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125 JAHRE IMMIGRATION: Erfolgsgeschichte: MITTEL


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 28.03.2018

Vor 125 Jahren wurde Deutschland von einem Auswanderer- zu einem Einwandererland. Das war und ist nicht immer einfach. Aber es hat das Land stark gemacht – und Millionen Menschen eine neue Heimat gegeben.


Sein Vater ist schwer verletzt. Aber Antonio Zabatta weiß davon nichts, als er am 1. Juli 1971 mit einem Freund und einem Verwandten in Neapel in den Zug nach Norden steigt. Niemand hat der Familie in Italien Bescheid gesagt, dass der Vater zwei Tage vorher bei Kanalarbeiten in einem Bauloch verschüttet wurde. Erst als Antonio 1300 Kilometer und einen Tag später in Köln aus dem Zug steigt, erfährt der ...

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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 4/2018

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... 15-Jährige von dem Unfall.

In den 60er-Jahren kamen Millionen Menschen aus Südeuropa nach Deutschland.


Wie viele andere Gastarbeiter-Familien sind auch die Zabattas lange hin- und hergerissen, wo sie auf Dauer leben wollen. „Meine Frau wäre sofort mit mir nach Italien gezogen“, sagt der 62-Jährige. In seinem Heimatdorf hat die Familie eine kleine Wohnung, für die Ferien. „Überall in unserer Gegend stehen leere Häuser und Wohnungen, die mit Geld aus Norditalien oder Deutschland gebaut und gekauft wurden.“ Auch Zabatta und seine Frau bauen 1996 ein Haus – in Bergheim.

Schritt für Schritt finden viele Gastarbeiter ihre neue Heimat in Deutschland, und langsam prägen sie das Land. Sie eröffnen italienische, spanische, griechische und türkische Restaurants, feiern Feste, finden deutsche Freunde, verlieben sich. Viele Deutsche verstehen erst spät, wie sehr sich die Bundesrepublik durch die Zuwanderer verändert (siehe Interview auf Seite 24). Im Jahr 2015 hat jeder Fünfte in Deutschland eine Migrationsgeschichte. Als die Fußball-Nationalmannschaft 2014 in Brasilien Weltmeister wird, stehen Mesut Özil, Sami Khedira, Lukas Podolski, Miroslav Klose und Jérôme Boateng auf dem Platz – alles Kinder aus Zuwandererfamilien.

Universitäten kooperieren global

Deutschland ist international geworden, das macht die Bundesrepublik attraktiv. „Deutschland hat weltweite Kooperationen, das ist ein großer Vorteil für die Forschung“, sagt Yan Lu. Die 40-Jährige forscht seit 2009 am Helmholtz-Zentrum Berlin an der Energieeffizienz von Lithium-Ionen-Batterien und ist seit 2017 Professorin an der Universität Potsdam. „In Deutschland wird die Grundlagenforschung viel stärker unterstützt als in China“, sagt sie. „In China soll jede Forschung anwendungsbezogen sein. Es ist aber auch wichtig, zu verstehen, wie die Dinge funktionieren.“

Mit Grundkenntnissen der deutschen Sprache, Mut und dem Wunsch, forschen zu wollen, kommt Lu 2001 zur Promotion an die Technische Universität Dresden. Ihren Betreuer kennt sie aus dem Studium an der Donghua University in Shanghai, beide Hochschulen kooperieren.


Italienische, spanische, griechische Restaurants: Ohne die Ausländer wäre die Gastronomie langweilig.


Deutschland braucht kluge Köpfe wie die Chinesin: Deshalb unterstützt die deutsche Politik den internationalen Wissenschaftsaustausch mit vielen Programmen. Allein die Humboldt-Stiftung holt jedes Jahr mehr als 2000 Wissenschaftler nach Deutschland, vom Doktoranden bis zum Professor. Laut Bundesregierung kamen im Jahr 2014 elf Prozent des wissenschaftlichen Personals an den Hochschulen aus dem Ausland. An außeruniversitären Forschungsinstituten waren es 25 Prozent. An den Max-Planck-Instituten ist der Anteil von Gastwissenschaftlern mit rund einem Drittel am höchsten.

