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12 – 712 – U72


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Strassenbahn Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 18.11.2022

Düsseldorf

Artikelbild für den Artikel "12 – 712 – U72" aus der Ausgabe 1/2023 von Strassenbahn Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Strassenbahn Magazin, Ausgabe 1/2023

Am 19. Mai 2018 wurde die Inbetriebnahme der neuen Haltestellenanlage in Ratingen Mitte groß gefeiert. Zu diesem Anlass fuhr die Rheinbahn einige ihrer historischen ?Schätzchen? auf

Die U72 nimmt ihren südlichen Ausgangspunkt im heute noch ländlich-bäuerlich geprägten Stadtteil Volmerswerth, unweit des Rheins. An der Hellriegelstraße wurde am 27. Mai 1990 eine großzügige Wendeschleife eröffnet, die das bis dahin verwendete und umständliche Wendedreieck an der Aachener, Ecke Volmerswerther Straße ersetzte. Dadurch wurde die Linie um etwa 550 Meter verlängert und viele Volmerswerther hatten nun einen kürzeren Weg zu „ihrer“ Bahn.

Durch lockere Bebauung entlang der Volmerswerther Straße erreicht die U72 die Haltestelle Krahkampweg und anschließend die Volmerswerther Straße, wo sich bis 1990 das Wendedreieck der 712 befand. Bis 1980 verkehrte die Linie 3 beziehungsweise 703 hierhin. Nun wird die Wohnbebauung geschlossener: Typische Düsseldorfer Gas- laternen und ältere Wohnblocks begleiten die U72 entlang der Aachener Straße. Am Aachener Platz ist ein kleines ...

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... Stadtteilzentrum im Süden von Bilk erreicht; die Haltestelle wurde in den letzten Jahren niederflurgerecht umgestaltet. Von hier ist es nicht weit bis zum großen und überregional bekannten Trödelmarkt an der Ulenbergstraße, der jedes Wochenende Tausende Besucher von nah und fern anzieht.

Kult-Eis für unterwegs

Wir aber fahren weiter über die Aachener Straße in Richtung Innenstadt. Die nächste Haltstelle heißt Südring – hier kreuzt eine der Hauptverkehrsachsen von Düsseldorf die Strecke. Eisliebhaber sollten hier unbedingt aussteigen: An der Aachener Straße 159 befindet sich die kultigste Eisdiele der Stadt: „Unbehaun“. Bereits seit 1906 werden hier die aus frischer Milch hausgemachten kalten Portionen verkauft – nicht in Kugelform, sondern stets in den Becher abgestrichen. Es gibt seit jeher nur fünf Sorten: Nuss, Erdbeere, Zitrone, Vanille und Schokolade. Besonders an warmen Tagen bilden sich hier lange Schlangen vor dem Eiscafé im Ambiente der 1950er-Jahre; es lohnt sich, anzustehen. Nach diesem Intermezzo fahren wir mit der U72 weiter über die Aachener Straße. Die Umgebung wird langsam großstädtisch: Rechts gerät ein Möbelhaus ins Blickfeld. An der Haltestelle Suitbertusstraße sind wir bereits mitten im quirligen Stadtteil Bilk angekommen. Viele junge Menschen bevölkern die Gehwege – man merkt, dass die Universität nicht weit ist. Wir queren einen Grünstreifen entlang der südlichen Düssel und erreichen nach kurzer Fahrt den S-Bahnhof Bilk. Von rechts kommen die Linien U71, U73 und U83 hinzu und komplettieren das Linienbündel der Wehrhahnlinie. Der S- Bahnhof wurde 2022 um einen Bahnsteig für Regionalzüge erweitert und ist jetzt mehr denn je ein bedeutender Umsteigeknoten im Süden der Landeshauptstadt. Neben den S-Bahn-Linien S8, S11 und S28 halten hier nun auch die Züge der Linien RE 4, RE 6 und RE 10 sowie die RB 39. Direkt vor dem Bahnhof befindet sich seit 2008 das große Einkaufszentrum „Düsseldorf Arcaden“, das vor seiner Errichtung umstritten war, aber mittlerweile gut angenommen wird. Es beherbergt zudem ein Stadtteilzentrum mit vielen Räumen für die ansässigen Vereine und Institutionen; auch das Bürgerbüro der Stadtverwaltung hat hier Quartier bezogen. In der Adventszeit hat sich auf dem Vorplatz ein kleiner Weihnachtsmarkt etabliert.

