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100 JAHRE LENKBARES LICHT


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 12.02.2020

Das Museum für kunst und Gewerbe Hamburg (MkG) blickt mit der Ausstellung „100 Jahre lenkbares Licht. Ursprung und Aktualität beweglicher beleuchtung“ auf die erfinderischen und ästhetischen Dimensionen von lenkbaren Leuchten vom frühen 20. Jahrhundert bis heute. 44 Originale des Leuchtenherstellers „Midgard“ und 20 weiteren Herstellern sowie zahlreiche Zeichnungen, Patente, briefe und kurze Filme erzählen in der Schau, die bis zum 1. Juni gezeigt wird, von der Evolution der Leuchten und von parallelen und jüngsten Entwicklungen. Und aktuelle Leuchten-Modelle laden die Ausstellungsbesucher ein, das ...

Artikelbild für den Artikel "100 JAHRE LENKBARES LICHT" aus der Ausgabe 3/2020 von Trödler. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Trödler, Ausgabe 3/2020

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... Prinzip des lenkbaren Lichts selber auszuprobieren. konzipiert wurde die Ausstellung von dem Journalisten thomas Edelmann und ermöglicht mit der Unterstützung von thonet GmbH und Midgard Licht GmbH.


Leuchtenhersteller „Midgard”

Das Jahr 1919 war eine Zeit des Umbruchs und der sozialen und politischen Erneuerung: Elektrizität und elektrische Beleuchtung drangen in Fabriken und Wohnungen vor, im nahen Weimar wurde das Bauhaus gegründet. Curt Fischer (1890-1956), Gründer des Leuchtenherstellers Midgard, ließ in diesem Jahr seine berühmte Scherenleuchte patentieren - auch „Lichtbogen“ oder „verstellbarer Wandarm“ genannt. Mit der ersten lenkbaren elektrischen Leuchte setzte er einen Meilenstein für die sich damals rasant entwickelnde Industrialisierung. Seine bahnbrechende Erfindung und innovative Leuchte „Midgard“ kann man zu sich heranziehen, ihren Kopf drehen und den Lichtkegel im gewünschten Winkel mit nur einer Hand einstellen. Damit setzte der Ingenieur der damals üblichen, starren All- gemeinbeleuchtung als einziger künstlicher Lichtquelle ein Ende.

Dr. Lossen & Co., Midgard-Leuchte Nr. 113 in der Weißenhof-Siedlung Stuttgart, 1927 Foto: © Dr. Lossen & Co. / Archiv Midgard Licht, Hamburg


Entwurf: Curt Fischer (1890-1956) / Hersteller: Industrie-Werk Auma, Scherenarmleuchte Nr. 110/F mit Pergamentschirm, um 1930 Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film


Unbekannt, Porträt Curt Fischer (1890-1956)


Foto: © privat, Heidelberg

Arbeitsvorgänge beleuchten

Da seine Arbeiterinnen an ihren Werkbänken Schatten auf ihre Arbeitsflächen warfen, konnten sie die Arbeitsvorgänge nicht richtig erkennen. Um die Arbeitsplätze der eigenen Fabrik angemessen zu beleuchten, kam Fischer auf die geniale Idee für seine „Spezialbeleuchtungsgeräte“ und entwickelte solche völlig innovativen Leuchten mit großer Beweglichkeit und vielseitiger Verwendung. Die Ausstellung zeigt auch zahlreiche frühe Entwürfe Fischers, darunter auch seine bekanntesten wie das Modell Nr. 113, das auf Grund seines gebogenen Stabs auch als „Peitsche” bezeichnet wurde. Ausgestellt ist auch das Modell Nr. 114, das besonders weit verbreitet war.

