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20 Monster Alben der 70er


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 28.02.2019

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Freiheit, elektrisch

VON BIRGIT FUSS

ALBERT HAMMOND„The Free Electric Band“


ES KLINGT WIE EIN TRAUM, UND DIE SCHWELGE rische Melodie dazu hat 1972 viele aufs Glatteis geführt: „It Never Rains In Southern California“, sang der schwarzgelockte Träumer, und sofort saß man im Sehnsuchtszug an die Westküste. Fast hätte man die letzte Zeile im Chorus überhört: „It pours, man, it pours.“ Diese Pointe fasst die Karriere des Albert Hammond ganz gut zusammen. Der Amerikaner, 1944 in Gibraltar geboren, hat etliche Welthits geschrieben, aber das wissen erstaunlich wenige Menschen. Starships „Nothing’s Gonna Stop Us Now“, Whitney Houstons „One Moment In Time“, „Don’t Turn Around“ für Tina Turner, am bekanntesten wohl in der Version von Ace Of Base: alles Hammond-Kompositionen.

Sein Debüt,„It Never Rains In Southern California“ , enthielt neben dem Hit auch noch „The Air That I Breathe“, beide mit Mike Hazlewood geschrieben, den Hammond dann auch fürs zweite Album verpflichtete. Das Arrangieren und Produzieren übernahm er bei„The Free Electric Band“ (1973) selbst. Vor wuchtiger Instrumentierung und hier und da etwas Kitsch hatte Hammond nie Angst, es drängte ihn schon ins Radio, und er wusste, dass sich seine unwiderstehlichen Schmeicheleien dafür eignen. Im Kern sind es dennoch Folksongs, die von verschiedenen Varianten der Liebe erzählen, gern in Naturmetaphern oder mit kleinen Alltagsbeobachtungen. In „The Peacemaker“ bittet er nur um ein bisschen Ruhe: Schließ die Tür, aber schlag sie nicht zu. Am Ende ist ihm die Versöhnung wichtiger als das Rechthaben. Er feiert die „Woman Of The World“, er will in „Everything I Want To Do“ nur mit seiner Frau zusammen sein, hat bei „Who’s For Lunch Today?“ sogar noch für die egoistischsten Menschen Verständnis. Und so friedlich sind die meisten seiner Stücke – im Notfall kann man ja immer noch abhauen und die Freiheit genießen: „I Think I’ll Go That Way“.

Im allerbesten unter den vielen guten Songs wagt er die Rebellion: „The Free Electric Band“ feiert den Ausbruch aus den engen Familienverhältnissen, sie meinen es gut mit ihm, doch der missratene Sohn kann ihren Wünschen leider nicht entsprechen: „They used to sit and speculate upon their son’s career/ A lawyer or a doctor or a civil engineer/ Just give me bread and water, put a guitar in my hand/ ’Cos all I need is music and The Free Electric Band.“ Mit welcher Kraft und Unbedingtheit er die Musik feiert und die Lebenslust: Da geht einem auch beim 300. Hören das Herz auf.

BARCLAY JAMES HARVEST„Gone To Earth“

Das achte Studioalbum der Briten wurde 1977 veröffentlicht, aber noch zehn Jahre später lief – zumindest in der bayrischen Provinz – bei jeder Schülerparty irgendwann, wenn alle zu viel Bier getrunken hatten und AC/DC oder Queen nicht mehr auszuhalten waren, „Hymn“ von Barclay James Harvest. John Lees hatte es als Trauerstück für all die drogentoten Kollegen (Jimi, Janis) geschrieben, aber geschätzte 95 Prozent dachten doch, dass es irgendwas mit Gott zu tun hat. Waren BJH mehr als die „Poor Man’s Moody Blues“, wie Lees sie ein paar Songs später selbst ironisch nannte? Jedenfalls sangen sie so sanft von Geistern und Aussätzigen, von Seelen und sieben Seen, dass selbst die Härtesten bei „Don’t try to fly, you know, you might not come down …“ weich wurden. Zum Dank war das Album 197 Wochen in den deutschen Charts.