Kunst im Tunnel

Unmittelbar nach der hoch frequentierten Haltestelle „Bilk S“ taucht die U72 in den Untergrund ab. Im Februar 2016 wurde der 3,4 Kilometer lange, sogenannte „Wehrhahn- Tunnel“ eröffnet; zuvor bahnte sich die 712 ihren Weg an der Oberfläche durch die Innenstadt. Der Tunnel folgt nahezu identisch der seinerzeitigen oberirdischen Streckenführung. Benannt ist die Strecke nach dem S-Bahnhof Wehrhahn, dem nordöstlichen Ausgangspunkt der Strecke beziehungsweise der Straße Am Wehrhahn, unterhalb der ein Teil der unterirdischen Trasse verläuft.

Steckbrief Linie U72

Länge15,4 Kilometer

Anzahl der Haltestellen31, davon sechs im Tunnel

Gesamt-Fahrzeit42 Minuten

Preisstufeinnerhalb Düsseldorfs Preisstufe A3, mit Ratingen Preisstufe B

Charakteristisch für die Wehrhahn-Linie sind die kunstvoll ausgestatteten U-Bahnhöfe, von denen keiner dem anderem gleicht. Jeweils ein junger Künstler oder eine junge Künstlerin der Düsseldorfer Kunstakademie zeichnete sich für einen Bahnhof verantwortlich und verlieh ihm sein eigenes, unverwechselbares Aussehen. Die erste Tunnelhaltestelle ist Kirchplatz. Sie wurde von Enne Haehnle gestaltet. Der Name ihres Projekts ist „Spur, Schrift, Skulptur“, welches sich mit der Kommunikation beschäftigt. So erhielt die in hellen Farben gehaltene Station ein markantes Design.

Kreuzungsfrei unter der City

Vom Kirchplatz aus kann man dank der geraden Streckenführung schon bis zum nächsten U-Bahnhof sehen: Graf-Adolf- Platz. Dieser liegt unter einem großzügigen Platz, der von Hochhäusern gesäumt wird; auch zum Landtag und zu vielen Ministerien ist es von hier nicht weit. Oberirdisch kreuzen die Straßenbahnlinien 706, 708 und 709. Mit seinen in grünen Achatmustern gehaltenen Wandflächen ist der U- Bahnhof ein besonderer Blickfang.

Vom Graf-Adolf-Platz aus ist bereits der nur rund 550 Meter entfernte U-Bahnhof Benrather Straße auszumachen. Unter dem Projektnamen „Himmel oben – Himmel unten“ wurde auch er künstlerisch gestaltet. Seine Wandflächen in Silber-Metallic-Ausführung erinnern an eine Art optisches Universum – man kommt sich fast wie in einem Raumschiff vor. Von diesem U-Bahnhof sind die südliche Altstadt und der Carlsplatz mit seinem bunten Marktgeschehen gut zu erreichen.

Umsteigeknoten Heinrich-Heine-Allee

Der Tunnel vollzieht nun eine Rechtskurve bis hin zum zentralen Umsteigeknoten im Düsseldorfer U-Bahnnetz: Heinrich-Heine- Allee. Bereits in den 1980er-Jahren wurde der Rohbau der Station im Zuge der ersten U-Bahnlinie als Bauvorleistung mit errichtet. Hier befindet sich ein Mittelbahnsteig; insofern weicht der Bahnhof von den anderen, wesentlich später gebauten U-Bahnhöfen der Wehrhahnlinie ab. Durch die Nähe zur Altstadt, zum Opernhaus, zur Königsallee und zu diversen Kaufhäusern sowie durch die hier kreuzenden U-Bahn- Linien U70 und U74 bis U79 herrscht an der Heinrich-Heine-Allee stets ein hohes Passagieraufkommen. Die Bahnen halten daher oft länger als eine Minute.

