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1955er Chevrolet Custom Car “Aztec”: THE AZTEC


Chrom & Flammen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 08.01.2020

1955er Chevrolet Custom Car von Barris Kustom


Die späten 1950er Jahre waren eine aufregende Zeit in der Geschichte der Custom Cars. Als der Hot Rod und der Custom Craze die USA eroberten, wurden Customizer zu Superstars. Es war die Ära des Show Cars, und nur wenige haben die Kreativität und Opulenz dieser Zeit eingefangen wie Bill Carrs Aztec auf Basis eines 1955er Chevrolet. Mit seiner radikal veränderten Karosserie, den vielen Chromteilen und dem Candy-Lack war er ein echter Showstopper.

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Bildquelle: Chrom & Flammen, Ausgabe 2/2020

Die Geschichte dieses Show Cars ist wild: Der Aztec wurde mit Preisen ausgezeichnet und schaffte es mit Berichten in ...

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... etliche Magazine. Doch dann wurde er von der US-Regierung beschlagnahmt und vor einer Werkstatt in New Jersey zurückgelassen. Und gerade, als es so aussah, als wäre das Fahrzeug den Verwüstungen der Zeit zum Opfer gefallen, wurde es von dem bekannten Custom-Fan Barry Mazza gerettet und sorgfältig restauriert. Im Januar 2020 wird es wieder den Besitzer wechseln, wenn es bei RM Sotheby‘s in Kissimmee, Florida (USA) versteigert wird.

Alles begann 1955, als der 26-jährige Bill Carr aus Huntington, West Virginia (USA), ins sonnige Südkalifornien zog. Sein Vater war ein erfahrener Mechaniker und Karosseriebauer. Als er im Westen landete, ging er direkt zur Quelle der wilden Custom Cars, über die er zu Hause gelesen hatte: Barris Kustom in Lynwood. Bill und George Barris wurden schnell Freunde. Etwa zur gleichen Zeit kaufte Bill ein brandneues 1955er Chevrolet Bel Air Cabriolet, das er umgehend anpasste und abends – nach seinem Job als Versicherungsvertreter – bei Barris Kustom bearbeitete. Wie er es an der Seite seines Vaters erlernt hatte, entfernte er die Embleme und Verzierungen von Motorhaube und Kofferraum und ließ auch die Seitenzierleisten verschwinden, wobei er jedes Loch sorgfältig schloss. Dann legte er mit Hilfe von Georges Bruder Sam Barris das Fahrwerk des Chevrolet tiefer, fügte Lufteinlässe über den Scheinwerfern hinzu, packte Packard-Rücklichter an das Heck und baute Fender Skirts sowie 1956er Ford-Seitenteile ein.

Mit der Zeit verwandelte sich der Chevy in einen scharfen Cruiser. Doch George Barris hatte die Vision einer weit radikaleren Version des Autos, die die Custom-Welt auf die Probe stellen würde. Mit Georges Skizzen bewaffnet, ersuchte Bill Carr die Hilfe eines gemeinsamen Freundes mit einem sehr ähnlichen Namen: Bill DeCarr.

Barry Mazza tauschte den 265-ci-V8 und die zweistufige Powerglide-Automatik gegen einen modernen 350-ci-Crate-Engine-V8 mit TH-700R4-Automatik.


Basis für das Custom Car ist ein 1955er Chevrolet Bel Air Cabriolet.


DeCarr war selbst ein Meister im Metallhandwerk und Schlosser im nahegelegenen Ford-Werk, seit Jahren werkelte er nach Feierabend bei Barris Kustom. Als DeCarr noch ein Teenager war, hatte er einen Großteil der Arbeiten an dem legendären Golden Sahara (siehe CHROM & FLAMMEN 5/19) geleistet.

