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800


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 14.07.2022

Nilüfer Yanya

Artikelbild für den Artikel "800" aus der Ausgabe 8/2022 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 8/2022

Ich habe Gitarrenmusik schon immer geliebt – je verzerrter, desto besser. Aber als ich das erste Mal „Hey“ von den Pixies hörte, wusste ich, dass die in einer ganz anderen Liga spielen. Es war einer dieser Momente, in denen Musik dich von einem komplett anderen Level erreicht. Es war mir gleichzeitig völlig fremd und vertraut. Auf Albumlänge habe ich das nicht auf Anhieb verstanden. „Debaser“ hat mich z.B. ziemlich verwirrt, aber das Album hat zu hundert Prozent mein Leben verändert, da es mich in meinem Ansatz Musik zu machen bestärkt hat. Danke, DOOLITTLE!

Bob Mould

Das erste Ramones-Album hat mein Leben verändert. Ich war in der Highschool, als es herauskam. Auf die Ramones bin ich durch ein US-Musikmagazin namens „Rock Scene“ aufmerksam geworden. Ihre Musik klang wie nichts, was ich je davor gehört hatte. Und da Johnnys Gitarre und Dee Dees Bass hart nach links bzw. rechts gemischt ...

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... wurden, war es leicht, deren Parts zu lernen und mitzuspielen.

Joan As Police Woman

Eine Konstruktion, wie sie meine Seele immer hören möchte. Beats, die mich daran erinnern, was mit Einfachheit alles möglich ist. Dieses Album wurde gemacht, als er gerade auf seinem Sterbebett im Krankenhaus lag. Die K nappheit der Flavors dieser Songsnippets fühlt sich an, als würde sie für einen Moment 31 Türen öffnen – zu einer anderen Welt, in der ich gerne mehr Zeit verbringen möchte.

Drangsal

Manchmal ist Musik magisch, eine Band ein Puzzleteil, von dem man nicht einmal wusste, dass es einem fehlt und die Alben, die werden zu Lebenssinn.

Als ich als schlafloser Jugendlicher eines Nachts den Fernseher einschaltete und bei „Night Videos“ auf MTV zufällig auf ein Musikvideo stieß, in dem ein junger Mann mit markantem Kinn, gefolgt von einer Handvoll Doppelgänger, zum Klang traurig klirrender Gitarren und hallgetränktem Schlagzeug auf seinem Fahrrad durch das graue Manchester gurkt, war das genau so ein magischer Moment.

Ich mochte seinerzeit gerade vornehmlich Electro-Pop oder, wie der „NME“ es nannte, New Rave hören: Klaxons, Hadouken!, blondierte Boys in bunter Bekleidung, die sich Le Castle Vania, Glamour For Better oder Egyptian Hip Hop nannten, Mixe des französischjapanischen Musik- und Modelabels Maison Kitsuné auf MySpace, Riot In Belgium, Justice und all die anderen Künstler*Innen auf Ed Banger. Die Jeans mussten hauteng sein, die rosa Shutter Shades aus Plaste sicher in deren Arschtasche verstaut werden. Meine Sneaker mit silberfarbener Zunge ragten weit bis über die Knöchel und die H&M-T-Shirts waren viel zu grell. Hätte man mir damals gesagt, dass mich eine schmollende Type mit Tolle und Hornbrille um 1 Uhr in der Nacht zum Heulen brächte, ich hätte bloß stirnrunzelnd durch mein geglättetes Pony geschielt. Aber hier war ich nun, unter Tränen und keine Ahnung, warum das so war. Shazam, Siri, Spotify und derlei Sperenzchen waren, zum Glück, noch Zukunftsmusik, drum wartete ich gespannt, gewappnet mit Zettel und Stift, auf die Einblendung von Interpret und Titel. The Smiths, „Stop Me If You Think You've Heard This One Before“. Am Tag darauf schon nichts anderes als diese Smiths auf den Ohren und dabei den Filzstift in der zittrigen Hand — bald schon zierten die ersten Textzeilen eine der giftgrünen Kinderzimmerwände. Die richtige Musik und die richtigen Worte zur richtigen Zeit. I know the pieces fit. Bei Müller erstand ich die Compilation THE SOUND OF THE SMITHS auf CD, im Netz dann zahllose Biografien und Songbücher und föhnte den langen Pony jetzt nach hinten.