In der Nähe des U-Bahnhofs befand sich ein für die ehemalige Linie 12 historischer Ort: die Wendeschleife Wilhelm-Marx- Haus. Über viele Jahrzehnte begann und endete die „12“ hier in einer Blockschleife, bevor sie im Tausch mit der 703 am 1. Juni 1980 nach Volmerswerth verlängert wurde. Oberirdisch ist davon heute nichts mehr zu sehen.

Wo einst der Jan-Wellem-Platz war

Wir aber fahren weiter mit der U72, die nun ostwärts verläuft: Schon kurze Zeit später ist die nächste Tunnelstation erreicht, die Schadowstraße. Sie löste den einstigen Nahverkehrsknoten Jan-Wellem- Platz ab; über ihr liegt die wichtigste Einkaufsstraße der Stadt. Durch die Projekte „Kö-Bogen 1 und 2“ wurde die oberirdische Bebauung in den vergangenen Jahren komplett verändert: Der Straßenverkehr verläuft jetzt in mehreren Tunnels und der eigentliche Jan-Wellem-Platz verschwand. Lediglich die oberirdische Nord-Süd-Straßenbahntrasse blieb erhalten. Hier verkehren heute die Linien 701, 705 und 706. Auch der großzügig gestaltete U-Bahnhof Schadowstraße verfügt über eine außerge-wöhnliche Gestaltung: Videoinstallationen an den Tunnelwänden bilden schemenhaft das Geschehen an der Oberfläche ab.

Unterhalb der Schadowstraße, der Haupteinkaufsstraße Düsseldorfs, führt unser Weg bis zur letzten unterirdischen Station, dem U-Bahnhof Pempelforter Straße. Er liegt schon unterhalb der Straße Am Wehrhahn und bietet Umsteigemöglichkeiten zu den Straßenbahnlinien 704 und – in einiger Entfernung – 707. Durch die Nähe zu vielen Geschäften verzeichnet die U72 auch hier viele Ein- und Aussteiger. Den hellen Bahnhof gestaltete die Künstlerin Heike Klussmann unter dem Motto „Surround“.

Über den Wehrhahn ostwärts

Schon kurz nach der Station taucht die U72 wieder an die Oberfläche auf. Die Rampe ist besonders lang, denn unmittelbar nach dem Tunnelmund gilt es die Steigung bis zur Brücke über die S- und Fernbahngleise am S-Bahnhof Wehrhahn zu überwinden. Die U72 hält unmittelbar über der wichtigen Bahnstation, die allerdings etwas heruntergekommen wirkt. Durch die hier haltenden S-Bahnlinien S1, S6 und S11 ist die Haltestelle abermals gut frequentiert.

Nun sind wir in den Stadtteilen Flingern Nord (rechts) beziehungsweise Düsseltal (linkerhand) angekommen. Beide werden durch die Grafenberger Allee geteilt, deren Verlauf die U72 weiter folgt. An der nächsten Haltestelle Uhlandstraße zweigt die U71 nach links ab und folgt dem Linienverlauf der kreuzenden Linie 708, die nur montags bis freitags verkehrt. Seit Ende 2015 wird an der Uhlandstraße ein Mittelbahnsteig benutzt – ein Grund, warum auf der U72 und den anderen Linien im Wehrhahntunnel nur die linksseitig mit Türen ausgestatteten NF8U eingesetzt werden können. Die Grafenberger Allee ist eine Hauptverkehrsstraße, die für die Wehrhahnlinie beispielsweise durch Fahrbahnschraffierungen etwas beruhigt worden ist. Flingern-Nord hat sich in den letzten Jahren von einem Arbeiterviertel zu einem bei jungen und hippen Menschen angesagten Areal entwickelt; Düsseltal oder auch Zooviertel genannt, ist seit jeher ein eher wohlhabender Stadtteil mit vielen Villen und großzügigen Verwaltungsbauten. An der nächsten Haltestelle Lindemannstraße ist das Herz des Stadtbezirks 2 erreicht. Hier kreuzt die Bundesstraße 8, „Lastring“ genannt, die Grafenberger Allee; auch die 706 sehen wir wieder. Kleiner Anachronismus: Hier sowie an der folgenden Haltestelle Engerstraße muss auf der Fahrbahn ein- und ausgestiegen werden. Immerhin stoppt der Autoverkehr dank der Ampelsteuerung so lange …

