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50 Jahre SAP – der Softwarekonzern steht am Scheideweg


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Computerwoche - epaper ⋅ Ausgabe 14/2022 vom 08.04.2022
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Bildquelle: Computerwoche, Ausgabe 14/2022

Feierlaune will dieser Tage nicht so recht aufkommen in Walldorf. Dabei hätten die SAP-Verantwortlichen allen Grund dazu. Schließlich kann der Softwareriese auf 50 Jahre erfolgreiche Firmengeschichte zurückblicken. Am 1. April 1972 hoben die fünf ehemaligen IBM-Mitarbeiter Claus Wellenreuther, Hans-Werner Hector, Klaus Tschira, Dietmar Hopp und Hasso Plattner die Firma SAP Systemanalyse und Programmentwicklung GbR aus der Taufe. Der Grundstein für den größten und erfolgreichsten europäischen Softwarehersteller war gelegt.

Ein halbes Jahrhundert sind eine Ewigkeit im sonst so schnelllebigen IT-und Softwaregeschäft. Neue Technologien können etablierte Anbieter über Nacht vom Markt fegen und neue Player kometenhaft aufsteigen lassen. SAP hat all den Wechseln und Stürmen am Markt getrotzt und sich bis heute behauptet. Damit spielt der deutsche Softwarehersteller in der ersten Liga der globalen ...

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... IT-Anbieter und kann sogar auf eine längere Historie zurückblicken als die Softwaregiganten Microsoft (1975 gegründet) und Oracle (1977).

Krieg lässt keine Partystimmung aufkommen

Eigentlich wäre also Partystimmung zum 50. Geburtstag angesagt. Doch die aktuelle weltweite Krise vermiest den SAPlern gehörig die Lust am Feiern. Zumal die Softwerker nach dem brutalen und völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf das Nachbarland Ukraine

schnell in den Strudel der Kriegsereignisse gerieten. Der Hilferuf der ukrainischen Regierung rund um den Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ging auch an die großen Softwarehersteller der Welt – inklusive SAP. Eindringlich forderte die Ukraine Microsoft, Oracle, SAP und Co. auf, ihre Geschäfte in Russland einzustellen und so die Kriegsmaschinerie des russischen Autokraten Wladimir Putin nicht weiter zu unterstützen.

Der Appell fand bei SAP offene Ohren. Vorstandssprecher Christian Klein verurteilte den russischen Überfall aufs Schärfste: „Ein so unmenschlicher und ungerechtfertigter Akt ist ein Angriff auf Demokratie und Menschlichkeit,“ sagte der Manager Anfang März. „Seine Folgen betreffen uns alle.“ Klein betonte, wie wichtig Wirtschaftssanktionen gegen Russland seien. „Wir stehen in ständigem Austausch mit Regierungen auf der ganzen Welt, haben volles Vertrauen in ihre Führung und unterstützen die bisher getroffenen Maßnahmen voll und ganz. Wir stellen unsere Geschäfte in Russland ein, die mit den Sanktionen in Einklang stehen, und pausieren darüber hinaus alle Verkäufe von SAP-Dienstleistungen und -Produkten in Russland.“

Allerdings schien die Führung in Walldorf mit der Kriegssituation und der damit verbundenen Publicity auch etwas überfordert. Die Telefone hätten nicht mehr stillgestanden, nachdem Selenskyj SAP direkt angesprochen hatte, berichten Insider. Diskussionen wurden laut, wie weit die Konsequenzen reichen sollten. Cloud abschalten – ja oder nein? Was ist mit Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Herstellern von Medikamenten in Russland, die mit SAP-Software laufen? Hier eine klare Grenze zu ziehen war für das SAP-Management anscheinend schwierig. Doch angesichts des brutalen Vorgehens der russischen Armee wurde der Druck immer größer. Deshalb legte SAP noch einmal nach und kündigte Ende März an, auch seinen Cloud-Betrieb in Russland einzustellen.