Zwar hört unbestreitbar ihr drittes Album THE QUEEN IS DEAD sich an wie ein Best-of, doch ist es das nach einem Manchester Hochsicherheitsgefängnis benannte STRANGEWAYS, HERE WE COME, in dem ein Teil meines Herzens für immer begraben liegt. Wie Mozzer im Eröffnungsstück – dem ersten (nicht rein instrumentalen) Song der Band ganz ohne Gitarren – den Refrain knurrt, wie er sich gegen Ende des darauffolgenden „I Started Something I Couldn’t Finish“ (treffender Titel, wenn man die Auflösung der Gruppe bedenkt) hörbar in den Tönen vergreift und daraufhin, während des Fade-outs kaum merklich, bei Produzent Steven Street erkundigt, ob sie es noch mal versuchen wollen, wie er dem anschließenden „Death Of A Disco-Dancer“ trotz mangelnder Fähigkeit bedrohliches Klavierspiel hinzuzufügen weiß, bevor die Freundin ins Koma fällt … Wahnsinn. Das mit Claps und Drum Machine angedickte Schlagzeug, die Synthesizer-Spielereien, Blues- und Rockabilly-Anleihen sowie Songs wie das selbstreferenzielle wie -ironische „Paint A Vulgar Picture“ samt genialen Tonartwechseln vermögen einen zum Schwelgen zu bringen, wo es denn noch hätte hingehen können, hätte sich das Quartett nicht vor Veröffentlichung zerstritten.

Morrisseys mannigfaltige musikalische und vor allem verbale Fehltritte werfen Schatten auf sein Schaffen, Johnny Marr sollte nie wieder so schöne, traurige Melodien spielen und Andy Rourke und Mike Joyce, was machen die eigentlich? Und trotzdem: STRANGEWAYS, HERE WE COME hat mich gefunden, gerettet. Ich habe mir alles bei The Smiths abgeschaut.

Joey Burns (Calexico)

Lhasas zweites Album THE LIVING ROAD ist ein Meisterwerk. Wenn jemand auf der Suche nach einem Album ist, das Bestnoten auf allen Eben von Musikalität, Songwriting und Produktion und emotionaler Tiefe sucht, ist dies das erste Album, das ich empfehle. Lhasa verkörpert Eigenschaften von manchen der größten Sängerinnen der Vergangenheit wie Mercedes Sosa, Billie Holiday, Lola Flores und Amalia Rodrigues und dennoch klingt sie absolut einzigartig. Lhasas Stimme führt einen tief in eine Welt, in der Spanisch, Französisch und Englisch elegant miteinander verschmelzen, der Klang ihrer Stimme reagiert darauf mühelos von den tiefen zu den hohen Noten. Jedoch ist es die kratzige Beschaffenheit ihrer Stimme, die einen emotional packt. Ihr beim Singen zuzuhören ist wie Fliegen. Sie segelt durch die Melodien und Motive, verflicht sich mit ihnen, lässt sich dabei alle Zeit und gibt dem Publikum so das gleiche Gefühl von Gewichts- und Furchtlosigkeit weiter. Ihre Seele scheint überall durch ihre Musik und ihre Kompositionen, formt dabei einen Pfad, der uns von Herzschmerz zu Selbsterkenntnis und Erlösung leitet. The Living Road Das Album beginnt mit „Con Toda Palabra“, einem gehaltvollen Song über Liebe und Sehnsucht. Die Art, mit der Lhasa 20 diese Zeilen singt, genügt schon, um uns in die tiefsten Tiefen unserer Herzen zu führen. Dabei löst das keine negativen Gefühle aus, sondern eins, das von Inspiration und Weisheit durchtränkt ist. Diese Weisheit ist der Schlüssel. Wie viele andere Songs auf dem Album, bauen sich der Puls und der Rhythmus langsam auf und sorgen so für eine hypnotische Spannung, verstärkt von den Tribal-Drums und der Percussion von Co-Produzent François Lalonde. Ich liebe den Cello-Einsatz auf der Platte und die östlich klingende Trompete, gerade auf dem Song „Anywhere On This Road“. Die Instrumentie- rung und die Solo-Einlagen sind perfekt ausbalanciert im Zyklus jedes Songs und des Albums als Ganzem. Es gibt auch ein paar Walzer, die mich treiben und hin und her schwenken lassen und ich liebe es, mich in der Weitläufigkeit dieser Stücke zu verlieren. Die Zeit scheint zu verschwinden, wenn man sich dieses Album anhört und manchmal fühle ich mich dabei gar, als würde ich auf einem kleinen Boot auf weiter See dahinschippern, etwa im Song „J’arrive à la ville“. 2004 hatte ich das große Glück, Lhasa kennenzulernen bevor sie von uns ging (Lhasa de Sela starb am 1. Januar 2010 37-jährig an Brustkrebs – Anm.) und durfte bei ein paar ihrer Konzerte mitwirken. Immer wenn ich sie „La Frontera“ singen höre, muss ich einfach lächeln und mich daran erinnern, wie sie sang und das Gefühl in ihrer Stimme.