Industriegeschichte in Grafenberg

Aus Flingern nähert sich die Linie 709 der Grafenberger Allee und bis zum nächsten Halt Schlüterstraße/Arbeitsagentur geht es auf dem gleichen Gleis weiter. Diese Haltestelle hat eine Geschichte und eine besondere Bedeutung: Viele Düsseldorfer kennen sie noch unter der alten Bezeichnung „Haniel & Lueg“, benannt nach der alten Lokomotivfabrik, die hier einst ansässig wahr. Heinrich Lueg war zudem einer der Gründerväter der Rheinbahn. Heute kün- det noch der alte Uhrenturm von der industriellen Vergangenheit der Gegend; die Fabrik und das Gelände des benachbarten Güterbahnhofs Grafenberg wurden mittlerweile mit Bürogebäuden zugepflastert.

Der Uhrenturm beherbergt heute eine Sammlung zum Düsseldorfer Satiriker und Schriftsteller Herrmann Harry Schmitz und ist das kleinste Museum der Stadt. Die für die Haltestelle namensgebende Arbeitsagentur ist an der Grafenberger Allee ebenso ansässig wie ein großes Pflegeheim. Die sehr beengte und schon lange nicht mehr zeitgemäße Haltestelle wurde jüngst großzügig ausgebaut; hier steigen viele Fahrgäste um, die nach Grafenberg oder Gerresheim fahren wollen. Die U72 zweigt schließlich nach links ab und führt auf historischer Trasse nach Norden.

Auf alter Bahntrasse nordwärts

Es beginnt eine weitere Besonderheit der U72: Sie führt auf einer alten Bahntrasse weiter. Die „große“ Eisenbahn endete ursprünglich nicht am Güterbahnhof Grafenberg; die Trasse der damaligen Ruhrtalbahn der Bergisch-Märkischen Eisenbahn (BME) verlief weiter im Zuge der heutigen Simrockstraße bis nach Oberrath und weiter nach Ratingen. Als sie bereits im Jahr 1891 durch eine Verlegung aufgegeben wurde, besann sich der Unternehmer Wilhelm von Tippelskirch, der 1882 den Betrieb der Düsseldorfer Pferdebahn übernommen und die städtische Infrastruktur gepachtet hatte, dieser Trasse. Er ließ auf ihr eine elektrische Straßenbahnstrecke mit Anschluss an seine Pferdebahn errichten, die er „Kleinbahn Grafenberg – Rath – Ratingen“ nannte. Am 27. Januar 1896 wird unter seiner Regie die erste elektrische Tram in Düsseldorf von der Schützenstraße, heute etwa Wehrhahn S, bis Rath, heute Oberrath, endgültig eröffnet. Ab 1897 fuhr die „Elektrische“ sogar bis nach Ratingen.

Im Mittelstreifen der breiten Simrockstraße geht es für die U72 über die Haltestellen Vautierstraße und Graf-Recke- Straße weiter nordwärts. Es herrscht nun wieder lockere Bebauung vor, auch Tennisplätze geraten in das Blickfeld. Weiter rechts erhebt sich oberhalb der Bebauung auf den Grafenberger Höhen der Düsseldorfer Stadtwald. Das Kasernengelände auf der linken Seite, bereits im Stadtteil

Wageneinsatz

Auf der heutigen U72 werden ausschließlich die Siemens-Bahnen der Combino-Bauart NF8U (Nummernreihe 3301 bis 3376) eingesetzt, teilweise auch „Silberpfeil II“ oder „Hamsterbacken“ genannt. Diese Fahrzeuge verfügen über Türen an beiden Seiten, was wegen der Benutzung des Wehrhahn-Tunnels unter der Innenstadt erforderlich ist. Der U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee verfügt über einen Mittelbahnsteig und ein weiterer Mittelbahnsteig befindet sich an der Uhlandstraße. Da die Rheinbahn über keine weiteren niederflurigen Fahrzeuge mit linksseitigen Türen verfügt, werden alle Linien durch den Wehrhahn-Tunnel ausschließlich mit den NF8U bedient.

