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50 JAHRE WERSI: FLOTTER 50ER


OKEY - epaper ⋅ Ausgabe 149/2019 vom 05.06.2019

Es gibt dieser Tage in der Orgelwelt wieder einmal einen Grund zum Feiern: 50 Jahre Wersi! Klar, dass OKEY den Geburtstag dieses bedeutenden Traditionsherstellers würdigt. Aber wir wollen nicht ausufernd über die den Fans ohnehin bekannte Geschichte schreiben (außerdem kann man die zum Beispiel auch auf www.wersi.net nachlesen). Wir wollen viel mehr neben unserem Artikel in Interviews vier Persönlichkeiten zu Wort kommen lassen, die aus erster Hand manches auch von „Hinter den Kulissen“ berichten können. Deshalb freuen wir uns besonders, dass wir diese Namen gewinnen konnten: Michael Sauer, Reinhard ...

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Bildquelle: OKEY, Ausgabe 149/2019

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... Franz, Franz Lambert und Claudia Hirschfeld.

Meilensteine eine Erfolgsgeschichte: Wersi Galaxis (rechts oben), Wersi Atlantis (rechts Mitte), Wersi Louvre (rechts unten) und die aktuelle Wersi Pergamon (links)


Vor genau 50 Jahren, im Jahre 1969 also, wurde die legendäre Firma Wersi von den zwei Brüdern Wilhelm-Erich und Reinhard Franz gegründet. Was der Name „Wersi“ eigentlich bedeutet, ist übrigens schnell erklärt: Der Name Wersi setzt sich zusammen aus den beiden Städtenamen, besser gesagt deren Anfangsbuchstaben, Werlau und Simmern im Hunsrück. Diese sind die Geburtsstädte der Franz-Brüder. Der ehemalige Standort der Firma befand sich dann auch für viele Jahrzehnte im Industriegebiet in Halsenbach/Hunsrück. Bis heute gibt es dort noch das große ehemalige Wersi-Gebäude, und selbst innendrin ist sehr vieles wiederzuerkennen. Auch den legendären Wersi-Konzertsaal, das berühmte Auditorium, gibt es noch nahezu unverändert. Und Reinhard Franz, einer der beiden Firmengründer, ist Eigentümer des Gebäudekomplexes, in dem einst Wersi residierte und das heute den Namen iNovaParc trägt. Hier ist er mit seiner Firma „RFP-Immobilien“ ansässig und vermietet die Räumlichkeiten an Firmen aus den verschiedensten Branchen.

Wie viele Leser sich noch erinnern werden, wurden die Wersi-Orgeln ursprünglich als Selbstbausätze verkauft. Man konnte sie natürlich auch betriebsfertig erwerben, aber den Großteil machten eher die Bausätze aus. Die Idee wurde vom ebenfalls deutschen Hersteller und ewigen Mitbewerber Dr. Böhm übernommen, der dieses Konzept bereits Ende der 1950er Jahre erfolgreich eingeführt hatte. Die Idee traf damals den Nerv der deutschen Freizeitgestaltung: Man konnte dabei einerseits, wenn man die nötige Zeit und das handwerkliche Geschick hatte, seine „Bastelleidenschaft“ und die Liebe zur Musik miteinander verbinden, vor allem aber bares Geld, nämlich rund die Hälfte der Kosten eines fertig aufgebauten Instrumentes sparen. So sollten die schon immer tendenziell eher hochpreisigen Instrumente auch für Hobby-Musiker erschwinglich werden. Selber bauen konnte man Wersi Orgeln bis zur berühmten CD-Linie (Spectra und Co.) und bis in die frühen 90er Jahre hinein. Ab der Pegasus-/Phon X-/Performer-Reihe, die ab 1992/93 an den Start ging, war das nicht mehr möglich, weil die Technik immer feiner und diffiziler wurde und die Technik damit einen sicheren Selbstbau durch Laien einfach technisch nicht mehr möglich und auch wirtschaftlich unrentabel machte.

Schwelgen wir in Erinnerungen an gute alte Wersi-Zeiten, indem wir auf die Orgel-Faszination der Wersi-Fans und das jahrelange besondere Flair der Marke eingehen: Bis in die 90er Jahre gab es im ganzen Bundesgebiet zahlreiche Niederlassungen, eine repräsentativer als die andere. Ein sehr gutes Beispiel dafür war die Niederlassung in Neu-Isenburg bei Frankfurt. Sie galt als eine der schönsten und größten. Jeden Samstag gab es dort Live-Musik, ein richtiges, mehrstündiges Konzert an den gerade angesagten Instrumenten. Da wurde dann zum Beispiel in den 80ern auf den neuen Digitalorgeln gespielt (Alpha, Beta, Gamma, Delta), aber rundherum standen auch noch die analogen Schätze, die man zu dieser Zeit auch immer noch kaufen konnte, wie etwa Helios, Saturn oder die legendäre Galaxis, deren Anblick allein schon in Staunen und Ehrfurcht versetzte. Auch der Blick aufs Preisschild übrigens: 75.500 D-Mark. Das gesamte Wersi-Instrumenten-Sortiment war damals aufgebaut – und das war groß. Alles was man bestenfalls aus dem Katalog kannte, stand dort auf einmal vor einem. Internet gab es noch nicht, und in heutigen Zeiten, wo alles in Form von Fotos und Produktvideos immer griffbereit ist, mag diese Faszination für jüngere Leser gar nicht mehr nachvollziehbar sein. Aber das Orgelherz schlug höher!
Namhafte Musiker gaben sich damals regelrecht die Klinke in die Hand. Für Wersi zu spielen, in einer der Niederlassungen oder gar auf der Frankfurter Musikmesse, das war etwas, wovon viele junge Nachwuchsorganisten träumten. „Vorführer“ war allein schon vom Begriff her wesentlich positiver behaftet als heute (heute gibt es solche ja quasi gar nicht mehr) und für viele sogar ein Karriere-Start. Um beim Beispiel zu bleiben: Die Neu-Isenburger Niederlassung lag im Isenburg-Zentrum. Lange Schlangen standen da jeden Samstag aus dem Laden heraus bis auf die Rolltreppen! Das Studio war so voll, dass man teilweise Mühe hatte, überhaupt noch hinein zu kommen. Wenn dann auch noch die angesagten Stars wie Franz Lambert, Klaus Wunderlich, Ady Zehnpfennig, Curt Prina und später auch Mark Whale und Claudia Hirschfeld kamen, und das teilweise an vier aufeinanderfolgenden Samstagen hintereinander, gab es oftmals kein Halten mehr. Ähnlich sah es in den anderen Niederlassungen und natürlich im Hauptwerk in Halsenbach und dem dortigen Auditorium aus. Regelmäßig wurden zu dieser Zeit auch noch ausgedehnte Demo-Touren mit den bekannten Stars gefahren, auch im Ausland, teilweise sogar weltweit. Was war das doch für eine Orgel-Zeit, und eben ganz maßgeblich von Wersi, seinen Produkten, dem legendären Wersi-Sound und natürlich den Künstlern mitgeprägt!

