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10 Jahre »Visible Learning« – 10 Jahre »Lernen sichtbar machen«


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 9/2018 vom 27.08.2018

Die Veröffentlichung der Studien von John Hattie liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Seitdem sind die dort identifizierten Einflussfaktoren auf schulische Leistung eine Quelle anregender sowie kontroverser Diskussionen. Da sich »Visible Learning« als laufendes Projekt versteht, wird hier von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer der aktuelle Stand vorgestellt. Also: Was hat sich verändert? Was ist neu?


Ende 2008 veröffentlichte John Hattie sein Buch »Visible Learning«, das kurz darauf für großes Aufsehen sorgte. Times Educational Supplement sprach überschwänglich vom »Teachings’ Holy Grail«. Es folgten mehr ...

Artikelbild für den Artikel "10 Jahre »Visible Learning« – 10 Jahre »Lernen sichtbar machen«" aus der Ausgabe 9/2018 von Pädagogik. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 9/2018

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... als ein Dutzend Übersetzungen. Auch das deutschsprachige »Lernen sichtbarmachen« löste zahlreiche Diskussionen aus. Es wird bis heute nicht nur in der Forschungsgemeinschaft, sondern auch in der pädagogischen Fachpresse und den Massenmedien umfänglich rezipiert. Waren es 2008 knapp 800 Meta-Analysen, aus denen John Hattie zunächst 138 Einflussfaktoren auf schulische Leistung extrahiert hatte, ist die Arbeit an »Visible Learning« in den letzten Jahren weitergegangen: So erschien 2012 »Visible Learning for Teachers« mit bereits über 900 Meta-Analysen und seit August 2017 kann von www.visiblelearningplus.com die inzwischen vierte, nun über 250 Einflussfaktoren umfassende Liste heruntergeladen werden – eine übersetzte Version findet sich auf den Folgeseiten. Datenbasis sind nach aktuellem Stand über 1400 Meta-Analysen. Für uns ein Anlass, nochmals genau hinzuschauen und auch zu fragen, was sich Neues in dieser Liste findet.

Erste Einschätzung

Der größte Nachteil der neuen 250er Liste von Einflussfaktoren besteht darin, dass die seit 2009 dazu gekommenen gut 110 Faktoren nicht definiert und differenziert erläutert werden. Eine Nachüberprüfung auf Basis der jeweils verarbeiteten Meta-Analysen und Primärstudien ist nur mit hohem Aufwandmöglich. Damit ist die notwendige kritische Diskussion erschwert. Die in zahlreichen Veröffentlichungen und teils schon in den Vorworten zu den deutschsprachigen Ausgaben genannten Schwächen bestehen wohl zumindest teilweise fort.

Immerhin ist eine Schwäche gemindert: die Systematik der Domänen und die Zuordnung der Faktoren zu diesen. Bislang wird allerdings nicht unterschieden danach, ob
• ein Faktor rein statistisch mit den Lernleistungen korreliert, wie beispielsweise bei den Faktoren»Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus « ,»Lehrereingeschätztes Leistungsniveau « (neuer Faktor – sehr starker Einfluss),»Langeweile« (mittelstarker Einfluss),
• ein zeitliches Vorher-Nachher vorliegt, wie beispielsweise bei dem Faktor»Vorausgehendes Leistungsniveau « ,
• ein kausaler Zusammenhang postuliert und theoretisch begründet wird, wie beispielsweise bei den Faktoren»Häusliches Anregungsniveau « oder»sozio-ökonomischer Status« und
• ob der auslösende Faktor veränderbar ist, sei es auf der Makroebene(»Schulwahlfreiheit«) , auf der Meso-Ebene(»Jahrgangsübergreifende Klassen«) oder auf der Mikro-Ebene des Unterrichts (wie»(Lern-) Feedback« durch die Lehrperson) – gut die Hälfte der 250 Faktoren ist hier anzusiedeln.
All dies befördert Fehlinterpretationen.