Der Softwareanbieter kündigte an, die ukrainische Regierung genauso wie Hilfsorganisationen weiter mit den eigenen Produkten zu unterstützen. Außerdem seien in der SAP-Organisation bereits über drei Millionen Euro an Spenden zusammengekommen. Mehr als 4.000 SAP-Mitarbeiter hätten Flüchtlingen aus der Ukraine Wohnraum und andere Hilfe angeboten. Darüber hinaus will SAP Büroräume zur Verfügung stellen, um Spenden wie Medikamente und Lebensmittel zu lagern. „Wir stehen geschlossen an der Seite der Weltgemeinschaft in allen Bemühungen, diesen ungerechten Krieg in der Ukraine zu beenden, und wir setzen weiter alles daran, um den Frieden wieder herzustellen“, lautet die klare Botschaft aus Walldorf.

Auf SAP kommen unsichere Zeiten zu

Das kann jedoch dauern. Zunächst dürfte wirtschaftliche Unsicherheit die künftigen Geschäfte prägen. Alle Indikatoren wie der Ifo-Geschäftsklimaindex, die Konsumlaune der Verbraucher und die Prognosen der Wirtschaftsweisen zu den Wachstumsaussichten hierzulande und auch weltweit lassen nichts Gutes ahnen. Explodierende Energiepreise, immer wieder unterbrochene Lieferketten, wie aktuell durch den Corona-Lockdown in der chinesischen Millionenmetropole Shanghai, und wegbrechende Märkte – all das bereitet derzeit nicht nur dem SAP-Management Sorgen.

Noch laufen die Geschäfte der Walldorfer stabil, auch wenn die Wachstumsraten zuletzt eher mager ausfielen. Im vergangenen Jahr nahm der Hersteller gut 27,8 Milliarden Euro ein und verbuchte unter dem Strich einen Gewinn von 5,4 Milliarden Euro – beide Zahlen bedeuten im Vergleich zum Vorjahresergebnis ein Plus von gerade einmal zwei Prozent. Andere Softwarehersteller wie Microsoft, Salesforce oder ServiceNow legen deutlich zweistellig zu.

Gründe, an diesen Zahlen herumzumäkeln, gibt es also sicher viele. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass SAP über die Jahrzehnte hinweg eine beispiellose Wachstumsstory zu erzählen hat. Unterbrechungen gab es nur in weltweiten Krisenphasen: 2003 nach dem Platzen der Dotcom-Blase (minus 5,2 Prozent beim Umsatz), 2009 im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise nach der Lehman-Pleite (minus 8,5 Prozent) und im ersten Coronajahr 2020 (minus 1,1 Prozent).

Seit dem Jahr 2000 hat sich der SAP-Jahresumsatz mehr als vervierfacht. Der Profit legte in diesem Zeitraum sogar um den Faktor neun zu. Die Zahl der Mitarbeiter explodierte von gut 24.000 auf mehr als 107.000. In Europa und in Deutschland kann kein anderer Softwarehersteller SAP das Wasser reichen. Die Nummer zwei hierzulande, die Software AG, bemüht sich seit Jahren, endlich die magische Marke von einer Milliarde Euro Jahresumsatz zu knacken – bislang ohne Erfolg. Der Einstieg der Investmentgesellschaft Silver Lake Ende 2021 soll den Darmstädtern nun den nötigen Schwung geben.

„Russlands ungerechtfertigter Krieg gegen die Ukraine ist herzzerreißend in seiner Brutalität. Zugleich verletzt er das Grundrecht auf Freiheit, das wir mit der Ukraine teilen. Wir stehen zu unserer Verpflichtung gegenüber der Ukraine, indem wir alle Verkäufe stoppen und den Cloud-Betrieb in Russland einstellen.“

Christian Klein, SAP-CEO

Cloud krempelt Softwarebranche um

Auch im europäischen Vergleich kommen die nächstgrößeren Softwarehersteller bei weitem nicht an SAP heran. Die französische Dassault Systèmes schaffte zuletzt einen Jahresumsatz von knapp 4,9 Milliarden Euro, die britische Sage Group kam umgerechnet auf etwa 2,2 Milliarden Euro. Weltweit haben allerdings andere die Nase vorn. Der weltgrößte Softwarehersteller Microsoft erwirtschaftete im Mitte des vergangenen Jahres abgeschlossenen Fiskaljahr 2021 Einnahmen von etwa 168 Milliarden Dollar. SAPs Erzrivale Oracle kam zuletzt auf einen Jahresumsatz von knapp über 40 Milliarden Dollar.