Wersi, das war für viele nicht einfach nur eine Marke. Nicht ohne Grund sprachen viele von der „Wersi-Familie“ und fühlten sich dieser auch besonders verbunden. Die Identifikation vieler Kunden und Fans mit der Marke war aus heutiger Sicht unglaublich! Eine eigene Haus-Zeitschrift gab es (die „Music World“), deren Erscheinen viele immer schon entgegenfieberten. Auch als Nachwuchsmusiker hatte man bisweilen Chancen, darin vorgestellt zu werden.
Damals kümmerte sich Wersi auch bereits um den Tasten-Nachwuchs. Wie bei anderen Firmen auch, gab es über viele Jahre den Wersi-Jugend-Orgelwettbewerb. Für diesen musste man sich bewerben und eine Cassetten-Aufnahme seiner Musik einsenden. Es gab dafür ein Kürund ein Pflichtstück, dessen Noten vier Wochen vorher versendet wurden und das man einstudieren musste. Wer eine Runde weiterkam, konnte sich dann zunächst in einer Regionalrunde live vor einer Jury beweisen, die dortigen Gewinner fuhren schließlich zum großen Finale ins Auditorium nach Halsenbach. Attraktive Preise wie als Hauptpreis eine komplette Plattenproduktion im Wersi-eigenen „Loreley“-Tonstudio winkten da. Das war in der damaligen Zeit mehr als nur ein Ansporn, unter Umständen auch ein Karriere-Anschub. Durch den Gewinn eines solchen Jugendwettbewerbs soll Wersi seinerzeit auf den jungen Engländer Mark Whale aufmerksam geworden sein. Der Rest ist Geschichte (leider verstarb Mark letztes Jahr völlig unerwartet mit nur 53 Jahren. An dieser Stelle sei noch einmal an diesen Ausnahme-Künstler erinnert.) Auch nicht zu vergessen: Gewinner eines solchen Wersi-Jugendwettbewerbs war übrigens auch Lutz Krajenski, späterer Arrangeur und u.a. musikalischer Leiter bei Roger Cicero.

Ein Erfolgsrezept von Wersi war es ohne Frage, von Anbeginn auf die Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern zu setzen: Zuerst Klaus Wunderlich natürlich. Unvergessen ist ebenso Curt Prina. Der großartige Musiker Hady Wolff muss unbedingt genannt werden. Franz Lambert wurde bereits erwähnt. Claudia Hirschfeld wie auch Robert Bartha als Vertreter der „jüngeren“ Generation sind inzwischen auch schon seit Jahrzehnten erfolgreich im Geschäft. Selbst Jazz-Orgel-Legende Jimmy Smith nahm ein Album auf einer Wersi (Saturn) auf. Und nicht zuletzt denken wir hier auch an Ady Zehnpfennig und seine späteren zahllosen Fernsehauftritte zur besten Sendezeit im ZDF, bei denen er Wersi Instrumente einsetzte.

Ein ganz großes Thema war natürlich auch immer wieder die Musikmesse in Frankfurt. Wersi baute regelmäßig einen Stand von beeindruckender Größe mit mehreren Konzert-Kabinen auf. Der Wersi-Schriftzug überragte manchmal alles in der Halle, viele fuhren nur wegen Wersi zur Messe. Alle angesagten Künstler waren vertreten und konzertierten, manchmal kamen sie nur ein- bis zweimal am Tag dazu, weil das Programm so voll und der Nachwuchspool so groß war. Auf der Messe konnte man dementsprechend zwei Tage mit Zuhören nur am Wersi-Stand verbringen. Für die Stars wie Franz Lambert gab es sogar eine „Vorgruppe“, einen noch etwas unbekannteren Nachwuchs-Künstler, wie bei großen Pop-Konzerten, heute unvorstellbar (wer die Messe in diesem Jahr besucht hat: makabrer könnte die Entwicklung nicht sein…).

Kommen wir noch einmal auf unser gewähltes Niederlassungs-Beispiel zurück, und zwar deshalb, weil sich dort fast sinnbildlich-symbolisch eines Tages folgendes ereignete: Auf einmal fand ein Umzug an einen anderen Standort innerhalb des Einkaufszentrums statt. Das neue Studio, von der Größe her vergleichbar zwar, war aber versteckt in einer der hinteren Ecke des Zentrums, weit ab vom Schuss. Die damalige Begründung: Man wolle allzu viel „Laufkundschaft“ vermeiden. Ein Schelm, wem da schon Böses schwante. Es kam, wie viele es ahnten, aber nicht geglaubt hätten: Es folgte ein (erster) Konkurs, Wersi war pleite! Was war passiert? Eigentlich weiß es bis heute keiner so genau, die Spekulationen überschlugen sich. War der Markt einfach weggebrochen und die große Zeit der Orgel vorbei? Hatte Wersi die Zeit verschlafen und den Umstieg in den Keyboardmarkt verpasst? Lag es an einer verfehlten Preispolitik? War der Fall nach dem vorangegangenen sprichwörtlichen Hochmut gekommen? Müßig. Wir freuen uns allerdings sehr, dass Herr Reinhard Franz, einer der beiden Gründer der Firma Wersi, im Interview ganz offen mit uns darüber gesprochen hat. Sie dürfen es mit Spannung lesen.

Einige Zeit später wurde zunächst eine sogenannte Wersi Vertriebs GmbH gegründet. Mit dem Pegasus-Keyboard ging eine neue Instrumenten-Generation an den Start, der durchaus auch einige Erfolge beschert waren und die wahrgenommen wurde. Es ging zwar weiter, in den 90ern folgten durchaus auch wieder erfolgreiche Jahre, in denen die Künstler sehr präsent waren, viele CDs veröffentlichten, Veranstaltungen stattfanden und man das aufgebaute Image weiterpflegte, aber irgendwie lag doch auch ein gewisser Schatten über der Sache, es war nicht mehr ganz wie vorher.

