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100 JAHRE BAYERN UND ÖSTERREICH: So ähnlich, so anders


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 24.10.2018

Bayern und Österreich: Zwei Nachbarn werden 100. Der eine ist vier Tage jünger als der andere. Und wie ist ihre Beziehung sonst so? Von Theresa Hein


SCHWER

Mitten in Europa liegen zwei Großstädte 350 Kilometer voneinander entfernt, von einer Grenze getrennt. Und doch haben diese beiden Städte mehr gemeinsam als vielleicht jedes andere Städtepaar in Europa, psychisch wie atmosphärisch. Es sind die Städte München und Wien. Das beginnt bei den Einwohnern. Der typische Klischee-Münchener ist stolz auf seine Stadt, meistens gutmütig, nach außen hin etwas unfreundlich und sitzt gerne im Biergarten. Der typische ...

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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 11/2018

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... Klischee-Wiener ist stolz auf seine Stadt, meistens gutmütig, wirkt nach außen hin etwas unfreundlich und sitzt gerne im Schanigarten. Dabei stehen Bier-und Schanigarten für die gleiche der schönsten Erfindungen, die die beiden Städte gemeinsam haben: an Wirtshäuser oder Restaurants angrenzende Gärten, in denen das Wirtshaus fortgesetzt wird. Die Erfindung der Bier-und Schanigärten ist ein Ausdruck der Lebensart der Münchener genauso wie der Wiener: Warum sollte man weit weg oder sogar in andere Städte fahren, wenn man sein Wiener (oder Münchener) Schnitzel auch zu Hause in der Sonne essen kann?

Österreich 83 879 km²

Bayern 70 550 km²

Anfang

Österreich Zuerst in einem Dokument genannt wurde es schon 996, als ein Teil des Herzogtum Bayerns. Die Republik wird aber am 12. November 1918 gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg kann das Kaiserreich Österreich-Ungarn nicht mehr weiter existieren. Unter dem Namen Deutsch österreich gründet eine Nationalversammlung die erste österreichische Republik.

Bayern Der offizielle Name ist seit 1919 „Freistaat Bayern“. Der Berliner Sozialist Kurt Eisner proklamiert die Republik aber schon am 8. November 1918. König Ludwig III. flieht. Bayern wird eine Demokratie. Eigentlich soll der Name „Freistaat“ die Freiheit vom Deutschen Reich bedeuten, also ein unabhängiges Bayern. Aber Bayern bleibt ein Teil von Deutschland. Und bald ist klar, dass damit eine Republik gemeint ist.

100 Jahre ist das her. Am 12. November 1918 wurde die Republik Österreich gegründet. Viele Österreicher hätten sie damals aus wirtschaftlichen Gründen gerne an Deutschland angeschlossen. Weil die Siegermächte das verhinderten, blieb Österreich das, was die Bewohner Rumpfstaat nannten – der wirtschaftlich geschwächte Überrest der früher mächtigen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.

Fast zur gleichen Zeit passierte ein paar 100 Kilometer weiter westlich etwas Ähnliches: Am 8. November rief der sozialistische Rebellenführer Kurt Eisner in München den „Freistaat Bayern“ aus, einen Tag vor der Ausrufung der „deutschen Republik“ durch Philipp Scheidemann in Berlin (siehe Seite 22). Die Bayern wären allerdings, anders als die Österreicher, am liebsten für sich geblieben. Dieses Denken hatte aber keine wirtschaftlichen Gründe. Es ist nur durch einen urbayerischen Größenwahn zu erklären, der sich in manchen Bayern bis heute fortsetzt (vor allem bei Politikern).

Dabei wurden die beiden Republiken nur durch die Situation nach dem Ersten Weltkrieg so kurz nacheinander gegründet: Am Ende des Jahres 1918 waren die deutsche und die österreichische Bevölkerung müde von vier schlimmen Kriegsjahren. Nicht nur die Armen litten unter einer großen Hungersnot und waren kriegsmüde. Deswegen hatten die Bürger eine einzige große Hoffnung: die einer politischen Revolution – und mit ihr einer Verbesserung ihrer Lebensumstände. Noch vor dem offiziellen Kriegsende am 11. November 1918 mobilisierten sich in München und Berlin sozialistische Kräfte. In Österreich forderten sozialdemokratische Politiker einen „deutschösterreichischen Staat“. Die Deutschen und die Österreicher entwarfen parlamentarische Staatsformen.