Trotz steigender Tendenz: An vielen Institutionen in den USA und Großbritannien ist der Anteil von Gastwissenschaftlern viel höher. „Das Problem ist die Sprache“, sagt Lu. „Wenn man länger hierbleiben will, muss man gut Deutsch lernen. Das ist für viele Wissenschaftler schwer, weil sie ihre ganze Energie in die Forschung investieren.“

Die Sprache der Wissenschaft ist Englisch. Auch Lu schreibt ihre Dissertation in Dresden auf Englisch. Als sie nach der Promotion an die Universität Bayreuth (Bayern) wechselt, wird sie ins kalte Wasser geworfen: Sie ist für die Betreuung der Studenten zuständig – und muss mit ihnen Deutsch sprechen. „Meine Kollegen haben ganz viel mit mir gesprochen, das hat mir sehr geholfen“, sagt sie.

Lu fühlt sich in Deutschland wohl und will wenigstens für die nächsten fünf Jahre noch bleiben. Sie mag die Natur in und um Potsdam, das Umweltbewusstsein, das Leben in Freiheit. Fußballspiele der Nationalmannschaft schaut sie mit ihren Kollegen im Biergarten, ihre Tochter besucht eine deutsche Kita. Und sie mag Schnitzel und deutschen Käse – auch wenn sie vor dem deutschen Essen gewarnt worden ist. „Bevor ich nach Deutschland kam, sagte mir ein Freund, der Europa schon kannte, ich soll am besten Kochen lernen und selbst kochen“, erzählt sie und lacht.

Lernte als Professorin im Job gut Deutsch: die Chinesin Yan Lu.


Die Deutschen lieben fremdes Essen

Anders als Lu schmeckt Bin Lee-Zauner die deutsche Küche nicht – und das ist für die Berliner ein Glück. Als die Koreanerin 1998 im Alter von 23 Jahren zum Gesangsstudium an die Hanns-Eisler-Hochschule nach Berlin kommt, gibt es in der Hauptstadt schon viele asiatische Lokale. Nach zwei Jahren wechselt sie nach München, auch dort gibt es ein koreanisches Restaurant. Das Problem beginnt in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern), wo sie noch während des Studiums ein Engagement am Theater annimmt. „Ich hatte Heimweh nach Essen“, erzählt sie. „Aber in Stralsund gab es nicht mal asiatische Lebensmittel zu kaufen.“

Aus Berlin schleppt sie Taschen voller Lebensmittel in die Stadt an der Ostsee und beginnt, sich ihr koreanisches Essen selbst zu kochen. Als sie im Kühlschrank ihrer WG Kimchi macht, den scharfen, fermentierten Kohl, schimpfen ihre Mitbewohner über den Geruch – und schenken ihr einen Kühlschrank, nur für Kimchi. Bini, wie sie alle nennen, findet eine neue Leidenschaft: das Kochen.

Sechs Jahre lang singt sie am Theater, dann kann sie nicht mehr. „Ich hatte eine Sinnkrise“, sagt sie. Sie kündigt ihr Engagement, zieht zurück nach Berlin, macht ein Praktikum in einer Restaurantküche. Obwohl ihr alle abraten, weiß sie, was sie will: ihr eigenes Restaurant.

In der Restaurantküche lernt sie den Spanier José Miranda Morillo kennen, der in Deutschland aufgewachsen ist. Sie überzeugt den Koch von ihrer Idee: ein Restaurant, das koreanische und spanische Küche mischt. Die beiden werden ein Paar, im Leben und im Geschäft: 2012 eröffnen sie ihr Restaurant Kochu Karu, übersetzt heißt das Chilipulver – eine Zutat, die in beiden Küchen vorkommt. Das Lokal ist jeden Abend voll. Das liegt nicht nur an der guten Küche. Die Deutschen gehen schon seit ein paar Jahren lieber in ausländische Restaurants als in deutsche – kulinarisch lieben sie es global.

Sie sind im Leben und in der Arbeit ein Paar: Bin Lee-Zauner und José Miranda Morillo.


„Die Deutschen sind es gewohnt, sich Sorgen zu machen“, sagt die 42-Jährige. „Ich hatte aber gar keine Zeit, darüber nachzudenken, ob es mit dem Restaurant klappt.“

Oft machen Zuwanderer Jobs, die Deutsche nicht machen wollen

Für viele ist eine neue Existenz in Deutschland auch die einzige Perspektive, die sie zurzeit haben. Hunderttausende Menschen, vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, haben in den letzten Jahren in der Bundesrepublik Schutz gesucht. Zwei von ihnen sind Sami Akeel (24) und Adnan Sussi (25) aus Syrien. Beide sind geflohen, weil sie nicht im Krieg kämpfen wollen. Seit 2016 leben sie in Coburg, einer Kleinstadt im Norden Bayerns. Dort haben sie sich kennengelernt, dort spielen sie in einer Mannschaft Fußball.