Mittlerweile waren die 1957er Modelle auf den Straßen, was bedeutete, dass die Jungs eine ganze Reihe neuer Teile für das Projekt zur Verfügung hatten. Schließlich entstand das Customizing aus dem Wunsch heraus, sowohl das Erscheinungsbild zu aktualisieren als auch die Identität des Fahrzeugs zu verdecken. Die vorderen Kotflügel des Chevrolet wurden modifiziert, um Quad- Scheinwerfer (zwei auf jeder Seite) von einem 1957er Mercury Turnpike Cruiser aufzunehmen. Die Motorhaube wurde abgeflacht und der Kühlergrill unter Verwendung von Grilleinsätzen eines 1953er Studebakers neu geformt – ein Trick, der bei dem berühmten 1955er Chevrolet Pickup “Kopper Kart” von Barris und später beim “Rod & Custom” Dream Truck angewendet wurde. Der Kofferraumdeckel wurde ebenfalls flacher gestaltet, und auch hier kamen wieder Studebaker-Grilleinsätze zum Einsatz. In die Öffnungen hielten Streckmetallgitter Einzug, weiterhin wurden die mit Teilen von 1957er DeSoto, 1957er Olds und 1949er Chevrolet modifizierten Stoßstangen verbaut.

Ein weiteres Highlight sind die modifizierten Studebaker- Heckflossen mit Rücklichtgläsern, welche von Bob Hirohata – dem Besitzer des berühmten 1951er Hirohata- Mercury-Custom – handgefertigt wurden. Sam Barris mischte sich ebenfalls in das Projekt ein und kürzte die Windschutzscheibe um ungefähr 3,5 Zoll in der Höhe, bevor der renommierte Carson Top Shop das zweiteilige Abhebe-Verdeck im “DeVille-Stil” formte. Bob Houser vom Carson Top Shop zeichnete auch für die Polsterung mit Naugahyde- und Frieze-Stoff verantwortlich. Nachdem der bekannte Farbkünstler Junior Conway die Karosserie vorbereitet hatte, konnte George Barris die Candy-Tangerine-Farbe auftragen, welche durch das von Dean Jeffries aufgetragene Pinstriping ergänzt wurde. Barris brachte das Auto im Dezember 1957 für sein großes Debüt zur Autorama nach Portland, Oregon. An der Seite von Barris “Kopper Kart” und Jane Mansfields Lincoln Mark setzte das Auto die Custom-Welt in Flammen. Barris und Carr machten sich dann mit den Aztec auf den Weg, reisten im ganzen Land hin und her, gewannen Auszeichnungen und eine Menge Aufmerksamkeit durch Berichterstattung in Zeitschriften.

Bis 1961 hatte Bill Carr seinen Spaß mit seinem radikalen Custom – dann entschied er, dass es Zeit für ein neues Auto war. Und als ob der erste Teil des Lebens des Aztec nicht sensationell genug gewesen wäre, spielten sich die nächsten Jahre wie ein Film ab. Wie die Geschichte erzählt, hatte ein Gentleman aus Arizona das nötige Kleingeld, um sowohl den Aztec als auch einen Porsche des Pinstripers Dean Jeffries zu kaufen. Doch dieser Gentleman finanzierte – natürlich ohne das Wissen der Verkäufer – seine Einkäufe, indem er Banken im Osten ausraubte. Es dauerte nicht lange, bis er festgenommen und der Aztec beschlagnahmt und schließlich versteigert wurde. Einige Zeit später entdeckte ein anderer Hot Rodder den Aztec bei einem Gebrauchtwagen-Händler in Arizona. Er schoss ein Foto und reichte es bei der Redaktion des “Rod & Custom”-Magazins ein, die es veröffentlichte – was wiederum dem Kundenbetreuer Sunny Daout aus Virginia auffiel. Daout schickte einen Fahrer nach Arizona, der den Wagen kaufen und nach Hause fahren sollte. Doch nachdem der Deal abgeschlossen war, konnte der junge Mann anscheinend der Versuchung nicht widerstehen, seine Zeit am Steuer des berühmten Customs ein wenig länger als geplant zu genießen, und er verbrachte ein paar zusätzliche Wochen damit, durch die Landschaft zu cruisen, bevor er mit dem Chevrolet zu dem besorgten Daout nach Virginia zurückkehrte.

