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450 MILLIONEN DOLLAR FÜR EIN KUNSTWRACK


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 29.05.2019

Der Leonardo zugeschriebene „Salvator Mundi“ ist das teuerste Kunstwerk aller Zeiten – und das umstrittenste. Jetzt bringt ein neues Buch die kuriosen Machenschaften hinter dem Rekorddeal ans Licht. Eine Spurensuche


Titel.SALVATOR MUNDI

Artikelbild für den Artikel "450 MILLIONEN DOLLAR FÜR EIN KUNSTWRACK" aus der Ausgabe 6/2019 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Monopol, Ausgabe 6/2019

Jesus hatte zwei Daumen an seiner rechten Hand. Das war einer zu viel, so konnte dieses Gemälde auf einer Platte aus Walnussholz nicht als das Werk eines großen Renaissance-Künstlers durchgehen. Im Italien um 1500 glaubte man zwar üblicherweise an Christi wunderhafte Vermehrung des Brotlaibs, doch von multiplen Daumen stand in den Heiligen Schriften nichts. Die ...

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... Restauratorin Dianne Modestini griff also fünf Jahrhunderte später zum Pinsel und übermalte jenen Daumen, von dem sie glaubte, dass der Maler ihn einst selbst verworfen und deshalb ein zweites Mal gemalt hatte.

Der Schöpfer dieses segnenden Christus, der eine Glaskugel in der linken Hand hält, da war sich Modestini irgendwann sicher, hieß: Leonardo da Vinci. Es sollte ein sogenannter Schläfer sein, ein bisher unbekanntes Werk des größten Meisters aller Zeiten, was Modestini in ihrer Werkstatt nun in mühsamer, kleinteiliger Arbeit wieder freilegte. Beziehungsweise zum Teil ganz neu malte, wie einige Kritiker anmerkten. Ihre Arbeit war jedenfalls so perfekt, dass dieses nur 65,6 mal 45,4 Zentimeter große Gemälde schließlich für 450,3 Millionen Dollar verkauft wurde – und sofort zu einer Ikone wurde. Eine Ikone nicht gerade für die Mehrheit der Kunsthistoriker, aber doch eine Ikone für den Kunstbetrieb unserer Zeit. Denn die Geschichte dieses „letzten Leonardos“ erzählt viel über die Sehnsüchte, Zwänge und Abgründe von Sammlern, Händlern, Wissenschaftlern und Museumsdirektoren des 21. Jahrhunderts.

Es fing damit an, dass der Kunsthändler Robert Simon und der Kunstjäger Alex Parish im Mai 2005 zusammen mit einem Kollegen bei der kleinen St. Charles Gallery in New Orleans ein Gemälde aus einem Nachlass ersteigerten, das sie nur von Abbildungen kannten. Die beiden zahlten dafür, so hat der Autor Ben Lewis für sein gerade erschienenes, sehr süffig zu lesendes Buch „The Last Leonardo“ recherchiert, 1175 Dollar. Das Bild war, man kann es nicht anders sagen, Schrott. Die Holzplatte war beschädigt und gespalten, einige dilettantische Übermalungen stammten womöglich von einem ehemaligen Eigentümer, der das Bild aus religiösen Gründen bei sich daheim aufgehängt haben soll. Es zierte sein schmales Treppenhaus, das belegt ein Foto. Das letzte Mal hatte das Bild zuvor 1958 bei Sotheby’s in London öffentlich den Eigentümer gewechselt – für 45 Pfund. Ein Kunsthistoriker, der das Bild damals in der Auktion sah, notierte sich nur ein Wort dazu:wreck . Ein Kunstwrack also.

Jesus habe auf dem Gemälde ein „Clownsgesicht“ gehabt, berichtete Modestini später mehreren Medien. Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Restauratorin einen gewissen Ruf erarbeitet, lehrt als Professorin an der New York University, bis Mitte der 80er-Jahre war sie am Metropolitan Museum in New York angestellt. Robert Simon hatte das Gemälde ihr und ihrem inzwischen verstorbenen, ebenfalls als Restaurator tätigen Mann Mario Modestini zur Bearbeitung überlassen. (Simon knüpfte gegenüber Monopol die Abdruckrechte für den „gereinigten“ Salvator daran, dass ihm die Inhalte dieses Textes vorgelegt werden, was die Redaktion ablehnte.) Nach der Behandlung durch die Restauratoren sah Jesus dann wie ein androgynes Wesen mit Augenleiden aus. So als habe er Heuschnupfen gehabt – oder einen fetten Joint geraucht, wie andere Kritiker anmerkten.