Die Stimmung war auch merklich eine andere geworden, die großen goldenen Zeiten waren irgendwie vorbei. Zunehmend wurde dann doch hier und da gespart, der Personal-Stamm hatte sich verändert, die Frequenz neuer Instrumente oder vielleicht zumindest die Wahrnehmung des Innovationsgeistes, für den Wersi immer gestanden hatte, hatten sich verändert. Vielleicht faktisch, vielleicht mehr eine psychologische Wahrnehmung der eingefleischten Fans, die sich sehr mit Wersi identifiziert und „ihre“ Marke auch ein Stück idealisiert und glorifiziert hatten, vielleicht eine Mischung aus beidem. Aber letztlich zählen eben die Ergebnisse und entscheiden - so unromantisch das auch klingt - die Zahlen. Kurzum: Auch diese Vertriebs GmbH hatte keinen übermäßig langen Bestand. Es folgten unruhige Zeiten mit verschiedenen Wechseln der Geschäftsführung und in den Strukturen, die sich heute, 20 Jahre später, kaum mehr in allen Details rekonstruieren lassen. Spannend ist aber beispielsweise, dass um die Jahrtausendwende sogar einer Rückkehr der alten Geschäftsführer und Firmengründer stattfand, die Wersi immerhin schon einmal zu Weltruhm etabliert hatten und sich mit der Einführung von OAS mit einem Paukenschlag ins neue Jahrtausend zurückmeldeten. Wersi war wieder da! Ein PC in der Orgel, der PC als Orgel, die Orgel als ein Hardware-Controller, der die darauf laufende Software bediente. Das Konzept war neu und die Resonanzen überschlugen sich, kontroverse Diskussionen über die neue Philosophie gab es endlose in der Szene. Zugegeben: Skepsis und mancherlei Kritikpunkte waren sicher auch berechtigt, andererseits wurde auch nicht wenig von vornherein schlechtgeredet und „totgesagt“, wie es leider, das muss man einräumen, in der Orgelszene nicht ganz untypisch ist. Ungeachtet dessen ging Wersi aber seinen (neuen) Weg, und da war er wieder, der Innovationsgeist, der einst die Marke schon einmal groß gemacht hatte. Wirklich an den Ruhm (und die Verkaufszahlen) früherer Jahre anknüpfen konnte man freilich nicht, dafür hatte sich der Markt einfach im neuen Jahrtausend zu sehr verändert. Es gab einen erneuten Wechsel in der Geschäftsführung, zum Beginn des Jahres 2005 übernahm Ulrich Wildhack die Firmenleitung, der auch heute beim neuen Markeninhaber Music Store in Köln wieder als Entwicklungsleiter für Wersi tätig ist und, das ist nicht übertrieben zu sagen, Wersi ein erhebliches Stück verkörpert. Ohne ihn würde vieles nicht laufen und die Entwicklung nicht da stehen, wo sie ist. Als er 2005 zusammen mit Torsten Reichold die Geschäftsführung übernahm, war er kein Unbekannter, sondern schon seit zwei Jahrzehnten im Unternehmen dabei. Er wollte einerseits „frischen Wind“ in die Sache bringen, andererseits, wie er damals selbst schrieb, „die erfolgreiche Tradition des Unternehmens lückenlos fortsetzen“. Die Entwicklung und das Sound-Design zahlreicher Instrumente vorher waren ohnehin schon eng mit ihm verbunden, er kannte die Wersi-Instrumente sicher wie kaum ein Zweiter. Doch geschäftlich war der neuen Wersi Führung nicht lange Erfolg beschert, und nach einer weiteren Insolvenz wurde die Marke Wersi 2010 schließlich von „MUSICSTORE professional“ in Köln übernommen, einem der großen Player in der Branche. Das liegt nun auch schon knapp ein Jahrzehnt zurück, und man scheint endlich wieder in ruhigere Fahrwasser gekommen zu sein und sich mit aller Energie auf die Weiterentwicklung der Produkte fokussieren zu können – sehr zur Freude der Fans und Kunden. Die finden zwar gegenüber früher ein komplett anders aufgestelltes Wersi vor, halten in großer Zahl „ihrer“ Mar- ke aber durchaus weiterhin die Treue. Interessante Details über Wersi unter der Ägide des Music Stores können Sie in unserem Interview mit Music Store-Besitzer und -Geschäftsführer Michael Sauer erfahren. Der „Store“, wie viele ihn nennen, hat auch die komplette Entwicklung der verwendeten Technologien übernommen. Die Fertigung der Instrumente erfolgt aber nicht in Köln, sondern bei der Firma Wersi Hochrhein in Hohentengen, nahe der Schweizer Grenze. Mit dem aktuellen OAX setzt man die Idee von OAS heute auf einer moderneren Plattform fort und hat wohl das Konzept der Orgel als Hardware-Controller vorläufig erst einmal auf die Spitze getrieben.

Zugegeben, das heutige Wersi hat mit dem der 70er bis 90er überschaubar viel (oder wenig) gemein und sich fast komplett verändert. Für die „älteren“ Leser dieses Berichts mag da ganz viel Nostalgie mitschwingen, für die jüngeren mag er wie aus dem Geschichtsbuch geklungen haben. Bei Music Store ist man jedenfalls gewillt und überzeugt, der Marke noch eine große Zukunft bescheren zu können. Wir bei OKEY wünschen Wersi, dass sie unter der Führung des Music Stores noch lange fortbestehen und uns noch mit vielen interessanten Entwicklungen und Instrumenten überraschen möge.

