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50 SOLOALBEN Vom Klassiker zum Geheimtipp


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 10.06.2021

50 SOLOALBEN

An dieser Liste haben mitgearbeitet: André Boße, Mike Köhler, Martin Pfnür, Stephan Rehm Rozanes, Reiner Reitsamer, Frank Sawatzki, Thomas Winkler und Hella Wittenberg

Artikelbild für den Artikel "50 SOLOALBEN Vom Klassiker zum Geheimtipp" aus der Ausgabe 7/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Nico

Chelsea Girl 1967

Nico, geboren als Christa Päffgen, wurde im Berliner KaDeWe als Model entdeckt, und später in New York von Andy Warhol zum Superstar erklärt. Als Sängerin wog sie mit Charisma auf, was ihr an Technik fehlte: das tiefe Timbre, dazu ein harter deutscher Akzent – eine Stimme wie eine Totenglocke. Dem Debüt von Velvet Underground verlieh sie damit Glamour und Exotik. Im selben Jahr legte Nico ihre erste Soloplatte nach, unterstützt wiederum von Lou Reed, John Cale und Sterling Morrison. Tim Hardin und Bob Dylan steuerten Lieder bei. Das schönste schrieb Jackson Browne: In „These Days“ singt Nico von Niederlage und Rückzug. Die Streicher, die Produzent Tom Wilson dazumischte, hasste sie. Nico suchte Anmut ...

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... im Hässlichen – und wurde damit zur Ur-Mutter von Punk Rock.

Reiner Reitsamer

Syd Barrett

The Madcap Laughs 1970

Ob nun LSD-Unmengen oder eine latente Schizophrenie zu Syd Barretts erratischem Zustand führten – im April 1968 setzten Pink Floyd ihn vor die Tür. Im Mai ’68 führte Manager Peter Jenner den Gründer wie Komponisten von Floyds 67er LP-Meilenstein wieder in die Abbey Road Studios. Bis zum August ’69 versuchten Jenner, Malcolm Jones, David Gilmour, Roger Waters sowie Barrett selbst zu produzieren; vor allem Barretts unkalkulierbarer Geisteszustand torpedierte die Aufnahmen. Als das moderat erfolgreiche Proto-Indie-Werk THE MADCAP LAUGHS am 1970 erschien, wirkten die 13 Tracks wie aus der Zeit gefallen. Spätestens beim Psychedelik-Revival in den 80ern erhielten Ausnahmestücke wie „Octopus“, „Golden Hair“ und „No Good Trying“ sowie LP-Zweitling BARRETT von 1970 dann offiziell das Etikett kongenial verliehen.

Mike Köhler

George Harrison

All Things Must Pass 1970

„Ins Badezimmer gehen und einfach mal alles laufen lassen.“ So beschreibt George Harrison die Aufnahmen zu diesem opulenten Solo. Wenn es denn einen „Who’s First?“-Wettbewerb unter den Ex-Beatles nach der Trennung 1970 gegeben hatte, ging George Harrison nur als Dritter an den Start, sein Triple-Album aber erzielte große Aufmerksamkeit. Die Single „My Sweet Lord“, bald Gegenstand eines Rechtsstreits, avancierte zum berühmtesten (unbeabsichtigten, so Harrisons Anwälte) Plagiat der Popgeschichte. Sie markierte aber auch Variationen im beatlesesken Ton: Harrisons singende Leadgitarre zeichnete die schönsten Kringel in einen gospeligen Wall-Of-Phil-Spector-Sound, wurde zum Melody Maker eines triumphalen Popsongs („What Is Life“), ordnete sich in einer Allstar-Jam-Session aber auch brav unter.

Frank Sawatzki

John Lennon

John Lennon/Plastic Ono Band 1970

Inmitten der finalen Beatles-Phase ließen John Lennon und Yoko Ono im November 1970 zwei Soloalben in nahezu identischen Covern vom Stapel. Während Lennons exzellent spartanisch arrangiertes Debüt weltweite Lobeshymnen entfachte, erntete Onos Experimentalopus zu Unrecht den gleichen spöttischen Tenor wie zuvor die drei Alben des Protestduos. Vier Glockenschläge leiten die Zeitlupenballade „Mother“ ein – nicht die einzige gnadenlose Analyse Lennons über den eigenen Werdegang. Weiterer schonungsloser Seelen-Striptease („Hold On“, „I Found Out“, „Look At Me“, „My Mummy’s Dead“) wie auch unbequemer soziopolitischer Klartext („God“, „Love“, „Isolation“, „Working Class Hero“) stand im Fokus des von Phil Spector co-produzierten 11-Songzyklus. Wenig verwunderlich -unterzogen sich John und Yoko doch kurz vor den Aufnahmen einer Urschrei-Therapie bei Dr. Arthur Janov.

Mike Köhler

Paul & Linda McCartney

Ram 1971

Seine Solokarriere eröffnete Paul McCartney mit Home Recordings von der schottischen Farm. MCCARTNEY wirkte etwas ambitionslos. Das zweite Album schien in eine ähnliche Richtung zu gehen: Auf dem Cover packt McCartney einen Widder bei den Hörnern. Mehr Lagerfeuer-Lieder vom Bauernhof? Ja, aber! Für RAM wurde eine Band gecastet, Beatles-Produzent George Martin schrieb Arrangements für Streicher und Bläser. McCartney, der Studio-Tüftler, war zurück, der Zeitgeist interessierte ihn allerdings weniger. Diese Songs wollten entdeckt werden. „Uncle Albert/ Admiral Halsey“ gelang das sogar, das Mini-Medley schaffte es an die Spitze der US-Charts. Kritiker hassten das Album. Heute gilt RAM vielen als die beste Soloplatte eines Ex-Beatles. Was auf dem Bauernhof wächst, braucht oft Zeit zum Gedeihen.

Reiner Reitsamer

Paul Simon

Paul Simon 1972

Sein erstes Soloalbum THE PAUL SIMON SONGBOOK enthielt 1965 die Vorlagen für spätere Welt-Hits mit Art Garfunkel wie „I Am A Rock“ und „The Sound Of Silence“. Zwei Jahre nach dem Split des erfolgreichsten Duos der Popgeschichte etablierte er sich 1972 mit Klassikern wie „Me And Julio Down By The Schoolyard“ und „Mother And Child Reunion“ als alleinstehender Künstler. Besonders letzterem Song kommt besondere Bedeutung zu: ein Reggae-Stück eines Nicht-Jamaikaners, ein Jahr bevor Bob Marley mit CATCH A FIRE das Genre weltweit bekannt machte. In Kingston aufgenommen, geht der Song auf ein gleichnamiges Gericht zurück, das Simon in einem chinesischen Restaurant entdeckte und vor allem aus Ei und Huhn besteht. In anderen Texten verhandelt Simon Drogen und seine schwierige Ehe.

