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14 KAMERAS IN EINEM FLUGZEUG


Aero International - epaper ⋅ Ausgabe 120/2018 vom 09.11.2018

PILOTSEYE.TV Die Dokumentarfilmreihe PilotsEYE.tv ermöglicht Luftfahrtbegeisterten einzigartige Blicke hinter die sonst verschlossene Tür des Cockpits. Auf dem letzten Flug von Aerologic-Chef Joe Moser konnte Aero International exklusiv die Dreharbeiten zum neuen Video begleiten


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Artikelbild für den Artikel "14 KAMERAS IN EINEM FLUGZEUG" aus der Ausgabe 120/2018 von Aero International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Aero International, Ausgabe 120/2018

den Dächern von Bangkok stoßen die Piloten Joe Moser, Nora Boussard und Kai Dömkes (v. l.) auf den Erfolg von Flug und Film an


Wer gute Filme drehen will, darf nicht empfindlich sein, was Arbeitszeiten angeht: Um 0.30 Uhr trifft sich das Team für den nächsten Film von PilotsEYE.tv am Flughafen in Leipzig. Ziel ist eine ...

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... Boeing 777F der Fluggesellschaft Aerologic. Der Frachter kommt aus Hongkong und ist gerade gelandet. Eine Stunde später ist das Team an Bord: Geschäftsführer Thomas Aigner, Kameramann Claudio Capobianco und Assistentin Sabrina Bauer. Viele Luftfahrtenthusiasten kennen die Doku-Filmserie von PilotsEYE.tv. Diesmal soll ein Frachtflug von Aerologic festgehalten werden, der über Bangkok und Singapur nach Bangalore in Indien führt – und eine Besonderheit birgt: Es handelt sich um den Abschiedsflug von Kapitän Joe Moser, den die Zuschauer der Filme bereits aus anderen Filmen kennen. Moser ist nicht nur ein besonders erfahrener Pilot, sondern auch Geschäftsführer von Aerologic. Wegen der gesetzlichen Altersgrenze von 65 Jahren beendet er seine fliegerische Laufbahn (siehe Aero International 6/2018).

Zwölf Koffer hat das Filmteam dabei, als es das Flugzeug besteigt. In ihnen befinden sich Kameras und Ausrüstung für die Filmaufnahmen an Bord. 4,5 Stunden haben die Mitarbeiter jetzt, um Kameras und Technik an Bord zu installieren. Der Druck ist groß, die Zeit knapp: Der Start des Frachters darf sich durch die Arbeiten auf keinen Fall verzögern. Gleichzeitig hat die Film-Crew viel Routine, denn immerhin wird an Bord bereits die 20. Dokumentation gedreht, die bei PilotsEYE.tv erscheint.

JEDER WINKEL WIRD ERFASST

Bis zu 14 High-Definition-Kameras montiert die Crew – immer so, dass sie den Piloten nicht im Weg sind. Eine Kamera hat ihren Platz hinter den Piloten. Vier sind ganz vorn im Cockpit montiert: eine mit Blick auf den Kapitän, eine auf den Ersten Offizier, eine, die mit Weitwinkel 180 Grad erfasst und beide Piloten zeigt – und eine blickt nach vorn durch die Scheibe. Winzige Action-Cams befinden sich rechts und links der Piloten, am Overhead Panel und hinter den Schubhebeln. Eine weitere Kamera filmt, was außerhalb des Flugzeugs passiert – und im mittleren Jumpseat, wie die Cockpit-Sitze hinter den Piloten genannt werden, verfolgt der Kameramann das Geschehen und filmt von einem Stativ aus.

Verwendet werden unterschiedliche Fabrikate, wobei immer einige Action-Cams dabei sind. Sie haben zwar keinen optischen Zoom, sind aber besonders leicht und flexibel einsetzbar. Die Montagepunkte sind so gewählt, dass sich das Geschehen im ganzen Cockpit festhalten lässt. Geschraubt wird bei der Anbringung der Kameras natürlich nicht. Die Technik ist mit speziellen Saugnäpfen und Klebeband montiert, wobei die Sicherheit im Vordergrund steht.

