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5 Wahrheiten Über Depression


Hörzu Gesundheit - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 22.03.2019

Unglaublich: Jeder Fünfte glaubt, Schokolade hilft. Oder sich einfach zusammenzureißen. Tatsächlich istdas seelische Tief eine ernste Krankheit. Vor allem Frauen sind von ihr betroffen


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Bildquelle: Hörzu Gesundheit, Ausgabe 1/2019

1Depression braucht keinen Anlass

Die Depression hat unseren Alltag offenbar fest im Griff: ein Anfall von schlechter Laune, Liebeskummer oder auch ein bisschen Weltschmerz – und schon jammern wir über „deprimierende Zustände“ oder behaupten, dass wir „heute ziemlich depressiv drauf“ seien. Solche Klagen kommen uns viel zu leicht über die Lippen. Und sie haben mit der Schwere, die eine echte Depression auf das Leben ...

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... Betroffener legt, so gar nichts zu tun.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl
Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Leipzig, Vorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe


FOTOS: STOKKETE/SHUTTERSTOCK, GALUSCHKA/DPA PICTURE-ALLIANCE

Verkannte Volkskrankheit

Vielleicht ist es Hilflosigkeit. Vielleicht auch Unwissen. Depression gilt schließlich noch immer als große Unbekannte. Obwohl sie in so vielen Familien zu Hause ist, in so vielen Häusern. Frauen sind rund doppelt so häufig betroffen wie Männer: In Deutschland leiden rund 11,3 Prozent von ihnen unter der Krankheit, bei den Männern sind es nur 5,1 Prozent. Insgesamt erkranken innerhalb eines Jahres rund 8,2 Prozent unserer Bevölkerung an einer Depression, 2015 starben mehr Menschen durch Suizid als durch Drogen, Verkehrsunfälle und HIV zusammen. Und doch wird die tückische Krankheit, die das Leben im Schnitt um zehn Jahre verkürzt, noch immer unterschätzt. Hier sind die Fakten:
Eine Umfrage der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche Bahn Stiftung zeigt: 96 Prozent der Befragten sehen die Depression vor allem als Folge von Schicksalsschlägen, Verlusten, Überforderungen. Die äußeren Faktoren werden jedoch klar überschätzt: „Während der Depression nehmen Betroffene alles wie durch eine dunkle Brille wahr. Bestehende Probleme mit Partnerschaft und Job werden durch die Depression vergrößert und ins Zentrum gerückt“, erklärt Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Bei einer Veranlagung dafür können sogar scheinbar positive Veränderungen wie der Urlaubsbeginn oder die Geburt eines Kindes eine depressive Krankheitsphase auslösen. Manche Depressionen haben sich durch die Verknüpfung mit bestimmten Lebensphasen auch einen Namen gemacht: etwa Wochenbettdepressionen oder Rentnerdepression. Aber: „Bei starken Veranlagungen kann die Krankheit auch scheinbar aus dem Nichts auftauchen“, sagt Hegerl.

In der Falle: Frauen sind doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Männer. In jedem Fall sollte der erste Weg zum Hausarzt führen


FOTOS: GUERILLA/GETTY IMAGES

2Depression kann jeden treffen

Die Veranlagung zu Depression kann genetisch – oder auch erworben sein. Gibt es Fälle von Depression auch in der nahen Verwandtschaft, trägt man ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, selbst daran zu erkranken. „Aber auch Traumatisierungen oder Missbrauchserfahrungen in der frühen Kindheit können zu einer Veranlagung führen, später depressiv zu erkranken“, erklärt Hegerl. Wissenschaftler nehmen an, dass in der Depression Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten, die für die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen zuständig sind. Viele Antidepressiva beeinflussen etwa die Wirkung des Botenstoffes Serotonin im Gehirn; ob allerdings ein Serotoninmangel wirklich mit schuld an der Krankheit ist, ist unklar. Tatsächlich wissen Forscher noch nicht, wie der Mechanismus der Depression funktioniert. Auch Schilddrüsenfehlfunktionen oder Medikamente wie Betablocker, Kortison, diverse Antibabypillen, einige Antileptika oder Anti-Parkinson-Mittel können Depressionen schon mal begünstigen. Wegen unterschiedlicher Verteilung der Hormone sind auch Frauen offenbar häufiger betroffen als Männer – bis ins hohe Alter übrigens. Was viele nicht wissen: Sogar Kinder erkranken. Im Grundschulalter jedes 50. Kind, in der Pubertät immerhin bis zu acht Prozent aller Jugendlichen. Trotzdem bleibt die Depression bei ihnen häufig unerkannt, weil Eltern und Lehrer den Fokus auf den Begleitproblemen sehen: „Die Kinder ziehen sich zurück, werden ganz leise – oder aber im Gegenteil trotzig und aggressiv, sagt Dr. Mirko Döhnert, Kinder- und Jugendpsychiater am Uniklinikum Leipzig.