Stephan Rehm Rozanes

Lou Reed

Transformer 1972

Hits! Hits! Hits! Lou Reed hatte Velvet Underground sitzen lassen, weil die Band – auch nachdem er John Cale rausgeekelt hatte – partout kein kommerzielles Potenzial entwickeln wollte. Aber auch sein Solodebüt LOU REED führte ihn nicht an die Fleischtöpfe, da brauchte es schon die Unterstützung von Produzent David Bowie, um Reed mit TRANS- FORMER in den Mainstream zu befördern. Hilfreich natürlich auch, dass mit „Perfect Day“, „Walk On The Wild Side“ und „Satellite Of Love“ gleich drei Songs in den folgenden Jahrzehnten Heerscharen von unbegabten Lagerfeuergitarristen beschäftigt halten würden. Was den Rezensenten des „Rolling Stone“ nicht davon abhielt, ein nicht nur vernichtendes, sondern auch noch homophobes Urteil abzugeben: „artsyfartsy kind of homo stuff“. Ja, so ändern sich die Zeiten.

Thomas Winkler

John Cale

Paris 1919 1973

The Velvet Underground (& Nico!) brachten vier faszinierende Solokarrieren hervor. Am abwechslungsreichsten verlief jene des Waliser Multiinstrumentalisten John Cale: Von avantgardistischer Großkunst bis zu zuckersüßer Popmusik ist alles dabei. Die dritte Soloplatte bleibt wohl das zugänglichste Werk – wobei die barocke Pracht trügt. PARIS 1919 vermittelt ein Gefühl uneasy like sunday morning: die Sonnenstrahlen im Gesicht, den Abgrund im Bauch. Cale nannte es den Versuch, auf die denkbar netteste Weise etwas sehr Hässliches zu sagen: „I’m the church and I’ve come to claim you with my iron drum“, singt er im Titelstück. Und „Hanky Panky Nohow“ liefert eine gute Zeile, um den Heiligen Drei Königen am 6. Januar die lange Nase zu zeigen: „Nothing frightens me more than religion at my door.“ Halleluja.

Reiner Reitsamer

Robert Wyatt

Rock Bottom 1974

Diese Songs waren zum Teil schon vor Wyatts Fenstersturz 1973 komponiert worden, der Unfall, der den Ex-Soft-Machine- Schlagzeuger an den Rollstuhl band, aber hinterließ Spuren in Sound und Statik seiner Aufnahmen. Unterstützt u.a. von Mike Oldfield und Fred Frith übernahm Wyatt auf ROCK BOTTOM die Rolle des Sängers und Keyboarders. Und bewegte sich weg von Jazz-Rock-Schnitzeljagden, hin zu einer Dynamik und Tempo variierenden freien Form („Little Red Robin Hood Hit The Road“). Es war aber Wyatts Stimme, die diesen Songs eine Bestimmung verlieh: zerbrechlich, zwischen den Lauten hüpfend. Eine Stimme, die einen Love-Letter voller Verwunderung buchstabieren konnte: „It’s your skin, shining softly in the moonlight. Partly fish, partly porpoise. Partly baby sperm whale. Am I yours?“

Frank Sawatzki

Dennis Wilson

Pacific Ocean Blue 1977

Mit nur 39 Jahren starb Dennis Wilson 1983 bei einem volltrunkenen Tauchgang vor der Küste von Marina Del Rey. Der Unfall war das Finale einer jahrelangen Drogenkarriere. PACI- FIC OCEAN BLUE ist der Nachlass des Beach- Boys-Drummers und das beste 70er-Jahre- Album aus dem Kosmos der Kalifornier. Wilson überträgt die Vielstimmigkeit der Band in einen oft vom Klavier getragenen, sinfonischen Kontext, der Blues, Psychedelic und Rock’n’Roll vermischt. Die DNA dieser Musik ist stets erkennbar, doch sind die Songs sehr eigen: „Moonshine“ oder „Thoughts Of You“ wirken wie müde Tänze hinter der Milchglasscheibe. „Loneliness is a special place to forget is something that I’ve never done“, singt Wilson mit gezeichneter Stimme in letzterem. Was für eine Zeile, was für eine Platte.

Jochen Overbeck

Iggy Pop

Lust For Life 1977

Nur fünf Monate nach seinem Solodebüt legte der Ex-Stooge nach – wieder mit Buddy for Life David Bowie als Produzent. Schon mit dem freundlichen Bewerbungsfoto-Cover wollte Pop eine Zäsur zum düstereren Vorgänger setzen. Der vom Supremes-Oldie „You Can’t Hurry Love“ beeinflusste Opener „Lust For Life“ gibt den Ton vor. Zu Pops größtem Hit sollte er aber erst 19 Jahre später dank seines Einsatzes im „Trainspotting“-Intro werden. Bis 1996 galt der vierte Song hier als Pop-Klassiker schlechthin: das lose auf einem Gedicht Jim Morrisons basierende „The Passenger“. Das folgende „Tonight“ verwandelte wiederum Bowie im schmalzigen Duett mit Tina Turner 1984 zum Hit – wohlweislich ohne die Drogenreferenzen. Im selben Jahr recycelte er auch das sich hier im Original befindende „Neighborhood Threat“.

Stephan Rehm Rozanes

Alex Chilton

Like Flies On Sherbert 1979

Wer Big Star vor allem wegen ihrer klaren Melodien geschätzt hatte, dürfte von dieser Platte enttäuscht gewesen sein: Chiltons Solodebüt ist ein räudig produziertes. Seinerzeit war die Kritik mäßig begeistert, im Nachhinein macht’s gerade wegen seiner Zerfaserung Spaß: Das eigentlich messerscharfe „Boogie Shoes“ von KC & The Sunshine Band wird von hoffnungslos übersteuerten Gitarrenlicks zerschnitten, auch die weiteren Songs, die Hälfte davon Coverversionen, sind eigenartig angesägt. Aber in all diesem Lärm finden sich dann eben doch Juwelen wie der kleine, schmierige Boogie „Hey! Little Child“ oder „My Rival“, dessen Noise-Attacken übrigens (unter anderem) aus einem Moog kommen, den weder Chilton noch sein Produzent, der große Jim Dickinson, auch nur ansatzweise beherrschten.