The Living Road

Sie war absolut ein herausragendes Talent und konnte sich so viele Genres ohne Aufwand zu eigen machen. Ihre Musik zu hören hilft mir dabei, diesen einzigartigen Zustand von gleichzeitiger Traurigkeit und Fröhlichkeit zu beschreiben.

Sie zieht einen hoch und ermutigt einen dazu, weiterzumachen, bei Regen oder Sonnenschein.

Das letzte Mal, als ich mit ihr sprach, war während eines Telefonats im August 2009. Ihr Manager war backstage beim schwedischen Way Out West Festival mit Amadou & Mariam.

Ich sagte Hallo und nach einer kurzen Zeit zischte er mir zu: „Lhasa ist am Telefon und würde gerne mit dir reden.“ Wir unterhielten uns ein wenig und es fühlte sich gut an, wieder mit ihr in Verbindung zu stehen. Leider hatte ich keine Ahnung, dass dies das letzte Mal sein würde.

Heute kann ich immer noch den Optimismus in ihrer Stimme hören und die Versicherung, dass Musik eine Brücke zu so vielen guten Dingen schlagen kann. Ich kann sie am Rand dieser „living road“ sehen, mit weit geöffneten Armen, wie sie uns den Weg weist.

Julia Jacklin

Ich erinnere mich daran, wie ich das zum ersten Mal vor vielen Jahren in Neuseeland gehört habe. Jemand hatte das auf einem Plattenspieler im Backstagebereich meiner Show aufgelegt. Es packte mich und hat mich nie wieder losgelassen. Ich denke viel über die Platte nach, wenn ich meine eigene Musik schreibe. Dieses Album hat alles: Es macht Spaß, es ist traurig und es klingt wunderschön. Mehr will ich nicht: lachen, weinen und dass meine Ohren glücklich sind. Das Album beginnt mit dem Song „We“, in dem sich die Band vorstellt: „We are Maggie and Terre and Suzzy, we don't give out our ages and we don’t give out our phone numbers“, das ist einfach urkomisch und die beste Art, mit einem Album zu beginnen. Danach kommt das schönste Stück aufgenommener Musik, die du je gehört hast: „Hammond Song“ – dazu will man gleichzeitig eine Klippe hinunterspringen und für immer leben. Danach kommt ein großartiger Song nach dem anderen, gesungen von drei Schwestern, drei Stimmen, die einander wirklich kennen. Mein Lieblingssong ist „Runs In The Family“, ich wünschte, ich hätte ihn geschrieben. Aber ich bin froh, dass es ihn gibt, sodass ich ihn singen kann mit allen, die mit mir singen möchten.

Mando Diao

Das ist eins der vielseitigsten und dynamischsten Alben überhaupt. Es hat die gesamte Karriere von Mando Diao beeinflusst. Es ist heavy und feinsinnig, es hat Rock und Balladen, dazu ist es psychedelisch. Es ist ein abgeschlossenes Werk, wuchert aber in alle Richtungen. „Back In The U.S.S.R.“, „Helter Skelter“, „Blackbird“, „While My Guitar Gently Weeps“, „Dear Prudence“ und dann noch „Revolution 1“ und „9“ und „Honey Pie“. Es springt von einem zum nächsten, eine Präsentationsfläche für all die Talente dieser Songwriter. Es ist unglaublich. Wir lieben auch das Artwork !

