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2-€-Sondermünze 2020: „50 Jahre Kniefall von Warschau“


Münzen Revue - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 18.12.2019

Auszug aus dem Protokoll des Einladungswettbewerbs


Das Bundesverwaltungsamt, der Beauftragte für das Münzwesen, führte im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen einen einstufigen Einladungswettbewerb für die künstlerische Gestaltung einer 2-Euro-Sondermünze „50 Jahre Kniefall von Warschau“ für das Jahr 2020 durch, zu dem 4 Künstler Wettbewerbsarbeiten einreichten. Am 16. September 2019 entschied eine siebenköpfige Jury im BVA-Kunstdepot den Wettbewerb.

Einführung in das Thema
Als erster Bundeskanzler besucht Willy Brandt Anfang Dezember 1970 zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags Polen. In diesem ...

Artikelbild für den Artikel "2-€-Sondermünze 2020: „50 Jahre Kniefall von Warschau“" aus der Ausgabe 1/2020 von Münzen Revue. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Münzen Revue, Ausgabe 1/2020

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Einführung in das Thema
Als erster Bundeskanzler besucht Willy Brandt Anfang Dezember 1970 zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags Polen. In diesem Kontext finden am Morgen des 7. Dezember zwei Kranzniederlegungen statt. Zur ersten Kranzniederlegung begibt sich Willy Brandt – auf Wunsch der polnischen Regierung – an das Mahnmal des unbekannten Soldaten. Im Anschluss fährt die deutsche Delegation zum Ort des ehemaligen Warschauer Ghettos – dies auch auf speziellen Wunsch von Willy Brandt. Um 10.30 Uhr trifft Willy Brandt auf dem Platz vor dem Denkmal, das an den Aufstand der polnischen Juden im Warschauer Ghetto 1943 erinnert, ein. Ein militärischer Doppelposten steht links und rechts neben dem vorbereiteten Kranz mit Gedenkschleife. Brandt geht in Anwesenheit von etwa 300 bis 400 Warschauer Bürgern und Journalisten – wie bei solchem Zeremoniell üblich – auf den Kranz zu und ordnete die Schleife. Doch dann weicht Brandt vom üblichen Zeremoniell ab. Vor dem Kranz fällt er auf die Knie und verharrt in dieser Demutsgeste für etwa eine halbe Minute. Dieses Bild vom Warschauer Kniefall geht von der Presse aufgegriffen um die Welt.

Bronzetafel am Denkmal des Kniefalls. Quelle Wikipedia,


Der politische Kontext
Willy Brandts Kanzlerschaft war von zwei großen Themen geprägt: Im Bereich der Innenpolitik „Mehr Demokratie wagen“ und im Bereich der Außenpolitik die Entwicklung einer „neuen Ostpolitik“. Die „neue Ostpolitik“ der sozial-liberalen Regierung war ein Beitrag zur Entspannungspolitik, die seit Ende der 1960er Jahre das Verhältnis der beiden Blöcke in Ost und West auf eine neue Basis stellen sollte. Verträge der Bundesrepublik mit der Sowjetunion im August 1970 und im Anschluss mit Polen und der CSSR sowie mit der DDR im Grundlagenvertrag waren wichtige Stationen der westdeutschen Entspannungspolitik. Beim Vertrag mit Warschau standen daher Fragen im Mittelpunkt: Die Unverletzlichkeit der Oder-Neiße-Grenze, die Aussiedlung von den in Polen verbliebenen Deutschen und die Wiedergutmachung für NS-Verbrechen. Vor diesem Hintergrund kam dem Kniefall in Warschau eine hohe symbolische Bedeutung zu.

Symbolik und Ikonisierung
Willy Brandt hat rückblickend in seinen 1989 erschienenen Erinnerungen seine Geste beschrieben: „Meine engen Mitarbeiter waren nicht weniger überrascht als jene Reporter und Fotografen, die neben standen, und als jene die der Szene ferngeblieben waren, weil sie „Neues“ nicht erwarteten. […] Ich hatte nichts geplant, aber Schloß Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten, tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“ (Willy Brandt, Erinnerungen, Frankfurt am Main 1989, S. 214).

Viele Fotografen halten das Bild fest. Die größte zeitgenössische Resonanz findet das Foto von Sven Simon (Pseudonym für Axel Springer Junior). Es zeigt den knienden Kanzler in Demutshaltung vor dem Kranz mit Schleife. Das „Denkmal der Helden des Ghettos“ – 1947/48 geschaffen von Nathan Rapaport in Zusammenarbeit mit Leon Marek Suzin – ist links nur angeschnitten zu erkennen. Im Hintergrund zu sehen ist ein gewehrpräsentierender Wachsoldat und Dutzende von Journalisten vor einer Häuserzeile.