Jochen Overbeck

Sylvain Sylvain

Sylvain Sylvain 1979

Ein großes Missverständnis in der Rezeption dieses Albums ist, dass Sylvain Sylvain altmodisch agiert. Dass er lediglich den Rock’n’Roll der 50er-Jahre spielt. Das tut er nicht, eher nimmt er den Sound der Zeit und überträgt ihn als eines mehrerer ästhetischer Wirkprinzipe in die Gegenwart. So entstehen Stücke wie „I’m So Sorry“, mit Streichern und Bläsern in Cinemascope arrangiert, oder der Powerpop-Song „Every Boy And Every Girl“. Weit weg von seiner Stammband New York Dolls ist das nicht, aber im Vergleich mit den im ähnlichen Zeitkorridor erschienenen Alben seiner ehemaligen Dolls-Kollegen Johnny Thunders und David Johansen doch am besten gealtert. Und: Mit „What’s That Got To Do With Rock’n’Roll?“ findet sich auf dem Album eine der drei besten Singles des Jahres.

Jochen Overbeck

Tony Allen

No Accomodation For Lagos 1979

1978 war das Jahr, in dem sich die Wege von Tony Allen und Fela Kuti endgültig trennten. Der Groovemeister des Afrobeat nimmt NO ACCOMODATION FOR LAGOS zwar noch mit Kutis Ensemble Africa 70 auf, Allen entfernt sich aber hörbar vom Erlöser-Pathos seines Band-Chefs. Die Protestsongs auf diesem Album stehen für so etwas wie eine sozialpolitische Erdung, unter Allens Beat-Wirbeln hören wir Botschaften für Toleranz und Frieden. Und Momente der nackten Angst. Der 17-minütige Titel Track thematisiert eine menschenunwürdige Vertreibung, die Regierung hatte Bewohner eines Viertels von Lagos in die Obdachlosigkeit entlassen, um nach Erdöl zu bohren. Der Funk-Jazz Nigerias gewinnt in diesem Solo eine neue Dringlichkeit, der Groove Allens sollte bald den progressiven Pop dieser Welt erobern.

Frank Sawatzki

John Foxx

Metamatic 1980

Um seiner soeben vom Label gedroppten Band Ultravox den Weg in die Charts zu ebnen, gab John Foxx nach einer selbstfinanzierten US-Tour 1979 seinen Platz am Mikro an Midge Ure ab. Zwei der Songs, die die Band damals im Programm hatte, „Touch And Go“ und „He’s A Liquid“ sollten im Januar 1980 ihren Weg auf sein Solodebüt finden. Der Einfluss der Sci-Fi-Bücher J.G. Ballards zeigt sich überall auf dem Album, das Themen wie Entfremdung und Isolation in sterilem Minimal-Synthie-Pop verhandelt. Heute mag Foxx im Schatten des artverwandten Gary Numan stehen, doch damals ritt er auf METAMATIC hoch auf der Darkwave, die die 80er überschwemmte. Einen enormen Richtungswechsel legte er schon 1981 mit dem Nachfolger THE GARDEN hin, auf dem er klassische Analog-Instrumente wie die Gitarre gedeihen ließ.

Stephan Rehm Rozanes

Peter Gabriel

Peter Gabriel 1980

Zwei Jahre Zeit ließ sich Peter Gabriel nach dem Genesis-Split. Vier identisch selbstbetitelte Alben ab 1977 zeigten einen Musikus mit Hang zum Experiment sowie Händchen für den einen oder anderen Hit. Sowohl in englischer als auch in exotischer deutscher Version stand Gabriels in Kooperation mit Produzent Steve Lillywhite 1980 konzipierte dritte LP in den Verkaufsregalen: Im Chor des Nursery Rhyme „Games Without Frontiers“ jubilierte die empathische Kate Bush. „Biko“, Hommage an Anti-Apartheids-Aktivist Steve Biko, entwickelte Dauerpräsenz in Gabriels Live-Repertoire. Lillywhite, Soundtüftler Hugh Padgham und Phil Collins entwickelten im Verlauf der Sessions den „Gated Drum Sound“, zu hören im dramatischen Opener „Intruder“. Ein Effekt, den sowohl Collins als auch Genesis in den 80er-Jahren zuhauf nutzten.

Mike Köhler

Ozzy Osbourne

Blizzard Of Ozz 1980

Im Jahr zuvor sahen die von Koks und Alkohol zerfressenen Black Sabbath ihre einzige Chance auf Überleben im Rauswurf ihres noch viel kaputteren Sängers. Gedemütigt wollte Ozzy Osbourne es seiner alten Band zeigen. Nachdem er an deren letzten Aufnahmen wenig Interesse gezeigt hatte, wuchs er 1980 über sich hinaus und legte eins der gefeiertsten Heavy-Metal-Alben hin. Die den Kalten Krieg thematisierende Leadsingle „Crazy Train“ gilt als Meilenstein des Genres. Allein in den USA verkaufte sich das Album mehr als fünf Millionen Mal. Überschattet wurde es von der Klage der Eltern eines Teenagers, der sich umgebracht hatte, nachdem er angeblich „Suicide Solution“ gehört hatte. Dabei hatten Osbourne und Co-Songwriter Bob Daisley vor allem über Osbournes Drogensucht geschrieben. Die Klage wurde fallengelassen. 1985 kehrte Osbourne im Rahmen von „Live Aid“ erstmals zu Black Sabbath zurück.

Stephan Rehm Rozanes

Diana Ross

Diana 1980

Nach ihren zwei selbstbetitelten Alben von 1970 und 1976, sowie ihrem 1978er- Werk ROSS (1979 gefolgt von THE BOSS) lag der Titel der nächsten Platte der ehemaligen Supremes-Vorsängerin nahe: DIANA. Dank der drei Monsterhits „Upside Down“ (das als Sample im Puff-Daddy-Remix von MC Lytes „Cold Rock A Party“ 1996 die Welt mit Missy Elliott vertraut machte), „I’m Coming Out“ (welches Puff Daddy wiederum für „Mo’ Money Mo’ Problems“ von the Notorious B.I.G. sampelte) und „My Old Piano“ wurde es zum erfolgreichsten Album ihrer Karriere. Mit der Verpflichtung von Nile Rodgers als Produzenten erfand Ross auch einen Großteil der 80er. David Bowie, Duran Duran, Debbie Harry, Mick Jagger, INXS und zahllose weitere sollten ihrem Beispiel folgen und mit Rodgers’ Chic-en Funk-Licks reüssieren.