Das hielt die Verantwortlichen der National Gallery in London nicht davon ab, es im November 2011 neben anderen, zweifellos authentischen Gemälden des Künstlers in einer der größten Leonardo-Ausstellungen der Geschichte zu zeigen.

Drei Jahre zuvor hatte Nicholas Penny, der neu bestellte Direktor des Hauses, seinen jungen Kurator Luke Syson eine Art Konklave mit fünf Leonardo- Experten im Museum veranstalten lassen, bei dem die Kenner ihr Votum abgeben sollten. Anders als es später teilweise kommuniziert wurde, wollten damals nicht alle Experten das Bild Leonardo selbst zuschreiben, wie der akribisch arbeitende Ben Lewis herausfand. Nur zwei von ihnen – darunter der Oxford-Professor Martin Kemp – sahen im „ Salvator Mundi“ das eigenhändige Werk des Großmeisters.

Zwei Experten enthielten sich, eine Person stimmte dagegen. Doch irgendeinen Beitrag, da sind sich heute viele Leonardisten einig, hat der Meister doch zu dem Bild geleistet, sei es nur die Komposition oder doch die segnende Hand selbst. Hier kamen auch wieder die zwei Daumen ins Spiel: Sie gelten als Beleg dafür, dass ein echter Meister am Werk war. Denn nur die nach dem genialen Bild suchenden Schöpfer selbst irren, hadern und übermalen dann in ihren Gemälden. „Pentimenti“ nennt man solche verworfenen Unterzeichnungen. Eine gute Kopie hingegen ist meist perfekt in einem Zug gearbeitet.

In der National Gallery wurde 2011 hinter der Zuschreibung an Leonardo kein Fragezeichen mehr gesetzt. Die Ausstellung des Gemäldes, das damals nur vorgeblich nicht zum Verkauf stand, in einem der wichtigsten Museen der Welt adelte es. Robert Simon verfasste am 7. Juli jenes Jahres eine Pressemitteilung, die mit dem Satz beginnt: „Ein verlorenes Leonardo-da-Vinci-Gemälde wurde in einer amerikanischen Sammlung identifiziert.“ Simon wusste, dass die National Gallery sich einem öffentlichen Proteststurm stellen müsste, wenn bekannt würde, dass das Bild zu verkaufen sei, und so ergänzte er: „Der Salvator befindet sich in Privatbesitz und steht nicht zum Verkauf.“ Dabei waren sich sowohl Direktor Nicholas Penny wie auch Kurator Luke Syson im Klaren darüber, dass „dies nicht den Fakten entspricht“, wie Ben Lewis in seinem Buch schreibt. Der Autor zitiert Penny mit den Worten: „Ich wusste natürlich, dass das Bild potenziell am Markt war, als wir es liehen.“

Kurze Zeit nach der Ausstellung verkauften Simon und Parish das Gemälde mit der Hilfe eines Dritten für 80 Millionen Dollar, gut 68 000- mal so viel, wie sie ursprünglich gezahlt hatten. Nicht einmal mit dem Handel von Kokain oder radioaktiven Waffen kann man seinen Einsatz so schnell vervielfachen. Aber die richtig große Marketingshow um das Gemälde sollte erst einige Jahre später folgen. Normalerweise, so sagen Kunstmarktanalysten, werfen die ganz großen Fische unter den gehandelten Kunstwerken, also jene Werke, die acht- oder neunstellige Dollarsummen gekostet haben, keine schnelle Rendite ab. Zumindest keine finanzielle, sie dienen eher der Akkumulation von sozialem und symbolischem Kapital. Der gezahlte Megapreis wird selbst zu einer Trophäe der maßlosen Verausgabung, zu einem Zeichen der unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten seines Besitzers. Die symbolische Kraft dieses Akts wird durch die Unwahrscheinlichkeit eines Wiederverkaufs zum selben Preis sogar noch verstärkt.