Moritz Krämer

L sgibt viele Platten, die ich in den letzten Jahren auf Schleife gehört habe. Zum Beispiel Andy Shaufs THE PARTY oder LIGHT UPON THE LAKE von Whitney.

Wenn ich weiter zurück schaue, waren es GIVE UP von The Postal Service oder PINK MOON von Nick Drake. Da war auch viel New Model Army und Ton, Steine, Scherben. Aber bei dem Superlativ-Spielchen fällt mir immer sofort eine andere Band ein. Ich bin später oft dafür aufgezogen worden. Das erste Lied war von ihrer zweiten Platte VS. Ich war 14 und hatte bis jetzt Tina Turner, Rancid, den Soundtrack von „Bodyguard“, Genesis, Alf und „Hui Buh, das Schlossgespenst“ gehört. Mein Lieblingslied von der VS. war „Daughter“ und ist es bis heute geblieben. Als ich Pearl Jam vor ein paar Jahren in der Wuhlheide sah, kamen mir sofort die Tränen, als stecke in dem Lied meine gesamte Kindheit. Danach fand ich ihre erste Platte, die mir überhaupt nicht gefiel. Vor allem ihre Hitplatte TEN (1991) fand ich in ihrer breitbeinigen Größe eher abstoßend. Ganz im Gegenteil VITALOGY (1994) und NO CODE. Es waren die ersten CDs in diesen Papp- 19 schiebern, die ich kannte. Meine Lieblingslieder auf der VITALOGY waren die drei ruhigen: „Nothingman“, „Bugs“ und „Better Man“. Die Platte kam mir viel freier vor als die VS. NO CODE hatte eine ähnliche Melancholie und ich hörte sie rauf und runter. Danach fuhr ich ein Jahr nach Texas und besuchte eine Highschool. Ich war mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt, um weiter Pearl Jam zu hören. Mein neuer Freund Jed behauptete, dass Dave Matthews Band die beste Band der Welt sei und schleppte mich in Dallas in ein Football Stadion, um sie vor den Rolling Stones zu hören. Als ich wieder in Freiburg war, hörten wir Wir sind Helden und Joni Mitchell zum Abitur. Pearl Jam geriet in Vergessenheit.

Was mich an der Musik berührt, ist vielleicht gar nicht in der Musik, sondern was ich damit in Verbindung bringe. Wenn ich mir die drei Platten heute anhöre, nervt mich bei den lauten Liedern oft der Snaresound. Aber die ruhigen kriegen mich immer wieder, wenn Eddi Vedders Stimme so warm auf den Tönen rumzittert. Wie in „Around The Bend“ z.B., was dann abschließend mein Anspieltipp wäre und da es auf der NO CODE ist, entscheide ich mich dann auch für die NO CODE, falls ich mich entscheiden muss.

arco Wanda

Viele Platten haben mein Leben verändert. Eigentlich waren es die ersten CDs, „Best Of Rock Der Achtziger“ mit Joe Cocker, David Bowies „Let’s Dance“, dessen unheimliche Erotik mir als Kind eine Vorschau auf das gab, was Rock and Roll sein kann, Tina Turner war darauf vertreten, deren kratzende, wütende Stimme ich geliebt habe. Auch diese ganzen Bravo-Hits habe ich im CD-Player kaputt gespielt. Aber als dann irgendwann die NEVERMIND in mein Leben kam, war es vorbei. Aus mit allem. Vorgespielt hat sie mir ein damaliger Bekannter, der nicht unbedingt ein Experte für Rockmusik war.

Eher jemand, der die ganze Zeit über Softguns und Tennis sprach. Als er dann neben dem CD-Player stand und Luftgitarre zu „In Bloom“ spielte, während der geheimnisvolle Sänger dieser unbekannten Band „he likes to sing along, but he knows not what it means“ kreischte, verstand ich den tiefen Sarkasmus der Songs und der Situation.