WERSI-Chef Michael Sauer (links) mit Entwickler Ulrich Wildhack


OKEY: Herr Sauer, Sie sind Geschäftsführer und Besitzer des bekannten Musicstore in Köln. 2010 haben Sie die Marke Wersi nach dem damaligen Konkurs übernommen. Wie kam es dazu? Was waren Ihre Beweggründe?
Michael Sauer: Auf einem Event lernte ich zufällig Herrn Wilhelm Erich Franz kennen und erfuhr, dass Wersi zum Verkauf stehen würde. Als ehemaliger Geschäftsführer von Farfisa interessierte mich das natürlich, denn Wersi war in den großen Orgelzeiten für mich immer der große Mitbewerber, der uns viele Kunden weggeschnappt hatte. Aber ich dachte mehr an die Vermarktung des bekannten namens Wersi für andere Produkte, die wir in Fernost fertigen lassen. Ich hatte immer noch die Vorstellung im Kopf, dass es sich bei Wersi um alte verstaubte Technologie handeln würde, die man einfach nur begraben müsse. Als dann aber einige Wersi-Orgeln nach der Übernahme bei uns im Haus in Köln ankamen und wir uns die Instrumente näher angesehen hatten, war ich total überrascht, dass wir es bei Wersi mit neuster Technologie zu tun hatten. In den Orgeln war ja kaum was drin außer einem Rechner, Audioplatine und Bedienteil. Und das Geheimnis lag in der Software, in die bereits tausende von Ingenieursstunden eingeflossen waren. Unsere gesamte Musicstore-Mannschaft war total überrascht. Damit hatte keiner gerechnet. Ich habe mich dann blitzschnell entschieden, die Orgeln weiterbauen zu lassen. Glücklicherweise bot sich die Firma Wersi Hochrhein von Karlheinz Hack zeitgleich an, die Produktion zu sich an den Bodensee zu verlagern. Das kam uns natürlich sehr gelegen, denn wir hätten die Produktion niemals bei Musicstore machen können.
OKEY: Wie sehen Sie die Entscheidung aus heutiger Sicht?
Michael Sauer: Es war eine gute Entscheidung, besonders deshalb, weil Lowrey sich vom Markt verabschiedet hat. Und weil wir eine Technologie verwenden, mit der man alle Wersi OAX-Orgeln jederzeit per Updates mit neuen Sounds und Styles ausstatten kann.
OKEY: Früher gab es im Umfeld von Wersi permanent Konzerte, Demo-Shows in den Niederlassungen und sogar ganze Tourneen bekannter Künstler. Heute scheinen immer weniger bis gar keine Veranstaltungen von Wersi selbst oder zumindest vom Musicstore aus durchgeführt zu werden. Täuscht dieser Eindruck, oder welche Entwicklung in der Präsentation der Instrumente hat da stattgefunden?
Michael Sauer: Leider haben sich die Zeiten geändert. Die Orgelfans sind älter geworden und es gibt immer weniger Nachwuchs. Deshalb rechnen sich aufwändige Konzerte nur noch bedingt. Aber jedes Jahr veranstalten wir im Frühjahr und im Herbst eine Demo-Tournee durch Deutschland. Teils nur mit Verkäufern, teils aber auch mit bekannten Musikern wie Claudia Hirschfeld, Robert Bartha oder Brett Wales. Hinzu kommt, dass Claudia sehr fleißig das ganze Jahr hindurch sehr erfolgreich eigene Konzerte veranstaltet.
OKEY: Wie entwickelt man die E-Orgel und eine Marke wie Wersi heute weiter? Gewähren Sie uns einen kleinen Einblick hinter die Kulissen, woran aktuell gerade gearbeitet wird?
Michael Sauer: Unsere Software wird von drei bis vier Entwicklern permanent weiterentwickelt. So erscheint gerade das Update mit dem neuen „Musicfinder“, bei dem zum gewählten Titel sofort eine passende Registrierung mit passenden Styles programmiert wird. Viele Kunden werden sich darüber freuen. Wir merken immer wieder, dass viele Kunden mit dem Programmieren Probleme haben.
OKEY: Was wünschen Sie ganz persönlich der Marke Wersi, deren Chef Sie nun sind, zu ihrem runden Geburtstag?
Michael Sauer: Wir wünschen uns, dass wir endlich wieder auf dem amerikanischen Markt Fuß fassen können. Die Lowrey-Ära ist dort zu Ende, und Wersi wäre für die meisten Orgelfreunde in den USA ein gewaltiger Fortschritt. Wir freuen uns auf die USA. Aber auch in England machen wir gerade große Fortschritte und bauen ein Händler- und Servicenetz auf. In England gibt es eine sehr große Orgel-Fangemeinde. Auch auf die freuen wir uns.