BOSTON„Boston“

Auch hier bleibt vor allem ein Song: „More Than A Feeling“ stellt alles aus, was Boston je nach Geschmack so mitreißend oder so nervtötend macht. Tom Scholz gibt alles an Keyboard und Gitarre und praktisch jedem anderen Instrument, Brad Delp schwelgt dazu in höchsten Tönen. So klassisch klang Classic Rock gar nicht oft – Scholz hatte seine Jugend mit Beethoven und Mozart verbracht und am MIT studiert, das Studio ist sein natürlicher Lebensraum. Alles auf diesem Debüt ist perfekt balanciert, ausformuliert und blank poliert – und dann erlauben sie sich in „Rock & Roll Band“ einfach einen Quatscl-uefrain wie „Love and music, play, play, play, yeah, yeah, yeah.“ Damals war „Boston“ das bestverkaufte Debütalbum einer Band in den USA, erst elf Jahre später, 1987, wurde es von Guns N’Roses mit„Appetite For Destruction“ überholt.

HEART„Little Queen“

Es bleibt eine Gemeinheit, dass Ann und Nancy Wilson – zumindest in Deutschland – niemals so viel Anerkennung bekamen, wie sie verdient hätten. Die US-Schwestern hatten mit dem Debüt ihrer Band Heart,„Dreamboat Annie“ , schon vielversprechend begonnen, aber erst 1977 auf ihrem zweiten Album,„Little Queen“ , die Formel gefunden, mit der sie mindestens bis 1990 immer wieder fantastische Hardrocksongs raushauten: zwei starke Stimmen, schneidende Gitarren, bisschen zartes Plingpling zwischendurch, aber insgesamt wenig Kompromisse, vor allem nicht beim Chorus, immer auf die Zwölf. Möglich, dass das manchem Zuhörer Angst gemacht hat. Wenn Ann Wilson im Hit „Barracuda“ fragt: „You’d have me down, down, down on my knees/ Wouldn’t you, Barracuda?“, glaubt man jedenfalls keine Sekunde, dass das jemals gelingen könnte.

Stratosphären -Pop

VON MAIK BRÜGGEMEYER

ELO„Discovery“


AUF DEM NAMENLOSEN DEBÜT DES AUS DER psychedelischen Popband The Move hervorgegangenen Electric Light Orchestra von 1971 war Roy Wood zwar der Großkünstler, doch sein Songwriterkollege Jeff Lynne war eindeutig das Pop-Genie. Und nach Woods baldigem Ausstieg drehte er das überkandidelte Konzept der Band – die Vermählung von Klassik-Elementen und Popmusik – vom Kopf auf die Füße und landete mit seinen von klassischem Rock’n’Roll, Boogie Woogie, Roy Orbison und den Beatles inspirierten Songs weit oben in den Charts. Das Doppelalbum„Out Of The Blue“ mit der Single „Mr. Blue Sky“ schoss die Band schließlich 1977 in neue Sphären, doch sein wahres Meisterstück ist der Disco-inspirierte Nachfolger,„Discovery“ (der Titel ein Wortspiel mit der Musik der Zeit:Disco, very ).

Wie während der Aufnahmen zu den beiden Vorgängern in den von Giorgio Moroder gegründeten Münchner Musiclanl-utudios bekam Lynne nicht viel mit vom so legendären Nachtleben der Stadt, das etwa die Rolling Stones und später Freddie Mercury so ausgiebig und exzessiv zelebrierten. Der so gar nicht dionysische Kontrollfreak, Pop-Nerd und Perfektionist gönnte sich nur ab und zu eine Maß im Augustiner-Biergarten und werkelte ansonsten allein oder mit dem Keyboarder Richard Tandy, dem Schlagzeuger Bev Bevan und dem Bassisten Kelly Groucutt im Studio bis spät in die Nacht an den vielen, vielen Spuren mit Synthesizern, Streichern und teilweise Vocoder-verfremdeten Stimmen, aus denen sich seine Tracks zusammensetzten.

Auf dem fertigen Album folgt Hit auf Hit: Das auf Disco-Beat und 40 Streichern reitende „Shine A Little Love“ macht den Anfang, es folgten der irre Synth-Pop „Confusion“; das beatleske, von Orson Welles’ „Citizen Kane“ inspirierte „The Diary Of Horace Wimp“ ist nicht fern, und am Ende steht natürlich das mächtige „Don’t Bring Me Down“ (mit dem deutschen „Gruß“ im Refrain), das Lynne erst im Studio schrieb, weil ernoch einen Hit wollte (es wurde dann sogar sein größter).