Der „Salvator Mundi“ brachte seinem Käufer gegen diese Gesetzesmäßigkeit einen sehr schnellen und hohen Gewinn. Der Käufer ging kaum Risiko ein, denn er kannte schon seinen Abnehmer. Wie ein sogenannter Runner agierte in diesem Fall eine der schillerndsten Figuren des globalen Kunstmarkts: Yves Bouvier. Der in der Schweiz geborene, heute in Singapur ansässige Sohn eines Spediteurs hatte in den vergangenen beiden Jahrzehnten ein Offshore-Imperium für die Kunst aufgebaut. Mit seinen Firmen transportierte Bouvier die Kunst nicht mehr nur, er lagerte sie auch in Hochsicherheitsdepots in Genf, Luxemburg und Singapur.

Sammler können in den von ihm entworfenen Freeports ihre Kunst komplett zollfrei lagern. Hier ließen sich lange – in der Schweiz schaut man inzwischen etwas strenger auf die Geschäfte – Objekte von sehr großem Wert auf quasi exterritorialen Geländen bunkern, verkaufen und vererben, ohne die Kontrolle irgendeiner fiskalischen Instanz. Als Eigentümer der hier versammelten Schätze sind in den Papieren oft nur die Fantasienamen von auf den Britischen Jungfern inseln oder Panama registrierten Offshore - Firmen vermerkt.

Die Freilager sind die Dutyfree- Zonen des Kunstmarkts – und sie wirken zuweilen wie schwarze Löcher. Was hier sorgfältig in Kisten verpackt lagert, verschwindet aus dem Blick der Gesellschaft. Yves Bouvier hatte durch seine Dienstleistungen den besten Überblick weltweit, welche Kunst bei welchem Besitzer war. Er war nicht nur als Teilhaber in Geschäfte mit Galeristen involviert. Er beriet seit 2003 auch den in Monaco lebenden Oligarchen Dmitri Rybolowlew beim Kunstsammeln – und dieser Mann war in delirierender Kauflaune. Innerhalb von wenigen Jahren gab Rybolowlew insgesamt zwei Milliarden Dollar für Kunstwerke von Modigliani, Picasso, Rothko und Klimt aus. Seine Geschäfte liefen über Bouvier, der sich aber selbst nicht nur als Agent Rybolowlews verstand – und dafür zwei Prozent der Umsätze in Rechnung stellte –, sondern auch wie ein Händler agierte, also satte Preisaufschläge einstrich.

SIMON FUJIWARA „SALVATOR MUNDI EXPERIENCE“, 2019


Obwohl Bouvier Rybolowlew vom Kauf des „Salvator Mundi“ zunächst abgeraten hatte, wollte der Oligarch das Jesus-Bild un bedingt besitzen. So erwarb Bouvier mithilfe des Auktionshauses Sotheby’s das Bild schließlich für 80 Millionen Dollar von Simon, Parish und einem dritten Helfer – um es schon am folgenden Tag für 127,5 Millionen Dollar an Rybolowlew weiterzuverkaufen. Auch im globalen Geschäft mit den sogenannten Topwerken sind fast 50 Millionen Dollar Tageslohn eine abenteuerliche Summe.

So abenteuerlich, dass Rybolowlews Anwaltsteam schließlich nicht nur ob dieser hohen Marge Strafanzeige gegen Bouvier wegen Betrugs erstattete. Der „König der Freihäfen“ wurde im Februar 2015 in Monaco festgenommen, später gegen die Zahlung einer Kaution im siebenstelligen Euro-Bereich freigelassen. Er bestreitet einen Betrug. Seither führen Rybolowlew und Bouvier einen erbitterten juristischen Krieg auf mehreren Kontinenten. Einen Streit, in dessen Verlauf Bouvier, so heißt es, seine Freihäfen verkaufte. Und immer erstaunlichere Details über die ansonsten extrem diskret agierenden Akteure des Superhochpreissegments im Kunstmarkt bekannt wurden: geheime Preisabsprachen, die Namen von Offshore-Firmen, die Finanzierungsmethoden.

