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1.07: KLARE KANTE


ramp style - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 11.06.2020

600.000 verkaufte Alben, drei Millionen verkaufte Singles, ausverkaufte Tourneen. KONTRA K zählt zu den erfolgreichsten Deutschrappern in diesem Land - obwohl er selbst gar nicht so genau weiß, ob er überhaupt zu diesem Genre gehört, wie er uns in einem langen Gespräch erzählte. Vor ein paar Jahren verabschiedete sich der Berliner von seinem Image als Bad Boy, heute ist der 32-jährige Vater von zwei Söhnen und doch noch zu einem guten Menschen geworden, wie er meint.


Über einen Mann mit Ängsten, Prinzipien und vielen Tieren.

Artikelbild für den Artikel "1.07: KLARE KANTE" aus der Ausgabe 20/2020 von ramp style. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ramp style, Ausgabe 20/2020

Es gibt Menschen, die mit dem Thema Deutschrap nichts anfangen können. Wie würden ...

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... Sie Ihren Musikstil beschreiben?

Kontra K: Gute Frage. Ich weiß nicht mal, ob ich Deutschrap mache. Es geht eher um eine neue Art von Musik. So wie Rock ’n’ Roll damals einen neuen Zeitgeist definierte, macht das heute Deutschrap oder Rap, egal in welcher Form. Deutschrap hat jede Facette, jede Farbe, viele Höhen, aber auch viele Tiefen.

Sie veröffentlichten 2010 Ihr erstes Album »Dobermann«. Was war Ihnen dabei wichtig?

Mir war zu dieser Zeit gar nichts wichtig. Ich habe nichts reflektiert, war auf schnelles Geld aus und mir nicht im Klaren darüber, was man anderen Menschen dadurch antut. Damals war ich eine komplett andere Person als jetzt.

Woher der Wandel?

Sagen wir es so: Wenn dir das Leben mal in die Eier tritt, merkst du schnell, dass es nicht immer geil ist, der Böse zu sein. Ich habe diese Erfahrungen gemacht und bin dadurch gewachsen.

Der »Spiegel« analysierte einmal, welche Wörter in Rapsongs am häufigsten vorkommen. Dazu zählen »Geld«, »Bruder« und noch ein Wort mit »F«. Ziemlich eindimensional, oder?

Ja, zu hundert Prozent. Ich kann drei Fußballer nennen, die in hundert Songs vorkommen. Sorry, nervt. Viele verwenden einfache Rezepte, die funktionieren. Deswegen ist es so eindimensional. Aber es gibt für jedes Brötchen einen Käufer. Deshalb gibt es so viele Bäcker.

Wie grenzen Sie sich davon ab?

Ich vermittele den Leuten nicht, dass es geil ist, über Kokain und Rolex zu rappen. Sondern dass man auch cool sein kann, wenn man rausgeht, ackert und die Welt um sich herum verbessert.

Wie würden Sie Ihren persönlichen Musikstil beschreiben?

Ehrlich. Hundert Prozent ehrlich. Authentisch. Mit allen Stärken und Schwächen. Wer irgendwas über mich wissen will, sollte meine Musik hören.

Ist es schwer, sich über die Jahre treu zu bleiben?

Da gibt es zwei Antworten. Die, die mir mein Manager empfehlen würde - und die ehrliche.

Die ehrliche, bitte.

Es ist verdammt schwer. Der Teufel klopft dir immer auf die Schulter. Ich würde sogar sagen, dass das Musikgeschäft schlimmer als das Gangster-Milieu ist. Viel mehr falsches Lächeln, viel mehr Versuchungen, viel größere Beträge. Man wird jeden Tag getestet, wie stark man seinen Werten verbunden ist. Aber ich gebe mir alle Mühe und habe zum Glück einen Freundeskreis, der mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückschmeißt, wenn es sein muss. Mittlerweile schotte ich mich auch ziemlich ab, tanze nicht mehr überall herum, bin nicht mehr cool mit jedem. Da bin ich lieber der, über den man schlecht spricht, als dass ich zu jedem nett bin und diesen Versuchungen folge. Klare Kante.

Sie tragen gerne Designerkleidung, fahren teure Autos und tragen wertvolle Uhren. Entspricht das Ihrer Definition von Luxus?

Wenn ich nicht einen super netten Deal mit einem Autohersteller hätte, würde ich mir so ein Auto wahrscheinlich nicht kaufen. Aber ja, ich bin schon ein kleines Fashion Victim. Und es fühlt sich gut an, sich so etwas leisten zu können. Andererseits laufe ich auch mal in einem räudigen Jogginganzug herum, kommt auf die Situation an.