Stephan Rehm Rozanes

Alan Vega

Alan Vega 1980

Nach zwei Alben lag 1980 das Pionier-Elektro-Duo Suicide auf Eis. Sänger Alan Vega pickte Gitarrist Phil Hawk. Aufgezeichnet in den New Yorker Skyline-Studios, enthielt das Debüt den von Suicide bekannten Genremix aus Minimalismus und Wüstheit samt Vegas gedehnt-gezischtem Gene-Vincent-Sprechgesang. Hawks rock’n’rollige Mutanten- Rodeo-Gitarre und ein dezenter Drum-Computer ersetzten Martin Revs Elektro-Drone. Garniert mit Handclaps, Fingerschnippen und Zungenschnalzen schickten einen der Western-Rockabilly von „Fireball“, „Speedway“ und „Kung Foo Cowboy“ zurück in die 50s – konterkariert von Balladendramen („Lonely“, „Love Cry“), einer herrlichen Dylan-Persiflage („Ice Drummer“) sowie dem neunminütigen Parforceritt „Bye Bye Bayou“ in die gespenstischen Sümpfe Louisianas.

Mike Köhler

Nick Heyward

North Of A Mircale 1983

Jahrelang hatten die Freunde Nick Heyward und Les Nemes in verschiedenen Konstellationen versucht, Fuß im Musikgeschäft zu fassen. Als der Erfolg dann 1982 endlich mit dem Debütalbum von Haircut One Hundred, PELI- CAN WEST, kam, zerbrachen sie daran. Heyward war nach einem Jahr voller Erfolgsdruck ausgebrannt und wurde aus der Band geworfen. Umso erstaunlicher, wie fröhlich sein Solodebüt NORTH OF A MIRACLE im Jahr darauf ausfiel. Schon der Opener „When It Started To Begin“ nimmt den Sonnenschein-Sound von The Beautiful South oder The Boo Radleys um fünf Jahre vorweg. Schwungvolle, bläserstarke Mischung aus zeitgenössischem New Wave und Prä-Britpop, die Heyward zurück in die britischen Top Ten brachte, während seine alte Band nach einem weiteren, erfolglosen Album zerbrach.

Stephan Rehm Rozanes

Manuel Göttsching

E2-E4 1982

Mit seinen Outlets Ash Ra Tempel und Ashra bewegte sich der Berliner Manuel Göttsching immer weiter vom Krautrock hin zur Elektronik. Seine 1976er-Platte NEW AGE OF EARTH gilt als eins der einflussreichsten Ambient-Alben der Geschichte. Nicht minder bedeutsam ist der Proto- House von E2-E4, benannt nach einer – das Artwork legt es nahe – populären Eröffnung einer Schachpartie. Die Platte besteht aus einem durchgehenden, in neun Abschnitte unterteilten Track; zwei Akkorde und ein Aufnahme-Take genügten Göttsching. Während das Werk zunächst monoton wirkt, entwickelt es sich doch ständig weiter, unterliegt permanenter Variation. 2006 wollte James Murphy vom LCD Soundsystem mit seiner Auftragsarbeit für Nike, „45:33“, Göttschings Pioniertat Tribut zollen, doch dieser zeigte sich unbeeindruckt.

Stephan Rehm Rozanes

Stan Ridgway

The Big Heat 1986

Zwei Alben lang war Stan Ridgway Sänger der US-New-Wave-Band Wall Of Voodoo, die wie keine andere klang. Als die Solokarriere zu verlockend wird, muss er sich entscheiden: Weiter New Wave, der Sound der Stunde? Oder eine Rückkehr ins traditionelle Singer/Songwriter- Genre – was sich bei seinen wortreichen Texten über die Randgebiete Amerikas anbietet. Ridgway entscheidet sich: nicht. Man kann diese Stücke sowohl als Bubblegum-Synthie-Pop als auch als Americana hören, die Keyboards sind nicht leiser als Mandoline und Mundharmonika – aber auch nicht lauter. Eine seltsame Mischung, und kaum glaubt man, sie gerafft zu haben, kommt der sieben Minuten lange Hit „Camouflage“, eine Anti-Krieg-Folk-Erzählung mit Billo-Keyboards zum Farmhouse-Foxtrott-Beat. Albern? Ja, aber auch genial: Einen solchen Song gibt’s nur einmal.

André Boße

Rio Reiser

Rio I. 1986

Kapitalismus, du Sauhund. Als Ton Steine Scherben 1985 hinschmeißen, ist die Band hoch verschuldet. Sich doch an die Industrie zu verkaufen? Kommt nicht in die Tüte. Ein Jahr später haut Rio Reiser seine erste Soloplatte raus, beim Major CBS, mit aufgemotzten Versionen einiger Scherben-Songs – und ist innerhalb weniger Wochen schuldenfrei. Danke an den „König von Deutschland“, den „Junimond“ und „Alles Lüge“. Was Ton Steine Scherben zuletzt auf den Senkel gegangen war: Die Linken hatten ihre Musik durchgenudelt, es kam aber nichts dabei rum. Mit RIO I. läuft die Musik von Reiser in den lukrativen Jukeboxen der Republik. Co-Produzentin ist Annette Humpe, die ein Gespür für deutschen Pop und Rock besitzt, der viele Nerven trifft. Rio Reiser ist nun ein Name für „Larry’s Party Rock“, haut dazu mit „Für immer und dich“ eine unfassbar gute Soul-Ballade raus.

André Boße

Grant Hart

Intolerance 1989

Hüsker Dü stehen vor dem Durchbruch, als Bob Mould ihn hocken lässt. Dafür, dass Grant Hart nicht nur die Trennungswunden verarbeiten muss, sondern auch noch den finanziellen Absturz und seine Drogensucht, die ihn schließlich zugrunde richten wird, klingt INTO- LERANCE erstaunlich gut gelaunt, wie befreit. Hart schreibt ansteckende Hits wie „Twenty-Five Forty-One“, in dem er die euphorische Anfangszeit von Hüsker Dü rekapituliert, das epische „The Main“ oder das soulige „All Of My Senses“, experimentiert mit Elektronik, alles klingt nach Aufbruch. Aber der führt zu nichts, einer der begnadetsten Songwriter aller Zeiten steht sich bis zu seinem Tod 2017 selbst im Wege. Eine Geschichte, deren ganze Tragik auf INTOLERANCE schon deutlich in den melancholischen Zwischentönen zu hören ist.