Der Kniefall erfährt zunächst in der deutschen Öffentlichkeit eine geteilte Reaktion. In einer Umfrage bezeichnen 48 Prozent der Beteiligten die Geste als „übertrieben“, 41 Prozent „angemessen“. Die eine Seite sieht den Kniefall als Geste der Versöhnung und Anerkennung für die nationalsozialistischen Verbrechen. Für Andere ist es ein Zeichen der Preisgabe deutscher Interessen.

Die Ikonisierung des Bildes setzt umgehend ein. Beispielhaft sei der Beitrag von Hermann Schreiber im „SPIEGEL“ vom 14. Dezember 1970 genannt: „Da wo er kniet, war Hölle. Hier war das Warschauer Ghetto. […] Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. […] Dann kniet er da für Deutschland.“ Und selbst die BILD-Zeitung veröffentlicht das Foto auf der Titelseite der Ausgabe vom 8. Dezember 1970. Das Bild vom Kniefall ist inzwischen millionenfach in allen Medien verbreitet und Teil des kollektiven Gedächtnisses zumindest der deutschen Gesellschaft geworden. Neben der politischen Bedeutung wohnt dem Bild eine visuelle Macht inne. Es knüpft in seiner Ikonografie an religiöse Bildsprache an. Christoph Schneider beschreibt es als „Imitatio Christi“. (Christoph Schneider, Der Kniefall von Warschau – spontane Geste – bewusste Inszenierung, in: Gerhard Paul [Hrsg.]: Das Jahrhundert der Bilder, Bd. 2 1949 bis heute, Bonn 2008, S. 414). Verstellt wird diese Ästhetik dadurch, dass der Kniefall nicht als Inszenierung, sondern als authentische Handlung wahrgenommen und transportiert wird.

„Der Kniefall ist ein fotografisch fixierter und dann zur Ikone gewordener Augenblick der Geschichte“ (Schneider, a.a.O., S. 417). Moralisches Bekenntnis, quasi-religiöse Ästhetik und Geschichte gehen in diesem Bild eine Verbindung ein. Das Bild ist fest im kollektiven Gedächtnis verankert; es ist präsent in Schulbüchern, Illus - trierten Geschichtsbüchern, Dokumentarfilmen, Ausstellungen und in digitalen Medienprodukten zum Thema.

1. Preis: Bodo Broschat, Berlin


Nachrücker: Bodo Broschat, Berlin


Olga Goloshchapova, München


Karin Heimberg, Düsseldorf


1. Preis: Bodo Broschat, Berlin
Die 2-Euro-Münze würdigt den 50. Jahrestag des Kniefalls von Willy Brandt in Warschau.

Das Bildmotiv ist Teil des kollektiven Gedächtnisses unserer Gesellschaft. Gezeigt wird der Moment des Kniefalls des Bundeskanzlers als Demutsgeste vor dem Ghetto-Ehrenmal. Die Komposition stellt den Bezug zum Ghetto-Aufstand 1943 auf eindrucksvolle Weise dar. Der Entwurf ist in äußerst feiner Relieftechnik gearbeitet und greift starke Symbole auf: den siebenarmigen Leuchter, die Ghetto-Opfer und den Kniefall. In den Worten von Willy Brandt: „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“ (Willy Brandt: Erinnerungen. Frankfurt am Main 1989, S. 214)

Nachrücker: Bodo Broschat, Berlin
Der Entwurf überrascht durch seine treffende Interpretation der historischen Szene des Kniefalls von Willy Brandt vor dem Ghetto-Ehrenmal in Warschau. Dem Verfasser gelingt es gut, die Geste als Ausdruck der Demut und Anteilnahme zu zeigen. Die Figuren des Denkmals wie auch die Person von Willy Brandt sind sehr fein modelliert.

Insgesamt würdigt die Jury die Komposition als eine klare und dem Anlass angemessene Bildseite der 2-Euro-Münze.

Empfehlung des Preisgerichtes Das Preisgericht empfiehlt einstimmig den 1. Preis (Bodo Broschat, Berlin) zur Ausführung.

Weitere eingereichte Entwürfe Olga Goloshchapova, München Karin Heimberg, Düsseldorf


Autor Szczebrzeszynski