Insgesamt steckt die gesamte Softwarebranche allerdings in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Die Cloud und die damit verbundenen nutzungsabhängigen Subscription-Modelle lösen das klassische Lizenz-Wartungs-Geschäft nach und nach ab. Oracle-Boss Lawrence Ellison prahlte vor etlichen Jahren, allein mit der Softwarewartung eine Gewinnmarge jenseits der 80 Prozent zu erzielen. Das kam bei vielen Oracle-Kunden, die Jahr für Jahr hohe Summen für die Pflege und Weiterentwicklung ihrer Softwarelösungen an den Konzern überweisen mussten, gar nicht gut an.

Mit dem Cloud-Paradigma schicken sich andere Player an, die Karten im weltweiten Markt für Business-Software neu zu mischen. Eine Riege von Softwareanbietern, die mit der Cloud groß geworden sind und keine Legacy-Altlasten mit sich herumschleppen, macht Jagd auf die etablierten Platzhirsche. Dazu zählen Firmen wie Workday mit seiner Business-Software aus der Cloud, Workflow-Spezialist ServiceNow und Salesforce, die als CRM-Anbieter gestartet war und mit ihrem No-Software-Slogan die alten Softwaregranden gehörig geärgert hat. Mit Erfolg: Salesforce legte in den vergangenen Jahren ein beispielloses Wachstumstempo an den Tag und sitzt SAP längst im Nacken. Aktuell peilt der Cloud-Spezialist einen Jahresumsatz von gut 29 Milliarden Euro an. SAP will 2022 Erlöse von 29,5 Milliarden Euro erzielen.

SAP tut sich nach wie vor schwer mit dem Umstieg in die Cloud, obwohl das Thema seit fast zwei Jahrzehnten auf der Agenda des deutschen Softwarekonzerns steht. Schon die Anfänge waren kompliziert. Nach der Jahrtausendwende zeichnete sich ab, dass Software künftig anders aufgebaut sein muss. Modular zusammengesetzt sollte sie sein, die neue Generation von Business-Anwendungen, flexibel nutzbar, über das Internet, auf Basis der neuen Lehre von serviceorientierten Architekturen (SOA).

SAP stolpert ins Cloud-Zeitalter

SAP startete ein Mammutprojekt: An den Schalthebeln die Technik-Vorstände Shai Agassi und Peter Zencke. Durch die Branche geisterten schnell die unterschiedlichsten Spekulationen über „Project Vienna“ und das neue Produkt „A1S“. Mal sollte es eine Mittelstandssoftware werden, dann ein modularer Baukasten für die gesamte SAP-Software. Am Ende gab es viel Verwirrung. Streit zwischen dem altgedienten SAP-Manager Zencke und dem jungen Agassi, der mit der Übernahme des israelischen Software-Startups Toptier zu SAP gestoßen war und unter den Fittichen von Mitgründer Hasso Plattner schnell in der Hierarchie aufstieg, brachte das ganze Vorhaben in Schieflage. Zeitbudget und Kosten liefen aus dem Ruder.

Als Ergebnis dieser Experimente präsentierte SAP 2007 mit Business ByDesign ein standar­ disiertes On-Demand verfügbares ERP-Paket, das sich vor allem an den Mittelstand richtete. Technische Schwierigkeiten und Performance-Probleme sorgten jedoch dafür, dass die Software nie richtig ins Rollen kam. SAP soll mit der Entwicklung Milliarden in den Sand gesetzt haben. 2013 kündigte der Konzern schließlich an, seine Entwicklungsressourcen neu anzupassen. Business ByDesign verschwand in der Versenkung. Der erste Cloud-Anlauf war gescheitert.

SAP baut mit HANA eigene Datenbank

SAP bündelte nun alle Kräfte für das neue Vorzeigeprodukt, die In-Memory-Datenbank HANA, die sich in den kommenden Jahren als neues Fundament für die gesamte Softwarewelt des Unternehmens etablieren sollte. Zuvor hatten SAPs ERP-Installationen zum Leidwesen Plattners immer ein externes Datenbanksystem vorausgesetzt, meistens Oracle oder DB2 von IBM. Nun konnte der Softwarekonzern dem ein eigenes, leistungsfähiges Produkt entgegenstellen und dieser Abhängigkeit ein Ende bereiten. Zudem wurde die Grundlage für die neue cloudbasierte Produktgeneration S/4HANA gelegt, die den Kunden Anfang 2015 als Nachfolger der populären Business Suite präsentiert wurde.