Vier Jahre nach dem Kauf beschloss der Oligarch, das Gemälde wieder zu verkaufen. Der „Salvator“ wurde abermals zum phänomenalen Symbol eines Umbruchs im Kunstmarkt. Beim Auktionshaus Christie’s nahm sich nämlich der junge Star des Hauses, der Schweizer Loïc Gouzer, des Bildes an. Er hatte sich schon in den Jahren zuvor als eine Art Kurator inszeniert, der die Auktionslose nicht mehr einfach nur nach Epoche, Preis und vor allem Einlieferungsdatum sortierte, sondern die Versteigerungen nach thematischen Ideen zusammenstellte. Ideen allerdings, die – mit Absicht oder unbewusst – sehr lose und, freundlich ausgedrückt, intellektuell unangestrengt waren.

Gouzers bisher größter Coup sollte die Auktion des „Salvator Mundi“ werden. Er platzierte das Gemälde nicht in die traditionelle Auktion für Altmeistergemälde, sondern in jene für zeitgenössische Kunst. Nicht etwa, weil das Gemälde aufgrund der umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen tatsächlich als ein zeitgenössisches Werk bezeichnet werden könnte, sondern weil in den Auktionen für die neueste Kunst schon seit einigen Jahren die größten Millionensummen umgesetzt werden. Anders als die sogenannten Entdecker des Gemäldes setzte Gouzer nicht nur auf die kunsthistorische Expertise, sondern organisierte eine umfassende PR-Kampagne, die mehrere Millionen Dollar gekostet haben soll. So wurde ein pathetischer Werbefilm produziert, der quasi aus der Perspektive des Gemäldes allein die Gesichter jener Menschen zeigte, die den angeblich „letzten Leonardo“ bei der Besichtigung in New York bestaunten. Es sind die Gesichter von unbekannten Menschen, die zuvor in langen Schlangen auf diesen Anblick gewartet hatten und nun vor dem – von zwei Bodyguards bewachten – Werk in Tränen ausbrachen. Zwischendurch taucht in diesem Werbefilm auch das Gesicht des Schauspielers Leonardo DiCaprio auf, ein Freund Loïc Gouzers, der in den vergangenen Jahren als Kunstsammler aufgetreten ist.

Für 450,3 Millionen Dollar (inklusive des Aufschlags von Christie’s) wurde das viel bestaunte Los 9b am 15. November 2017 nach einem 19-minütigen Bietergefecht schließlich versteigert – an einen saudischen Prinzen, wie die „New York Times“ später herausfand und die saudische Botschaft in Washington dann bestätigte. Was den Preis so sagenhaft in die Höhe trieb, darüber gibt es verschiedene Spekulationen. Ben Lewis hält einen Chinesen für den Unterbieter. Laut anderer Medien kamen sich bei dem Bietergefecht unwissentlich zwei arabische Prinzen in die Quere: Mohammed bin Zayed aus Abu Dhabi sowie Mohammed bin Salman, der Kronprinz Saudi-Arabiens. Letzterer soll den Zuschlag erhalten, für den Kauf aus seinem Familienumfeld dann jedoch heftigen Ärger bekommen haben: Ein Christus-Bild, erworben für fast eine halbe Milliarde Dollar – das kam im streng islamischen Saudi-Arabien offenbar nicht allzu gut an. Und so kam es gerüchtehalber zu einem weiteren Transfer: Der gescholtene Mohammed bin Salman tauschte den „Salvator“ gegen eine Superjacht aus der Luxusflotte des Kronprinzen von Abu Dhabi ein.

Am 6. Dezember 2017 verkündet der Louvre Abu Dhabi die Akquise via Twitter und gibt bekannt, dass der „Salvator Mundi“ dort künftig ausgestellt werden soll. Die feierliche Vernissage in Abu Dhabi war für den Herbst 2018 geplant, wurde aber ohne Nennung von Gründen abgesagt. Seither ist der „Salvator Mundi“ verschwunden. Er soll sich in einem Lager in der Schweiz aufhalten, heißt es von Experten aus dem Hochpreissegment, die anonym bleiben wollen. Wem das Gemälde inzwischen gehört, ob ein Streit um die Autorschaft oder den restauratorischen Zustand schwelt – das alles bleibt unklar. So unklar wie der Zeitpunkt, an dem das Bild wieder der Öffentlichkeit gezeigt werden wird. Der Direktor des Pariser Louvre hatte sich die Leihgabe für seine im Herbst eröffnende Leonardo-Schau anlässlich des 500. Todestags des Künstlers gewünscht. Auch dort gibt man sich auf Anfrage wortkarg. Man habe bisher keine Antwort, ob die Leihgabe in das Museum kommt.