Noch vor Ende des Jahrzehnts wechselte der Aztec zwei weitere Male den Besitzer und wurde dabei von seinen späteren Besitzern immer weiter modifiziert. Daout baute ein neues Paar Motorhauben-Scoops ein, bevor er das Fahrzeug an den Drag-Racing- und Car-Show-Veranstalter Bill Holtz aus Pennsylvania verkaufte, der die Sitze mit Alligator- Haut neu bezog und das Auto in Knallrot lackierte. Dann, im Jahr 1967, brachte Holtz den Aztec zu einer Automobilausstellung in Cleveland, Ohio, wo er ihn an Walt Trappe verkaufte – einen Tankstellenbesitzer aus Verona, New Jersey. In Trappes Besitz sollte das Auto dann auch 24 Jahre verbleiben. Gleichzeitig begann Barry Mazzas Engagement rund um den Aztec. Mazza ist ein echter Fan von Custom Cars und Gründer des New Jersey Kustom Knights Car Clubs. Er hat zahlreiche Customs gebaut und besessen, aber keiner war berühmter als der Aztec. Jahrelang versuchte er vergeblich, ihn Walt Trappe abzukaufen. Irgendwann brachte Trappe den Chevrolet zur vollständigen Restaurierung zu einem Karosseriebauer in Netcong, New Jersey – eine Entscheidung, die fast fatal geendet hätte. Die Arbeiten erfolgten sporadisch, die verchromten Teile wurden zu einem anderen Shop geschickt, um sie erneut zu beschichten. Das Interieur wurde im Haus des Autolackierers verstaut, die Karosserie abgeschliffen und mit einer einzigen Schicht Grundierung besprüht. Irgendwann war Trappe reichlich frustriert und kaum noch an dem Projekt interessiert. In der Folge stand das Auto das ganze Jahr über draußen, so dass die harten Winter in New Jersey ihren Tribut forderten.

Barry Mazza belebte den Aztec und seinen Mythos.


Teile wurden gestohlen, der Innenraum ging verloren, als sich der Werkstattbesitzer scheiden ließ, und in einer bizarren Wendung wurde das Auto erneut von der Regierung beschlagnahmt, weil der Werkstattbesitzer in illegale Angelegenheiten verwickelt und festgenommen wurde.

Als Walt Trappe endlich seinen einst berühmten Custom zurückholte, wickelte er ihn in Plastik ein und verstaute ihn in seiner Garage. Dort stand der Aztec jahrelang, bis Barry Mazza Trappe schließlich 1991 überzeugen konnte, zu verkaufen. Mazza hatte sein Vorhaben beinahe schon aufgegeben und zwischenzeitlich begonnen, Teile zu sammeln, um eine anspruchsvolle Nachbildung des legendären Show Cars zu bauen. Als das unvollständige Original in seiner Garage landete, verschafften ihm alle Komponenten, die er gesammelt hatte, einen echten Vorteil bei der Restaurierung. Trotzdem war es eine Herkulesaufgabe. Zu diesem Zeitpunkt lebte Mazza noch in New Jersey und war für dieses Projekt eine Partnerschaft mit dem Autolackiererei-Besitzer Bob Nitti eingegangen. Nitti ersetzte Böden, hintere Seitenteile und Schweller, zusammen installierten sie neue Türen und fertigten die Fender Skirts von Hand an. Nitti begann außerdem mit den restlichen Custom-Arbeiten, die DeCarr und Carr ursprünglich vor 60 Jahren abgeschlossen hatten.

Bis 1994 war die Karosserie so weit, dass Barry sie mit einer Grundierung für einen Auftritt auf der Lead East Custom Car Show in Parsippany, New Jersey, versehen konnte. Dann, 1995, zog er nach Fort Pierce, Florida, um, wo die Restaurierung abgeschlossen werde sollte. Das gesamte Fahrwerk wurde wiederhergestellt, und ein 350-ci-Chevrolet-Crate Engine sowie ein TH-700R4-Automatikgetriebe ersetzten den 265-ci-Chevrolet und die Powerglide. Barry installierte auch eine Servolenkung, um das Fahren zu erleichtern. Unzählige Stunden verschlangen die Aufbereitung der Karosserie und die Korrektur der Aspekte, die sich seit der Blütezeit des Autos geändert hatten.

Bob Houser vom renommierten Carson Top Shop formte das zweiteilige Abhebe- Verdeck im “DeVille-Stil“.


Das Interieur wurde originalgetreu in “Copper Frieze” und “White” ausgeführt.


