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7 KONTINENTE – VON BERLIN NACH ISTANBUL


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aktiv Laufen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 11.02.2022

7 KONTINENTE

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Bildquelle: aktiv Laufen, Ausgabe 2/2022

Weit und breit keine Menschenseele in Sicht ? eigentlich gut für das Laufen. Allerdings wollte Norman Bücher bei seinem Projekt mit vielen jungen Leuten sprechen.

Das fühlt sich schon verdammt komisch an. Mein Herz schlägt Purzelbäume. Eine Gänsehaut macht sich breit. Ein angenehmes Wärmegefühl durchdringt meinen ganzen Körper, wenn ich an das große Ziel denke: Noch nie in meinem ganzen Leben bin ich so weit gelaufen. Fast acht Wochen werde ich unterwegs sein. Gut 2.300 Kilometer liegen vor mir. In Worten: zweitausenddreihundert. Das entspricht der Distanz von Hamburg nach München. Aber nicht bloß einmal – ganze drei Mal. In den kommenden Wochen werde ich acht verschiedene Länder Europas im Laufschritt entdecken. Etappenziel: Istanbul. Dorthin möchte ich per pedes reisen.

Ich stehe vor dem Brandenburger Tor in Berlin. In ein paar Minuten breche ich zu meinem längsten Lauf auf. Beim Gedanken daran kribbelt es vom Kopf bis zur Fußspitze. Die Autos, die Passanten, die Freunde, das rasante Leben einer Großstadt – ich nehme alles nur in Zeitlupe wahr. ...

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... Ich bin ganz bei mir, voll in meinem Element. Ich darf laufen. Endlich.

Nervös hüpfe ich von einem Bein auf das andere. Zusammen mit zwei Dutzend Kindern und einigen Erwachsenen nehme ich die ersten Meter unter meine Füße. Neben uns liegt, zum ersten Mal ausgerollt, die „7 Continents“-Fahne, die für alle sichtbar die Botschaft des Projekts durch die Welt trägt: „Listen to the voices of our future!“ Darunter ist das „7 Continents“-Mikrofon abgebildet, das Symbol des Projekts. Die Fahne wird mich bis Istanbul begleiten. Die Metropole am Bosporus ist gedanklich für mich aber noch viel zu weit weg. Gefühlte Lichtjahre trennen mich davon. Was erwartet mich auf der Reise dorthin? Welche Menschen treffe ich unterwegs? Wie wird mein Körper auf die täglichen Belastungen reagieren?

DER ABSCHIED

Einen Tag zuvor. Das letzte gemeinsame Frühstück. Die letzten Minuten. Das letzte Mal kuscheln mit meiner Tochter. Innerlich bin ich hin und her gerissen: Gehen oder Bleiben? Doch ich habe mich längst entschieden. Es ist für mich jedes Mal der schwierigste Abschnitt einer Reise. Je näher er rückt, desto kribbeliger und nervöser werde ich. Der Abschied. Auch meine über 20-jährige Abenteuer-und Expeditionserfahrung hilft mir hier nicht weiter. Es ist für mich jedes Mal einer der emotional schwierigsten Dinge, meine Familie zurückzulassen. Mein Herz wird schwer, Tränen kullern über die Wangen, als ich Marla nochmals umarme. Zwei Monate werde ich sie nicht sehen.

Es klingelt. Achim steht vor unserer Tür. Mit ihm werde ich die nächsten Wochen zusammen reisen. Dreitagebart, runde Brille, sympathisches Gesicht. Eine Kette mit einem kleinen schwarzen Stein ziert seinen Hals. Ein Outdoortyp durch und durch. Seine grünfarbene Wanderhose und die Trailschuhe unterstreichen seine Leidenschaft für das Draußensein. Vor zwei Jahren hat er seine Wohnung gekündigt, seitdem lebt er in seinem kleinen VW Bulli. Frei und unabhängig. In seinem Leben dreht sich alles ums Abenteuer. Genauer gesagt: Sein Leben ist ein Abenteuer. Wenn er nicht gerade mit seinem Bus irgendwo in der Welt unterwegs ist, verbringt er seine Lebenszeit in einer kleinen Hütte an einem beschaulichen See im Elsass. Er arbeitet als Wildnisführer und Coach, leitet Expeditionen und steht jungen Menschen als Mentor beiseite. Sein Lebensmodell ist so ganz anders und passt scheinbar nicht in die von Materialismus und Konsumismus dominierte westliche Welt. Eine Mischung aus Freiheit, Einfachheit, Reduktion und selektivem Verzicht treibt ihn an.