Ich bin diesem Bekannten ewig dankbar, denn ansonsten hörte niemand in meinem Umfeld als 14-Jähriger Nirvana. Ich glaube NEVERMIND war für mich von Anfang an ein Bekenntnis zu meiner Eigenartigkeit, die ich als Jugendlicher wie wahrscheinlich alle empfunden habe. Ich war nirgendwo geistig zu Hause, war allem und jedem fremd und mochte nichts und niemanden außer diese Musik. Und wofür ich der Platte ewig dankbar bleibe: Sie hat mir beigebracht, dass es um gute Songs geht und nicht darum, wie gut oder kompliziert man Musik denken oder spielen kann. Für alle Zeiten meine Lieblingsplatte. Wow. Yeah.

Russell Leetch (Editors)

Als ich aufwuchs, hörte ich die Platten meines Papas: The Police, Wings, Simon & Garfunkel. Das waren alles annehmbare Acts, aber sie waren nicht meine. Der Wert dieser Platten bestand darin, sie während einer langen Urlaubsfahrt nach Frankreich mitsingen zu können. Im selben Sommer lieh mir der große Bruder meines älteren Freunds NEVERMIND auf Kassette. Das war’s für mich, mein Leben hatte sich geändert. Ich spürte das Adrenalin, die Angst und die Energie. Ich wollte eine E-Gitarre mit einem Fuzz-Pedal haben und ich wollte ein kariertes Hemd tragen. Ich wollte in einer Band sein.

Paul Buschnegg (Paul Jets)

Ich möchte unsterblich sein“, flüstert Patrick mit aufgeregter Stimme. Sein Haar ist dunkel, fettig, lang und er trägt es im Prinz-Eisenherz-Schnitt. Jeans hat er an, schwarz und aus dickem Stoff, wie immer, obwohl es Sommer ist und urheiß und sie haben ein Loch am Knie. „Hmm. Also gut. Von mir aus.“ Es sollte feierlich sein, aber es gelingt mir nicht. Ich fühle mich auf einmal seltsam müde und starre lange auf den Sith-Lord in Patricks Hand.

Wir sitzen am Boden im Schatten des Eingangs. Um uns herum: die Wohnhausanlage.

Es ist ein Tag irgendwann im August. Manchmal kommen Erwachsene vorbei und winken uns. Sie winken in eine andere Welt. Noah, Nils und Benni sind bereits seit Stunden weg.

Ich bin allein mit Patrick und heute bin ausnahmsweise einmal ich für die Leitung des Spiels zuständig, sprich, ich bestimme was geht und was nicht geht. Patrick spielt es ausgezeichnet, sein Sith Lord ist fast unbesiegbar. Seit ein paar Wochen ist er auf der Suche nach dem Elixier der Unsterblichkeit. Nun hat er es und das Spiel ist aus, vorbei, für immer, aber das wissen wir jetzt noch nicht.

Später liege ich zu Hause am Teppichboden, es läuft Nirvanas NEVERMIND. Durch das offene Fenster weht ein Windhauch, es riecht nach verdorrten Früchten, Asphalt und ein paar müde Bienen summen. Ich ziehe mir die Sandalen an, trage eine kurze Hose von Nike und eine Sportjacke, in den Taschen ist nichts.

Jetzt verlasse ich die Anlage, überquere die Straße und betrete das Einkaufszentrum Galleria.

Viele Leute meinen, die Kindheit ist so etwas wie eine schöne Zeit. Es ist aber überhaupt keine Zeit.

Jedenfalls gibt es keine Zeit als Kind. Alles vergeht so langsam, so zäh und jede Woche ist wie später ein Jahr. Irgendwann, man merkt es daran, dass man eine Lust zur Zerstörung entdeckt, endet sie, alles wird komplizierter und trauriger und die Musik verstärkt diese neuen Gefühle. Die Kindheit endet, mit ihr die Fantasy. Man kotzt und verändert sich. Es gibt, grob gesagt, nach der Kindheit zwei Möglichkeiten: den Indie und den HipHop.

