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16 Kapitel für Eingeweihte


Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 23.01.2020

Was erfahren wir aus dem Römerbrief des Paulus über die Christen in der Metropole?


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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 1/2020

Trastevere – die Siedlung auf der anderen Seite des Flusses Tiber. Die engen Straßen waren im 1. Jh. mit mehrgeschossigen Holzhäusern bebaut.


Der Brief an die Christen in Rom ist das Schwergewicht unter den Schreiben des Apostels Paulus. Seine gesamte Theologie ist darin verdichtet, gleichsam eine Visitenkarte seiner Mission. Doch was waren das für Hausgemeinden, die mit so einem Schreiben zurechtkamen oder es sogar brauchten?

Als Paulus im Winter 55/56 nC in Korinth dem Tertius seinen Brief an die Römer diktiert, ist er an ...

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... einem Wendepunkt seiner Tätigkeit angelangt und voller Pläne für die Zukunft. Im Osten des Imperiums sieht er kein Missionsfeld mehr (Röm 15,23). Von den zahlreichen Gemeinden, die er dort in den wichtigsten Städten der römischen Provinzen gegründet hat, nimmt er an, dass sie sich selbstständig weiterentwickeln und in ihr Umland ausstrahlen. So richtet er seinen Blick jetzt nach Westen und plant mit den Visionen des Jesajabuchs im Kopf (Jes 49,6; vgl. Apg 13,47; Jes 52,15: vgl. Röm 15,21; Jes 66,18-24), „bis an das Ende der Erde“ zu reisen und in Spanien zu missionieren. Ein Einzelkämpfer wollte er nie sein. Auch dieses Mal weiß er, dass er für eine derartige Expedition Unterstützung braucht: Mitarbeiter, Know-how, finanzielle Mittel. Wie einst Antiochien für ihn und Barnabas „Basislager“ der Mission in Pisidien und Lykaonien war, so sollten nun die römischen Christen diese Funktion übernehmen.

Ob sie sich zur Mitarbeit entschließen können? Erst ganz am Ende seines langen Schreibens deutet Paulus seine Pläne an (15,24), überzeugt davon, dass eine Zusammenarbeit mit ihm größtenteils unbekannten Christen Übereinstimmung in der Sache voraussetzt. Deshalb legt er ihnen zunächst in Kapitel 1 bis 11 des Briefes sein Verständnis des Evangeliums Jesu Christi dar. Zwar haben sie schon viel von ihm vernommen – von zugewanderten Christen aus dem Osten, die teils eng mit Paulus befreundet waren, wie Priska und Aquila (16,3f) oder Maria (16,6). Aber nun sollen sie aus seinem eigenen Mund hören, was er mit der Botschaft vom Messias Jesus verbindet, damit sie sich entschließen können, Partner im zukünftigen Missionswerk zu werden. Das ist der Grund dieses gewichtigen Briefes, einer Art besonderer Visitenkarte, die ihn als Boten des Evangeliums empfehlen soll.

Ausweislich der persönlichen Grußliste 16,3-16 kennt Paulus außer Priska und Aquila auch andere in Rom Zugereiste, sodass er einigermaßen über die Situation in der Hauptstadt informiert gewesen sein dürfte. Die Mobilität bessergestellter Gemeindemitglieder ermöglichte Kommunikation über weite Entfernungen. Dafür ist ein gutes Beispiel die Briefbotin Phöbe, die wohl in eigener Angelegenheit in die Metropole reiste (16,1f). Das berechtigt uns, den Brief auf Hinweise auf die Adressaten abzuhorchen: Wenn Paulus ihnen in Kenntnis ihrer Lage schreibt, sind wir als nicht intendierte Leser gezwungen, dieses Wissen zuweilen aus seinen Zwischentönen herauszufiltern bzw. müssen wir die wenigen zutage liegenden Informationen zu einem stimmigen Bild zusammenfügen. So erschließen sich Grunddaten dieser verschwindend kleinen religiösen Minorität von Christen im Rom des Kaisers Nero (54–68 nC) in ethnischer, sozialer, religiöser und kultureller Hinsicht.