„Ich bin dabei.“ Das waren seine Worte bei unserem ersten Treffen. Achim ist als Begleitperson, zuständig für die Routenplanung und Logistik, mit von der Partie. Mit seiner ruhigen und besonnenen Art, seiner reichen Lebenserfahrung und dem Organisationstalent ist er, fachlich und vor allem menschlich, eine große Bereicherung für das Projekt. Nun sind wir bald für fast zwei Monate auf Tour. Auf engstem Raum. Achims T4 Bulli wird uns als Wohn- und Transportfahrzeug, als mobiles Basislager sowie als Zuhause und Rückzugsort dienen. Hier lagern wir unser gesamtes Hab und Gut. Kochutensilien, Essensvorräte, Klamotten, Schlafsäcke, Werbematerialien.

MIT FELIX UND FRIENDS DURCH BERLIN

„Wie viel Taschengeld hast du mit neun Jahren bekommen?“ Felix reißt mich aus meinen Gedanken. Er ist voll in seinem Element und löchert mich mit Fragen. Ohne Punkt und Komma spricht er über Sport, die Schule, das Leben. „Welches Fitnessprogramm machst du? Wie lange läufst du schon?“ Eine Frage folgt der nächsten. Nach dem gemeinsamen Start am Brandenburger Tor ist die Gruppe der Mitläufer schnell kleiner geworden. Nur Felix und zwei seiner Freunde laufen noch mit. Und Felix’ Vater, der etwas Mühe hat hinterherzukommen, ist ebenfalls dabei. „Felix, jetzt ist es gut. Du bist schon so weit gelaufen. Komm, lass uns nach Hause gehen.“ Doch Felix ignoriert die Worte seines Vaters, er hat andere Pläne und will weiter mit mir laufen. Kurze, dunkelblonde Haare, blaue Sportjacke, fröhliches Gesicht. Seine Brille passt optisch zu seiner Wissbegierde. „Was waren deine Lieblingsfächer in der Schule?“, fragt er mich. „Meine sind Mathe und Sport.“ Felix ist neun Jahre alt, geht in die vierte Klasse und lebt mit seiner Familie in Berlin. „Darf ich auch mal das Mikrofon tragen?“ Mit Freude überreiche ich es ihm. Das Leuchten in seinen Augen nimmt zu. Mit stolzgeschwellter Brust läuft er voraus. Sein Enthusiasmus ist kaum zu bremsen. Am Potsdamer Platz trennen sich schließlich unsere Wege. Nun bin ich zum ersten Mal allein und lasse das geschäftige Berlin hinter mir. Ein leichter Nieselregen setzt ein. Er lässt mich etwas schneller laufen.

DAUERREGEN, KÖRPERLICHE PRO- BLEME UND MENTALE TIEFPUNKTE

Das wird eklig heute. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt meinen Gedanken. Draußen herrscht Dauerregen. Und das bereits seit Tagen. Wir können das Wetter nicht beeinflussen. Nur unsere eigene innere Haltung dazu.

Wie oft habe ich solche neunmalklugen Ratschläge schon gehört? Und obwohl ich diese Aussage rational begreife, ist meine Gefühlslage im Keller. Es ist kurz nach acht, ich sitze im Bus, richte meinen Laufrucksack und lasse mir dabei viel Zeit. Auffällig viel Zeit. Wertvolle Sekunden, die ich noch im Trockenen verbringen darf. Die angenehme Wärme im Bus lässt mich jeden Handgriff besonders sorgfältig und ausführlicher als notwendig machen. Mein innerer Schweinehund ist heute besonders hartnäckig. Mit großer Überwindung ziehe ich die Schiebetür des Busses auf, trete nach draußen und starte zur nächsten Etappe.

Es ist Tag sieben der Europa-Etappe. Knapp 280 Kilometer habe ich bereits in den Beinen. Gestern haben wir die Grenze zu Tschechien passiert. Die Euphorie des Starts und die grenzenlose Energie der ersten Tage sind einer Routine gewichen. Die ersten handfesten Probleme sind aufgetreten. Mein rechtes Schienbein schmerzt. Das unter Langstreckenläufern berüchtigte Schienbeinkantensyndrom hat mich erwischt. Meine Laune sinkt. Jeder einzelne Schritt ist eine Qual und fühlt sich an, als würde jemand mit einem Hammer auf mein Schienbein schlagen. Roboterhaft setze ich einen Fuß weiter vor den anderen. Extrem mühselig, aber ich komme voran. Heute will ich mich nicht so recht als Läufer fühlen. Mein Körper gewöhnt sich nur widerwillig an die Strapazen. Wie soll das bloß weitergehen? Wie soll ich bitte weiterhin täglich eine Marathondistanz oder mehr bewältigen? Ich zweifle an mir. Mein Kopf ist leer. Was würde ich jetzt alles dafür geben, meine Familie zu sehen? Nur für einen kurzen Augenblick. Beim Gedanken an meine Tochter huscht mir ein Lächeln über den Mund. Das einzige am heutigen Tag.