Der grobe Unterschied ist, dass die HipHop-Jugendlichen nicht kotzen müssen vom Jointrauch, die Indie-Jugendlichen aber immer. Die HipHopper haben Eddings in den Taschen und malen damit fremde Wände an, sie klettern auf Baustellen, Dächer und auf Kräne, kiffen dabei und stehlen. Der Indie ist aber viel gefährlicher: Scharf wie ein japanisches Messer schneidet der Indie sich in die verunsicherten Gehirne der Jugendlichen. Wie Heroin oder Zigaretten erschafft er ein zuvor nicht (oder zumindest kaum) dagewesenes Bedürfnis für das Weinerliche und das Tröstliche. Wie im HipHop werden die Jugendlichen zu dem, was sie konsumieren. Nur dass sie dann Jahre später depressiv und arbeitsunfähig sind und die HipHopper Audi fahren und im KdW Austern essen. Ja, der Indie ist nicht süß und nicht lieblich, sondern nachhaltig selbstzerstörerischer als jede andere Subkultur. Nach dem Indie gibt es nämlich nur zwei Möglichkeiten des Weiterlebens: die Esoterik oder die Geisteswissenschaft. Für beides leben wir heute aber in schlechten Zeiten – entweder gesellschaftliche Isolation also oder Arbeitslosigkeit und wahrscheinlich noch größere Isolation.

Auch was die Rolle des Mannes betrifft, hat man es mit dem ehemaligen Indie-Boy in der Regel nicht einfach. Als sensibel bekannt, ist er entgegen geltender Meinung die weniger korrekte Type gegenüber dem gemeinhin sportsmännisch denkenden HipHopper.

Durch Jahre der Unsicherheit und der Social Anxiety entstandene Beulen führen beim Indie-Boy oft zu toxischem Charakter und dem unstillbaren Bedürfnis nach ständiger Bestätigung. Der Indie als Subkultur ist gewissermaßen die letzte Bastion des offen nach außen getragenen Schmerzes, auch wenn dieser Schmerz durch den Indie erst entsteht. Es ist ein schöner Schmerz, aber es wäre gewiss schöner ohne ihn.

Mille Petrozza (Kreator)

Als ich dieses Album das erste Mal hörte, eröffnete sich für mich eine komplett neue Welt. Es war die Zeit des N WOBHM. KILL ’EM ALL brachte die gesamte Bewegung auf den Punkt, obwohl die Band aus San Francisco war. Hier stimmt einfach alles – Thrash Metal war geboren.

Rüdiger „Rüde“ Linhof (Sportfreunde Stiller)

Ich habe mir noch nie „Tommy“ angesehen, weil ich nie Bock auf Musicals hatte, und „Quadrophenia“ auch nicht, weil ich nie Bock auf das Gequatsche hatte – da kenne ich nur den Soundtrack, der von einer ziemlichen Kälte geprägt ist. Aber ich weiß nicht, wie oft ich mir die Live-Doku „The Kids Are Alright“ angeschaut und den dazugehörigen Soundtrack angehört habe. Da steckt der nackte Wahnsinn drin! Woher kommt all diese Energie?! Ich hab’ mich dem voll hingegeben, in dem Cover der Platte habe ich gelebt! Da ist heute im Streaming-Zeitalter viel verlorengegangen ... Was The Who hier hinterlassen haben, mit ihrer Grundwut, mit ihrem Sarkasmus – da ist alles geballt drin, was man braucht, wenn man so vor sich hinkocht. Die geben einem das richtige Heldenbild dafür: im weißen Overall lächelnd über die Gitarre gebeugt, um dann diese Monster-Riffs rauszuhauen. Hört euch mal die Aufnahme von „A Quick One, While He’s Away“ an und konzentriert euch auf die einzelnen Instrumente: Was die Gitarre da für einen Raum gibt, die nicht zu begreifende technische Raffinesse im Bass-Spiel, dann diese irren, intuitiven Drums! Das geht gegen alles, wie man heute Rockmusik machen würde. Wie easy sich dann der Gesang noch drüberlegt! Das löst pures Glück bei mir aus, das enthemmt alles, da gibt’s keinen Halt! Ich bin so froh, dass ich diese Musik gehört habe und dankbar dafür, was sie mir gegeben hat. Hätte ich als Jugendlicher stattdessen Santana gehört,

wäre ich bestimmt jemand anders geworden. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das Alright – für Kids in den Lockdowns gewesen sein muss, wenn du deine ganze Wut nicht in Musik Soundtrack packen kannst, weil die Proberäume geschlossen sind. The Who konnten die gesellschaftlichen Spannungen ihrer Zeit in wüsten Feiern oder unglaublichen Songs verarbeiten.