Die weltweite Finanzkrise nach der Lehman-Pleite und die ersten Gehversuche in der Cloud markierten eine Zeitenwende für SAP. In den ersten Jahrzehnten verliefen Produkt-und Managemententwicklung in ruhigen und geordneten Bahnen. Die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren geprägt von der auf Großrechner ausgelegten Softwaregeneration R/2, auf die das Client-Server-System R/3 folgte, das die 90er-Jahre bestimmte.

In all den Jahren behielten die Gründer das Heft des Handelns fest in der Hand – Dietmar Hopp als Vorstandsprecher in den Jahren 1988 bis 1997, danach folgte ein Übergangsjahr mit einer Doppelspitze und schließlich übernahm Plattner das Ruder. Er regierte bis 2003 und brachte gleich seinen Zögling Henning Kagermann mit auf die Kommandobrücke. Nach Plattners Rückzug in den Aufsichtsrat lenkte Kagermann die SAP bis 2009 – kurzzeitig gemeinsam mit seinem designierten Nachfolger, dem bisherigen Vertriebschef Leo Apotheker.

Mit der Amtsübergabe an Apotheker begannen turbulente Zeiten in Walldorf, deren Nachbeben bis heute spürbar sind. Der neue SAP-Chef erhöhte quasi über Nacht die Wartungsgebühren und zettelte damit eine Kundenrevolte an, die ihn letzten Endes nach nicht einmal einem Jahr den Chefsessel bei SAP kostete. Mit dem extrovertierten US-amerikanischen Marketing-Spezialisten Bill McDermott und dem ruhigen dänischen Technikexperten Jim Hagemann Snabe übernahmen dann erstmals zwei Manager das Steuer, die nicht aus Deutschland kamen.

Mit McDermott, der ab 2014 nach dem Rückzug von Snabe alleiniger SAP-Chef wurde, änderte sich die Cloud-Strategie: Der Amerikaner griff tief in die Taschen und kaufte einen Cloud-Anbieter nach dem anderen zu. Für Success-Factors (Human Resources), Ariba (Einkaufsnetzwerk), Concur (Reisekostenmanagement), Callidus (Kundenmanagement) und Qualtrics (Experience Management) gab SAP zwischen 2011 und 2018 insgesamt über 26 Milliarden Dollar aus.

Clash of Developers

Doch die Menge und Geschwindigkeit der Akquisitionen überforderten die Organisation. Die Chefs der übernommenen Cloud-Companies, die dem deutschen Software-Urgestein eigentlich den Weg ins neue Zeitalter weisen sollten, warfen einer nach dem anderen das Handtuch – Lars Dalgaard (SuccessFactors), Robert Calderoni (Ariba) und Concur-Gründer Steve Singh. Das lag auch daran, dass hier verschiedene Kulturen aufeinanderprallten. Auf der einen Seite die Startups, die sich auch einmal mit einer 80-Prozent-Lösung zufriedengeben, um das Tempo hochzuhalten, auf der anderen die auf deutsche Ingenieursgenauigkeit gepolte Entwicklermannschaft in Walldorf.

Der Konzern arbeitet noch heute daran, die vielen Cloud-Zukäufe zu integrieren – auch weil die Kunden dies immer wieder fordern. Doch nach wie vor kreisen die Cloud-Produkte eigenständig wie Satelliten rund um den SAP-Gravitationskern.

Auch im SAP-Kern gab es massive Veränderungen. Anfang 2015 hatte SAP mit S/4HANA eine neue Produktgeneration vorgestellt, die Anwender wahlweise im On-Premises-Betrieb oder aus der Cloud betreiben können – private oder public. Der Wechsel gestaltet sich jedoch immer noch zäh. Die Anwender haben oft hohe Summen in ihre bestehende SAP-Landschaft – die Produkte Business Suite und ECC – investiert. Warum also wechseln, fragen sich viele. Vielen fällt es schwer, einen Business Case für solch ein aufwendiges Projekt zu rechnen. Die Migration wäre teuer und würde Jahre dauern.