Thomas Winkler

George Michael

Listen Without Prejudice Vol. 1 1990

Mit FAITH hatte George Michael den Kaugummi-Pop von Wham! veredelt, der Sex wurde nun nicht mehr vor einem Bluescreen simuliert, sondern gelebt. Kommerziell war die LP ein gigantischer Erfolg, umso erstaunlicher die Wendung: LISTEN WITHOUT PREJUDICE VOL. 1 ist eine Platte in Moll. „Freedom! ’90“ und das groovige „Soul Free“ bleiben die Ausnahme, die anderen Songs platzieren sich dort, wo Pop, Soul und Folk zusammenfließen. Edle Stücke wie „Praying For Time“ und „Cowboys And Angels“ werden von der strengen Sophisticated-Pop-Gemeinde der Prefab-Sprout-Ultras verehrt. Eine Art Partneralbum ist die traurigste (und beste) Pet-Shop-Boys-LP BEHAVIOUR, die nur wenige Wochen später erscheint – und ebenfalls als Verarbeitung der AIDS-Dekade gehört werden kann. Volume 2 gab’s übrigens nie.

André Boße

Annie Lennox

Diva 1992

Nachdem sie mit den Eurythmics zwar zehn Jahre als genderbending Golbalpopstar im Rampenlicht der größten Bühnen, hinter den Kulissen aber in zweiter Reihe hinter Dave Stewart stand, bewies sie mit ihrem Solo- Einstand, dass sie es auch ohne den Multiinstrumentalisten, Haupt-Songwriter und Produzenten schafft. Und wie! Acht der zehn Songs auf DIVA schrieb Lennox selbst, darunter sämtliche fünf Singles wie die Radioklassiker „Why“ und „Walking On Broken Glass“. Mit Vierfach-Platin im UK und Doppelplatin in den USA stand die Platte deren ihrer alten Band in nichts nach. Bedauerlich wie verwunderlich ist es, dass Lennox sich danach rar machte und sich trotz ihres großen Kompositionstalents auf Coverversionen, wie etwa auch überraschend vom Ash-Song „Shining Light“, spezialisierte.

Stephan Rehm Rozanes

Björk

Debut 1993

Die Sugarcubes waren schon auch eine geile Band, doch war das stimmliche Gerangel von Björk und ihrem penetranten Mitsänger Einar Örn Benediktsson auf Albumlänge schwer zu ertragen. Als sich die Band trennt, geht Björk nach London, dockt an die Electronica- und TripHop-Szene um Nellee Hooper an. Erstes Resultat ist „Human Behaviour“, dessen organischer Minimalismus auch das Album DEBUT prägt. Schon Wahnsinn, diese Mischung aus kühler Elektronik und Intimität, die mal pumpt („Violently Happy“, „Big Time Sensuality“), mal fliegt („Come To Me“) – und mit „Venus As A Boy“ einen magischen Pop-Moment erschafft, dessen Qualität man immer dann zu schätzen weiß, wenn man den Song zufällig im Radio hört. Das Wiederauflegen des gesamten Albums zeigt: DEBUT hat von seiner Frische mal gar nichts verloren.

André Boße

John Frusciante

Niandra Lades And Usually Just A T-Shirt 1994

Dass es bei den Chili Peppers intern nicht immer ganz so sonnig und kalifornisch zuging, das konnte man wissen, wenn man die Klatschspalten las, aber hören konnte man das erst, als Gitarrist John Frusciante die Band zum ersten Mal verlassen hatte und 1994 sein Solodebüt herausbrachte. Die erste Hälfte war noch vor dem Ausstieg entstanden, und aus dem räudigen, hingerotzten, so fragilen wie brutalen, improvisierten Bewusstseinsstrom spricht die ganze Verzweiflung des Scheiterns an einem Leben, das nur noch aus schalem Ruhm und dem Druck des Erfolgs bestand. Die Leere, die Frusciante mit Drogen füllte, ist immer greifbar in den Zwischenräumen, die entstehen, wenn die funky Riffs sich auflösen wie unter Säure und brennende Spuren auf der Seele hinterlassen.

Thomas Winkler

Ol’ Dirty Bastard

Return To The 36 Chambers:

The Dirty Version 1995

Etikettenschwindel kann man RETURN TO THE 36 CHAMBERS nicht vorwerfen. Schon im Titel seines Solodebüts offenbart ODB, dass er sich auf ENTER THE WU-TANG (36 CHAMBERS), das bahnbrechende Debüt seiner Stammband, bezieht. Außerdem hat auch Wu-Tang-Boss RZA produziert: Klar, dass die Rückkehr kaum anders klingt als der erste Besuch in den 36 Kammern. Aber weil es ein Soloalbum ist, bekommen die durchgeknallten Raps, das typische Genuschel und die Megalomanie, das drogeninduzierte Gaga und Dada, überhaupt der ganze Wahnsinn noch mehr Raum. Sich selbst zum „baddest HipHop man across the world“ zu erklären, gehört zum Rap-Geschäft. Aber einer, nur einer, der alte dreckige Bastard, hat eben recht, wenn er so was behauptet.

Thomas Winkler

Sarah Cracknell

Lipslide 1997

Ohne ihre Mitstreiter verschiebt die Saint- Etienne-Sängerin die Regler behutsam, aber doch erkennbar: Sie stellt sich und ihre Stimme in den Mittelpunkt, was bisweilen an den Blue-Eyed-Soul Dusty Springfields erinnert, diesen aber in die Pop-Zusammenhänge einer Kylie oder einer Madonna einordnet. Bedeutet: Die Eingängigkeit wird durch Geschichtsbewusstsein erweitert. Wir hören viele Synthies, „Home“ schwebt durch die Atmosphäre wie ein Pet-Shop-Boys-Track, „Coastal Town“ und „Taxi“ sind hübsch housig durchgetaktet. Aber die Synthies sind nie die Songs, sie sind Mittel zum Zweck, wie das an anderer Stelle („Ready Or Not“, „Can’t Stop Now“) weiche Streicher oder feierliche Bläser sind. Floppte trotz der aufwendigen Produktion (Stephen Hague, Andy Wright und viele andere) seinerzeit grandios.

Jochen Overbeck

Mark Hollis

Mark Hollis 1998

Mark Hollis ist das letzte Mysterium des Pop. Mit Talk Talk entwirft er kunstvollen Synthie-Pop, bevor er die Band an den Rand der Hörbarkeit führt: Die zwei unangreifbaren No-Noise-Alben SPIRIT OF EDEN und LAUGHING STOCK stößt niemand vom Olymp. Es folgt: noch mehr Stille. Ist dieser Mann ein Eremit? Oder kann man ihm in Pubs begegnen? Man weiß es nicht. 1998 erscheint sein einziges Soloalbum, das den Faden der letzten beiden Talk- Talk-Werke weiterspinnt. Die Platte raunt, flüstert, seufzt. Viele Epigonen versuchen sich später an einer solchen geräuscharmen Musik. MARK HOLLIS ist das Original – und unerreicht. 2019 stirbt der Künstler. Das letzte große Porträt, das über ihn geschrieben wird, heißt „How to dissappear completely“; dieses Album macht den Klang des Verschwindens hörbar.