Orono (Superorganism)

Stellt euch ein fünfjähriges japanisches Kind vor, mit pausbackigem Gesicht, in einem Kleid mit Häschen überall drauf, wie es auf dem Beifahrersitz eines Honda Odyssey sitzt und auf dem Weg zur Vorschule folgende Lyrics in halb-gebrochenem Englisch mitsingtmitschreit: „She goes above and beyond her call of duty / She is a slut but ex thinks it’s sexy / Sex reminds her of eating spaghetti / Iam wasted but I’m ready“. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was die Texte bedeuten, aber ich konnte spüren, was Ben meinte und das war einer der ersten Fälle, in denen ich lernte, mich selbst auszudrücken, ohne zu viel darüber nachzudenken. Zu behaupten, dass dieses Album mich erzogen hat, wäre

also untertrieben. Dieses Album brachte mir meine zweite Sprache bei – und so viel mehr: was exquisite Gitarrentöne sind etwa oder wie man mit Wörtern auf präzise, aber auch verspielte Art herumspielt. Und, wie Lieblingsalben es generell tun, hat es mich stets mit einer festen, haltgebenden Umarmung versorgt, wenn ich in Not war – und das mein ganzes Leben hindurch. Leider habe ich viel zu viele mit diesem Album verknüpfte Anekdoten, um die bedeutungsvollste auszuwählen, also teile ich einfach die aktuellste mit euch – mit der ich dazu noch nicht mal viel zu tun habe: Meine beste Freundin rief mich über FaceTime an und sagte mir, dass sie mir unbedingt etwas erzählen muss. Sie traf sich schon seit einiger Zeit mit diesem Typen, der gerade für einen Monat nicht in der Stadt war. Es wirkt also dringend und ich war etwas besorgt. „Ich ging in ein Café“, sagte sie „und ich hörte SHA SHA. Als ‚Falling‘ kam, trafen mich diese Textzeilen: ‚We could talk if days weren’t so fast, and mistakes just leave it so unsure / Wanna hold you like never before / ’Cause we’re falling and I love you more and more / Do you feel like you’re falling down? / Idon’t feel like I’m falling down / Just say ‚hello‘ to the ground‘. In dem Moment wurde mir klar, dass ich ihn liebe“, sagte sie mit einem etwas verschämten, aber zufriedenen Gesichtsausdruck. Sie fuhr fort und erzählte mir, wie sehr sie ihn vermisse, wie sie einander jeden Tag anrufen und wie aufgeregt sie bei dem Gedanken wird, ihn bald wiederzusehen. Das brachte mich zum Lächeln und rettete mir schließlich den Tag. Danke, SHA SHA und danke, BK!“