Längster Fluss

Österreich Donau, 350 Kilometer

Bayern Main, 407 Kilometer

Die als Deutschösterreich gegründete Republik musste sich ziemlich schnell mit der Republik Österreich zufriedengeben, so wie der Freistaat Bayern ohne Sonderstellung Teil der Weimarer Republik wurde. Den Wunsch nach einem Deutschösterreich „erfüllte“ schließlich Adolf Hitler mit dem illegalen Anschluss Österreichs an Nazideutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg war damit schon wieder Schluss. Von da an gab es ein geteiltes Deutschland und ein Österreich. Und, das weiß der Bayer, ein Bayern.

Die Verwirrung der Nachkriegsmonate nach dem Ersten Weltkrieg beschreibt ein Zitat des Schriftstellers Friedrich Burschell: Am Vortag der Münchener Revolution am 8. November beobachtet er Soldaten, die an die Tür einer Kaserne in der Maxvorstadt schlagen, um ihre Kameraden zu alarmieren. Aus einem der oberen Fenster der Kaserne steckt ein Soldat den Kopf und fragt: „Was ist los?“ Die unten stehenden Soldaten antworten: „Was wird los sein, eine Revolution ist!“ Dieser trockene, situationskomische, manchmal böse Humor ist etwas, was Österreicher und Bayern bis heute verbindet. (Einen großen Anteil daran trägt die gemeinsame Sprache, aber auch etwas, was „Grant“ heißt und am Ende dieses Textes noch einmal erklärt werden wird.)

Bayern und Österreicher fallen bis heute durch einen sowohl fragwürdigen als auch – in seiner Unverrückbarkeit – beeindruckenden Nationalstolz auf. Ein Österreicher wird, wenn er im Ausland für einen Deutschen gehalten wird, den Fehler sofort korrigieren und etwas über seine Heimat erzählen. Und genauso macht es der Bayer. Ein Bayer, der als Deutscher angesprochen wird, wird sich viel mehr als Bayer definieren als als Deutscher. Verantwortlich dafür ist heutzutage weniger Scham über die Vergangenheit. Die jüngeren Generationen von Bayern und Österreichern lernen zwar zu Recht in der Schule, dass sie die Nazi-Verbrechen nicht vergessen dürfen. Sie lernen aber auch, dass sie nicht die Schuldgefühle ihrer Ur-und Großeltern weitertragen können (, wenn diese Schuldgefühle hatten). Das Bestehen auf dem „Bloß-nicht-deutsch-sein“ liegt heute viel mehr daran, dass die österreichische und bayerische Identität einfach von der deutschen sehr verschieden ist. Und dass ein Bayer oder Österreicher das im Ausland erklären muss.

Höchster Berg

Österreich Großglockner, 3798 Meter

Bayern Zugspitze, 2962 Meter

Katholiken

Österreich 57,9 Prozent

Bayern 55 Prozent

Dabei ist Identität immer mit Sprache verbunden. Österreicher und Bayern sprechen keine unterschiedlichen Sprachen, auch wenn sich ihre Aussprache für Fremde sehr unterschiedlich anhören kann. Sprachwissenschaftlich ist Österreichisch nichts anderes als Bayerisch (was Sprachwissenschaftler lieber so schreiben: Bairisch). Natürlich gibt es dialektale Unterschiede. So wird man in Bayern immer mehr oa-Laute hören als in Österreich. In Bayern spricht man zum Beispiel von kloa (klein) und alloa (allein). Im Österreichischen und vor allem im Wienerischen wird das oa durch ein langes, helles a ersetzt: Hier spricht man von klan und allan. Aber: Es ist alles bairisch.

Es gibt zwar auch Austriazismen: Wörter, die Wissenschaftler als ganz klar österreichisch definieren. Zum Beispiel Paradeiser (für Tomaten), Jänner (für Januar) oder Erdäpfel (für Kartoffeln). Aber diese Wörter werden auch in manchen Regionen Bayerns verwendet.