Nachfolgemodelle

Beruhend auf früheren Entwürfen, entwickelte Fischer dann um 1930 ein modulares Leuchtensystem, dessen wartungsfreie Gelenke er ebenfalls patentieren ließ. Die innovative „Midgard“ war also nur der Beginn der Verbreitung eines Leuchtentyps, für den Unternehmen wie AEG, Körting & Mathiesen (Kandem), Gebr. Kaiser (Kaiser idell), SIS Schweinfurt und Siemens dann bald schon eigene Lösungen entwickelten. Später schufen Firmen wie Artemide, Belux, Erco und Nimbus Modelle, die Konstruktion und Design auf neue Weise integrierten.

bauhaus

Zuvor, in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren, entdeckte auch die gestalterische Avantgarde am Bauhaus das blendfreie, frei bewegliche Licht für sich. Architekten wie Egon Eiermann, Gustav Hassenpflug, Cäsar Pinnau und Sep Ruf diente die „Midgard“ als Arbeitsgerät, mitunter auch als Einrichtungsgegenstand. Ludwig Mies van der Rohe nutzte sie in seinem Büro und Marcel Breuer stattete etliche Wohnungen mit der Lenkleuchte aus. Der Typograf Jan Tschichold besaß eine besondere Version, die eigentlich für Zahnärzte konzipiert war. Midgard-Model le beleuchteten zudem Ateliers und Wohnbereiche in Dessau, bevor dort eigene Entwürfe entstanden. Auch in modernen Interieurs hatte die „Midgard“ als zweckmäßiges Lichtgerät einen festen Platz: So waren das Planungsbüro am Bauhaus wie auch der dort entworfene Lesesaal der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) mit dem Modell Nr. 113 ausgestattet. Gestalterinnen und Gestalter, Künstlerinnen und Künstler am Bauhaus wie Marianne Brandt, Marcel Breuer, Lyonel Feininger, Walter Gropius und Laszlo Moholy-Nagy waren jedenfalls begeistert von Fischers „Spezialbeleuchtungsgeräten“. Dank eines erhaltenen Briefwechsels zwischen Walter Gropius und Curt Fischer konnten Midgard-Leuchten inzwischen auch auf zahlreichen historischen Fotografien identifiziert werden.

Curt Fischer (1890-1956), Zeichnung zum „Verstellbaren Universalwandarm“, Gebrauchsmuster, 1919


Foto: © Midgard-Archiv, Hamburg

Entwurf: Curt Fischer (1890-1956) / Hersteller: Industrie-Werk Auma, Stativleuchte Nr. 114 mit reflektorkranz, vor 1938


© Jenner-Egberts Foto+Film

Entwurf: Curt Fischer (1890-1956) / Hersteller: Industrie-Werk Auma, tischarm Midgard Nr. 113, um 1924 (Version mit offenem korb über dem Schirm, um 1926)


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Curt Fischer (1890-1956) / Hersteller: Industrie- Werk Auma, Scherenwandarm Midgard Nr. 110, um 1925


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Entwurf: Heinrich Siegfried bormann (1909-1982) (zugeschr.) / Hersteller: körting & Mathiesen, rohrtischleuchte kandem Nr. 934, 1932


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Wolfgang Fischer / Hersteller: Midgard- Licht, Auma, Maschinenleuchte, um 1992


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Neuer Leuchtentypus

Nachdem der Brite George Carwardine 1933 mit Terry & Sons, einem Produzenten von Federn für Auto-Stoßdämpfer, mit „Angelpoise“ die erste Arbeitsleuchte mit Zugfedern auf den Markt brachte, etablierte sich bald ein neuer, kostengünstiger Leuchtentypus. Dies inspirierte Curt Fischer in den frühen 1950er-Jahren zu einer eigenen Federzugleuchte, die bald darauf ein wichtiger DDR-Exportartikel wurde. Sein Sohn Wolfgang übernahm nach dessen Tod 1956 die Firma. 1992 berichtete er in einem Interview, die Federzugleuchte sei das Überbleibsel von einst rund 120 Midgard-Modellen. Zudem habe man sie weit unter den Kosten in westeuropäische Länder verkauft.