OKEY: Herr Franz, vor 50 Jahren haben Sie zusammen mit Ihrem Bruder Wilhelm Erich die Firma Wersi gegründet. Können Sie uns ein bisschen berichten, wie es dazu kam? Man kommt ja wahrscheinlich nicht mal eben so auf die Idee, eine Orgelfirma zu gründen…
Reinhard Franz: Mein Bruder und ich waren beide musikbegeistert und von der Orgel sehr angetan, wir hatten natürlich Hammondorgeln, aber auch Lowrey und Wurlitzer als Vorbilder. Aber diese Instrumente waren zur damaligen Zeit nicht gerade erschwinglich, und so war es unmöglich, eine Orgel zu kaufen, es war einfach zu teuer. Da mein Bruder jedoch eine Orgel haben wollte, haben wir einen Bausatz von Dr. Böhm gekauft, welchen ich dann für meinen Bruder aufbaute. Dadurch angespornt, reiften dann in mir nur so die verschiedensten Ideen, und Stück für Stück folgte die Entwicklung einer eigenen Orgel. Ich arbeitete mich daran sozusagen immer weiter vor während meines Studiums der Elektrotechnik.
OKEY: Der Wersi-Sound gilt bis heute in der ganzen Welt als legendär. Aber wie muss man sich das vorstellen, wie haben Sie und Ihr Bruder diesen Sound überhaupt entwickelt oder entdeckt, wie sind Sie darauf gekommen? Sind Sie solche Visionäre? Hatten Sie diesen Sound bereits im Ohr und mussten nur noch nach technischen Möglichkeiten suchen, ihn umzusetzen?
Reinhard Franz: Mit meiner eben beschriebenen Entwicklung einer eigenen Orgel begann ich 1968. Mein selbstgestecktes Ziel damals war es, die Klangeigenschaften der Hammond, der Lowrey/Wurlitzer und der Dr. Böhm-Orgel in einem Instrument zu vereinen. Kein leichter Anspruch… Also habe ich auf Basis eines Rechteckgenerators über Oktavfilter einen Sinus erzeugt. Der Rechteckgenerator, wie er in Lowrey/Wurlitzer Anwendung fand, war vorhanden, und der Sägezahn der Dr. Böhm-Orgel wurde über Oktav-Kopplung erreicht. Somit war die Wersi W248-Serie die erste Orgel der Welt, die alle damals gängigen und bekannten Klangeigenschaften vereinte. Weiterhin führten die von mir entwickelten verschiedenartigen Filter zu dem Gesamt-Klang „Wersi“.
OKEY: Wir haben verschiedene Wersi-Künstler nach ihren ein oder zwei besonderen „Wersi-Erlebnissen“ gefragt, die ihnen in Erinnerung bleiben. Wir würden Sie, der Sie das aus ganz anderer Perspektive sehen, gerne dasselbe fragen: Welche sind Ihre Lieblings-Anekdoten und Highlight-Erinnerungen, wenn Sie an Wersi denken?
Reinhard Franz: Da gibt es zu viele positive Erinnerungen, als dass ich diese alle aufzählen könnte. Hier aber wenigstens nur mal zwei Bereiche: Zum einen die rasante Umsatz- und Wachstumsentwicklung. Mit der Helios-/Galaxis-Serie verdoppelten wir in nur einem Jahr den Umsatz von 7 Millionen auf 15 Millionen! Der zweite Bereich ist natürlich die Begegnung mit den Künstlern, die Highlights der Konzerttourneen, zum Beispiel ein Konzert mit Franz Lambert in Wien mit Helios/Galaxis und 4.000 Personen in der Stadthalle! Das setzt sich natürlich fort mit der Begegnung mit vielen Bekannten aus Politik, Wirtschaft und Kunstszene. Helmut Schmidt, Helmut Kohl, einige Bundespräsidenten, Lalo Schifrin (Filmkomponist u.a. Mission impossible), James Last, Oscar Peterson, selbst der Inhaber der Hyatt-Hotelkette war ein Orgel-Fan, ich könnte diese Liste um weitere hundert bekannte Namen erweitern. Besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle die gute Zusammenarbeit mit Franz Lambert, der seit 1973 bis heute die Wersi-Orgel spielt und promotet.
OKEY: Wersi hatte bis in die späten 80er, frühen 90er Jahre hinein eine ganz große Zeit. Dass es auf einmal nicht mehr so lief, gar zum Konkurs kam, war in der Orgelwelt ein Schock. Was war eigentlich passiert? Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Reinhard Franz: Der Konkurs hatte viele Gründe: Das schnelle Wachstum kostete Geld, Ende der 80er kamen Marktprobleme hinzu, besonders im Ausland. Hauptproblem waren jedoch die Banken, die trotz eines hohen Auftragsbestandes und der eingeleiteten Straffung des Unternehmens und der vorhandenen ASIC Technologie, die bereits in unserem Wersi-Piano und der neuen Pegasus-Reihe zum Einsatz kamen, die Kredite kündigten, um anschließend die „Nachfolger“ mit neuem Geld zu versorgen, was jedoch, wie man gesehen hat, nicht zu einem Erfolg geführt hat. Aus diesem Grund haben wir dann 1995 zunächst den AXON (einen Guitar-to-MIDI-Konverter) auf den Markt gebracht und anschließend, ab 1997, Wersi wieder neu gestartet mit dem neu entwickelten OAS-System, das bis heute noch das „Herz“ der Wersi-Orgel ist.
OKEY: Sie sind Besitzer des ehemaligen Wersi Firmengebäudes in Halsenbach und mit Ihrer heutigen Firma RFP Immobilien vermieten Sie die Räumlichkeiten an verschiedene Firmen. Auch das legendäre Auditorium kann man für Veranstaltungen mieten. Was beschleicht Sie heute für ein Gefühl, wenn Sie das Gebäude betreten? Schwingt da ganz viel Nostalgie mit, denkt man jedes Mal beim Reingehen automatisch daran, oder ist das für Sie eher ein abgeschlossenes Kapitel?
Reinhard Franz: Eher ein abgeschlossenes Kapitel, aber das ist natürlich. Ich habe ja auch bis heute immer noch „Musik“ im Gebäude. Wenn Sie sich meine Mieter ansehen, gibt es das Tastenzentrum mit dem Vertrieb von Orgeln (Inhaber Herr Stange) und eine Musikschule („Modern Music School“). Im Auditorium, das komplett neu renoviert wurde, sind immer wieder, außer anderen Veranstaltungen von Hochzeiten bis Firmenveranstaltungen, Konzerte von Franz Lambert und Claudia Hirschfeld. Wer sich darüber informieren möchte, kann übrigens auf www.iNovaParc.de und www.Das-Auditorium.de vieles dazu finden.
OKEY: Wir haben die Künstler gefragt, welche Wersi-Orgel ihr Lieblingsinstrument ist. Wie sieht es mit Ihnen aus: Haben Sie eine Lieblings-Orgel? Welche ist die beste Wersi-Orgel, die die Firma je gebaut hat?
Reinhard Franz: Jede Wersi Orgel-Generation war entsprechend der Zeit und den technischen Möglichkeiten ausgelegt. Die Highlights waren die „Galaxis-Linie“, die „Spectra-Linie“ und bis heute das „OAS-OpenArtSystem“ mit den unendlichen Möglichkeiten der Erweiterungen über Software und allen „VST“-Sounds.
OKEY: Wie sehen Sie, der Sie das Geschäft lange und wahrscheinlich gründlich wie kaum ein anderer kennen, die Entwicklung des aktuellen Orgelmarktes und die Zukunftschancen für die Marke Wersi?
Reinhard Franz: Wersi hat nach wie vor eine gute Marktchance, wenn das OAS- (OAX-) System entsprechend weiterentwickelt wird und wenn, wie es früher bei uns üblich war, Wersi auch mit neuen Produktideen auf dem Markt erscheint.
OKEY: Wie lautet Ihr Geburtstags-Glückwunsch für Wersi?
Reinhard Franz: Mein Glückwunsch zu „50 Jahre Wersi“ ist verbunden mit einem herzlichen Dank an alle „WERS-Ianer“ und an alle ehemaligen Mitarbeiter in der Entwicklung, dem Vertrieb, der Produktion, und natürlich an die Künstler, welche von Beginn an bis heute die Wersi-Orgeln zu dem gemacht haben, was den Namen Wersi und das Produkt noch heute ausmacht, verbunden mit dem Wunsch, dass das Produkt Wersi, welches viele Aufs und Abs erlebt hat, noch eine lange und erfolgreiche Zukunft haben möge.