An einem Nachmittag lädt Akeel in seine Wohngemeinschaft in der Coburger Innenstadt ein. Er ist stolz auf seine Wohnung, es ist sehr sauber. „Wir kamen mit nichts“, sagt der 24-Jährige. Jetzt verdient er Geld und hat alle Möbel neu gekauft. Auch Sussi lebt in einer eigenen Wohnung.

Beide sind für drei Jahre als Flüchtlinge anerkannt, mindestens bis 2019 können sie bleiben. Bis dahin wollen sie sich ihre Zukunft aufbauen. Akeel, der mehrere Sprachen spricht und schon in Thailand als Dolmetscher gearbeitet hat, will eine Ausbildung zum Dolmetscher machen – in Coburg gibt es dafür eine Fachschule. Dafür muss er Deutsch auf C1-Niveau sprechen, was vermutlich nicht mehr lange dauert. Bis dahin arbeitet er für eine Coburger Firma, die in ganz Europa Schwimmbäder baut. Sussi hofft auf einen Ausbildungsplatz bei einer großen Maschinenbaufirma in Coburg.

Ihre Zukunft sehen beide in Deutschland. „Ich habe in Syrien alles verloren“, sagt Sussi, der in der Hafenstadt Lattakia in der syrischen Liga Fußball gespielt hat. „Ich vermisse meine Familie, aber ich kann nicht zurück.“


Ohne die ausländischen, billigen Arbeitskräfte könnten die Bauern nicht so günstig produzieren.


Wenn alles klappt, kann Sussi im September mit einer Ausbildung anfangen. Zurzeit arbeitet er für eine Leiharbeitsfirma. In einem Betrieb montiert er Teile für die Automobilindustrie. Er arbeitet in drei Schichten und verdient pro Stunde nur ein paar Cent mehr als den Mindestlohn.

Auch das gehört zum Bild der Zuwanderung in der Bundesrepublik: Oft machen Immigranten Jobs, die Deutsche nicht machen wollen. Sie putzen Bürohäuser, liefern Pakete aus und übernehmen Hilfsarbeiten in Fabriken – schwere Arbeit für wenig Geld und mit wenig Chancen auf Verbesserung.

Innerhalb der Europäischen Union (EU) ist es außerdem legal, Arbeiter nach den Gesetzen ihres Heimatlandes anzustellen und zum Arbeiten in andere Länder zu schicken – wo sie bis zu 50 Prozent weniger verdienen als die normalen Arbeiter dort. Laut Europaparlament gab es im Jahr 2015 EU-weit rund zwei Millionen Arbeitskräfte dieser Art, mehr als 400000 davon in Deutschland.

Ohne die billigen Arbeitskräfte aus dem Ausland, vor allem aus Ost- und Südosteuropa, könnte zum Beispiel die Landwirtschaft nicht so günstig produzieren. Arbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien zerteilen auf deutschen Schlachthöfen im Akkord Rinder und Schweine; auf deutschen Feldern ernten sie im Frühjahr Erdbeeren und Spargel, im Sommer Gurken und im Herbst Äpfel.

Deutschland braucht mindestens 60000 Pflegekräfte

Und Inga Petrauskiene (Name geändert) kümmert sich um alte Menschen. Zurzeit wohnt sie bei Gertrud P. in einer bayerischen Kleinstadt. Sie wäscht, füttert, wickelt und zieht die 92-Jährige an, putzt das Haus, kauft ein und kocht. Frau P. ist dement und schwerhörig, ihre Familie kann sich nicht so intensiv um sie kümmern, wie sie es braucht. Ohne Petrauskiene müsste Frau P. ins Heim.

Die 41-jährige Litauerin ist eine von Tausenden Pflegerinnen aus Osteuropa, die in Deutschland arbeiten; ihre Zahl steigt seit Jahren an. Schätzungen zufolge fehlen alleine in deutschen Altersheimen rund 60000 Pflegekräfte. Der Beruf ist für viele Deutsche nicht attraktiv, weil er im Vergleich zu anderen Berufen schlecht bezahlt und sehr anstrengend ist. Aber Petrauskiene kann in Deutschland viel mehr verdienen als in ihrer Heimat.