Hinzu kommt, dass längst nicht alle Unternehmen mit ihrem neuen SAP-System in die Cloud umziehen wollen. Die überwiegende Mehrheit bleibt lieber im eigenen Rechenzentrum. Daran ändern auch Lockangebote wie „Rise with SAP“ wenig. Der Konzern hatte die Initiative Anfang 2021 vorgestellt. Die Absicht dahinter: Den Kunden mit einem integrierten Produkt-und Servicepaket und einem einzigen Ansprech-und Vertragspartner, nämlich SAP, den Weg in die Cloud erleichtern. Wie das ganze letztendlich funktionieren soll, ist vielen Anwendern immer noch unklar, wie Umfragen der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) gezeigt haben.

Alles in allem kommt also der S/4HANA-Zug nur schwer ins Rollen. Wenn sich die Anwender auf den Weg machen, dann oft notgedrungen, weil das Wartungsende für die Vorgängersoftware in Sicht ist. Begeisterung für das neue Release will nicht recht aufkommen.

SAP ist kein Cloud-Anbieter

Will der Konzern auch im Cloud-Zeitalter ein gewichtiges Wort im Markt für Business Software mitreden, muss er sich verändern. Die Zeiten, in denen allein im SAP-System das Herz der Unternehmens-IT schlug, sind vorbei. Heute wollen Anwender die beste Software unterschiedlicher Anbieter nutzen, um schnell und flexibel zu sein. Die Infrastrukturen setzen sich kunterbunt zusammen, sie enthalten On-Premises-Bestandteile, einen rasant wachsenden Cloud-Anteil und zunehmend auch Rechenleistung am Edge.

In dieser neuen Welt hat SAP seine Position noch nicht endgültig gefunden. Die Walldorfer werden zwar nicht müde zu betonen, wie wichtig die Cloud für die eigene Zukunft sei. Als Anbieter von Cloud-Infrastruktur spielen sie aber keine Rolle im Markt. Vor Jahren hatte SAP wie so viele Wettbewerber versucht, ein eigenes Cloud-Angebot zu positionieren. Doch mit dem Tempo und der Investitionsmacht von Hyperscalern wie Amazon Web Services (AWS), Google und Microsoft konnte SAP nicht mithalten. Heute kooperiert das deutsche Softwarehaus mit den großen Cloud-Providern, wer will, kann seine S/4HANA-Lösung in deren Rechenzentren laufen lassen.

Generationswechsel an der SAP-Spitze

Die meisten Unternehmen stecken derzeit mitten in der digitalen Transformation. SAP muss dringend eine Antwort auf die Frage finden, wie die eigene Software der Klientel dabei helfen soll. Hier klangen zuletzt aus Reihen der Kunden immer wieder Zweifel durch. Nach wie vor sei SAP zwar wichtig als Backbone im ERP-Maschinenraum, um das Unternehmen am Laufen zu halten. Doch die Musik der digitalen Transformation spielt an anderer Stelle – nicht in der Finanzbuchhaltung, der Auftragsbearbeitung oder der Materialwirtschaft, sondern an den Kundenschnittstellen, der Customer Experience und dem Workflow-Management.

An diesen Stellen hat SAP eine offene Flanke. Zu sehr war der Konzern in den vergangenen Jahren mit den Konsolidierungsarbeiten nach der Ära McDermott beschäftigt. Ende 2019 trat der US-Manager überraschend von seinem Chefposten bei SAP zurück. Das war der Höhepunkt der personellen Turbulenzen in diesem Jahr. Anfang 2021 hatte Technikvorstand Bernd Leukert dem Konzern den Rücken gekehrt. Kurz darauf verkündete im April mit Robert Enslin ein weiterer langgedienter SAP-Manager seinen Abschied.

Damit vollzog sich ein Generationswechsel. Eine neue Garde junger Manager übernahm 2019 das Ruder. Der 39-jährige Christian Klein war der jüngste Manager, der je einen Dax-Konzern leitete. Mit Jürgen Müller (37 Jahre) und Thomas Saueressig (34 Jahre) übernahmen junge Manager die Technik-und Produktentwicklung. Doch Ruhe wollte seitdem nicht einkehren in die Vorstandsetage. Die mit Klein zur Co-CEO bestellte US-Amerikanerin Jennifer Morgan musste schon nach wenigen Monaten wieder gehen. Die vielbeachtete und auch öffentlich gelobte Berufung einer Frau an die SAP-Spitze war damit wieder Geschichte.