Heiden und Juden

„Euch aber, den Heiden (ethnê), sage ich“, schreibt Paulus in 11,13 (vgl. 11,25.30f; bereits 1,5), wobei das griechische Wort im jüdischen Sprachgebrauch Nichtjuden meint, Menschen aus den „nicht jüdischen Völkern“, wie die Genfer Übersetzung in Vermeidung des heute abschätzig klingenden Wortes „Heiden“ ethnê wiedergibt. Die multikulturelle Gesellschaft der Metropole Rom mit ihren vielen Zuwanderern aus Latium und ganz Italien und weit darüber hinaus – der Philosoph Seneca, Zeitgenosse des Paulus, etwa stammte aus Córdoba in Spanien – erlaubt es nicht, den paganen Hintergrund der von Paulus angesprochenen Römer einzugrenzen.


Paulus ist überzeugt davon, dass eine Zusammenarbeit mit ihm größtenteils unbekannten Christen Übereinstimmung in der Sache voraussetzt


Weil die Grußliste in Kap. 16 neben den Ehepaaren Priska und Aquila (V. 3), Andronikus und Junia (V. 7) noch weitere jüdischstämmige Christen auflistet, dürften die Adressaten nicht ausschließlich aus paganen Messiasgläubigen bestanden haben. Die Jesus-Bewegung in Rom war nicht mehr die jüdisch-messianische Gruppe innerhalb der Synagogen, als welche sie noch unter Claudius (41–54 nC) wahrgenommen wurde. Unruhen wegen eines „Chre[i]stus“ hatten den Kaiser 49 nC dazu bewogen, Juden aus Rom auszuweisen, unter ihnen Aquila und Priska, aber nicht alle Juden, die sich zum Messias Jesus bekannten (Apg 18,1-3; Sueton, Vita Claudii 25,4). Wenige Jahre danach – zur Zeit des Römerbriefes – bestimmen die jüdischstämmigen Christen nicht mehr das Erscheinungsbild dieser den Römern fremd anmutenden, inzwischen getrennt von den Synagogen lebenden Gruppierung (Tacitus, Annalen 15,44,2-4), aber es gibt noch wenige Juden in ihr.

Leute mit Bildung?

Widerspricht diesem insgesamt paganen Erscheinungsbild der Adressaten nicht 7,1, wo Paulus sie als „Leute“ anspricht, „die das Gesetz (nomos) kennen“? Er selbst versteht darunter gewiss die Tora, kann in seiner Argumentation aber auch wie in 4,15b Grundsätze heranziehen, die im Kontext sowohl jüdischer wie römischer Rechtsauffassung nachvollziehbar sind. Dass „ich nicht um die Begierde wüsste, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren“ (7,7), weiß ähnlich auch Ovid: „Wir streben immer nach dem Verbotenen und begehren das, was uns versagt ist“ (Amores 3,4.17). Die Adressaten werden durchaus Grundkenntnisse in den „heiligen Schriften“ der Juden (1,2) besessen haben, war die Jesusbewegung ihrem Ursprung und ihrem Wesen nach jüdisch und gehörten Kenntnisse der Schrift zum katechetischen Rüstzeug auch „heidenchristlicher“ Gemeinden. Wenn Paulus im Römerbrief so ausgiebig wie sonst kaum in seinen Briefen die Schrift zitiert und mit ihr argumentiert, hat dieser Umstand im Blick auf seine Adressaten auch einen Bildungswert. Nicht grundlos legte er sein Schreiben, das hohe literarische Kunstfertigkeit verrät, als eine Art „Lehrbrief“ an, der des Öfteren gelesen werden will. Ob die Adressaten den anspruchsvollen Argumentationsgängen immer folgen konnten, ist fraglich. Einen gewissen Bildungsstand bei wenigstens einigen seiner Leserinnen und Leser konnte Paulus zweifelsohne voraussetzen. Und es gab ja auch Phöbe oder seine ehemaligen Mitarbeiter wie Aquila und Priska, die ihn kommentieren konnten und dafür sorgten, dass er in Rom von „Hausgemeinde“ zu „Hausgemeinde“ weitergereicht wurde.