Die Saga um den „Salvator“ hat das Kunstwerk längst in den Schatten gestellt. Sie ist so denkwürdig, dass sie jetzt selbst zum Thema für zeitgenössische Künstler wird. Der in Berlin lebende Simon Fujiwara – derzeit auch für den Preis der Neuen Nationalgalerie nominiert – hat sich ein eigenes Museum für den „Salvator Mundi“ ausgedacht. Die Aufregung um das Gemälde hatte Fujiwara fasziniert und irritiert, spätestens seitdem er bei einem kleinen Markthändler in Thailand eine vergleichsweise perfekte Kopie des Bildes entdeckte. Er hatte all die Schlagzeilen im Kopf, die sich um die sagenhafte Entdeckungsgeschichte dieses teuersten Kunstwerks aller Zeiten drehten. Eine „Agentur der Aufmerksamkeitsökonomie“ nennt der Leonardo- Experte und Werkverzeichnisautor Frank Zöllner das Gemälde passenderweise. In dem imaginierten und als Miniatur gebauten Museum von Fujiwara begegnet einem der segnende Jesus gleich mehrfach. Das Modell für die „Salvator Mundi Experience“, in das jeder Besucher von unten mit seinem Kopf eintauchen und sich dann umsehen kann, hat er zusammen mit dem Londoner Architekten David Kohn entworfen. Fujiwara und Kohn reisten für die Recherche im Oktober 2018 in die Vereinigten Arabischen Emirate, um sich die Themenparks dort anzuschauen, die Ferrari World, das höchste Gebäude der Welt in Dubai – und den von dem Architekten Jean Nouvel auf eine künstliche Sandinsel gebauten Louvre Abu Dhabi.

Sie wollten von dem dortigen Museumsdirektor wissen, welche Form der Präsentation man sich für das berühmte Bild ausgedacht hatte, bekamen aber keine Antwort. Fujiwara ist an den Details der Detektivgeschichte um das Gemälde gar nicht wirklich interessiert, umso mehr jedoch an dem Umgang der Gesellschaft mit Kunst.

Wie ein Anthropologe versucht er die Pläne zu verstehen, mit der sogenannten „männlichen Mona Lisa“ ein ganzes Museum zu vermarkten und mit einem Museum wiederum ein ganzes Emirat. Wie wird ein einzelnes Kunstwerk popularisiert? Das Werbevideo von Christie’s nennt Fujiwara eines der erstaunlichsten, bestproduzierten Dokumente unserer Gegenwart, es bekommt in seinem Museum ein eigenes Kabinett. Auch das schmale Treppenhaus im Süden der USA, in dem das Gemälde lange Zeit hing, hat er dort nachgebaut, genauso wie die Werkstatt der Restauratorin Modestini und den Auktionssaal. Die kleinen Besucherfiguren im Museumsmodell können sich ihre Erfahrung in dem perfekten „Salvator Mundi“-Museum selbst aussuchen, sich eine Replik des Bildes einzeln in einer kleinen Nische ansehen oder aber vor einer vergrößerten Version auf einem Altar in der großen Gemeinschaft Selfies machen. Fujiwara analysiert mit seiner spielerischen Kunst die Produktion von massenkulturellen Erfahrungen heute – und wie sie verpackt werden. In seinem Museum wird der „Weltenretter“ sogar interaktiv, er kann als digitale Reproduktion seine Mimik verändern, grinsen, nachdenklich und traurig schauen. Zum Abschluss dürften die Menschen statt in einem Museumsladen ihr Geld in einem Spendenzentrum lassen, das wie ein Apple Store gestaltet ist. Und so selbst ein bisschen die Welt retten.

Es gebe keinerlei historische Dokumente aus Leonardos Zeit – und den folgenden hundert Jahren –, die ein eigenhändiges „Salvator Mundi“-Gemälde von ihm belegen, darauf weisen Kunsthistoriker wie Frank Zöllner noch immer hin. Und dennoch ist diese bemalte Holztafel heute das wichtigste Kunstwerk, um der Verfasstheit des globalen Kunstmarkts, den Re präsentationsstrategien der Prinzen, Oligarchen und Museums direktoren sowie den Sehnsüchten der kunstschauenden Massen auf die Spur zu kommen. Je ausführlicher sich kritische Experten und Künstler mit diesem Werk beschäftigen, desto klarer werden auch die ansonsten dunklen Seiten des Kunstbetriebs sichtbar.