Und welche Werte sind Ihnen wichtig?

Erstens natürlich Ehrlichkeit. Zweitens, dass es nicht nur um digitale Bewertung und Likes geht, sondern dass es auch noch ein Draußen gibt. Es hilft nicht, irgendetwas auf Instagram zu posten. Du musst selbst rausgehen und etwas machen. Drittens Loyalität: dass man für seine Familie einsteht, auch wenn das nicht unbedingt im eigenen Sinne oder zum eigenen Vorteil ist.


»DER TEUFEL KLOPFT DIR IMMER AUF DIE SCHULTER. ICH WÜRDE SOGAR SAGEN, DASS DAS MUSIKGESCHÄFT SCHLIMMER ALS DAS GANGSTER-MILIEU IST.«


2010 wurde Ihnen Homophobie vorgeworfen. Wie stehen Sie jetzt dazu?

Damals war ich Anfang 20 und habe viel Scheiße geredet. Ich habe Ausdrücke benutzt und gar nicht drüber nachgedacht, wie weitgreifend manche Dinge sind. Mir fehlten die Erfahrungen. Das hat sich inzwischen zum Glück geändert, sodass ich die Sachen revidiere, die ich gesagt habe.

Sie haben zwei Söhne. Haben Sie denen schon erklärt, was Sie beruflich machen?

Der eine ist ja noch ein Baby, aber der andere wird jetzt sechs und versteht das schon gut. Am Anfang war es ein bisschen schwer, wenn Leute ein Bild mit mir machen wollten. Aber mittlerweile macht er die Fotos und es ist kein großes Thema mehr.

Er macht die Fotos?

Ja, das kann er schon richtig gut.

Vielleicht wird er ja mal ein berühmter Fotograf.

Das wäre schön. Aber Hauptsache, er wird ein guter Mensch. Alles andere ist mir egal.

Hätten Sie gerne eine Tochter?

Ich bin momentan, glaube ich, noch nicht bereit dafür. Wenn ich mir die Jungs da draußen angucke, wäre ich wohl ein sehr, sehr schlimmer Vater für eine Tochter. Da brauche ich noch ein paar Jahre, um lockerer zu werden.

Welche Aufgaben übernehmen Sie bei der Kindererziehung?

Ich mache alles. Windeln wechseln, die Kids wecken, sie ins Bett bringen. So eine Rollenverteilung ist doch Quatsch. Ich binde meine Kids überall mit ein, soweit es geht, außer in die Öffentlichkeit.

Ihre Musikvideos sind oft spektakulär. Drohnenaufnahmen von rennenden Wildtierherden, Sie über den Dächern Indiens - was wollen Sie mit dieser Art von Inszenierung erreichen?

Ich möchte mit jedem Video einen eigenen Film zum Song kreieren. Und dafür bin ich bereit, wochenlang irgendwohin zu reisen - am liebsten an Orte, an die sonst keiner hingeht, die aber ihre ganz eigene Schönheit haben. Zum Beispiel wurde ich in keinem anderen Land so gastfreundlich begrüßt wie in Tschetschenien. Ich möchte diese Grenze in meinem Kopf öffnen und das in den Videos transportieren. Da reicht kein Ferrari vor dem Greenscreen.

Wie entstehen Ihre Songs?

Ich verbringe ungefähr drei Monate im Jahr im Studio. Der Rest entsteht auf dem Papier. Ich schreibe die Musik, so wie ich mich gerade fühle. Basierend auf den 32 Jahren Lebenserfahrung. Im Studio fiedeln wir auch mal auf einer Geige oder spielen ein Schlagzeug ein. Beim Beat gibt es keine Grenzen. So wird es dann ein Song

Und wenn mal an einem Tag gar nichts dabei herumkommt?

Klar kommt an manchen Tagen auch mal nur Nonsens raus. Ich habe bestimmt hundert Karteileichen-Songs, die ich höchstens mal ausschlachte, indem ich einen Beat-Teil oder eine Refrain-Idee davon nutze.

Aber insgesamt sind Sie recht produktiv mit neun Alben in zehn Jahren …

Ja, voll. Wir haben dieses Jahr sogar den Luxus, viel zu viele Songs für nur ein neues Album zu haben. Ich überlege gerade, ob ich nächstes Jahr den Fans einfach noch eins schenke. So ohne Premiumprodukt, ohne Chartwahnsinn. Ein- fach nur aus Loyalität, nach dem Motto: Hier bitte schön, zehn Songs für euch.


»WENN ICH MIR DIE JUNGS DA DRAUSSEN ANGUCKE, DANN WÄRE ICH GLAUBE ICH EIN SEHR, SEHR SCHLIMMER VATER FÜR EINE TOCHTER.«


In Ihren Videos und auf Instagram sieht man Sie immer wieder mit Tieren, sie haben auch zwei Hunde. Sie sind sehr tierlieb?