Noch besser sind allerdings der schönste nicht von George Harrison komponierte George-Harrison-Song, „Need Her Love“, das Orbison’sche „Midnight Blue“ und natürlich das groovende und schwelgende „Last Train To London“: „I really should have gone, but love went on and on …“ Auch heute noch ein Album zum Verlieben.

10CC„The Original Soundtrack“

Sie nannten sich nach der durchschnittlichen Menge männlichen Samens bei einer Ejakulation, und manche behaupten, ihre Alben klängen wie die Masturbationsfantasien von vier ein wenig perversen Pol-uerds. Zwei von ihnen, Eric Stewart und Graham Gouldman, waren Klassizisten (Gouldman schrieb „Bus Stop“ für die Hollies und „No Milk Today“ für Herman’s Hermits), die anderen beiden, Kevin Godley und Lol Creme, verquere Eigentümler. Zusammen machten sie die größte Schlaumeiermusik der Siebziger. Ihr drittes Album,„The Original Soundtrack“ , brachte ihnen auch in den USA den Durchbruch. Die Mini-Oper „Une Nuit A Paris …“ dürfte Queen zu „Bohemian Rhapsody“ inspiriert haben, „I’m Not In Love“, eine Schnulze ohne Liebe, wurde zum Hit, wie auch der Song, der das Konzept von 10cc auf den Punkt bringt: „Life Is A Minestrone“.

THE DOOBIE BROTHERS„Minute By Minute“

In der ersten Hälfte der Siebziger waren die kalifornischen Doobie Brothers so eine Art weich gespülte Little Feat – eine wunderbar süffige hippieske Boogie-Band. Nach dem Ausstieg von Sänger und Songwriter Tommy Johnston entwickelten sie sich zu einer unverschämt einschmeichelnden und eleganten Pop-Soul-Band.„Minute By Minute“ von 1978 ist die künstlerische und kommerzielle Sternstunde dieser zweiten Phase. Johnston-Ersatz Michael McDonald schmachtet und gibt an den Tasten den Groove vor, Ex-Steely-Dan-Gitarrist Jeff „Skunk“ Baxter hat das Nachsehen und steigt wenig später aus. Den unwiderstehlichen Hit „What A Fool Believes“, der die Doobie Brothers an die Spitze der amerikanischen Charts katapultierte und ihnen einen Grammy einbrachte, schrieb McDonald mit Kenny Loggins.

RUPERT HOLMES„Partners In Crime“

Bevor Rupert Holmes den einen Song schrieb, den wir alle kennen, komponierte er für das One-Hil-uonder The Buoys ein Lied über das nicht chartsverdächtige Thema Kannibalismus mit dem Titel „Timothy“ und Songs für die Partridge Family, Gene Pitney, Dolly Parton. Auf seinem Debüt,„Widescreen“ (1974), hört man seine Liebe zu Harry Nilsson und Brian Wilson (plus ein bisschen Billy Joel und zwei Kappen Weichspüler).„Partners In Crime“ von 1979 brachte den Durchbruch: dank „Escape (The Piña Colada Song)“, dieses Hitmonsters über den frustrierten Ehemann, den eine Privatannonce zur Flucht aus dem Alltagstrott animiert – um dann festzustellen, dass diese von seiner Frau aufgegeben wurde. Und das ist nicht die einzige Perle. Holmes ist ein überaus origineller Songwriter, der die romantischen Popsong-Topoi geschickt variiert.

Himmelsstürme

VON JÖRN SCHLÜTER

JOURNEY„Infinity“


BEVOR JOURNEY MIT DEM ALBUM „INFINITY“ von 1978 ihren Spurt zum Weltruhm begannen, steckte die Band in einer Krise. Die ersten paar Alben hatten nicht genügend Zuhörer erreicht, weil die Band aus der amerikanischen Bay Area sehr wohl ihre Instrumente bravourös beherrschte – Gitarrist Neil Schon und Keyboarder und Sänger Gregg Rolie hatten bei Santana gespielt, Trommler Aynsley Dunbar bei Frank Zappa –, aber bisher keine Hits geschrieben hatte. Die Wende kam mit Steve Perry, einem Wundersänger mit einer sonderbaren Mischung aus Brust- und Kopfstimme, die ihn zu honigweichen Melodiebögen in großen Höhen befähigte. Das schafften sonst nur Sängerinnen.