Wie durch ein Fenster erlaubt der Römerbrief eine Momentaufnahme der christlichen Gemeinschaften in den ersten Jahren unter Kaiser Nero in Rom


Herrschaftsfreie Hausgemeinden

Mitglieder von mindestens drei „Hausgemeinden“ lässt Paulus in Kap. 16 namentlich grüßen (V. 5: „die Gemeinde emeinde [ekkles̄ ia] in ihrem Haus“; V. 14.15). Daraus dürfen wir schließen, dass dies die Versammlungs- und Existenzform der christlichen Gemeinschaften in Rom war – entsprechend der Bedeutung des „Hauses“ (Oikos) als kleinster sozialer Einheit der antiken Polis. Nach Auskunft inschriftlicher Zeugnisse waren auch die Juden Roms in (Haus-)Synagogen mit jeweils eigener Leitung organisiert. Einige befanden sich in Trastevere, andere waren über die ganze Stadt verteilt. Dass Paulus in Kap. 16 keine Gemeindeleiter grüßen lässt, bestätigt die Annahme: Leitungsstrukturen, welche die kleinen Zellen zur Ortsgemeinde verbanden, waren noch nicht ausgebildet. Vielleicht spricht Paulus deswegen seine Adressaten im Proömium nicht als die in Rom befindliche Ekkles̄ ia/Kirche (Gottes) an, wie er das sonst zu tun pflegt (vgl. 1 Kor 1,2; 2 Kor 1,1; Gal 1,2; 1 Thess 1,1; Phlm 1,2), sondern als „die Heiligen Gottes“ (1,7). Im Übrigen ist Röm 16 mit seinen vielen Namen und biografischen Hinweisen wie ein Bilderbuch gelebten Jesusglaubens: „Es gibt nicht mehr Jude noch Grieche, Sklave noch Freier, Mann und Frau, ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Ausweislich der Grußliste, die keine Hierarchien kennt, scheint diese Maxime im herrschaftsfreien Miteinander aller Gläubigen Wirklichkeit geworden zu sein.

Liberale und konservative Strömungen

Dass die einzelnen Ekklesien erst noch zu einer Ekklesia in Rom zusammenwachsen mussten, spiegelt auch der Abschnitt 14,1-15,13 wider. Er belegt, dass es unterschiedliche Lebensstile und Konventionen gab, die nur deshalb koexistierten, weil sie in unterschiedlichen „Hausgemeinden“ gepflegt werden konnten: Die einen aßen Fleisch, die anderen waren Vegetarier (14,1.21), die einen tranken Wein, die anderen nicht (14,21), die einen unterschieden zwischen den Tagen, d. h. sie hielten den Sabbat oder das Neumondfest, die anderen nicht (14,5). Der Hintergrund ist der, dass trotz Trennung von den jüdischen Synagogen und Aufgabe der Beschneidung als conditio sine qua non der Zugehörigkeit zur Gemeinde eine Minorität von Gläubigen nach wie vor an Grundwerten der Tora, z. B. der Unterscheidung von rein und unrein, festhielt (vgl. 14,14; außerdem Apg 15,19f. 28f; 21,25) und daraus Konsequenzen zog: Sie verzichtete auf Fleisch und Wein, die als unrein galten, weil sie aus dem Opferbetrieb der Tempel auf die Märkte gelangten. Die Majorität der Gläubigen sah sich daran nicht mehr gebunden. Bei gegenseitigen Besuchen wird es zu Problemen gekommen sein: Die liberale Majorität „verachtet“ die konservative Minorität, die konservative Minorität „verurteilt“ die liberale Majorität (14,3). Paulus mahnt beide, „sich einander anzunehmen, wie auch der Messias euch angenommen hat“ (15,7; vgl. 14,1). In 14,13-23 formuliert er Regeln, wie das bei Begegnungen konkret gelingen könne.

Gottesdienstszene?