Letztendlich zeigt die neue Liste auch, dass von »Visible Learning« mit der Zunahme an Meta-Analysen und Faktoren noch mehr Ordnungs-und Begründungsleistungen zu erbringen sind. Es ist nicht allein die große Vielfalt, sondern darüber hinaus sind es die exponentiell wachsenden Wechselbeziehungen zwischen den zunehmend bekannten Einflüssen, die zu bewältigen sind. Von den Rezipienten sind infolgedessen zusätzliche und komplexere Interpretationsleistungen gefordert. Thematische Ausarbeitungen mit Berücksichtigung des Bildungskontextes in den jeweiligen Ländern können hierbei helfen. Beispiele sind unter anderem »Kenne deinen Einfluss! ›Visible Learning‹ für die Unterrichtspraxis«, »Lernen 4.0: Pädagogik vor Technik« oder »Visible Feedback« (vgl.Olberg 2017).

Ausblick

John Hattie plant derzeit nicht, eine zweite Auflage von Visible Learning zu veröffentlichen. Stattdessen erscheint noch in diesem Jahr eine englischsprachige Einführung unter dem Titel »Visible Learning Insights« (deutsch als »Visible Learning: Auf den Punkt gebracht «). Des Weiteren ist vorgesehen, online eine Übersicht zu den250+Faktoren zur Verfügung zu stellen. Wie bereits im Buch von 2008 sollen neben kurzen Definitionen die statistischen Kennzahlen zu jedem Faktor angegebenwerden. Zudemsollen die Quellen derüber1400Meta-Analysengenannt werden. Über Hyperlinks wäre möglich, die veröffentlichten Meta-Analysenherunterzuladen, soweit sie frei zugänglich sind (für die anderen hatman an Hochschulen und Forschungsbibliotheken Zugang).

Wünschenswert wären darüber hinaus Aussagen zur Qualität der pro Faktor herangezogenen Meta-Analysen, die es leichter machen, einzuschätzen, obhier gut haltbare Schlussfolgerungen gezogen werden können oder ob besondere Vorsicht geboten ist, wenn man Aussagen auf die pädagogische Praxis anwendet. Darüber hinaus könnte eine Weiterentwicklung der Statistik sinnvoll sein, beispielweise eine Gewichtung der einzelnen Meta-Analysen.

»Visible Learning« war 2008 ein Anfang. Die daran anschließenden Veröffentlichungen von John Hattie und weiteren Forschenden in den nächsten Jahren bringen immer wieder ein neues Stück hinzu und helfen, das komplexe Bild, das sich hinter »Visible Learning« verbirgt, genauer zu zeichnen. Ein Ende der pädagogischen Forschung ist somit ebenso wenig absehbar wie ein Konsens über das pädagogisch Gute und Richtige. Aber John Hattie und »Visible Learning« können hilfreich sein, um einen schärferen Blick darauf werfen zu können und die Diskussion über Schul- und Unterrichtsqualität auf eine evidenzbasierte Ebene zu bringen.


Die Kernbotschaft bleibt: Mit der Art und Weise des Unterrichtens kann ein bedeutsamer Einfluss auf die Lernleistung ausgeübt werden.


Literatur

Fraser, Barry J./Walberg, Herbert J./Welch, Wayne W./Hattie, John A. C. (1987): »Syntheses of educational productivity research«. In: International journal of educational research 2/1987, S. 147–252
Hattie, J. (2013): Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler
Hattie, J. (2014): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. BaltmannsweilerHattie, J./Zierer, K. (2018): Kenne deinen Einfluss! »Visible Learning« für die Unterrichtspraxis. Baltmannsweilervon Olberg, H.-J. (2017): Die Hattie-Studie im Praxis-Transfer. In: PÄDAGOGIK H. 7–8/2017, S. 82–85
Wisniewski, B./Zierer, K. (2017): Visible Feedback. Baltmannsweiler
Zierer, K. (2018): Lernen 4.0: Pädagogik vor Technik. Baltmannsweiler

Dr. Wolfgang Beywl ist Professor für Bildungsmanagement sowie Schul- und Personalentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz FHNW.
Adresse: Bahnhofstraße 6, 5120 Windisch/Schweiz
E-Mail: wolfgang.beywl@fhnw.ch

Dr. Klaus Zierer ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.
Adresse: Universitätsstraße 10, 86159 Augsburg
E-Mail: klaus.zierer@phil.uni-augsburg.de