OKEY: Franz, du hast in den letzten Jahrzehnten so viel mit Wersi erlebt und warst auch so oft für und mit Wersi auf Tournee, da sind sicher unzählige Anekdoten zusammengekommen. Kannst du uns wenigstens ein oder zwei Beispiele kurz berichten, welche „Wersi-Erlebnisse“ dir in besonderer Erinnerung geblieben sind?
Franz Lambert: Ich erinnere mich an den ersten großen Auftritt im Olympiastadion in Berlin 1977, vor 80.000 Zuschauern und einem Millionenpublikum vor den Bildschirmen. In der Halbzeit des Fußballspiels Deutschland – Italien, das in über 30 Ländern ausgestrahlt wurde, hatte das ZDF mich über 10 Minuten übertragen und der bekannte Sportmoderator Rolf Kramer hatte die ganze Zeit über mich erzählt… plötzlich war ich mit der Wersi Galaxis in allen Wohnzimmern, und das international.
Dann kam das Engagement bei der WM 1978 in Argentinien, wo man mich in Ascochinga als „musikalischen Seelenmasseur“ der Nationalmannschaft verpflichtet hatte. Ich habe dann zweimal bei den Spielen der deutschen Mannschaft, die weltweit übertragen wurden, gegen Mexico und Österreich, im Stadion von Cordoba gespielt. Wersi hatte mir damals den Techniker Egon Schmitt die ganze Zeit zur Seite gestellt. Auch Wilhelm-Erich Franz war einige Zeit vor Ort.

Lass mich noch etwas ergänzen: Ich gebe Euch zu diesem Interview mal zwei Fotos aus meinem privaten Archiv. Beide sind im Berliner Olympiastadion entstanden, einmal 1977 bei meinem ersten Aufritt, von dem ich gesprochen habe, und das zweite 2006. Also damals und heute sozusagen. 2006 war ein ganz besonderes Erlebnis. Das war das Endspiel der Fußball-WM, und ich durfte im Stadion beim Finale Italien-Frankreich spielen. Die Veranstaltung wurde weltweit übertragen und von zwei Milliarden (!) Menschen gesehen – bis in die einsamsten Beduinen-Zelte. Ich sollte die von mir komponierte FIFA-Hymne und die Nationalhymnen der beiden Final-Mannschaften spielen. Das war natürlich unglaublich. Wann hat man schon jemals eine solche Gelegenheit? Ich wollte das tatsächlich live spielen, durfte aber nicht. Sie wollten vielleicht ausschließen, dass ich versehentlich die deutsche Nationalhymne erklingen lasse… Man kann darüber schmunzeln, aber da wird tatsächlich nichts dem Zufall überlassen.
OKEY: Viele Orgel-Fans nennen die Namen Franz Lambert und Wersi bis heute in einem Atemzug. Hast oder hattest du eigentlich jemals einen Vertrag mit Wersi und warst oder bist du ein offizieller „Wersi-Künstler“?
Franz Lambert: Ich spiele nun bereits seit 45 Jahren auf Wersi-Orgeln, immer auf wechselnden Modellen. Zu früheren Zeiten hatte ich natürlich Vereinbarungen mit Wersi und stand nach Absprache für Konzerte und Meetings etc. zur Verfügung. Aber natürlich war ich auch immer freier Künstler und habe eigene Sachen gemacht!
OKEY: Auch wenn du in früheren Jahren unglaublich viel mit Wersi zusammengearbeitet hast, warst du trotzdem einer derjenigen wenigen Organisten, die schon früh sicher auch unabhängig von der Firma existieren und im großen Showbusiness Fuß fassen konnten. Viele sagen, diese Beziehung hätte sich gegenseitig befruchtet. Wie siehst du das?
Franz Lambert: In den früheren Jahren war ich wirklich viel für Wersi unterwegs… lange Tourneen im In- und Ausland, Meetings und vieles mehr. Das war auch die Zeit, in der ich viel TV-Präsenz hatte, unzählige Galas gespielt habe wie beim „Ball des Sports“ über 30 Jahre, Frankfurter Opernball, große Stadien-Auftritte, auch international wie in Zürich oder Amsterdam, Firmenveranstaltungen und vieles mehr. Die Zusammenarbeit mit Wersi war eine Win-Win-Situation. In aller Bescheidenheit würde ich heute sagen, dass Wersi damals den richtigen Interpreten für ihre Orgeln ausgesucht hat und ich das richtige Instrument. Übrigens hat mich Klaus Wunderlich damals bei Wersi für die erste Solotournee 1974 mit der W248 empfohlen. Zwischenzeitlich hatten auch Böhm oder Yamaha Interesse gezeigt. Ich erinnere mich noch genau, dass Herr Dr. Böhm mich eines Tages im Felsenkeller in Heppenheim besuchte und mir eine Zusammenarbeit anbot. Man kann sagen, dass ich Wersi jetzt schon über 45 Jahre die Treue gehalten habe. Vor wenigen Jahren, einige erinnern sich vielleicht daran, gab es dann allerdings für mich tatsächlich eine kurze Liaison mit Lowrey. Am Anfang konnte ich mir das nur sehr schwer vorstellen auf diesem Instrument zu spielen. Aber nach intensivem Studieren der Orgel habe ich dann einige Veranstaltungen mit dem für mich neuen Instrument absolviert. Ich war von der Lowrey Liberty fasziniert und sollte auch Konzerte in England und USA spielen. Es ist dann wirklich nur daran gescheitert, dass ich mir mit dem total verstaubten Rhythmusgerät der Orgel nicht vorstellen konnte, eine musikalische Wegstrecke von fünf bis sechs Stunden nonstop, so wie es meine Fans von mir gewöhnt sind, zu bewältigen. Mittlerweile hat sich das Thema Lowrey, leider, von selbst erledigt.
OKEY: Du spielst immer noch auf deiner Louvre-Orgel der OAS-Serie. Obwohl OAS schon seit einigen Jahren nicht mehr neu gebaut und weiterentwickelt wird, hast du noch nicht auf OAX gewechselt. Du hast seinerzeit auch noch recht lange die Atlantis gespielt, bevor du auf OAS gegangen bist, scheinst gerne an Bewährtem festzuhalten. Wie kommt das?
Franz Lambert: Richtig, ich spiele noch immer auf der OAS Linie, habe zwei Louvre, mit denen ich auch reise. Diese Orgelgeneration kommt meiner Spielweise einfach mehr entgegen. Ich habe einige Konzerte von Kollegen auf der neuen Generation gehört und muss sagen, dass sie über wirklich hervorragende Sounds und Möglichkeiten verfügt, aber im Moment sehe ich noch keinen Anlass auf OAX zu wechseln – schließe es aber künftig auch nicht aus.
OKEY: Du überblickst von den allerersten Anfängen bis heute alle Wersi-Instrumente. Angefangen von der Analog-Generation mit Helios und Galaxis bis zu OAS und jetzt OAX. Welche ist deine persönliche Lieblings-Wersi-Orgel? Welche Erinnerungen verbindest du mit den einzelnen Instrumenten-Generationen von Wersi?
Franz Lambert: Angefangen habe ich wie gesagt 1974 bei meiner ersten Wersi-Tournee mit der W248. Ein spannendes Instrument, auf dem man noch viel registrieren musste, um Sounds zu erstellen. Dann kam aber bald die Helios, ich glaube eines der meistverkauften Instrumente von Wersi. Um aber deine Frage nach meiner Lieblingsorgel zu beantworten: Das ist immer die, die ich gerade spiele.
OKEY: Du selbst bist mit dem „Galaxis-Sound“ legendär geworden, später hast du aber auch den CD-Sound von Spectra und Atlantis entscheidend mitgeprägt. Sounds wie „Galaxy“, „Angel“ oder „Fairlight“ sind spätestens seit deiner Platte „Begegnungen“ 1989 untrennbar mit dir verbunden. Warst du in all den Jahren auch in die Entwicklung neuer Wersi-Instrumente eingebunden oder hast du dich da eher zurückgehalten?
Franz Lambert: In technische Entwicklungen war ich nie eingebunden. Da waren zu der Zeit immer Reinhard Franz und Wilfried Dietmar zuständig. Für mich war wichtig, wie es klang, was da erstellt wurde, und da hat man natürlich auch Wünsche von mir berücksichtigt. Ich glaube, dass ich einen erkennbar eigenen Sound kreieren konnte.
OKEY: Wenn du in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft blickst, wie siehst du Wersi dann? Welcher ist dein Glückwunsch für Wersi zum Geburtstag?
Franz Lambert: Ich denke, in den vergangenen Jahren war die Zusammenarbeit sehr erfolgreich und ich wünsche Wersi für die Zukunft alles Gute! Mein Wunsch ist, dass die Marke Wersi noch lange weiterbesteht und der Wersi-Stern noch lange am Himmel strahlt! Auch würde ich mich sehr freuen, wenn bei aller Modernisierung auch der legendäre Wersi-Sound weiter gepflegt wird und es viele Fans gibt, die sich auch weiterhin daran erfreuen.