So klar wie die Weltkugel, die Jesus auf diesem Bild in seiner linken Hand hält. Das Gemälde selbst mag noch Jahre verschwunden bleiben. Seine Geschichte wird umso größer erzählt warden.


Die Saga um den.Salvator. ist so denkwürdig, dass sie jetzt selbst zum Thema für zeitgenössische Künstler wird


BEN LEWIS: „THE LAST LEONARDO: THE SECRET LIVES OF THE WORLD’S MOST EXPENSIVE PAINTING“. Auf Englisch. Harper Collins, 396 Seiten, um 20 Euro

DIE WEGE DES SALVATOR

Oben: WENCESLAUS HOLLAR „JESUS, AFTER LEONARDO“, 1650. Rechts: LEONARDO DA VINCI „SALVATOR MUNDI“, VOR RESTAURATION, 2005

1500
Um 1500 malt Leonardo den ursprünglichen „Salvator Mundi“, vermutlich im Auftrag des französischen Königs Ludwig XII. Das Werk zählt zu den meistkopierten Leonardo- Werken, Dutzende Repliken hängen weltweit in Museen, das Original galt als verloren

1600

Ab dem17. JAHRHUNDERT gibt es vereinzelte Hinweise auf einen „Salvator“ – ob es sich dabei um das jüngst auktionierte Bild handelt, ist ungewiss

1625: Ein „Salvator“ kommt qua Hochzeit in den Besitz des englischen Königs Karl I.

1651: Nach der Hinrichtung Karls I. erwirbt der Maurer John Stone das Bild

1666: Unter Karl II. kehrt die Tafel in den Besitz der englischen Königsfamilie zurück

1700

Von1666 bis1900 ist der Verbleib des Werkes unbekannt

1900

Um1900 gelangt das Bild in den Besitz des britischen Kaufmanns und Sammlers Sir Francis Cook. In dem Bestandskatalog seiner Sammlung heißt es, der „Salvator“ stamme „aus dem Umkreis“ Leonardos, also nicht vom Künstler selbst

1958 : Ein gewisser „Kuntz“ erwirbt das Gemälde bei einer Versteigerung der Cook-Sammlung durch das Londoner Auktionshaus Sotheby’s, er zahlt dafür 45 Pfund. Hinter dem Pseudonym des Käufers steckt der amerikanische Möbelhändler Warren E. Kuntz, der das Gemälde später seinem Neffen Basil Clovis Hendry vermacht

2000

2005 : Hendrys Erben reichen das Bild bei einer lokalen Auktion in New Orleans ein. Dort kaufen es die Kunsthändler Alexander Parish und Robert Simon für 1175 Dollar. In den Folgejahren wird das Bild massiv restauriert

AB 2007 : Das Bild wird internationalen Leonardo-Experten zur Begutachtung vorgelegt, sie kommen zu unterschiedlichen Bewertungen bezüglich der Zuschreibung des Werkes

2011 : Das Bild wird im Rahmen der großen Leonardo-Ausstellung in der Londoner National Gallery ausgestellt und dort erstmals als eigenhändige Schöpfung Leonardos präsentiert

2013 : Der Schweizer Frei hafenbetreiber und Händler Yves Bouvier erwirbt das Bild von dem Händlerkonsortium um Parish und Simon für 80 Millionen Dollar und verkauft die Tafel bereits am nächsten Tag für 127,5 Millionen Dollar an den russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew

2017 : Rybolowlew lässt das Werk bei Christie’s in New York versteigern. Der saudische Prinz Badr bin Abdullah erwirbt die Tafel im Auftrag des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman für 450,3 Millionen Dollar. Das Bild soll angeblich in die Sammlung des Louvre Abu Dhabi eingehen, doch bei dessen Eröffnung im Herbst 2018 wird es nicht gezeigt. Es ist ungewiss, wo sich der „Salvator“ zurzeit befindet


Foto: Wikimedia Stemoc, Courtesey Abu Dhabi Tourism & Culture Authority