André Boße

Lauryn Hill

The Miseducation Of Lauryn Hill 1998

Hand hoch, der niemanden kennt, der dieses Album hat! 20 Millionen Verkäufe, das ist die gleiche Liga wie Supertramp und Lionel Richie. The Fugees haben zwei Jahre zuvor dem HipHop viele weitere Hörer*innen- Gruppen geöffnet, Bono nennt sie die „HipHop-Beatles“, nun denn. THE MISEDUCATION ... definiert auf ihrem Solowerk den Neo-Soul mit: Eleganz und Haltung, musikalische Wurzeln im Reggae und Spuren in den Rock, Lyrics über christliche Gleichnisse und ihre Antipoden in ihrer Lebensrealität, zu der die Fugees bereits nicht mehr zählen. Was Lauryn Hill in Songs wie „Lost Ones“ sehr klar deutlich macht: „It’s funny how money change a situation. Miscommunation leads to complication. My emancipation don’t fit your equation.“ Die Gründe für ein fehlendes Folgealbum sind vielfältig, ein Jammer ist es allemal.

André Boße

Ken Stringfellow

Touched 2001

Seine Powerpop-Band The Posies legt zum Jahrtausendwechsel eine Pause ein, der Nebenjob als Tour- und Studiomusiker bei R.E.M. ist zwar lukrativ, führt Stringfellow aber nicht an seine Grenzen. Doch genau dort will der Kalifornier hin: An mehr als 200 Alben hat er sich im Laufe seiner Karriere beteiligt, TOUCHED, das zweite von vier Alben unter eigenem Namen, zählt zu den besten dieser Diskografie. Ohne die Gitarren- und Vocals-Duelle mit Posies-Mitstreiter Jon Auer erhalten diese Songs mehr Ruhe, „This One’s On You“ bekommt sechs Minuten Zeit, um sich zu entwickeln, die Refrain-Melodie geht einem nicht mehr aus dem Kopf. „Uniforms“ ist einer dieser perfekten Nerd-Popsongs: viel zu informiert für die Charts, aber im Herzen aller Plattensammler auf einer Stufe mit den Beatles und Beach Boys.

André Boße

Evan Dando

Baby, I’m Bored 2003

Überraschend kam dieses Album seinerzeit nicht. Das letzte Lemonheads-Album, das mäßige CAR BUTTON CLOTH, lag sieben Jahre zurück, im Großen und Ganzen schien die Band ohnehin stets ein Gefäß für seine Gedanken, für seine Ideen zu sein. Trotzdem besitzt die Platte einen durchaus eigenen Charakter: Dando lässt den Punk und den College Rock – das eine Genre schulte ihn, das andere prägte er – größtenteils außen vor und spielt stattdessen Songs, die Country mögen und sich in ihrer Melodieführung vor allem im Bauchladen der Siebziger bedienen. Den Höhepunkt, das bittersüße „Hard Drive“, verantwortete Freund Ben Lee, auch Mark Lanegan und Ex-Lemonhead Tom Morgan schauten im Studio vorbei. Dass die Leichtigkeit fehlt, die seine Frühneunziger-Songs verströmten, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Schlimm ist das nicht.

Jochen Overbeck

Morrissey

You Are The Quarry 2004

Der Gladiolenjunge wird mit seinem siebten Soloalbum endgültig zum Elder Statesman der britischen Popmusik. Wohlgemerkt zu einem, der zärtelnd sein Schießgewehr betrachtet. Das passt zu den Songs, die musikalisch wie inhaltlich breitbeiniger anmuteten, als man das von Morrissey kannte. Wut kann man da rauslesen, das Hadern mit der eigenen Männlichkeit, verhandelt wird weiter Nationalgefühl, Morrissey lebt schließlich in Los Angeles, hat also das Empire im distanzierten Blick. Der stärkste Song neben Singles wie „I Have Forgiven Jesus“, „Irish Blood, English Heart“, und „First Of The Gang To Die“ ist aber die Nahaufnahme „America Is Not The World“, in der er grimmig von einem Land singt, „where the President is never black, female or gay“. Wenigstens das wurde ein paar Jahre später anders.

Jochen Overbeck

Brian Wilson

Brian Wilson Presents Smile 2004

Natürlich: Dieses Album hätte größere Bedeutung, wäre es direkt nach dem Meisterwerk PET SOUNDS erschienen. Wahrscheinlich sogar, wenn Brian Wilson es nie fertiggestellt hätte. Dann wäre der Mythos vom brillanten Entwurf geblieben, dessen schiere Dimensionen ihren Urheber um den Verstand brachten. Die Aufnahmen an SMILE scheiterten 1967 legendär, Wilson ging ins Bett und stand jahrelang nicht mehr auf. Wie durch ein Wunder überlebte er lange genug, bis er wieder bei Sinnen war. Emotional Rescue lieferte seine Frau Melinda Ledbetter, die fabelhaften Wondermints unterstützten ihn musikalisch. So stellte Wilson seine „teenage symphony to God“ mit 37 Jahren Verspätung fertig. In die Zukunft wies sie da nicht mehr, wunderlich-brillant wird sie wohl immer bleiben. Ein später Triumph von Genie über Wahnsinn.

Reiner Reitsamer

Thom Yorke

The Eraser 2006

Drei Jahre nach dem bis heute politischsten Radiohead-Album HAIL TO THE THIEF (mit Grüßen an George W. Bush) und ein Jahr vor der Veröffentlichungsrevolution durch IN RAINBOWS (Pay what you want!) legt der bekennende Aphex-Twin-Fan Thom Yorke auf seinem Solodebüt so etwas wie seine persönliche Heimstudio-Dystopie vor. Auf dem Klapp-Cover lässt der schwarzgewandete Eraser Städte und Fabriken in den Fluten versinken, und so tröpfelt einem auch diese von Nigel Godrich produzierte Untergangs-Electronica mitunter wie saurer Regen ins Hirn. An der Brillanz von Songs wie dem elastisch E-Bass-groovenden „Black Swan“, dem dramatisch kreiselnden „The Clock“ oder dem zum Niederknien schönen Finale „Cymbal Rush“ ändert all die planetenkollabierende Düsternis natürlich nichts.