Mit„Infinity“ prägten Journey einen eingängigenInfifinity“ Pop-Rock, der zwar die Harmonien der Westküste in seiner DNA trug, den Folk aber hinter sich gelassen hatte. Dass man diese Musik bald Arena-Rock und Middle Of The Road, kurz: MOR, nannte und damit auch einen gewissen Sound meinte, ist heute ein bisschen amüsant, weil die Produktion von„Infififinity“ im Rückblick hausgemacht und gar nicht aufgeblasen oder glattgebügelt wirkt. Der Produzent Roy Thomas Baker hatte schon mehrere Queel-ulben produziert und sollte bald darauf mit Foreigner ins Studio gehen – sein etwas bolleriger, ein bisschen an John Bonham orientierter Schlagzeugsound ist auch auf„Infififinity“ das Fundament.

Dass hier eine Band etwas unsicher neue Wege geht, kann man hören – manches wirkt zurückhaltend gespielt, mancher Song hat ein Fragezeichen. Erst auf der dem Album folgenden Tournee entfalteten Journey ihre unbändige Energie und ihr großes Herz vollends. Beides macht das drei Jahre später erschienene Live-Album„Captured“ zum besten Konzertmitschnitt des Genres.

Die Songs, die es praktisch für immer ins Live-Repertoire der Band schafften, sind die besten des Albums: Der San-Franciscl-uchwof „Lights“, der das Album mit einem Ausrufezeichen beginnt. Die fortan stets im Doppelpack gespielten Songs „Feeling That Way“ und „Anytime“, deren tolle Gesangssätze ein amerikanisches Pop-Rock-Gefühl konservieren. Das swingende „Lă Do Dā“, mit dem die Band noch einmal – und hier recht unvermutet – ihre Jazz-Rock-Wurzeln vorzeigt. Und natürlich „Wheel In The Sky“, der Hit, der der Band den Weg ebnete: hinauf in den Rock-Himmel der späten 70er-Jahre.

STYX„Cornerstone“

Seit Tommy Shaw Styx’ Sänger und Gitarristen Curulewski 1975 ersetzt hatte, hatten die Chicagoer einen kreativen Konflikt: Während Shaw der Band den Hardrock beibringen wollte, bestand Styx-Gründungsmitglied Dennis DeYoung auf dem theatralischen Aspekt der Band. Auf„Cornerstone“ (1979) steht beides nebeneinander. DeYoungs Kompositionen klingen manchmal wie Musical-Exzerpte, Shaw lässt die Gitarre brennen. DeYoung schrieb den größten Hit des Albums: das mit einem wolkenweichen Schmuseklavier gespielte „Babe“, dessen Vers nach Billy Joel klingt. Man könnte das Lied ins All schießen, um Aliens die Musik jener Zeit zu erklären. Der andere, noch bekanntere Klassiker auf„Cornerstone“ ist das von Tommy Shaw geschriebene Mandolinenlied „Boat On The River“, dessen Mystizismus an den frühen Prog-Rock der Band erinnert.

AMERICA„America“

Natürlich sind America vor allem Nachahmer jenes Sounds, den Crosby, Stills, Nash und Young kurz zuvor erfunden hatten. Doch die amerikanische Stimmfarbe und die Gesangsharmonien der Westküste konnten ja niemandem allein gehören! Dewey Bunnell, Dan Peek und Gerry Beckley entdeckten in England, dass sie so singen konnten wie ihre Vorbilder, nannten sich vielleicht aus Heimweh America und veröffentlichten 1971„America“ , ein kompaktes Westcoast-Folk-Rock-Album. Weil der Erfolg ausblieb, musste die Band noch einmal ins Studio und nahm dort „A Horse With No Name“ auf. Das Neil Young nacheifernde Lied stieß Neil Youngs „Heart Of Gold“ von der Charts-Spitze. Das Songwriting ist nicht immer zwingend, und über manchen Text muss man schweigen. Aber ein schönes Zeitdokument ist„America“ dennoch.

