ungemein kraftvolle Ahnenfigur der Nias (Lot 27) bei vorsichtigen 6000 Euro, scheint die in KUA 1 /20 (S. 8) getroffene Feststellung zu bestätigen: Werke aus dieser Region sind im Vergleich zu Afrika unterbewertet. Aber vielleicht stapelt Visser auch nur tief und möchte mit niedrigen Aufrufpreisen Bietergefechte befeuern.

Die teuersten Ozeanien-Lose sind eine 1,93 Meter große Yipwon-Figur aus Papua Neuguinea (Lot 66, Taxe 30000 Euro) mit ihren Schwüngen und Bogen und eine Hakenfigur der Yatmul (Lot 69), die auf 15 000 Euro taxiert wird. Abgerundet wird die Dorotheum-Offerte durch 17 reich ornamentierte Schilder der Asmat aus Neuguinea und eine größere Zahl an Penisköchern aus der Sammlung des Münchner Bildhauers Hans Kleyer.

DOROTHEUM Wien, Auktion 18. Februar, Besichtigung 12. - 18. Februar www.dorotheum.com

RÜCKBLICK

Berlin, 28. / 29. November
Grüne Jacke

Eine Postkarte war der Star bei Grisebach: Ein süddeutscher Privatsammler musste bis 630 000 Euro durchhalten, um den Zuschlag für Franz Marcs „Grünes und weißes Pferd“ zu bekommen (Taxe 250 000 Euro). Ernst Ludwig Kirchners Künstlerpostkarte „Badende mit Einbaum am Strand von Fehmarn“ wurde bereits bei 100 000 Euro (Taxe 120 000 Euro) abgegeben. Max Pechsteins Frauenbildnis „Die grüne Jacke“ (s. KUA 19, S. 14) verbesserte sich von 400 000 auf 420 000 Euro. Seine dörfliche Szene „Morgenrot“ spielte den Schätzpreis von 150 000 Euro ein.

Berlin, 29. / 30. November
Blaue Henkelvase

Bassenge hatte in seiner Moderne- Auktion eine Zeichnung (Sepia, Aquarell) von George Grosz. Die Figurenszene „Der Ganove und sein Schatten“ (s. KUA 19, S. 14) stieg von 15 000 auf 19 000 Euro. Max Pechsteins Farbkreide-Arbeit „Die Schreibende“ brachte 18 000 Euro (Taxe 20 000 Euro). Gabriele Münters Gouache „Blaue Henkelvase mit Sommerblumenstrauß“ realisierte 11 000 Euro (Taxe 15 000 Euro).

München, 6. Dezember
Blaue Frau

Ketterer beendete das Jahr mit dem besten Saisonergebnis der Firmengeschichte. In den Auktionen mit Klassischer Moderne und Kunst nach 1945 gab es mehrere Millionenzuschläge. Bei Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Heimkehrende Ziegenherde“ (s. KUA 19, S. 15) setzte sich Beck & Eggeling für die Fondazione Braglia im Saal in einem langen Bietgefecht erfolgreich gegen zwei Telefonbieter durch. Der Preis stieg dabei von 400 000 auf 1,25 Millionen Euro. Das Museum Folkwang musste ebenfalls Ausdauer beweisen und bis 1 Million Euro gehen, um Max Pechsteins Gemälde „Tänzer“ (s. KUA 19, Titel, Taxe 600 000 Euro) für seine Sammlung zu ergattern. Gabriele Münters Ansicht „Tauwetter im Dorf“ fiel durch (Taxe 250 000 Euro), während ihre Landschaft „Staffelsee“ von 180 000 auf 270 000 Euro kletterte, ihr „Moor im Herbst“ sogar von 150 000 auf 450 000 Euro. Für einen Weltrekord sorgte ein amerikanischer Sammler, indem er Anita Rées Ölbild „Blaue Frau“ von 40 000 auf 700 000 Euro steigerte. Den höchsten Zuschlag gab es mit 1,35 Millionen Euro für Günther Ueckers „Weißes Feld“ (Taxe 500 000 Euro).


Abb.: Dorotheum, Wien

Abb.: Dorotheum, Wien

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