Absolut. Ich komme mit Tieren oft besser klar als mit Menschen. Ich finde es schade, dass wir alles um uns herum kaputtmachen.

Sie engagieren sich für Raubkatzen. Wie kam es dazu?

Durch Zufall. Vor ein paar Jahren habe ich immer wieder Mails von einer jungen Tierarzthelferin bekommen, die ein junges Tigerbaby aus einem Zirkus retten wollte - sonst wäre es dort sicher gestorben, weil sich niemand drum kümmerte. Gemeinsam mit dem Veterinäramt unterstützte ich sie dann dabei. Wir haben das Kleine da rausgeholt, es »Elsa« getauft und mit der Flasche großgezogen. Und plötzlich war da ein Tiger in meinem Leben. Dann wurde Elsa größer und wir bauten mit Freunden ein Wildgehege, um sie so artgerecht wie möglich zu halten. Auswildern kann man solche Tiere nicht mehr. Darauf folgte eine Auffangstation, weil wir immer mehr Raubkatzen aus prekären Verhältnissen holten und versuchten, diese in gute Hände weiterzuvermitteln. Dafür arbeiten wir eng mit einigen Zoos zusammen.

Oft spielen Sie mit den Tieren oder halten sich ungeschützt in ihrer Nähe auf. Worauf kommt es in diesen Momenten an?

Wenn man bei einer Raubkatze ist, müssen die gesamten Instinkte auf sie fokussiert sein. Sonst geht es schief. Und das löst paradoxerweise eine Ruhe in mir aus.

Was können wir Menschen von Tieren lernen?

Bedingungslose Liebe. Manche nennen es simpel, aber ich halte es für essenziell. Und ich traue keinem Menschen, der meinen Hund nicht mag. Aber ich traue meinem Hund, wenn er einen Menschen nicht mag.

KONTRA K wurde am 3. Juli 1987 als Maximilian Diehn in Berlin geboren. Seine Kollegen gaben ihm laut eigener Aussage den Namen »Kontra«, weil er mit nichts einverstanden war, das »K« stammt aus seiner Graffiti-Zeit, weil seine Schriftzüge immer mit »K« begannen. Sein neuestes Album »Vollmond« erscheint Ende September.


→ vollmond-kontra-k.de


»ICH WERDE SO GEHEN, DASS MAN MICH GUT IN ERINNERUNG BEHÄLT. NICHT ALS TYP, DER DANN INS DSCHUNGELCAMP MUSS.«


KONTRA K besitzt einen Staffordshire Terrier und einen Kaukasischen Schäferhund. Über die Hunde sagt er: »Die sind beide so wie ich. Der Staffordshire Terrier ist liebenswert und anhänglich, obwohl er böse aussieht. Und der andere wirkt fluffig, zeigt aber sofort seine Grenze und beschützt seine Familie.«


»ICH TRAUE KEINEM MENSCHEN, DER MEINEN HUND NICHT MAG. ABER ICH TRAUE MEINEM HUND, WENN ER EINEN MENSCHEN NICHT MAG.«


Wovor haben Sie Angst?

Ich mache den Fernseher an und kriege Angst. Es passiert so viel. Mal geht die Erde kaputt und dann bricht plötzlich eine Pandemie aus. Keiner macht sich Gedanken über die Wirtschaft, alle tragen einen Maulkorb. Ich habe viele Ängste und ich mache mir Gedanken. Ich bin Vater.

Was würden Sie ändern, wenn Sie für einen Tag die Weltherrschaft übernehmen dürften?

Wenn ich es wüsste, würde ich es irgendwie probieren. Ich habe letztens mal ein schönes Zitat gelesen. Da ging es darum, dass Veränderung immer bei einem selbst anfängt. Wenn du selbst unzufrieden bist, bist du auch unzufrieden mit anderen und so weiter. Das ist zwar keine Antwort, aber vielleicht ein Ansatz.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass wir wieder zu den Dingen zurückfinden, die wichtiger sind als Likes, und uns nicht gegenseitig fertigmachen. Oder irgendwem die Schuld an irgendwas geben. Sondern mehr darauf bedacht sind, wie wir selbst besser werden.

Wie lange werden Sie noch rappen?

Ich werde so lange Musik machen, bis sich abzeichnet, dass ich das Fass ausgeschöpft habe. Und dann werde ich so gehen, dass man mich gut in Erinnerung behält. Nicht als Typ, der ins Dschungelcamp muss.


FOTOS Daniel Cramer