THE ALAN PARSONS PROJECT„Tales Of Mystery And Imagination“

Alan Parsons hatte genug davon, sich als Toningenieur sagen zu lassen, wie man Platten aufnimmt, und rief mit Sänger und Songschreiber Eric Woolfson das Alan Parsons Project ins Leben. Das Debüt, „Tales …“ von 1976, vertont mit einem großen Musikerarsenal eine Auswahl von Werken von Edgar Allan Poe. Das Album stellt Parsons in Klang und Komposition einzigartige Expertise im britischen Art-Rock jener Zeit aus, plus sinfonischen Rock (und einige Pink-Floyd-Zitate). Schönste Momente: die Beatles-artigen Melodiekaskaden in „The Cask Of Amontillado“, der Vocoder-Gesang in „The Raven“, der für Parsons typische Synthie-Trompeten-Marsch im selben Lied. Kern des Albums ist freilich die fünfteilige, 15 Minuten lange Vertonung von „The Fall Of The House Of Usher“.Das Konzeptalbum unter den Konzeptalben.

Diesseits von Afrika

VON ARNE WILLANDER

TOTO„Toto“


EIN RICHTIG FETTES ROCK-ALBUM der 70el-uahre muss mit einem Instrumentalstück beginnen und mit einer virtuosen Leistungsschau weitergehen, worauf eine eingängige Ballade folgt. Das alles ist mustergültig auf„Toto“ von 1978: Nach der verzopften Ouvertüre „Child’s Anthem“ kommen „I’ll Supply The Love“ (mittelgute Steely Dan) und „Georgy Porgy“ (Barry Manilow, wenn nicht ein Vorgriff auf Michael Jackson): „Im not so systematic/ It’s just I’m an addict for your love.“ Bei einem richtig fetten Rock-Album der 70er-Jahre muss im Booklet etwas stehen wie: „Lead Vocal – Steve L.“, „Lead Vocal – Bobby“ und „Writer – D. Paich“.

Die Besetzung mit sechs Musikern ist ideal. Bei Toto waren es: Steve Porcaro, Keyboards. David Paich, Keyboards, Gesang. Steve Lukather, Gitarre. David Hungate, Bass. Jeff Porcaro, Schlagzeug. Bobby Kimball, Gesang. Sie müssen Studio-Cracks sein, die mit anderen Studio-Cracks spielen: Im Booklet wird dem Percussiol-uott Lenny Castro als „specialist“ gedankt.

Aber wer dankte Toto für die sämigen Keyboard-Fanfaren, die blitzenden Bläsersätze, die verschlungenen Gitarrensoli, den überfallartigen Falsett- und Harmoniegesang? Während Steely Dan auf einem Hügel in Los Angeles saßen, Kokain schnupften, Cuervo tranken und auf„Aja“ immer langsamer wurden, klingt„Toto“ wie genau das Album, das sechs Musiker auf einem Hügel in Los Angeles aufgenommen haben, derweil sie Kokain schnupften, Cuervo tranken und irgendwann riefen: „Männer! Hier eine spanische Gitarre, ein Break, und dann spielt Steve ein Solo!“ Sie waren verdammte Spezialisten. Später, nach Jeff Porcaros Tod, kamen Simon Phillips, Greg Phillinganes, Nathan East und andere Spezialisten hinzu. Allein das Piano-Intro und das Monstel-uiff bei „Hold The Line“, Bobby Kimballs Gesang zwischen Flehen und Bramsigkeit, woh-woh-woh, das ist die ganze Glorie des MOR-Rock, später nur übertroffen von der Geschmeidigkeit von „Africa“ und „Roxanne“, aber das waren schon die 80er-Jahre.

Es stimmt leider doch nicht, dass „Toto“ ein Völkerstamm am Fuß des Himalaya-Gebirges ist – eine von Steve Porcaro später erfundene Erklärung des Bandnamens. Toto ist bloß der Hund in „Wizard Of Oz“, weil ja fast alle Popmusik auf „Wizard Of Oz“ zurückgeht. Und der Hinweis aufslateinische „in toto“ ist so drollig in der unironischen Mischung aus Hemdsärmeligkeit, Verblasenheit und Hybris.

SMOKIE„Bright Lights & Back Alleys“

Eine Karriere, die binnen fünf Jahren und fünf Alben kulminierte und verglühte: Vier Jungs aus Bradford gründeten eine Bar-Band, die sie The Yen und The Spynx, Elizabethans und Kindness nannten, was ihren Misserfolg illustriert. Als sie 1974 Smokey hießen, nahm sie der berüchtigte Manager Micky Most unter Vertrag, Nicky Chinn und Mike Chapman schrieben Schmachtfetzen für sie, Smokey Robinson klagte, weil sie seinen Namen gestohlen hatten, weshalb sie sich nach zwei Platten in Smokie umbenannten. Mit „Living Next Door To Alice“, „Lay Back In The Arms Of Someone“ und Chris Normans träumerisch- heiserem Crooning dominierten sie 1977, nach„Bright Lights & Back Alleys“ , „Bravo“ und „disco“. Man nannte es Schmuse-Rock. Er kam schnell aus der Mode.