OKEY: Claudia, lass uns zum Einstieg ein klein bisschen über deine persönliche Geschichte mit Wersi sprechen. Als eine von ganz wenigen Organistinnen überhaupt kannst du bis heute offenbar sehr erfolgreich von deiner Kunst leben und hast dir international einen hohen Bekanntheitsgrad erarbeitet. Als du die ersten Male in Frankfurt auf der Musikmesse für Wersi aufgetreten bist, warst du selbst fast noch ein Teenager – und die einzige Frau weit und breit, umgeben von ausschließlich Männern, darunter große Namen wie Franz Lambert, Klaus Wunderlich, Ady Zehnpfennig usw. Das muss doch wahnsinnig aufregend gewesen sein. Was war das für ein Gefühl?
Claudia Hirschfeld: Das war in der Tat sehr aufregend für mich. Ich war damals 18 Jahre jung und stolz wie Oscar, mit all diesen Größen während der Musikmesse auf einem Podium zu stehen, mit ihnen in einem Atemzug genannt zu werden. Und ehrlich gesagt, fand ich es auch immer toll, dabei die einzige Frau zu sein, auch wenn es mir sicherlich keine Vorteile verschafft hat, manchmal sogar eher das Gegenteil. Ich habe viele Jahre jede Musikmesse genossen und mich immer sehr darauf gefreut, nicht zuletzt auch, weil ich 1988 meinen Mann dort kennen gelernt habe.
OKEY: Du bist damals in den 80ern als Newcomerin gestartet und konntest dich als eine der wenigen bis heute erfolgreich „im Sattel halten. Welche Rolle spielten Wersi bzw. die Wersi-Instrumente bei deiner Entwicklung bis heute?
Claudia Hirschfeld: Meine erste ernstzunehmende Orgel war eine Yamaha C 35. Damals war ich 12 oder 13 Jahre alt. Als ich dann mit 15 den Wunsch gefasst habe, aus meinem Hobby meinen Beruf zu machen, wurde ich erstmalig auf Wersi aufmerksam, denn auffallend war damals schon, dass sich die meisten bekannten Top-Organisten ebenfalls für diese Marke entschieden hatten. Und natürlich wollte ich als „Berufs-Werkzeug“ auch das Beste haben! So bekam ich dann mit 16 Jahren meine erste Konzertorgel, die Saturn. Weil ich mit der Bedienung, Transporteignung und vor allem auch der Ästhetik der Wersi Instrumente immer äußerst zufrieden war, bin ich bei der Marke geblieben.
OKEY: Du hast zum Beispiel auch in den 90ern bei Gartenfesten des Bundespräsidenten gespielt, und dieser Kontakt kam seinerzeit über Wersi zustande. War Wersi auch wie ein Türöffner für dich?
Claudia Hirschfeld: Wersi war anfangs sicherlich ein Sprungbrett für mich, eine wertvolle Chance, mich einem neuen, größeren Publikum zu präsentieren, Prominenz kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen, das Netzwerk zu erweitern und viele bis heute anhaltende Freundschaften zu schließen. Dessen bin ich mir voll bewusst und sehr dankbar.
OKEY: Man muss ja kein Geheimnis daraus machen, dass du zwischenzeitlich auch schon für andere Firmen als Organistin in Erscheinung getreten bist, so zum Beispiel für Roland, für Lowrey und sogar Hammond. Trotzdem zieht es dich immer wieder zurück zu Wersi. Was macht für dich diese Instrumente aus, was verbindet dich mit ihnen?
Claudia Hirschfeld: Betonen möchte ich hier, dass die Anfragen dafür jeweils von den besagten Herstellern kamen und ich mich nicht darum bemüht oder beworben habe. Wie wir aber alle wissen, gab es auch bei Wersi schwere Zeiten und in diesen habe ich mich dann überreden lassen, einmal über den Tellerrand zu schauen „und fremd zu gehen“. Es hat auch sicherlich meinen Horizont erweitert, aber immer ist mir auch schnell klar geworden, dass mein Herz an Wersi hängt. Jedes andere Fabrikat hat natürlich seine Vor- und Nachteile, die eine Orgel kann dieses und jenes, die andere hat wiederum andere Features. Aber bei den Wersi-Instrumenten hat für mich einfach immer das Gesamtpaket gestimmt, der Sound, die Klangvielfalt, Einfachheit der Bedienung, und ganz wichtig auch die Schönheit der Gehäuse.
OKEY: Auch du hast, wie Franz Lambert, dem wir dieselbe Frage gestellt haben, alle Instrumenten-Generationen von Wersi kennengelernt. Es begann mit der Saturn, dann hast du Platten auf der Beta gemacht. Deinen Durchbruch hattest du dann wohl mit der Spectra, und bei OAS und OAX warst du von Anfang an dabei. Welche ist deine persönliche Lieblings-Wersi-Orgel? Welche Erinnerungen verbindest du mit den einzelnen Instrumenten-Generationen von Wersi?