In Litauen hat sie als Verkäuferin gearbeitet, für rund 400 Euro im Monat. Eine Ausbildung zur Altenpflegerin hat sie nicht. Als pflegeunterstützende Haushaltshilfe verdient die 41-Jährige im Monat rund 1300 Euro, Steuern und Krankenversicherung bezahlt sie in Litauen. „Wer kann, geht zum Arbeiten ins Ausland“, sagt sie. Seit dem EU-Beitritt 2004 haben mehr als 20 Prozent das Land verlassen, vor allem junge Menschen.

Zwei Monate bleibt die Litauerin normalerweise bei einer Familie, dann löst eine Kollegin sie ab. Ein Bus bringt sie dann für zwei Monate zurück nach Hause. Die Fahrten organisiert die Agentur, bei der sie angestellt ist. Seit acht Jahren lebt sie so, sie spricht gut Deutsch und kennt sich im Land gut aus. Wer sie mit Frau P. und im Haushalt beobachtet, der merkt, dass ihr die Arbeit Spaß macht. Aber hätte sie Kinder, würde sie das nicht machen. „Und wenn ich in Litauen eine gute Alternative finde, bleibe ich dort.“

Zurzeit ist Deutschland für viele Zuwanderer das Land, das ihnen eine Perspektive bietet. Das gilt auch für die vielen Ärzte aus dem Ausland. Grenzregionen im Osten des Landes, zum Beispiel in Bayern und Brandenburg, werben in Tschechien und Polen um sie. Zuwanderer helfen, die Gesundheitsversorgung zu stabilisieren – und damit das Sozialsystem. Und auch das macht die Bundesrepublik für Zuwanderer attraktiv.

Kultur lebt von der Internationalität

Als sich Iana Balova nach ihrer Tanzausbildung an der Mailänder Scala um Engagements bewirbt, ist Deutschland ihre erste Wahl. „In Deutschland gibt es im Vergleich zu Italien viel bessere Verträge für Tänzer“, sagt die 32-Jährige, die seit 2010 am Berliner Staatsballett tanzt, seit 2011 als Solotänzerin. Sie ist in Russland geboren, als Teenager zog sie mit ihrer Familie nach Italien. Dort gibt es kaum staatliche Unterstützung für Kunst und Kultur, „und Tänzer bekommen meistens nur Verträge für einzelne Produktionen.“


Wer sich die Namen von Balletttänzern an deutschen Bühnen ansieht, findet mehr ausländische als deutsche.


Die 32-Jährige trägt Sportkleidung, ihre Füße stecken in dicken Wollsocken, ihre Augen leuchten. Eine Probe hat sie an diesem Tag schon hinter sich, in der Mittagspause findet sie Zeit für ein Gespräch in den Balletträumen der Deutschen Oper in Berlin-Charlottenburg. Die Arbeit als Tänzerin am Staatsballett ist ein Knochenjob, mit geregelten Dienstplänen, mindestens einer Probe täglich und zwei freien Tagen pro Woche. Im Durchschnitt steht Iana Balova zweimal pro Woche abends auf der Bühne. Dann brauchen sie und ihr Mann, der auch im Ensemble tanzt, einen Babysitter für die beiden Söhne. „Man muss gut organisiert sein und braucht viel Disziplin“, sagt sie.

Am Staatsballett wird sie nach dem deutschen Bühnentarif bezahlt, und sie bekommt jedes Jahr einen neuen Jahresvertrag. Solange ihr Körper es erlaubt, ist ihr Job sicher. Wer sich die Ballettensembles deutscher Bühnen ansieht, findet mehr ausländische Namen als deutsche, auch in den großen Orchestern spielen viele Musiker aus dem Ausland. Ohne sie wäre das große kulturelle Angebot, für das Deutschland in der Welt bekannt ist, viel kleiner. Den Künstlern wiederum gibt das deutsche Sozialsystem ein Stück Sicherheit. „Auch wer wenig verdient, hat eine Krankenversicherung“, sagt Iana Balova. In der Heimat ihres Mannes, den USA, sieht das ganz anders aus. „Es ist nicht schwer, in Deutschland zu leben“, sagt sie.