Martin Pfnür

Feist

The Reminder 2007

Leslie Feists Karrierestart Ende der 90er-Jahre verläuft vielbeinig: Sie ist Teil der Peaches-Performance, Mitglied bei Broken Social Scene, es erscheint eine erste Soloplatte namens MONARCH, die noch kaum jemand hört. Der Erfolg der Band gibt ihr den entscheidenden Auftrieb, bei ihren frühen Gigs raunt man sich zu, hier handele es sich um eine der Stimmen von Broken Social Scene. Das Album LET IT DIE legt 2004 das Fundament, THE REMINDER wird 2007 abgöttisch geliebt: Feist ist Kunst, Pop und Indie. Sie spielt ihr „1234“ in der Sesamstraße und wirbt mit dem Song für Apple-Produkte, kaum ein Seriensoundtrack kommt ohne Feist-Song aus, James Blake covert ihr „Limit To Your Love“ (Co-Songwriter: Chilly Gonzales). Heute wirkt THE REMINDER wie ein Album aus einer Zeit der geringeren Wallungen und Empörungen.

André Boße

Jenny Lewis

Acid Tongue 2008

Keine Zeit zu verlieren: Innerhalb von drei Wochen soll Jenny Lewis ihr zweites Solo-Countrypop-Album aufgenommen haben – und nur knapp ein Jahr nach dem letzten Rilo-Kiley-Werk kam es auch schon heraus. Genau diese Dringlichkeit, mit der diese Platte entstand, merkt man ihr an. Die Songs wirken rough, offen für jegliche Wendungen und Dehnungen, bei denen aber immer Lewis’ zuckrige Stimme das Zentrum bildet. Viele der Tracks sind Onetakes, die genau so im kalifornischen Studio aufgenommen wurden – zusammen mit zig Gastmusiker*innen (wie M. Ward und Chris Robinson). Einer, der sich hier besonders hervortut, ist Elvis Costello. Im Duett „Carpetbaggers“ gibt er ebenso selbstbewusst wie Lewis den (nöligen) Gegenpart. Eine Platte, die nur so vor Spielfreude und unfertig-schönem Analog-Charme strotzt.

Hella Wittenberg

Frank Spilker Gruppe

Mit all den Leuten 2008

Frank Spilker ohne die Sterne-Urmitglieder Thomas Wenzel am Bass und Christoph Leich an den Drums, das schien lange Zeit so unwahrscheinlich wie Frank Spilker, der auf deutsche Texte scheißt. Seit dem Ausstieg von Wenzel und Leich ist Spilker zwar nun tatsächlich der letzte Fixstern am Hamburger Firmament, einen Solo-Ausreißer gab es aber auch schon deutlich früher mal. Eingespielt mit Schlagzeuger Matthias Strzoda (trommelte u.a. für Andreas Dorau), Filmkomponist Max Knoth am Bass und Gästen wie Masha Qrella entfaltet MIT ALL DEN LEUTEN in Songs à la „Ich geh’ gebückt“ einen mal luftigen, mal zackigen Indie-Rock-Schmiss, der Spilker auch in englischsprachigen Stücken wie dem funky nach vorn strebenden „Ex-Lover’s Paintings“ und dem Smiths-Soundalike „Me Only“ ganz ausgezeichnet steht.

Martin Pfnür

Peter Fox

Stadtaffe 2008

Blöd gelaufen. Plötzlich wurde Pierre Baigorry vom Kreuzberger Lokalhelden zum deutschen Popstar. Hat ihm nicht gefallen. Allen anderen, Nicht-Berlinern und Berlinern sowieso, umso besser. Nach 92 Wochen in den Top 50 der Charts und sechsfach Platin schwor das Seeed-Mastermind, nie wieder Peter Fox zu sein. So steht STADTAFFE bis heute als einsames Großwerk, das HipHop, Dancehall und Popsensibilität, das Babelsberger Filmorchester und modernste, von The Krauts eingebrachte Produzenten-Skills zu einem einmaligen Sound verschmolz und das Arm-aber-sexy-Berlin auf den Punkt brachte. Zum Glück sind Hits wie „Haus am Meer“, „Alles neu“ oder „Schwarz zu Blau“ längst fester Bestandteil des Live-Repertoires von Seeed geworden. Nur Berlin ist lange nicht mehr so cool wie auf STADTAFFE.

Thomas Winkler

Fever Ray

Fever Ray 2009

Gleich mit dem Opener „If I Had A Heart“ hat Karin Dreijer alias Fever Ray ein Stück für die Ewigkeit erschaffen. Das Epos „Laurence Anyways“ von Filmemacher Xavier Dolan wäre ohne den sich langsam aufbäumenden Schauersong nicht vorstellbar und für die Solokarriere der Schwedin setzte er ebenfalls den Maßstab in ganz anderen Sphären als die sonst für Electro-Pop-Artists geltenden fest. Hört man ihre Lieder, glaubt man fest an die Prämisse, ein Song müsse immer eine Wirkung über seine Spieldauer hinaus haben. Er müsse eine kribbelige Atmosphäre kreieren, die Ungesagtes wahrnehmbar macht. So banal die Themen auf dieser Platte auch anmuten mögen – hier werden sie in Verbindung mit den alienhaften Soundlandschaften und der hochgepitchten Stimme zu etwas Größerem, zum Mysterium.

Hella Wittenberg

Graham Coxon

The Spinning Top 2009

Das siebte Soloalbum des Blur- Gitarristen sticht allein insofern aus seiner Diskografie heraus, als dass Coxon hier erstmals seine Lust an der Lo-Fi-Lärmerei hintanstellt. Schien sein Solo-Output bis dahin eher wie ein freigeistig verschrabbeltes Ventil zum Druckablass, so fährt er auf seiner zugänglichsten und ambitioniertesten und empfindsamsten Platte alles auf, was als Gitarrist und Songwriter in ihm steckt. Man hört etwa famos ins Orientalische gedrehten Folk aus der Bert-Jansch-Schule („In The Morning“), quietschfidele Ausflüge in die Samba („Perfect Love“), verschroben Psychedelisches („Caspian Sea“), tausend Tränen tiefe Balladen („Far From Everything“) und mit „Dead Bees“ und „Humble Man“ zwei Britrock-Nummern, die jedem Blur-Album wunderbar zu Gesicht stünden.