REO SPEEDWAGON„You Can Tune A Piano, But You Can’t Tuna Fish“

Wie es sich für eine Band gehört, die nach einem Lastwagen der Firma REO benannt ist, reisten die Musiker aus Illinois seit 1968 durch die USA und brachten mehrere Platten heraus, bis ein Livl-ulbum sie 1977 richtig populär machte.„You Can Tune A Piano, But You Can’t Tuna Piano“ , 1978, ist der quintessenzielle AOR aus gedehnten Gitarrensoli, Boogie-Woogie-Piano, feurigen Orgeleien und schmachtenden Chorgesängen. REO Speedwagon waren die Eagles für den Rostgürtel der USA, angereichert mit Bob Segers muskulös-proletarischem Soul-Rock. Sie arbeiteten den Rock’n’Roll. Dave Amato spielte auch mal eine Dobro oder ein Banjo. Ihr Wortwitz („Hi Infidelity“) bestach ebenso wie die frivol-ironische Covergestaltung der Alben bis Mitte der 80er-Jahre – die Stimmgabel im Maul des Thunfischs bleibt aber ihr goldenster Einfall.

FOREIGNER„Foreigner“

Der eine Engländer spielte bei Spooky Tooth, der andere Engländer bei King Crimson, und dann trafen sie sich in Amerika, engagierten ein paar Amerikaner, nannten sich Foreigner, nahmen eine Platte auf, hatten drei Hits und standen ein Jahr später am Ontario Speedway neben Aerosmith, Ted Nugent und Santana. Mick Jones, der eine Engländer, schrieb die Songs, spielte Gitarre und war „Musical Director“ von„Foreigner“ , 1977. Ian McDonald spielte Keyboards. Lou Gramm war der gelockte jesusmäßige Sänger. Sie hatten duellierende Gitarren. Sie hatten Balladen. Sie hatten dudelnde Keyboards. Sie hatten Chöre. Sie hatten „Cold As Ice“. Als das Label Atlantic zum 50. Jubiläum zusammenrechnete, war„4“ (1981) von Foreigner das erfolgreichste Album. Und Foreigner waren die erfolgreichste Band – nach Led Zeppelin.

Der lyrische Schlauch

VON SEBASTIAN ZABEL

PETER FRAMPTON„Frampton Comes Alive!“


EINER DER SCHÖNSTEN MOMENTE IM LEBEN Peter Framptons mag ein Spaziergang durch Madrid mit David Bowie vor 32 Jahren gewesen sein. Er ist in einem Video festgehalten. Frampton sieht darin aus, wie er immer aussah: Die langen Minipli-Locken fallen über die Schultern seines Hemds, er trägt Schulterpolster. Frampton ist Bowies Gitarrist auf der „Glass Spider“-Tour. Sie kennen sich seit der Schule, beide sind im Norden Londons aufgewachsen. Nun suchen sie auf der Plaza Mayor nach einem Pub, als ein Fan mit Autogrammblock auf einen der beiden zustürzt und ruft: „Are you Peter Frampton?!“