Claudia Hirschfeld: Meine Analog-Saturn habe ich nur kurze Zeit gespielt, weil bald darauf die erste digitale Generation geboren wurde. Aus dieser habe ich nie ein Instrument besessen, es wurde mir jeweils für Auftritte vom damaligen Niederlassungsleiter in Bochum, Hansi Janzen freundschaftlich zur Verfügung gestellt. Meine Spectra und auch die Louvre habe ich jeweils 15 Jahre lang gespielt, durch Nachrüstungen und Updates war ich immer auf dem neuesten Stand. In dieser Zeit haben andere Firmen sicher 5 neue Modelle auf den Markt geworfen, dieses System bei Wersi mit der Aktualisierung war immer klasse! Mein absolutes Lieblingsinstrument ist zweifellos die Sonic OAX 1000. Der Klang ist einfach umwerfend, noch nie hat eine Orgel tatsächlich wie eine Band geklungen, oder wie ein Symphonie Orchester, mit der Sonic ist dies - vorausgesetzt die richtigen Boxen hängen dran - erstmals möglich! Die Bedienung über das neue große Touchscreen-Display ist kinderleicht und macht zudem Spaß! Die Sonic ist meine Orgel und für mich einfach das Beste!
OKEY: Du hast dein musikalisches Image in den letzten Jahren ein bisschen gewandelt. Früher tratst du als Markenzeichen unter dem von dir selbst mitgeprägten Titel „Showorganistin“ auf. Das liest man in letzter Zeit etwas weniger, du setzt seit einiger Zeit stattdessen verstärkt auf Künstlerbegleitung und scheinst auch weniger Technik einzusetzen als früher – obwohl diese ja inzwischen weiter ausgereift ist –, sondern verlagerst dich zunehmend auf das freie orchestrale Spiel. Vielleicht ist das auf den modernen Wersi-Instrumenten auch leichter möglich als früher? Wie würdest du selbst deine aktuelle künstlerische Entwicklung beschreiben?
Claudia Hirschfeld: Das will ich doch schwer hoffen, dass ich meine künstlerischen Fähigkeiten ständig steigere. Dafür bin ich auch wirklich fleißig und sitze jeden Tag viele Stunden am Instrument. Ich habe das Orgelspiel - wenn auch autodidaktisch - von der Pike auf erlernt, durch das Selbststudium entsprechender Literatur, aber vor allem durch Begeisterung. Dennoch lasse ich mich bei einfacher Unterhaltungsmusik - so wie alle anderen Musiker auch - teilweise von Styles, Sequenzen und Waves unterstützen, die Instrumente bieten diese Möglichkeit heute und somit sollte man sie auch „gewissenlos“ nutzen dürfen, denn das Publikum verlangt ebenso „gnadenlos“ einen perfekten Sound! Bei der Klassik und Gesangs- bzw. Solisten-Begleitung muss man jedoch zeigen, was man drauf hat. Da wird alles frei gespielt. Das erfordert viel musikalisches und Instrumenten- kundiges Wissen und Gefühl. Ich habe durch meine Zusammenarbeit mit Weltklasse-Solisten, die ich begleitet habe, unglaublich viel gelernt! Ohne mein Können, mit beiden Händen und beiden Füßen zu spielen, hätte ich mir das nicht zugetraut. Ich hatte ja eigentlich immer mehr einen Hang zum orchestralen Spiel als zum Zugriegel-Sound, obwohl ich diesen immer sehr mochte, aber es reizt mich noch mehr, einen symphonischen, bombastischen Klang zu schaffen, und das kann ich nun besser denn je mit der Sonic. Alle meine Solisten-Kollegen sind absolut begeistert von dem Unterschied zur Louvre, die ja auch schon fantastisch war.
OKEY: Du pflegst eine jahrzehntelange enge Verbindung zu Wersi, kennst nicht nur die Instrumente, sondern auch die Personen und Charaktere dahinter ziemlich gut. Gibt es ein oder zwei „Wersi-Erlebnisse“, die du kurz berichten kannst, die dir in besonderer Erinnerung geblieben sind?
Claudia Hirschfeld: Es war immer toll, mit und für Wersi durch die ganze Welt zu reisen. Es war und ist mir immer eine Ehre, Qualität „Made in Germany“ zu repräsentieren, und ich habe mich immer voll mit dieser Marke identifiziert. Ich habe viel Schönes erlebt und gesehen, liebe Menschen kennen gelernt, was ohne Wersi vielleicht nicht so gewesen wäre. Das Schönste aber ist sicherlich die Tatsache, dass ich durch Wersi und meine Musik meinen Mann fürs Leben gefunden habe!
OKEY: Wie lautet dein Geburtstags-Glückwunsch für Wersi?
Claudia Hirschfeld: Ich freue mich für Wersi über dieses Jubiläum, dafür, dass ich einen sehr langen Weg, 35 Jahre lang, mitgehen durfte! Ich hoffe, es wird mindestens weitere 50 Jahre für dieses beispiellose Produkt geben. Was ich dafür leisten kann, werde ich gerne tun! Ich wünsche der Firma noch mehr enthusiastische Leute für den weltweiten Vertrieb, den Service, die Kundenpflege und Weiterentwicklung dieser tollen Instrumente. So wie damals…