Martin Pfnür

Laetitia Sadier

The Trip 2010

Laetitia Sadiers Band Stereolab hatte den Indie-Pop der 1990er entscheidend geprägt, mit einer Musik, die durch die Klangräume des Space Age in eine unbekannte Zukunft schoss. Eine Mobilmachung und Verformung von vergessenen Pop-Momenten, in zunehmender Distanz zum Überbau des Gitarrenrock. In den 12 Songs ihres Solodebüts lässt Sadier die Zeit still stehen, die Sängerin verarbeitet den Suizid ihrer jüngeren Schwester Noelle. THE TRIP verbindet Trauerarbeit mit Kontemplation und einer Entwicklung hin zu warmen, ätherischen Soundbildern. Selbst ein Krautrocktrack scheint hier den Groove zu verlieren, Platz machend für diese Stimme, die ihre sanften Untertöne gerade zu finden beginnt. Das Cover von Gershwins „Summertime“, ein Tupfer auf der Zeitleiste, der schneller verblasst, als er aufgetaucht ist.

Frank Sawatzki

Christiane Rösinger

Songs Of L. And Hate 2010

Mehr als zwei Jahrzehnte und nahezu ein Dutzend Alben mit den Lassie Singers und Britta brauchte es, bis Christiane Rösinger ihren ersten Soloauftritt wagte – und auf SONGS OF L. AND HATE alles zueinander fand: Die lakonischen Reime, der schnoddrige Vortrag und endlich eine nicht mehr nur schrammelige Umsetzung, weil Ja, Panik-Andreas Spechtl der unterschätztesten Singer/Songwriterin des Landes endlich Arrangements schrieb, die ihre Texte schon lange verdient hatten. Tatsächlich sind Songs wie „Berlin“, „Ich muss immer an dich denken“ oder „Es geht sich nicht aus“ so großartig, solch feinfühlige, wortgewandte und hellsichtige Analysen des irgendwie-linken Lebens und Liebens in deutschen Großstädten, dass das Cover, das Rösinger auf eine Stufe mit Dylan hebt, nicht mal anmaßend wirkt.

Thomas Winkler

Jamie xx

In Colour 2015

Dass der Beatbastler Jamie Smith aka Jamie xx ein feines Händchen für Atmosphären hat, war nach den ersten beiden The-xx-Alben kein Geheimnis mehr. Während Smith sich auf Letzteren dem Minimalismus seiner Band unterordnet, der sich auch im Artwork spiegelt, darf man den Titel seiner Soloplatte IN COLOUR durchaus als programmatisch ansehen: Vor Samples nur so berstend und mit gesanglicher Unterstützung seiner beiden Bandkolleg*innen, versammelt er darauf ein knallbuntes Spektrum elektronischer Spielarten, das mit träumerischen Breakbeat-Tracks wie „SeeSaw“, der feierlichen Club-Hymne „Loud Places“ oder der Suspense des klanggewordenen MDMA-Rauschs „Hold Tight“ unterstreicht, dass sich synthetische Klänge und Soulfulness ebenso wenig ausschließen wie die Gleichzeitigkeit von Sonne und Regen.

Martin Pfnür

Beyoncé

Lemonade 2016

„My daddy Alabama, Momma Louisiana, you mix that negro with that Creole make a Texas bama“ – auf der Leadsingle ihres sechsten Soloalbums „Formation“ feierte Beyoncé ihren Aufstieg als im US-Süden geborene Schwarze Frau an die Weltspitze. Der Song wurde zur Hymne der Black-Lives-Matter-Bewegung und des „Women’s March on Washington“ 2017. Und das war erst der Anfang ihrer meistgerühmten Platte, die den Seitensprung ihres Ehemanns Jay-Z verhandelt und in einen größeren gesellschaftlichen Kontext setzt. Dazu wurden nie zuvor Rock – hier in Form der Yeah Yeah Yeahs und von Animal Collective, sowie der Classic-Rocker Led Zeppelin und King Crimson – und HipHop-Samples von OutKast und Snoop Dogg stilsicherer zusammengebracht. Auf LEMONADE hält Beyoncé die ganze Welt in Händen. Stephan Rehm Rozanes

Adrianne Lenker Abysskiss

2018

Was ist das Besondere am Tourleben, abgesehen von den Shows? Jeder Tag ist gleich, alles hat ein System. Doch Lenker hat es mit diesem Album geschafft, dem Unterwegssein einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Während sie mit Big Thief auf Tour war, schrieb sie ihre Stücke, die reich an Introspektion, aber reduziert im Sound-Gewand sind. Die Gitarre erledigt ihren Job federleicht, Lenkers atemlosfragiler Gesang in Kombination gibt einem aber den Rest. Die US-Singer/Songwriterin erzählt hier von den Momenten, in denen die Bar schließt, vom Autostarten, nur um dann vom irrsinnig schön verpackten Banalen zum Blick auf den eigenen Tod zu wechseln. Mit eigentlich bekannten Mitteln packt sie einen Song für Song – so sehr, dass man dem Leben on the road schon fast wieder etwas abgewinnen möchte.

Hella Wittenberg

Damon Locks And The Black Monument Ensemble

Where Future Unfolds 2019

Damon Locks hat Spuren hinterlassen als Grafiker, Videokünstler, Beatmaker, Multiinstrumentalist, Musikverleger und Lehrer in einem Hochsicherheitsgefängnis. Und mehr als ein Vierteljahrhundert war er der Sänger in experimentellen Rockbands, unter dem Radar blieb er in Reihen der guten Funkdub-Frickler Eternals. Die Aufnahmen zu WHERE FUTURE UNFOLDS begann er als Solo-Projekt mit Sequencer und Drum Machine, Locks verwandelte sie mit dem Black Monument Ensemble im Chicagoer „Garfield Park Botanical Conservatory“ in eine rauschhafte Afrojazzmesse. Samples aus Reden von Civil-Rights-Aktivisten fliegen in diese hymnischen Aufbruchsmusiken, sie waren eine eindrucksvolle Vorschau auf die spirituelle Auseinandersetzung von Künstlern mit der Agenda von Black Lives Matter 2020.

Frank Sawatzki

FOTO: PR

Brittany Howard

Jaime 2019

„Don’t question my state of mind, I’m doing wonderful“, singt Brittany Howard im super entspannten „Stay High“ und bringt es damit auf den Punkt: Auf diesem Solodebüt hören wir die US-Singer/Songwriterin auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Äußerst prägnant setzt sie ihre Überstimme ein, die wir sonst als die der Alabama Shakes kennen. Mal als einen Zeigefinger, der sich in den von den Seventies angehauchten psychedelischen Stücken immer wieder erhebt, mal als komplett einlullendes Organ im balladeskeren Soul-Part der Platte. Aber auch inhaltlich geht sie auf die gesellschaftlichen Missstände geradewegs zu. Howard erzählt vom Rassismus in Alabama und von ihrem Blick auf Gott und Politik – um dann wieder den Kreis mit extrem persönlichen Geschichten zu schließen. Das Meisterstück des Albums: „Goat Head“.

Hella Wittenberg