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30 Jahre Mauerfall: Was wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?


Funk Uhr - epaper ⋅ Ausgabe 45/2019 vom 01.11.2019

IN FUNK UHR ZEICHNET ZUKUNFTSFORSCHER KARLHEINZ STEINMÜLLER EIN ERSTAUNLICHES BILD


Zwei deutsche Staaten, die sich nicht grün sind, keine AfD, ein Leben an der Armutsgrenze

Artikelbild für den Artikel "30 Jahre Mauerfall: Was wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?" aus der Ausgabe 45/2019 von Funk Uhr. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Funk Uhr, Ausgabe 45/2019

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ein Glücksmoment der deutschen Geschichte. Aber hätte alles nicht auch ganz anders kommen können? Wie sähe Deutschland ohne die Wiedervereinigung heute aus? Hätte die DDR sich innerlich neu erfunden? Diese spannende Fragen hat FUNK UHR dem Zukunftsforscher Dr. Karlheinz Steinmüller (68) gestellt. Der Spezialist für Alternativgeschichte zeichnet ein erstaunliches Bild von einem Deutschland, das 2019 ...

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... noch von einer Mauer geteilt wird. Wie würde das Leben heute in der DDR aussehen? „Die Entwicklung hätte in Richtung Nordkorea gehen können. Also eine noch stärkere Herrschaft über die Bevölkerung bei noch schlechterer Versorgungslage“, erklärt Steinmüller, der selbst aus Klingenthal im sächsischen Vogtlandkreis stammt.

FINANZKRISE In der Zukunftsvision würden nur Investitionen großer Westfirmen wie Volkswagen die DDR-Wirtschaft am Laufen halten


Statt friedlicher Revolution Gewalt und Isolierungslager

Ein geteiltes Deutschland noch im Jahr 2019? Kaum vorstellbar! Und dennoch ist es ein interessantes Bild, das der Forscher zeichnet. „Man muss bedenken, dass damals über 300.000 Sowjetsoldaten in der DDR stationiert waren“, erklärt Steinmüller. „Gehen wir mal davon aus, dass Michail Gorbatschow nicht so für sein gemeinsames Haus Europa gewesen wäre. Dann hätte die SED die Montagsdemos mit Panzern und brutaler Gewalt niedergeschlagen.“ Tatsächlich hatte das SED-Regime minutiöse Pläne für diese Situation in der Schublade. Am „Tag X“ sollten Regimekritiker nach Bekanntgabe eines Codewortes innerhalb von 24 Stunden aus dem Verkehr gezogen und in Isolierungslager gebracht werden. Das mögliche Zukunftsszenario: Die SED-Führung sperrt – wie im Herbst 1989 vom Ministerium für Staatssicherheit geplant – 85.939 DDR-Bürger in Lager und macht die Grenzen dicht.

GRENZKONTROLLEN Die Ausreise wäre für DDR-Bürger heute noch schwieriger als vor 1989


Ein rigoroser Sparkurs und Menschen in Armut

Steinmüller ist überzeugt: Wäre die Mauer nicht gefallen, hätte die Lage in der DDR sich 1989 dramatisch zugespitzt. „Das Land war in einem ungeheuren Maße verschuldet. Um das in den Griff zu bekommen, hätte die SED 1989 eine rigorose Sparpolitik verordnen müssen. Die hätte dazu geführt, dass der Lebensstandard um 30 bis 40 Prozent gesunken wäre, obwohl er ohnehin viel niedriger war als im Westen.“ Der Zukunftsforscher ist sicher: „Das hätten die Menschen niemals mitgemacht. Die schlechte Versorgungslage war ja mit ein Grund für die Leute, auf die Straße zu gehen.“ Ohne den Mauerfall hätten sich weiterhin DDR-Bürger in den Westen abgesetzt. Und im Gedankenmodell wären Unruhen in der BRD die Folge gewesen. Der unkontrollierbare Zuzug von DDRBürgern wäre das beherrschende Thema der Politik gewesen. Ein vereintes Europa? Kein Interesse! Auch für die Gründung der AfD, die sich als Anti-Europa-Partei versteht, hätte es keinen Anlass gegeben. Stattdessen würde man diskutieren, ob die BRD sich vom Grundgesetz lösen muss. DDR-Bürger müssten wie alle Einwanderer einen Asylantrag stellen. Und Angela Merkel wäre nicht Bundeskanzlerin geworden, sondern weiterhin Wissenschaftlerin in der DDR.

DEMOS Die Westler hätten Angst vor extremer Zuwanderung. Auch ohne die AfD gäbe es Proteste gegen „Asylanten“ aus der DDR


Die DDR wäre die verlängerte Werkbank der BRD geworden

In dieser Alternativwelt gäbe es also zwei deutsche Staaten, die sich nicht grün und doch voneinander abhängig sind. Vor allem wirtschaftlich! Doch die Bundesrepublik hätte ein großes Interesse daran, die Verhältnisse in der DDR zu stabilisieren. Und die SED ließe sich jede Zusicherung auf mehr Freiheiten abkaufen. Als Gegenleistung gäbe es vermutlich Erleichterungen im Grenzverkehr. Die BRD würde im Gegenzug finanzielle Unterstützung großer Westfirmen für die maroden Betriebe der DDR gewähren. Dr. Steinmüller denkt sich das so: „Volkswagen hätte in Zwickau ein Werk gebaut. Dort würden drei von hundert Autos für die DDR und 97 für den West-Markt hergestellt.“ Der Forscher ist sicher: „Wirtschaftlich hätte es mit der DDR nur durch Kooperation mit dem Westen weitergehen können. Es gab zwar Betriebe auf Weltniveau, doch die Mehrheit waren eher Technik-Museen.“ Was aber funktionierte, waren die Devisenbringer, also Werke, die für den Westen produzierten. Dem Vorbild von Otto, Neckermann oder Ikea würden andere Firmen folgen. So würde die DDR zu einer verlängerten Werkbank der BRD und könnte weiter existieren.

Die Wiedervereinigung war nicht die einzige Alternative

Unmöglich? „Nein!“, betont Steinmüller. Denn es war 1989 denkbar, dass die DDR ihre staatliche Eigenständigkeit behält: „Es gab einen Kreis Intellektueller, die von einer innerlich erneuerten, freien sozialistischen Republik Deutschland träumten. Doch die Mehrheit hatte den Niedergang vor Augen und wollte Stabilität und Sicherheit nach dem Vorbild der Bundesrepublik.“ Das ist die Realität im Jahr 2019. Und dennoch: „Es ist fast ein Wunder“, so Dr. Steinmüller, „dass die Geschichte so positiv ausgegangen ist.“

UNSER EXPERTE

Dr. Karlheinz Steinmüller ist Diplomphysiker und promovierter Philosoph, lehrt Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau Angela verfasste er eine Vielzahl von Fachbüchern mit Zukunftsvisionen


Fotos: imago images/Sven Simon, iStock (2), picture alliance (2), z-punkt