Rechts steht eine Frau in Orantenhaltung, auf dem Tisch liegen links ein Fisch und rechts ein Brot. Daher wurde das Bild oft auf die Eucharistie bezogen, was aber unsicher ist, da es aus dieser frühen Zeit nur wenige Bilder gibt. Malerei aus der Calixtuskatakombe, 3. Jh.


Die Romreise des Paulus nach Apg 27-28.


Dem Judentum verbunden

Was sich binnengemeindlich an Spannungen andeutet, scheint in gewisser Weise auch für das Außenverhältnis zu den Juden in Rom zu gelten. In 11,18 warnt Paulus seine Adressaten ausdrücklich davor, nicht „gegen“ diese sich „rühmend“ zu erheben. Seine Prophetie, dass „ganz Israel“ beim Kommen des Parusie-Christus „gerettet wird“ (11,26f), soll seine Adressaten dazu motivieren, „sich nicht selbst für klug zu halten“ (11,25). Wie es antijudaistische Tendenzen in christlichen Kreisen Roms gab, so sah sich umgekehrt Paulus dem Verdacht ausgesetzt, als „Apostel der Völker“ (11,13) könnte er Israel abgeschrieben haben. Dagegen argumentiert er kraftvoll (vgl. 3,1-4; 9-11; außerdem 1,3.16; 4,11f; 15,8). So wenig es für die Majorität der Christen in Rom einen Grund gibt, sich über die Minorität zu erheben, so wenig sollten sich die Christen überhaupt über die Juden erheben, die Nein zum Evangelium sagen. Gott bleibt auch ihnen treu (3,3f).

Ordentliche Bürger

Lässt der Brief auch etwas zum Verhältnis der Ekklesien zu ihrer städtischen Umwelt erkennen? In 13,1 mahnt Paulus: „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter!“ Zwar bewegt er sich in 13,1-7 auf Geleisen jüdischer Paränese zum rechten Verhalten gegenüber staatlichen Behörden in der Diaspora, bindet aber die Weisung, die im Kontext etwas überraschend kommt, am Ende in die briefliche Situation ein: „Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, Steuer, wem ihr Steuer schuldet, Zoll, wem ihr Zoll schuldet, Furcht, wem ihr Furcht schuldet, Ehre, wem ihr Ehre schuldet!“ (V. 7). Wie erklärt sich nach allem Grundsätzlichen zur Frage staatlicher Autorität (13,1-5) diese Zuspitzung aufs Konkrete (vgl. bereits V. 6)? Warum fordert Paulus seine Adressaten gerade jetzt dazu auf, Steuern und Zölle, also direkte und indirekte Abgaben, den Behörden zu entrichten? Aus Tacitus (Annalen 13,50f) wissen wir, dass zu Beginn der Herrschaft des Nero (54 nC) die Bevölkerung Roms über zu hohe Steuern stöhnte und Beschwerde bei den Behörden einlegte. Steuerpächter, Zwischeninstanzen also, wussten sich durch Willkürakte an den Leuten erpresserisch zu bereichern. Der Kaiser reagierte im Jahr 56, als er mit seiner Gesetzgebung wenigstens Missständen entgegentrat. Es ist die Zeit des Römerbriefs, und wir können uns gut vorstellen, wie Kleinunternehmer wie Aquila und Priska unter den Umständen litten. Ohne schon zu wissen, wie prekär die Situation der römischen Gemeinde wenige Jahre später noch unter Nero werden sollte, mahnt Paulus zur Klugheit im Umgang mit den Behörden, um ja nichts zu riskieren.

Wie durch ein Fenster erlaubt uns der Römerbrief des Paulus eine Momentaufnahme der christlichen Gemeinschaften in den ersten Jahren unter Kaiser Nero in Rom. Die Befunde zu sammeln lohnt sich: Sie ermöglichen es, diese großartige Epistel des Apostels mit ihren teils schwierigen theologischen Argumentationsgängen ein wenig zu „erden“ und so begreiflicher zu machen.

@@Prof. em. Dr. Michael Theobald war Professor für Neues Testament an der Universität Tübingen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört das Johannesevangelium sowie die neutestamentliche Briefliteratur.


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