Ein Moment, der Bowie irritiert und Frampton lächeln lässt. Dessen einziger großer Erfolg liegt da bereits elf Jahre zurück. Es ist ein Doppel-Live-Album, eines der erfolgreichsten überhaupt, und es schreit:„Frampton Comes Alive!“ , als wäre es das, worauf die Welt 1976 gewartet hat. Das Cover ist zu klein für die Behauptung und den schönen Mann im offenen Hemd, man muss es umdrehen und ausklappen. Frampton spielt eine lyrische Gitarre, mit der er schon Ende der 60er-Jahre bei Humble Pie gegen Steve Marriott angetreten war. Seine anschließende Solokarriere dümpelte allerdings zwischen Platz 110 und 177 der Charts. Bis Frampton die Talkbox entdeckte, eine Art analogen Vocoder, mit dem er sein Gitarrenspiel durch einen Schlauch im Mund moduliert, so dass seine Gitarre singt wie keine sonst. Das Live-Album ist eine größenwahnsinnige Idee. Man hört den süffigen Westcoast-Rock eines Engländers, unrockig, weich und freundlich. Dabei beherrscht Frampton auch die Langstrecke, über 14 Minuten währt „Do You Feel Like We Do“, man hört das Publikum rufen, klatschen, freudig verzückt, aufgekratzt. 1976 wollen alle sein wie Frampton, der Teenage-Jahrgang trägt gepflegte Mähne und das Hemd bis zum Bauchnabel offen. „Show Me The Way“ klingt aus jedem Autoradio, und es klingt, als hätte jemand die Hits von America noch etwas einfacher gestrickt und dann diese Talkbox angeschlossen. Der Song reflektiert die Unfähigkeit seines jungen Publikums, Wünsche und Begehren adäquat auszudrücken. „Baby, I Love Your Way“ funktioniert noch etwas anschmiegsamer, er singt: „Don’t hesita-ha-hate“, und lädt zum Engtanz ein.

1976 war das Jahr, von dem Rockhistoriker gern behaupten, es sei das langweiligste nach 1975 gewesen. Frampton war nicht langweilig. Er war light.

STEVE MILLER BAND„Fly Like An Eagle“

Die ersten Gitarrenakkorde, die spacige Keyboardfigur, der elegant dahergroovende Bass, Millers „do-dup-do-do-do-dudu“: All das wurde oft gesampelt und es wurde von ambitionierten DJs in Hil-uop- oder Downbeat-Sets eingebaut. „Fly Like An Eagle“ ist ein Stück, das heute noch funktioniert und funkelt wie nur wenige (vom zuckrigen Text mal abgesehen). Im Gegensatz zu der Nummer-1- Single, die „Fly Like An Eagle“ nicht wurde, und auf der Steve Miller zupft, als wäre er Mark Knopflers großer Bruder: „Rock’n Me“. Das neunte Album der einst Steve Miller Blues Band geheißenen Combo aus San Francisco war 1976 dennoch die erfrischendste Zuckung des amerikanischen Mainstreams und übersteht weitgehend den Test der Zeit. Für Miller begann eine Hit-Serie, die mit den 80er-Jahren versiegte.

AL STEWART„Year Of The Cat“

Und hier: die ersten Klavierakkorde, selten gesampelt, aber heißgeliebt von auf Engtanzpartys der späten 70er-Jahre sozialisierten (oder deflorierten) Teenagern. Dann diese flache Kuschelstimme, und wie Al Stewart das „year“ betont, um das es hier geht. (Die „Katze“ ist natürlich eine irgendwie geheimnisvolle Frau, patschuli-umweht, aber die Texte von Steve Miller waren auch nicht besser.) Ein Hit, der nur sehr knapp an der Kitsch-Obergrenze entlangsegelt (Saxofon! Geigen! Gitarrensolo!). „On The Border“ ist ähnlich toll: Das gehetzte, dramatische Klavier! Die Castagnetten! Flamenco! Höhepunkte des Soft Pop. Sehr hübsch auch „Midas Shadow“. Anderes blieb schlicht seifig. Ein zweites„Year Of The Cat“ hat der britische Folkbarde, der das Gitarrespielen einst bei Robert Fripp erlernte, auch nie mehr hingekriegt.

CHICAGO„Chicago X“

Sie waren eine den Brass-Rock in virtuose Höhen führende Hippie-Band, bis sie ihr Talent für Balladen entdeckten. Auf dem zehnten Album ist ihr Sound längst so süffig, slick und smooth, als hätte man Earth, Wind & Fire mit James Taylor gekreuzt. Peter Ceteras „If You Leave Me Now“, die amtliche Engtanzschnulze, die es fast nicht auf das Album geschafft hätte, bescherte Chicago den ersten Nummer-1-Hit. „You Are On My Mind“ ist der elegantere Song, vom Posaunisten James Pankow geschrieben und leicht rachitisch gesungen, ein funky swingendes, fast schon steelydaneskes Kleinod.„Chicago X“ bildet den Höhepunkt einer überzeugenden Yacht-Rock-Werdung. Auch wenn Gitarrist Terry Kath und Keyboarder Robert Lamm ewig unglücklich damit waren. (Hören Sie gern auch mal in„Chicago III“ rein. Das ist die volle Hippie-Rock-Brass-Dröhung!)