Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

70 Jahre Krieg in Korea


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 170/2020 vom 01.12.2020

Der Vorstoß der nordkoreanischen Volksarmee vom 25. Juni 1950 auf das Territorium Südkoreas und damit der Beginn des Koreakrieges kam nicht überraschend. Schon lange hatte es vereinzelte Gefechte zwischen Truppen des Nordens und des Südens gegeben, die aber immer auf kleinere Bereiche um den 38. Breitengrad begrenzt blieben. Als am Morgen des 25. Juni 1950 die ersten Nachrichten von Gefechten bei der südkoreanischen Regierung in Seoul eintrafen, ging man dort von einer begrenzten Auseinandersetzung aus. Bald wurde klar, dass es sich um mehr als ein Scharmützel handelte. Die nordkoreanische Volksarmee ...

Artikelbild für den Artikel "70 Jahre Krieg in Korea" aus der Ausgabe 170/2020 von WeltTrends. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 170/2020

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von WeltTrends. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 170/2020 von Belarus 2020: Ein Land verändert sich. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Belarus 2020: Ein Land verändert sich
Titelbild der Ausgabe 170/2020 von Belarus 2020: Belarus: Gefangen im russisch-deutsch-polnischen Dreieck. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Belarus 2020: Belarus: Gefangen im russisch-deutsch-polnischen Dreieck
Titelbild der Ausgabe 170/2020 von Elfenbeinküste: Müll oder Schokolade?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Elfenbeinküste: Müll oder Schokolade?
Titelbild der Ausgabe 170/2020 von Bedingt zukunftsfähig. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bedingt zukunftsfähig
Titelbild der Ausgabe 170/2020 von Zwischen Krieg und Frieden. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zwischen Krieg und Frieden
Titelbild der Ausgabe 170/2020 von Thema: Eine Chance für Zentraleuropa. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Thema: Eine Chance für Zentraleuropa
Vorheriger Artikel
Russlands machtpolitische Perspektiven
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Bücherschau
aus dieser Ausgabe

... griff den Süden auf der gesamten Breite des Grenzverlaufs an und bewegte sich schnell auf die südkoreanische Hauptstadt Seoul zu. Die von den USA unterstützte Regierung von Rhee Syngman, viele Funktionäre und einfache Bürger reagierten auf die drohende Einnahme der Stadt mit einer überstürzten Flucht in den südlichen Teil der koreanischen Halbinsel.

Vormarsch und Rückzug des Nordens

Nur drei Tage nach Kriegsbeginn nahm die nordkoreanische Volksarmee Seoul ein und rückte in schnellem Tempo weiter nach Süden vor, bis lediglich Teile der Provinzen Kyeongnam und Kyeongbuk im Südosten der Halbinsel als die einzigen verblieben, die nicht von Nordkorea besetzt wurden. Während der nur kurzen Phase der Besetzung des Südens ging der Norden daran, dort in den Gemeinden und Landkreisen die gleichen politischen Strukturen aufzubauen, die nach dem Abzug der Japaner von Kim Il-sung im Norden Koreas etabliert worden waren. Dabei stützte sich der Norden vor allem auf Linke, die in Südkorea im Untergrund ausgeharrt hatten oder nach der Besetzung aus Gefängnissen befreit wurden. Einige Positionen wurden auch von Kadern aus dem Norden besetzt.1

Zur gleichen Zeit wurden diejenigen, die vor dem Kriegsausbruch mit der Regierung Rhees zusammengearbeitet hatten und als Rechte bekannt waren, in den besetzten Gebieten verfolgt. Die meisten der zu dieser Gruppe gehörenden Bürger des Südens waren vor der heranrückenden Volksarmee nach Süden geflohen. Flucht war überhaupt ein wichtiges Element des Koreakrieges. Die Front bewegte sich zunächst von der Mitte des Landes bis in den tiefen Süden, von dort zurück in den hohen Norden und dann wieder zurück in südlicher Richtung bis in die Mitte des Landes. Diese Frontbewegungen trieben jeweils Massen von Flüchtlingen vor sich her.

US-Truppen im Einsatz gegen den Norden


Die Motive für die Flucht waren vielschichtig. Ein wichtiges bestand darin, dass diejenigen, die blieben, von denen, die flüchteten, oft als Sympathisanten der anrückenden Truppen und des mit ihnen verbundenen Systems angesehen wurden. Nach der Rückeroberung der zuvor verlorenen Gebiete durch die eine oder andere Seite standen diejenigen, die nicht geflohen waren, unter dem Verdacht der Kollaboration. Im Süden des Landes fanden regelrechte „Hexenjagden“ 2 statt. Die Rückeroberung des Südens war nur möglich gewesen, weil sich die USA zusammen mit 15 weiteren Ländern in den Krieg eingeschaltet hatten. Diese Koalition handelte auf der Grundlage eines Mandats des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (Resolution 82), das die Anwendung militärischer Gewalt zur Beendigung der nordkoreanischen Aggression erlaubte.