Seit einigen Jahren erlebt der Dialekt in beiden Ländern eine Renaissance: Politiker überlegen öffentlich, ob Dialekt ein Schulfach werden sollte. Es wird auch unter jungen Menschen wieder hip, Mundart zu sprechen. In den deutschsprachigen Charts läuft wieder bairischer Mundart-und Austropop.

Ein schönes Beispiel der Sprachverwandtschaft aus den letzten 100 Jahren ist der Fasching: Fasching ist inzwischen als bairischer Ausdruck für den Karneval bekannt. Dabei haben die Münchener den Wiener Begriff für die eigenen Faschingsbälle während der Weimarer Republik übernommen. Vorher hieß es in Bayern nämlich überwiegend Fasenacht oder Fasnacht. Auch mit dem Fasching kam also ein Stück Wien nach München.

Durchschnittslohn

Österreich 2650 Euro brutto

Bayern 3878 Euro brutto

Wichtigste Veranstaltung

Österreich

Er ist jedes Jahr der Höhepunkt der Ballsaison im Wiener Fasching: derWiener Opernball . Am letzten Donnerstag vor Aschermittwoch treffen sich mehr als 5000 Gäste in der Wiener Staatsoper zum Tanz, den 180 Paare aus Österreich und aus dem Ausland eröffnen. Die Geschichte des Opernballs geht bis zum Jahr 1815 zurück.

Bayern

Das größte Volksfest der Welt, in Bayern auch als „d’Wiesn “ bekannt, findet von Ende September bis Anfang Oktober 16 Tage lang statt. Jedes Jahr besuchen circa sechs Millionen Menschen das Fest. Die Menschen trinken Bier, singen Lieder und feiern gemeinsam in großen Bierzelten. Auch für Kinder gibt es viele Attraktionen, wie Achterbahnen oder Autoscooter. Das erste Oktoberfest fand schon im Jahr 1810 statt.

Die Verbindung zwischen Wien und München ist aber letztlich nicht nur sprachlicher, sondern auch humoristischer Natur, und hier kommt wieder der oben kurz genannte „Grant“ ins Spiel. Grant bedeutet eine Mischung aus spontaner schlechter Laune und angeborenem Ärger. Dabei können sich der österreichische und der bayerische Grant über alles Mögliche erstrecken: die Politik, Preißn (also Deutsche, die kein Bayerisch sprechen), Hundehaufen oder ein zu teures Bier. Der Grant wird meistens im Dialekt genuschelt oder laut auf der Straße hinterhergerufen. (Dabei ist gran tln nichts wirklich Bösartiges. Der Grant kann nämlich sehr schnell einer großen Herzlichkeit Platz machen.)

Es gibt Kabarettisten, die die soziologische Studie des Grants für ihr Bühnenprogramm perfektioniert haben. Die bekanntesten sind dabei der Österreicher Josef Hader und der Bayer Gerhard Polt. „Ich mache Witze über Dinge, die eigentlich nicht zum Lachen sind, die uns Angst machen, und wenn man dann drüber lachen kann, ist das ein wertvolles Lachen“, sagte Hader einmal in einem Interview. Ein Satz, der österreichischen und bayerischen Humor gut auf den Punkt bringt.

Am engsten ist die Verwandtschaft zwischen beiden Seiten aber nicht im Humor und nicht in der Sprache. Wirklich am engsten ist sie in den Hauptstädten: München und Wien. Beide wirken viel großstädtischer, als sie wirklich sind. Beide rangieren in der Liste der lebenswertesten Städte der Welt weit oben (Wien seit neun Jahren sogar auf Platz eins). Beide besitzen ein gigantisches kulturelles wie historisches Erbe.

Und obwohl man von dem Münchener sagt, dass er vor nichts so viel Angst hat wie vor dem Zuagroasten (einem Neuzugezogenen), hat München prozentual gesehen doch mit am meisten Bewohner, die keinen deutschen Pass haben. Und auch in Wien haben inzwischen fast 40 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

Wem also als „Zuagroastm“ der Münchener oder Wiener Grant entgegenkommt, der sollte sich nicht abschrecken lassen: Der ist zwar manchmal schon so böse gemeint, wie er sich anhört. Aber er bleibt meistens nicht lange

Bahnstrecken in Kilometer

Österreich 5639

Bayern 6200

Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf Seite 54.


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