Der Fußball braucht die Ausländer

Marc Torrejón wird dieser Aussage nicht ganz zustimmen. Der Spanier kann sich nur schwer an den deutschen Lebensrhythmus gewöhnen. Seit 2012 spielt der 31-Jährige in der Zweiten Fußball-Bundesliga, seit Herbst 2017 beim 1. FC Union Berlin. „In Deutschland wird viel mehr trainiert als in Spanien“, sagt er und lacht. „In Spanien wird am Vormittag trainiert und ab zwölf Uhr ist frei.“

Iana Balova tanzt mit einem Kollegen vom Staatsballett Berlin im Ballett Daphnis et Chloé.


Auch Torrejón kommt in Sportsachen und auf Socken zum Interview im Stadion von Union Berlin, das Abendtraining ist gerade vorbei. Bei Union Berlin gibt es zweimal pro Tag Training und dazwischen oft nur eine Stunde Zeit zum Mittagessen – zu kurz für den Spanier. Trotzdem will er bis zu seinem Karriere ende in Deutschland bleiben. „Meine Kinder gehen in den deutschen Kindergarten, sie sollen die Sprache gut lernen“, sagt er.

Außerdem hat die deutsche Strukturiertheit auch große Vorteile. „Die Vereine in Deutschland haben überragende Möglichkeiten“, sagt der Sportler. „Sie haben Geld, wenig Schulden, professionelle Strukturen. Das hat mir in Spanien oft gefehlt.“ Die Professionalität macht deutsche Bundesligavereine für Spieler aus aller Welt attraktiv. Große Erstliga-Klubs wie der FC Bayern München holen schon Jugendliche aus dem Ausland in ihre Nachwuchsteams. Vor zehn Jahren spielten in der Erstliga zum ersten Mal mehr Ausländer als Deutsche – inzwischen sind bei manchen Klubs weniger als 30 Prozent Deutsche.

Auch andere Sportarten sind schon lange international. Vor wenigen Wochen konnte das die ganze Welt sehen, im vielleicht schönsten Moment der Olympischen Winterspiele: Als Aljona Savchenko und Bruno Massot mit ihrer Kür im Paarlauf die Zuschauer zum Weinen brachten. Die Frau aus der Ukraine und der Mann aus Frankreich, die in Deutschland leben und trainieren, haben mit der Kür des Briten Christopher Dean Gold gewonnen – für Deutschland.

Erst gingen Millionen, dann kamen Millionen

SCHWER

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist Deutschland vor allem ein Auswanderungsland. Zwischen 1816 und 1914 reisen 5,5 Millionen Deutsche mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die USA. Der Moment, in dem sich das ändert, kommt vor 125 Jahren, 1893: Die Einreise in die USA wird plötzlich schwierig – und Deutschland braucht durch die Industrialisierung selbst immer mehr Arbeitskräfte.
Deutschland wird vom Aus- zum Einwanderungsland. Bis zum Ersten Weltkrieg kommen Tausende Arbeiter vor allem ins Ruhrgebiet, die meisten davon sind Polen aus Ostpreußen, das zum Deutschen Reich gehört. 1914 sind außerdem 1,2 Millionen ausländische Wanderarbeiter im Deutschen Reich. Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg müssen Hunderttausende Kriegsgefangene in Deutschland arbeiten.
Zwischen den beiden Weltkriegen kommen Hunderttausende Menschen aus Osteuropa und Russland nach Deutschland, viele davon sind Juden. Im Zweiten Weltkrieg werden die Juden erst vertrieben und dann ermordet; gleichzeitig kommen wieder ausländische Zwangsarbeiter ins Land.
Nach dem Zweiten Weltkrieg braucht die Bundesrepublik dringend Arbeitskräfte für den Wiederaufbau. 1955 schließt die Regierung in Bonn mit Italien das erste Anwerbeabkommen. Ab 1960 folgen weitere Abkommen: mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Von 1960 an schließt auch die Deutsche Demokratische Republik (DDR) ähnliche Abkommen mit anderen sozialistischen Staaten.
Seit dem Ende der DDR suchen viele Menschen in der Bundesrepublik Schutz. Besonders aus Ländern der Europäischen Union kommen außerdem immer mehr Menschen zum Arbeiten nach Deutschland.

Der Spanier Marc Torrejón will bis zum Karriereende in Deutschland bleiben.


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Fotos: Max Scheler Süddeutsche Zeitung Photo; picture alliance/City Press GbR