Es ist 6.10 Uhr, als die Flightcrew am Flugzeug eintrifft. Noch eine Stunde bis zum Abflug. Neben Kapitän Joe Moser sind zwei Erste Offiziere an Bord: Nora Boussard und Kai Dömkes. Während die Piloten mit den Vorbereitungen für den Flug beginnen, fährt das PilotsEYE.tv-Team alle Systeme und Kameras hoch. Wenig später hebt die 777 ab. Neben Joe Moser hat Nora Boussard auf dem rechten Sitz im Cockpit Platz genommen. Hinter den beiden sitzen Thomas Aigner und Claudio Capobianco auf den Jumpseats. Die übrigen Insassen haben es sich im kleinen Passagierabteil mit Bordküche bequem gemacht, das zwischen Cockpit und Frachtraum angeordnet ist.

Flight- und Filmcrew drängen sich zusammen mit einer Menge Ausrüstung im Cockpit der Boeing 777


INTERVIEW MIT LESERFRAGEN

Die Route führt über Osteuropa, die Türkei und Indien nach Bangkok. Während des Flugs wechseln sich die Piloten ab. Da der Frachter nach Osten fliegt, sinkt die Sonne nach 6:15 Stunden schon wieder unter den Horizont. Damit ist das Licht optimal für die Interviews, die im Cockpit geplant sind. Im Fokus steht dabei Joe Moser, dem Fragen gestellt werden, die zuvor Aero-International-Leser per E-Mail eingesandt haben (Antworten auf die von der Filmcrew ausgewählten Fragen sind auf www.aerointernational. de zu sehen – ihre Einsender gewinnen einen Film). Weit vor dem Anflug auf Bangkok ist Schluss mit dem Interview: zu viel zu tun im Cockpit. Als die 777 aufsetzt, hat das PilotsEYE.tv-Team die erste Landung im Kasten.

An der Parkposition wartet schon Steffen Bachmann. Er ist Teil der PilotsEYE.tv-Mannschaft und schon vorab nach Bangkok gereist, um die Landung der 777 vom Boden aus zu filmen. In der Maschine baut das Filmteam jetzt in weniger als 30 Minuten die Kameras ab: Die nächste Crew will bereits ins Cockpit. Auf dem Vorfeld wird noch ein Gruppenbild aufgenommen, bevor ein Bus die Reisenden ins Hotel bringt.

Am Nachmittag des nächsten Tages stehen weitere Interviews auf dem Programm. In der Präsidentensuite des Hotels stellt sich Joe Moser gut gelaunt den Fragen der Aero-International-Leser. Am nächsten Tag ist eine Bootsfahrt auf dem Chao Phraya River organisiert, die auch Bestandteil des Films sein soll. Ein zweites Boot dient der Filmcrew als Kameraplattform.

Vor dem Start wird die 777 in Leipzig am Boden gefilmt


Nora Boussard und Joe Moser freuen sich auf den Flug nach Bangkok


Vier Kameras sind dicht beieinander vor den Piloten installier


Anschließend besuchen Piloten und Filmteam die Lebua Sky Bar. Die welthöchste offene Bar liegt im 63. Stockwerk eines Gebäudes und bietet einen einzigartigen Blick über die Stadt aus 230 Metern Höhe. Hier gibt es 45 Minuten Zeit für Dreharbeiten, bevor die normalen Gäste kommen.

Um 19.30 Uhr Ortszeit fährt das Filmteam vorab zum Flughafen. Die Boeing muss für den anstehenden Flug wieder mit der Kameratechnik ausgerüstet werden, auch wenn die Reise zum nächsten Stopp in Singapur nur 1:55 Stunden dauert.

In den folgenden Tagen wird in Singapur in der Bar eines Hotels, auf den Straßen und im Flughafen gedreht, bevor es weiter nach Bangalore in Indien und schließlich zurück nach Leipzig geht. Die ganze Zeit laufen die Kameras mit.

320 STUNDEN ROHMATERIAL

Zurück in Deutschland beginnt für Thomas Aigner und sein Team der aufwändigste Teil der Arbeit: die so genannte Post Production. Dabei wird das Videomaterial gesichtet, ausgewählt und zum endgültigen Film zusammenmontiert. Während der Flüge hat jede der 14 Kameras knapp 30 Stunden Rohmaterial aufgezeichnet: 320 Stunden insgesamt.