Globaler Kontext

Es wäre zu einfach, den Konflikt auf die Aggression des Nordens zu reduzieren. Der Krieg war das Ergebnis einer Neuordnung der Welt, wie sie im Abkommen von Jalta im Februar 1945 zwischen den Alliierten für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vereinbart worden war. Darin wurde auch vereinbart, Korea nach dem Krieg in eine sowjetisch verwaltete Zone im Norden und eine US-amerikanische im Süden der koreanischen Halbinsel zu teilen. Es waren diese Vereinbarung und der sich bereits andeutende Kalte Krieg, die eine Teilung der Halbinsel in einen nördlichen kommunistischen und einen südlichen kapitalistischen Teil einleiteten. Als der Norden den Angriff auf den Süden am 25. Juni 1950 begann, tat er dies mit der ausdrücklichen Unterstützung Stalins und Maos, denen es darum ging, den amerikanischen Einflussbereich in Ostasien zu verringern. Für die USA und die mit ihnen kämpfende Koalition ging es darum, diesen Einfluss in der Region zu erhalten bzw. auszubauen. Beim Koreakrieg handelte es sich zunächst um einen Stellvertreterkrieg, in den die hinter den Stellvertretern stehenden Mächte – auf der einen Seite die USA, auf der anderen China – schließlich aktiv eingriffen.

Auf der Seite des Südens übernahmen die USA das Oberkommando in diesem Krieg. Auch die südkoreanische Armee wurde den USA unterstellt. Der Fünf-Sterne-General Douglas MacArthur kommandierte die Truppen des Südens. Für ihn ging es in diesem Krieg um mehr als nur um Korea; es ging um den Ausgang des Kalten Krieges. Im Frühjahr 1951 sagte MacArthur in einem Brief an den Fraktionsvorsitzenden der Republikaner im US-Repräsentantenhaus, Joseph William Martin Jr., voraus, dass eine Niederlage in Korea für den Westen auch zu einer Niederlage in Europa führen werde, weshalb die USA alles für einen Sieg in Korea tun müssten. Dazu gehörte für MacArthur, verschiedenen Berichten zufolge – eine der Quellen war US-Präsident Harry S. Truman – der Einsatz von Atombomben. MacArthur selbst hat zeitlebens geleugnet, sich für den Einsatz der Bombe in diesem Krieg ausgesprochen zu haben.

Tatsächlich hatten die USA Atombomben in Stellung gebracht, die gegen Ziele in China gerichtet waren und bei einem verstärkten Einsatz von chinesischen Bombern in Korea zur Anwendung kommen sollten. Der Dritte Weltkrieg mit dem Einsatz von Atombomben stand hier unmittelbar vor der Tür. Zwar sahen die USA vom Einsatz der Bombe im Koreakrieg ab, dennoch stand im Norden, als der Krieg am 27. Juli 1953 durch einen Waffenstillstand unterbrochen wurde, kaum noch ein Stein auf dem anderen. Während dieses Krieges hatten die USA mehr als 280.000 Bombardements in Korea geflogen. Die Sprengkraft der eingesetzten Bomben war zusammengenommen weit größer als die aller konventionellen Bomben, die von den USA während des Pazifikkriegs gegen japanische Ziele eingesetzt worden waren. Die zielstrebige Entwicklung einer eigenen Atomwaffe durch Nordkorea, die mit dem ersten Bombentest im Jahre 2006 an ihr Ziel gelangte, ist auch auf die Erfahrungen zurückzuführen, die das Land mit den verheerenden Luftangriffen während des Koreakrieges gemacht hatte. Während dieses Krieges verloren mehr als drei Millionen Menschen ihr Leben. Zivilisten hatten besonders hart in dem damals ohnehin sehr armen Land zu leiden.

Weiterhin im Kriegszustand

Offiziell befinden sich Nord-und Südkorea heute weiterhin im Kriegszustand. Über die Vereinbarung eines Waffenstillstandes im Jahre 1953 sind die beiden Seiten bisher nicht hinausgekommen. Was auch daran liegt, dass die Amerikaner im Süden weiterhin das militärische Sagen haben und zum Abschluss eines Friedensvertrages bislang nicht bereit gewesen sind. Ein solcher Vertrag war bei den Treffen von Kim Jong-un mit Donald Trump in den Jahren 2018 und 2019 ins Spiel gebracht worden. Dessen Verwehrung dürfte zu den Hauptgründen für die Abkühlung des Verhältnisses zwischen Kim und Trump gehören.

Die Denuklearisierung der südkoreanischen Halbinsel ist weiterhin eine wichtige Bedingung für die Befriedung der Region. Doch ist langfristig nicht absehbar, dass der Norden seine Atomwaffen aufgeben wird. Aus nordkoreanischer Sicht ist der Besitz von Atomwaffen die einzige Garantie für den Fortbestand des staatssozialistischen Systems in seiner besonderen nordkoreanischen Ausprägung. Daran würde wahrscheinlich auch ein Friedensvertrag nicht viel ändern.

Prof. Dr. Ralf Harvetz
geb. 1965, Politikwissenschaftler, Keimyung University, Daegu, Südkorea, Mitglied im WeltTrends-Beirat

rharvetz@gmail.com

1 Kim, Dong-Choon (2007): Der Korea-Krieg und die Gesellschaft. Westfälisches Dampfboot.