Mein innerer Zustand harmoniert jedenfalls sehr gut mit den äußeren Bedingungen. Es schüttet noch immer wie aus Eimern. Das Thermometer zeigt dabei lausige zehn Grad an. Grau in grau. Wo bitte ist Achim? Nach jeder Kurve hoffe ich, seinen schwarzen Bulli zu sehen. Ich bin vollkommen durchnässt, meine Zähne klappern, und ich sehne mich nach trockenen Klamotten. Die Wege haben sich durch den Dauerregen in Schlammpisten verwandelt. Meine Laufschuhe sind von einer dunklen matschigen Pampe umzogen, das ursprünglich tiefe Blau ist einem Braun gewichen. Heute möchte ich nur noch ankommen.

Ich laufe und laufe. Eine Monotonie stellt sich ein. Um mich herum blende ich alles aus. Pitsch-Patsch. Pitsch-Patsch. Schritt für Schritt. Eine Pfütze folgt der nächsten. Michael Jacksons Song „Man In the Mirror“ kommt mir in den Sinn. „I am starting with the man in the mirror. I am asking him to change his way. If you want to make the world a better place, take a look at yourself and then make a change.“ Immer wieder singe ich diese Passage und fühle mich dadurch etwas besser. Vorübergehend kommen die Lebensgeister zurück. Ein verschlafenes Dorf folgt dem nächsten. Ich sehe kaum Menschen auf den Straßen, die Ortschaften wirken wie ausgestorben. Wer verlässt auch bei diesem Sauwetter freiwillig das Haus? Und wann kommt jetzt endlich Achims Bus? Dann kann ich endlich den Bulli erspähen.

NORMAN BÜCHER

ALTER: 43 Jahre

WOHNORT: Waldbronn

BERUF: Extremläufer, Speaker, Autoracademy

INFO: Norman Bücher ist Extremläufer und Abenteurer aus Leidenschaft. Seit über 20 Jahren läuft er Marathons und Ultramarathons und führt eigene Expeditionen in der ganzen Welt durch. Nach Jahren in der Unternehmensberatung gibt er im Jahr 2008 seine gesicherte Existenz auf und macht sich als Vortragsredner und Autor selbstständig.

norman-buecher.de

www.7-continents.com/de

www.7-continents.academy

DIE STIMMUNG IST AM BODEN

Drei Tage später. Von den äußeren Bedingungen hat sich wenig verändert. Es regnet weiterhin Bindfäden. Wir sind mittlerweile in Nový Rychnov angekommen, einer 1.000-Seelen-Gemeinde 120 Kilometer südöstlich von Prag. Abseits des Dorfes haben wir einen ruhigen Stellplatz an einem Feldweg gefunden. Wobei der „Feldweg“ eher einer Wasser-Schlamm-Piste gleicht.

Achim und ich sitzen im Bus. Der Regen prasselt ununterbrochen auf das Autodach, die Fensterscheiben sind beschlagen, die Standheizung läuft auf Hochtouren. Trotzdem ist mir kalt. Ich wickle mich in meinen wärmenden Schlafsack ein, meine Laufklamotten habe ich zum Trocknen im Auto aufgehängt. Die Nässe ist allgegenwärtig und zehrt an unseren Nerven. Die Stimmung ist am Boden. Das Wetter trägt zweifellos dazu bei. Aber nicht nur. Die letzten Tage hatten wir extrem wenige Begegnungen mit Menschen. Vor allem junge Menschen waren kaum auszumachen. Und gerade die Gespräche mit diesen sind der Schwerpunkt des Projekts. Die aktuelle Situation schlägt mir auch auf den Magen. Nur widerwillig schiebe ich mir eine Handvoll Nüsse in den Mund. Zweifel machen sich breit. Wie und wo erreichen wir junge Menschen? Liegt der Fokus noch zu sehr auf dem sportlichen Aspekt? Was können wir anders machen? In meinem Kopf arbeitet es. Während ich durch die mit schweren Regentropfen beschlagene Scheibe nach draußen schaue und mir meine Beine mit Pferdesalbe einmassiere – ein Ritual, das ich mir bei Mehrtagesläufen zu eigen gemacht habe –, stelle ich das komplette Projekt infrage. Was werde ich wohl schon allein verändern können? Wird „7 Continents“ überhaupt etwas bewirken? Ein Gefühl von Ohnmacht überfällt mich. Nur in dieser verregneten Pampa zu laufen – ohne Begegnungen, ohne Menschen, ohne ein Gespräch – kommt mir in diesem Augenblick so unglaublich sinnlos vor. Zwei Wochen sind seit dem Start in Berlin vergangen, und außer ein paar Handvoll Stimmen haben wir noch nicht viel erreicht.