Das Armaturenbrett verrät am ehesten den 1955er Chevrolet als Basis.


Da sich die Motorhaube in einem grauenhaften Zustand befand und bereits in den 1960er Jahren von Sonny Daout modifiziert worden war, besorgte Barry zwei Ersatzteile, die er und der Metallbauer Rod Crouview modifizierten.

Glücklicherweise war das Auto in den zahlreichen Zeitschriften- Berichten so gut dokumentiert worden, dass alle fehlenden Teile von Hand gefertigt werden konnten. Aber es war nicht einfach, und Mazzas unermüdlicher Wille zur Genauigkeit führte zur langwierigen Suche nach Originalteilen wie Fensterhebern, den richtigen Bezugsstoffen und den geriffelten Aluminium-Seitenverkleidungen. Das Wiederherstellen der Rücklichter erforderte eine weitere Schnitzeljagd. Von den roten Rücklichtlinsen waren nur zerbrochene Plastikspäne übrig, doch Barry konnte die Stücke von einem Kunststoffladen in New Jersey analysieren und abgleichen lassen. Anschließend konnte er mit dem neuen Material Hirohatas Originale sorgfältig nachbilden.

Während der Restaurierung entdeckte Mazza auch winzige Reste der ursprünglichen Candy-Farbe im Handschuhfach und den Innenkotflügeln. Sie wurden sorgfältig abgekratzt und ins Labor von House of Kolor geschickt, wo sie ausgewertet und genau aufeinander abgestimmt wurden. Die maßgefertigte “Honey Gold Candy”-Farbe und die kontrastierenden Scallops wurden von Dale Warrington aufgetragen, und Sunny Ackerman fügte Pinstripings hinzu, die zum ursprünglichen Design von Dean Jeffries passten. Der letzte Schliff waren die originalen Wappen von Barris Kustom, die von Terry Cook, einem Kenner des Custom Cars, geliefert wurden. Sie befinden sich in den vorderen Ecken der Seitenverkleidung, genau wie bei der Fertigstellung des Aztec.

Seit seiner Restaurierung ist der Aztec auf zahlreichen Ausstellungen zu sehen – darunter die historische Ausstellung “Customs: Then and Now” bei der Grand National Roadster Show in Pomona, Kalifornien. Seine Bedeutung in der Geschichte des Customizings ist nicht zu unterschätzen, da er zusammen mit anderen wie dem “Kopper Kart” und dem “Golden Sahara” die radikale Show-Car-Ära definierte, die die Kultur in den späten 1950ern und frühen 1960ern beherrschte. Und es ist ein Beweis für das handwerkliche Können und den Stil der Kunden, die es erstellt haben – sowie derer, die es restauriert haben.

Barris‘ Unterschrift auf dem Seitenfenster.


Fotos: David Newhardt, Mecum Auctions

Mehr Bilder und Infos findet Ihr auf www.AmeriCar.de


1955er Chevrolet “Aztec”

Motor: OHV-V8, 350 ci, 5.735 ccm, Vierfach-Vergaser, Chrom-Ventildeckel, Chrom-Luftfilter, Eigenbau-Auspuffanlage

Kraftübertragung: Vierstufen-Automatikgetriebe (TH-700R4), Heckantrieb

Vorderachse: Einzelradaufhängung, Schraubenfedern, Öldruckdämpfer, Stabilisator, Trommelbremsen

Hinterachse: Starrachse, Blattfedern, Öldruckdämpfer, Trommelbremsen

Räder: 14”-Stahlfelgen mit Radkappe und Kingston-Cushion-Air-Weißwandreifen

Sonstiges: Custom-Aufbau, zweiteiliges Carson Top, hintere Kotflügel um 18” verlängert, Custom-Heckflossen vom Studebaker Hawk, Eigenbau-Rücklichter, modifizierte 1957er DeSoto-Stoßstangen, Custom-Grill mit 1953er Studebaker-Einsätzen, 1957er Mercury- Turnpike-Cruiser-Scheinwerfern, Eigenbau-Fender Skirts, Interieur in “Copper Frieze” und “White”, “Honey Gold Candy” von House of Kolor, Pinstriping von Sunny Ackerman/Sonny’s Styling Studio