Bis zur Tunneleröffnung am 21. Februar 2016 kamen auf der damaligen 712 auch andere Fahrzeugtypen zum Einsatz. Die 712 erlangte überregionale Bekanntheit als eines der letzten Düsseldorfer Einsatzgebiete der klassischen DUEWAG-Züge aus Doppelgelenkwagen mit Beiwagen bis zu ihrem Einsatzende im Jahr 2011.

Mörsenbroich gelegen, wurde mit der „Gartenstadt Reitzenstein“ neu bebaut, was der Linie zusätzliche Fahrgäste bescherte.

Wo einst die Kleinbahn nächtigte

Ab hier nennt sich der Straßenzug Lenaustraße; erst am Rather Broich wird sich das ändern. Hier, wo von Tippelskirch einst ein Kraftwerk und eine Wagenhalle für seine Kleinbahn errichten ließ, verlässt die U72 den Mittelstreifen und ein langer Abschnitt auf eigenem Gleiskörper mit Schotterbettung beginnt. Vorbei an Kleingärten wird über dem nördlichen Ausgang des Grafenberger Tunnels die wichtige Güterzugstrecke Duisburg – Köln überquert, anschließend erscheint die U72 fast als Waldbahn. Wir sind „im Grünen“ angelangt!

Ein schrankengesicherter Bahnübergang sichert die Strecke ab, bevor die Haltestelle „Rather Waldstadion“ erreicht wird. Die namensgebenden Sportanlagen sind tatsächlich in den Wald eingebettet und viele Wanderwege nehmen hier ihren Ausgang. Das ist auch an der nächsten Haltestelle Oberrath so. Der gleichnamige Stadtteil liegt links, rechts geht es in den Stadtwald und zu einem sehr beliebten Kinderspielplatz namens „Müllers Wiese“. Oberrath war einst ein Bahnhof an der früheren Eisenbahnlinie; bis heute besteht hier eine Umsetzmöglichkeit für Zweirichtungsfahrzeuge.

Durch den Stadtwald

Weiter geht es nordwärts. Auch die nächste Haltestelle „Hirschweg“ gleich neben dem Forstamt verspricht viel Natur. Von links hat sich zwischenzeitlich die Reichswaldallee angenähert, eine der Hauptausfallstraßen Düsseldorfs mit entsprechend viel Autoverkehr. Früher war das die Reichs- beziehungsweise Bundesstraße 1. Die U72 verläuft immer noch auf ihrer eigenen Gleistrasse, nun aber in Seitenlage der Hauptstraße. Am Hubertushain – unser nächster Halt – gibt es eine Auffahrmöglichkeit zur Autobahn A44. Die gegen Ende der 1980er-Jahre neu gestaltete Haltestelle weist ebenso wie Oberrath ein Wendegleis, aber keine Schleife, auf.

Über viele Jahre endete hier zeitweise die Nebenverkehrslinie 719. Ungefähr am Hubertushain verlässt die U72 die alte Eisenbahntrasse und führt weiter in Seitenlage zur Reichswaldallee. Nach der Überquerung des A-44-Tunnels fällt das Gelände leicht ab und die Trasse wird kurviger. Nun haben wir fast die Stadtgrenze zu Ratingen erreicht. An dem in ausgesprochen ländlicher Umgebung gelegenen Halt „Felderhof“ ist es dann so weit: Düsseldorf liegt hinter uns. Die von Bäumen gesäumte Hauptstraße nennt sich nun bis zur Endstelle folgerichtig „Düsseldorfer Straße“. Natürlich ist hier – dem VRR-Wabensystem folgend – Zahlgrenze. Die U72 macht fast den Eindruck einer Überlandbahn und das ist sie als städteverbindende Line eigentlich auch. In Ratingen fährt die Rheinbahn im Auftrag der Kreisverkehrsgesellschaft Mettmann und somit hat der Kreis Mettmann streng genommen (wieder) eine eigene Straßenbahn …