Frustriert liege ich auf meiner Matratze und starre an die Decke. Die stinkenden Klamotten, das Fehlen einer Dusche hinterlassen auch olfaktorische Spuren im Bus.

VOGEL FLIEGT, FISCH SCHWIMMT, MENSCH LÄUFT

Es sind die ersten Kilometer in Österreich. Meine Beine fühlen sich überraschend frisch an, und ich bin positiv gestimmt. Dazu haben sicherlich auch der große Kaffee und der warme Schokoladenkuchen beigetragen, den ich vor einer halben Stunde in Hollabrunn zu mir genommen habe. Balsam für das Gemüt.

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages kitzeln auf meiner Haut. Es wird wärmer und trockener, ein sanfter Wind weht mir ins Gesicht. Weite Rapsfelder wechseln sich mit kleinen, idyllisch gelegenen Dörfern ab. Bis nach Wien liegen noch gut 45 Kilometer vor mir. Sechs Minuten pro Kilometer. Manchmal auch noch ein bisschen langsamer. Das ist mein Lauftempo. Pro Tag im Schnitt 42 bis 58 Kilometer. Obwohl ich jeden Tag eine Marathondistanz und mehr laufe, spüre ich, wie wenig es mir dabei um höher, schneller und weiter geht. Der sportliche Leistungsgedanke ist für mich in den letzten Jahren zunehmend in den Hintergrund getreten.

Ging es mir in meinen Anfangsjahren noch um persönliche Bestzeiten, Platzierungen oder Medaillen, treibt mich heute der tiefe Wunsch an, mit meinem Tun die Welt ein kleines Stück zum Besseren zu verändern. Einen Beitrag leisten. Dazu stellt das Laufen mein Medium und Vehikel dar. Handwerklich bin ich vollkommen ungeschickt, und auch meinen künstlerischen Talenten sind enge Grenzen gesetzt. Was ich gut kann: Laufen. Vor allem lange und weit. Ob Hunderte von Kilometern durch menschenleere Wüsten, über Tage und Wochen entlang abgeschiedener Gebirgslandschaften oder zu Fuß durch ein ganzes Land oder gar einen ganzen Kontinent. Laufen ist mein Leben. Wie sagte einst Emil Zátopek, Ausnahmeläufer aus der ehemaligen Tschechoslowakei: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft.“ Weite Teile der menschlichen Anatomie sind vom Laufen geprägt. Das beginnt bei der Form unserer Füße und setzt sich über die Muskulatur und Sehnen in den Beinen fort. Auch das Becken, die Wirbelsäule und der Brustkorb zeigen spezifische Anpassungen an den aufrechten Gang und das zweibeinige Laufen. Sogar unser Schädel sitzt so auf den Halswirbeln, dass wir, wenn wir laufen, immer noch gut geradeaus blicken können.

Mich den jungen Menschen mit der natürlichsten Fortbewegungsart zu nähern – das ist meine Intention bei diesem Projekt. Ohne Auto, ohne Motorrad, ohne Bus, ohne Fahrrad. Mit einem motorisierten Gefährt zu reisen bedeutet Distanz. Und Geschwindigkeit. Worum es mir geht: ganz nah bei den Menschen zu sein, einen authentischen Zugang zu bekommen, eine Verbindung aufzubauen. Das erfordert Langsamkeit, Nähe und Geduld. Und diese Eigenschaften benötige ich auf meinem weiteren Weg nach Istanbul. Die ersten knapp 600 Kilometer auf der Europa-Etappe habe ich erfolgreich bewältigt. Nach Österreich durchkreuze ich noch die Slowakei, Ungarn, Serbien, Bulgarien und die Türkei. Ein langer Weg bis Istanbul liegt noch vor mir.