DDr-Exportartikel

Zu DDR-Zeiten produzierte die Firma aus dem thüringischen Auma ihre Federzugleuchte dann für Ikea als Hauptabnehmer. In der Designgeschichtsschreibung war die „Midgard“ aber zumeist nur Experten bekannt. Wolfgang Fischer blieb nach der vollständigen Enteignung des DDR-Regimes 1972 Betriebsleiter und erneuerte mehrmals den Patent- und Markenschutz. Obwohl in zahlreichen Interieurs der Moderne eingesetzt, war die Lampe nach dem Mauerbau als DDR-Produkt im Westen nicht mehr als Marke präsent. Im Jahre 1990 wurde ihm die Firma rückübertragen und die Marke Midgard damit wieder präsent. Zwei Jahre später brachte Wolfgang Fischer eine kompakte Maschinenleuchte mit Halogentechnik auf den Markt. Seine Stieftochter Anja Specht organisierte die Produktion unter erschwerten Wettbewerbsbedingungen: Sie unternahm erste Schritte, um die Firma Midgard auch im Designumfeld wieder sichtbar zu machen. Zudem sicherte sie die Archivalien der Gründungszeit und legte so die Grundlagen für heutige historische Recherchen und Darstellungen.

Entwurf: karl trabert (1858-1910) / Hersteller: Schaco, G. Schanzenbach & Co, Frankfurt, trabert-Leuchte, um 1934


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Entwurf: Werksentwurf / Hersteller: rademacher, Düsseldorf, Werkstattleuchte, um 1970


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Heinrich Siegfried bormann (1909-1982) (zugeschr.) / Hersteller: körting & Mathiesen, Leipzig, Schwenkleuchte kandem Nr. 830, 1931


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Weiterentwicklungen

Parallel entwickelten ost- und westdeutsche Hersteller die lenkbare Leuchte weiter. Technische Neuerungen wie das Halogen-Licht, bei Autoscheinwerfern erprobt, ermöglichten ab den 1970er-Jahren, die Stromzufuhr und -verteilung in der Leuchte neu zu organisieren. Einen Umbruch im Design markierte Richard Sapper 1972 mit der Niedervolt-Leuchte „Tizio“. Im Jahre 1986 entwarfen Michele De Lucchi und Giancarlo Fassina für die Firma Artemide die „Tolomeo“, deren Federn unsichtbar im Inneren der Konstruktion befestigt sind.

Von Auma nach Hamburg

Im Jahre 2015 übernahmen Joke Rasch und David Einsiedler Unternehmen, Rechte, Originalwerkzeuge und Firmenarchiv mit hunderten Originalzeichnungen von Curt Fischer, Fotos, Briefen, Urkunden und weiteren Dokumenten und verlegten die Produktion von Auma nach Hamburg. Hier wurde die Fertigungsstrecke von Grund auf neu eingerichtet, modernisiert und unter Verwendung von originalen Werkzeugen und Maschinen wieder in Betrieb genommen. Seit 2017 produzieren sie unter anderem die Federzugleuchte und Pendelleuchte K831 - denn aufgrund ihrer Flexibilität und ihres „Industriecharmes“ ist deren Faszination noch immer ungebrochen. Auch heute überzeugt sie wieder am Arbeitsplatz, im Büro, im Coworking- Space, in der Hotel-Lobby oder im Wohnbereich, am multifunktionalen Küchentisch und am Sofa mit Laptop-Ablage. Und das am Bauhaus verbreitete beliebte Modell Nr. 113 wird aktuell in einer limitierten Edition neu aufgelegt und soll danach in Serie gehen.

Entwurf: Christian Dell (1893- 1974) / Hersteller: Gebr. kaiser, Neheim-Hüsten, Wandwarmleuchte 6716 kaiser Idell, um 1935


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Ausstellung und katalog

100 Jahre lenkbares Licht. Ursprung und Aktualität beweglicher Beleuchtung, bis 1. Juni 2020, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG), www.mkg-hamburg.de

Fotos: wie angegeben

Entwurf: Christian Dell (1893-1974) / Hersteller: Monopol-Handelsges., berlin (zugeschr.), Schreibtischleuchte 6632 (ähnlich), um 1938


Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film