Es braucht einige Tage, bis das Material in das digitale Schnittsystem geladen ist. Für das Sichten wird das Material der Kameras gruppiert: Auf einem Monitor können neun Blickwinkel gleichzeitig angeschaut werden. Das Videomaterial der Kameras wird zeitlich synchronisiert, so dass in allen Bildern zur gleichen Zeit das gleiche Ereignis gezeigt wird. Fünf bis sieben Tage lang schaut sich die Filmcrew jede aufgenommene Sekunde an – aus jedem Kamerablickwinkel.

„Schon bei diesem Sichten überlegen wir, was wir im späteren Film zeigen können und wollen – und wie. Dazu machen wir jede Menge Notizen. Und dabei entsteht auch zum ersten Mal eine Idee, wie der grobe Ablauf des Films sein wird“, erläutert Thomas Aigner die Arbeiten im Studio.

Manchmal zeigt sich bei der Durchsicht des Rohmaterials, dass noch wichtige Szenen fehlen, um eine runde Geschichte zu erzählen. „Um die Lücken zu füllen, gibt es Nachdrehtermine, bei denen wir uns gezielt diese Bilder holen“, erklärt Thomas Aigner. „So können wir zum Beispiel Nahaufnahmen von Instrumenten auch im Simulator aufnehmen. Dabei lassen sich auch Fehlermeldungen nachstellen, die womöglich im Flug aufgetreten waren. Das ist spannend für den Film, aber in der tatsächlichen Situation haben die Piloten keine Zeit für uns.“

Steht der grobe Ablauf, beginnen zwei Cutter (die Berufsbezeichnung stammt vom englischen Wort „cut“ für schneiden) mit dem Schnitt des Films. Einer kümmert sich um Passsagen, die für den Flug Relevanz haben; ein anderer um Szenen, bei denen die Crew an ihrem freien Tag zu sehen ist.

Letzteres nimmt im Video weniger Raum ein, sodass die Arbeit in einer Woche erledigt ist. 30 Schnitttage braucht derweil der andere Cutter für die Bearbeitung der Flugszenen und die sich daran anschließende Einpassung des Materials der Bodenzeiten.

Erst wenn sich die Länge des Films nicht mehr ändert, werden die Untertitel geschrieben. Derzeit erscheinen die Filme in sieben Sprachen, hinzu kommt eine Kommentarspur des Kapitäns. Es folgt die Bearbeitung des Tons. Dabei muss auch getrickst werden. Jeder, der schon mal im Cockpit einer 777 mitgeflogen ist, weiss, dass man dort fast nichts von den Triebwerken hört. Im Film erwartet der Zuschauer aber, dass man das Knurren der Triebwerke hört. Also werden Tonaufnahmen zum Beispiel am Flughafen München gemacht. „Beim ‚Soundcatching‘ holen wir uns genau die Töne, die wir brauchen“, sagt Aigner.

Auch die Bilder werden überarbeitet. Größter Eingriff: In den Kameras, die von vorne nach hinten filmen, sind auf dem Rohmaterial Thomas Aigner und Kameramann Claudio Capobianco zu sehen. Beide werden herausretuschiert, so dass sie am Ende nicht mehr zu sehen sind.

Steht die Endfassung, wird der Film in drei Versionen für den Verkauf produziert. Es gibt ihn als normale DVD und Blu-ray Disc sowie per Video on Demand. Die drei Varianten unterscheiden sich technisch in Details.

„Sobald das geschafft ist, kann der Film ausgeliefert werden – und ich mal wieder richtig ausschlafen“, sagt Thomas Aigner schmunzelnd. „Aber eigentlich sind wir dann auch schon längst wieder in der Vorbereitung des nächsten Films.“

DER FILM

Ab Dezember ist „Joe Moser’s Final Approach“ als DVD, Blu-ray (29,90 Euro) oder als Download (14,90 Euro) unter www.pilotseye.tv erhältlich.


FOTOS: TIMO BREIDENSTEIN

FOTOS: TIMO BREIDENSTEIN