3Depression hat viele Gesichter

Der Wortspender ist das lateinische „deprimere“, zu Deutsch: niederdrücken. Die eine Seite – die Leere, Hoffnungs- und Antriebslosigkeit oder auch Angst, ist damit beschrieben. Aber: Es gibt die Krankheit auch als bipolare Störung – dann wechseln sich depressive mit euphorischen, hektisch-aktiven Phasen ab.

Andere Ausprägungen der Depression: depressive Episoden mit mindestens zweiwöchigen Symptomen. Kommt es dann zu mehr als einer depressiven Krankheitsphase, spricht man von sogenannten rezidivierenden depressiven Störungen. Die chronische Depression hingegen ist so tückisch, weil sie zwar keine dramatischen Ausbrüche kennt, aber zum ständigen Begleiter wird, der das Leben der Betroffenen grau malt.

Seelentief: Jeder Fünfte erkrankt irgendwann im Leben an einer Depression, etwa jeder fünfte Betroffene nimmt sich schließlich das Leben


FOTOS: GETTY IMAGES (4)

4 Auch Familie und Freunde sind betroffen

Nur 23 Prozent der Deutschen erkranken selbst – weitere 37 Prozent sind als Angehörige betroffen. Oft sinkt nämlich auch deren Lebensqualität, weil die Stimmung daheim gedrückt ist und keine gemeinsamen Aktivitäten mehr stattfinden. Sie fühlen sich hilflos, manchmal auch schuldig, weil sie den geliebten Menschen leiden sehen, haben dazu Angst, dass er sich etwas antun könnte. Viele Angehörige unterdrücken dabei ihre eigenen Gefühle, weil sie für den anderen in dieser Situation besonders stark sein möchten – und überschreiten so ihre eigenen Grenzen. Wichtig ist, dass sie sich über Depressionen informieren und sich immer bewusst sind, dass sie keinen Therapeuten ersetzen können, dass ihr eigener Einsatz nicht bis zur Selbstverleugnung gehen darf. In Selbsthilfegruppen finden sie Austausch mit anderen betroffenen Angehörigen (www.nakos.de; Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen: www.bapk.de). Ganz neu: ein Online-Training der Uni Freiburg und der AOK (www.familiencoach-depression.de).

5Männer leiden anders als Frauen

Bei Männern versteckt sich eine Depression offenbar häufiger als bei Frauen hinter Aggressionen: „Während Frauen sich eher zurückziehen, gehen Männer mehr nach außen, sie werden reizbarer und feindseliger, sind schneller gekränkt, trinken mehr Alkohol, geraten häufiger in Auseinandersetzungen und neigen zu riskanteren Verhaltensweisen, zum Beispiel zu schnell Auto zu fahren“, sagt Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt der Psychiatrie im Asklepios Klinikum Harburg. Sie wollen keine Schwäche zeigen. Deshalb stürzen sie sich auch häufig erst recht in die Arbeit, bis sie ausbrennen. Seit die Erschöpfungsdepression auch als Burnout bekannt ist, bekennen sich Männer immerhin häufiger dazu. Außerdem ein Risikofaktor: Einsamkeit nach Trennungen. Damit kommen Männer sehr viel schlechter zurecht als Frauen. „Die Hochrisikogruppe für Suizide sind ältere allein lebende Männer“, sagt Dr. Unger. Bei Frauen wiederum sind Risikofaktoren vor allem Diskriminierung, Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt.
SILKE PFERSDORF