Der Exodus der alten SAP-Managergeneration ging indes weiter. Im Februar 2020 verabschiedeten sich das SAP-Urgestein Michael Kleinemeier und überraschend auch der Personalvorstand Stefan Ries. Für letzteren holte SAP Sabine Bendiek, die zuvor das Deutschlandgeschäft von Microsoft verantwortet hatte. Bendiek übernahm Mitte vergangenen Jahres neben der Personalverantwortung auch den Posten des Chief Operating Officer (COO).

Kurz vor dem 50. Geburtstag folgte kürzlich die nächste Überraschung. Finanzchef Luka Mucic verkündete seinen Abgang und sorgte damit durchaus für Irritationen am Markt. Mucic galt als Stabilitätsfaktor innerhalb der SAP-Führungsriege und als Ziehvater von Vorstandschef Klein. Insider mutmaßen, der Manager musste als Bauernopfer seinen Kopf hinhalten, unter anderem wegen Fehlern in der Cloud-Strategie.

Wie viel Geduld haben Hedgefonds mit SAP?

Jetzt müssen sich die Jungen beweisen. Wie viel Zeit sie bekommen, den SAP-Tanker auf neuen Kurs zu setzen, wird von der Geduld der Investoren und der schützenden Hand Hasso Plattners abhängen, der als graue Eminenz im Hintergrund immer noch die Fäden zieht. Die Finanzmärkte blicken durchaus mit einer gewissen Nervosität auf SAP, zumal seit 2019 mit Elliott Management ein Hedgefonds mit am Tisch sitzt, dessen Chef Paul Singer nicht gerade dafür bekannt ist, Manager mit Samthandschuhen anzupacken.

Der Aktienkurs will jedenfalls nicht so recht abheben. Nach einem Höchststand von etwa 140 Euro im August 2020 brach das Papier im Oktober auf rund 90 Euro ein, als SAP-Chef Klein die Wachstumsziele seines Vorgängers McDermott kassieren musste. Seitdem gibt es ein Auf und Ab. Im Herbst 2021 schaffte das Papier wieder knapp 130 Euro, dümpelt aktuell allerdings um die 100 Euro.

Zwischen Aufräumen und Zukunftsvision

SAP-Chef Klein steckt in einem Dilemma. Er braucht eine Zukunftsstory, um auf der Welle der digitalen Transformation surfen zu können. Gleichzeitig muss er liegen gebliebene Hausaufgaben erledigen und das bestehende Portfolio neu sortieren. Die Anwender liegen SAP seit Jahren damit in den Ohren, für eine bessere Integration der einzelnen Softwarebestandteile und eine Datenharmonisierung zu sorgen. Außerdem herrscht immer noch eine gewisse Verwirrung hinsichtlich der Produkte und deren Funktionen. Das reicht von der technischen Basis – Netweaver, SAP Cloud Platform (SCP) und heute Business Technology Platform (BTP) – bis zu den Anwendungen, wo immer noch nicht ganz klar ist, worin sich die verschiedenen Editionen von S/4HANA – On-Premises, Private und Public Cloud – unterscheiden.

Klein hat versprochen, die Wünsche seiner Anwender zu erfüllen. Von Anfang an hat er betont, wie wichtig ein gutes Verhältnis zu seinen Kunden sei. Er verwies auf die Anfänge der SAP, als die Entwickler die ersten Softwareversionen in den Rechenzentren der Kunden gemeinsam mit den Kunden entwickelten. Diesen Spirit wolle er wiederbeleben. Gut aus SAP-Sicht ist, dass viele Kunden auf SAP angewiesen sind und große Geduld mit dem Unternehmen zeigen. Die DSAG, die in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag feiert, hebt das partnerschaftliche Miteinander hervor und blickt in eine gemeinsame Zukunft. „Es ist ein ständiges Geben und Nehmen”, heißt es in einer Grußbotschaft zum runden Geburtstag, „und das macht den Erfolg unserer Zusammenarbeit aus. Auf weitere spannende 25 Jahre!“