Engstelle mit Sicherung

An der folgenden Unterführung unter der Strecke der S-Bahnlinie S6 liegt eine weitere Besonderheit der U72: eine kurze Gleisverschlingung. Die Durchfahrt unter der Brücke ist so eng, dass für zwei Gleise ne-ben der Straße nicht genug Platz war. Früher wurde dieser Abschnitt durch Stabweitergabe gesichert, was menschliche Fehler nicht völlig ausschließen konnte. Heute ist die Engstelle natürlich signalisiert. Direkt nach der Unterführung beginnt das bebaute Stadtgebiet von Ratingen. Ist das Umfeld der Haltestelle Gerhardstraße noch von Wohnbebauung geprägt, finden sich am folgenden Halt Europaring zusätzlich einige Bürogebäude.

Seitenlage auch in Ratingen

Immer noch in Seitenlage trassiert, fährt die U72 weiter in Richtung Ratinger Zentrum. Die Anwohner müssen beim Überqueren der Gleise gut aufpassen: Die Grundstücksausfahrten sind nicht signalgesichert. An der Weststraße befindet sich der letzte Halt vor der Endstation und schon bald kommt der markante Kirchturm von Ratingens romanischer Hauptkirche St. Peter und Paul in Sicht. An der Kreuzung mit der Hans- Böckler-Straße beginnt die Endschleife Ratingen Mitte. Der große Busbahnhof bietet für die Fahrgäste gute Umsteigemöglichkeiten in alle Richtungen.

Linienchronik

1907Umbenennung von Linie 11 zu Linie 12 und Strecke Haniel & Lueg – Ratingen

15.05.1910Verlängerung von Haniel & Lueg zur Mendelssohnstraße (Uhlandstraße)

07.09.1924Verlängerung Uhlandstraße – Graf-Adolf-Platz, wenig später nur bis Schadowplatz

März 1945kriegsbedingte Einstellung

03.08.1947Wiederaufnahme des Betriebes

02.03.1961Eröffnung der Wendeschleife Ratingen Mitte, Düsseldorfer Platz

14.06.1962Verlängerung Schadowplatz – Burgplatz (Altstadt)

30.10.1962Inbetriebnahme der Schleife Wilhelm-Marx-Haus, Einstellung des Abschnitts bis Burgplatz

01.01.1980Umbenennung in 712 mit Start des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr

01.06.1980Verlängerung von Wilhelm-Marx-Haus nach Volmerswerther Straße (Gleisdreieck)

27.05.1990Verlängerung von Volmerswerther Straße nach Hellriegelstraße

21.02.2016Umbenennung in U72 und Eröffnung des U-Bahn-Tunnels der Wehrhahnlinie, gleichzeitig Einstellung des oberirdischen Abschnitts Wehrhahn S bis Bilk S durch die Innenstadt

19.05.2018Eröffnung der neuen Endstelle Ratingen Mitte

Apropos Ratingen Mitte: Die Haltestellenanlage und der Busbahnhof wurden 2017 und 2018 völlig neu gestaltet. Die Bahnsteige für die Stadtbahn erhielten eine großzügige Dachkonstruktion, die nachts in den unterschiedlichsten Farben leuchtet. Eine gelungene Umsetzung! Die Eröffnung wurde mit einem großen Fest gefeiert. Die auf der U72 eingesetzten Traktionen aus zwei Heck-an-Heck gekuppelten NF8U könnten hier für die Rückfahrt einfach ihre Fahrt- richtung wechseln, planmäßig wird aber die große Blockschleife befahren. So können die historischen Einrichtungsfahrzeuge weiterhin nach Ratingen kommen. Unsere Reise ist hier zu Ende, und bevor es zurück in die Landeshauptstadt geht, stärken wir uns in einem der schönen Lokale in der Altstadt von Ratingen!

Michael Beitelsmann