Stuart Staples

D avidBoulter, Neil Fraser und ich, bis heute der Kern der Tindersticks, begegneten uns zum ersten Mal Ende der 80er-Jahre in Nottingham. David sah damals bereits so aus, wie er heute aussieht, er trägt seit mindestens 35 Jahren den gleichen Haarschnitt. Auch Neil war damals schon so, wie er bis heute ist: der Mann in Schwarz. Na ja, und auch mir wird nachgesagt, ich habe meinen äußeren Stil in den vergangenen 35 Jahren nicht radikal verändert. Als wir drei uns trafen, gab es einen Grundbestand an Alben, über die wir uns gemeinsam definierten. Platten also, die einen gemeinsamem Nenner ergaben, die Sachen von Cabaret Voltaire oder Joy Division, Roxy Music oder David Bowie. Jedoch brachte jeder von uns auch Musik in die Runde, die speziell war. Diese sehr individuellen Alben sind bis heute für die Band sehr wichtig, weil sie dafür sorgten, dass die Tindersticks niemals an Gleichförmigkeit und Erwartbarkeit interessiert waren, sondern immer den Wechsel forcierten und wir uns nicht auf den gemeinsamen Nenner verließen. Davids besondere Leidenschaft war seine Sammlung mit Soundtracks, Arbeiten von John Barry zum Beispiel. Neil war unser Spezialist für Postpunk, er kannte Runners auch die abseitigen Bands sowie wirklich alles von Wire oder Gang Of Four, diese agitatorischen Sachen. Bei mir verhielt sich die Sache ein wenig anders. Meine Mutter 19 liebte Musik, aber sie hörte nur das, was halt im Radio lief, und das war in den 70er-Jahren vor allem Perry Como und Neil Diamond. Ich hörte dieses Zeug als Kind mit, was sollte ich anderes tun? Als ich zehn Jahre alt war, bekam ich zum ersten Mal mit, dass noch andere musikalische Welten existieren. Meine Schwester, fünf Jahre älter als ich, entdeckte Soul für sich, sie spielte die Platten rund um die Uhr, insbesondere Northern Soul, diese schnelle, wilde Variante des Soul. Als dann noch Punk ins Spiel kam, The Clash und die Buzzcocks, öffnete sich meine musikalische Welt noch einmal. Dies alles – die Eingängigkeit von Hits fürs Radio, der Soul, der Punk – floss schließlich in dem Moment zusammen, als ich zum ersten Mal die Dexy’s Midnight Runners hörte. Zuerst ihre Debütsingle „Dance Stance“, schließlich ihre erste LP SEARCHING FOR THE YOUNG SOUL REBELS. Das Album begeisterte mich, weil es auf fantastische Art Punk und Northern-Soul zusammenbrachte. Die Single „Geno“ wurde ein Nummer-eins-Hit, für besonders strenge Postpunks war die Band damit bereits wieder gestorben, nicht aber für mich, denn ich hatte ja weiterhin diesen Neil-Diamond-Einfluss in mir, der mir sagte: Es ist wahrlich nicht schlimm, mit brillanter Musik die Spitze der Charts zu erreichen und im Radio gespielt zu werden. Lege ich das Album heute auf, fühle ich die gleiche Aufgeregtheit wie damals, im Jahr 1980. Was beweist: Du kannst noch sehr versuchen, die Vergangenheit hinter dir zu lassen – der Sound von gestern holt dich immer wieder ein.

Serra Petale (Los Bitchos)

Ich kann euch ganz genau sagen, wo ich war, als ich das erste Mal das Video für „Y Control“ gesehen habe. Es war in der Weihnachtszeit 2004, als ich meinen Großeltern in Istanbul meinen jährlichen Besuch abstattete. Ich liebte es damals, lange wachzubleiben und MTV zu glotzen – was etwas ganz Besonderes für mich war, da wir es in Australien noch nicht empfangen konnten. MTV2 lief an, was bedeutete, dass das Musikprogramm jetzt alternativer ausfallen würde. Und wie aus dem Nichts bin ich mit diesem höllisch verrückten Video im 8-mm-Stil konfrontiert. Darin zerdeppern Kinder Autos, laufen wie Zombies mit Äxten herum, schneiden sich gegenseitig die Hände weg – das hat mich voll in seinen Bann genommen. Karen O und die Band sahen ehrgebietend aus, wie eine Gang ravender Indie-Goths. Der Song war punkig, hatte aber einen Dancefloor-Vibe – echt anders als alles, was ich je davor gehört hatte. Ich ging ins Bett und dachte mir, dass das das Coolste war, das ich je gesehen hatte. Die Energie dieses Albums brennt wie Feuer. Das Schlagzeugspiel von Brian Chase ist so kreativ, ich liebe seinen jazzigen Punk-Stil, der Songs wie „Date With The Night“, „Pin“, „Y Control“ und „Yeah! New York“ vorantreibt.

Karen O liefert so eine unglaubliche Gesangs-Perfomance von Anfang bis zum Ende ab, die Spannweite ihres Kreischens ist umwerfend und ihre Singstimme ist hinreißend. Jeder Song hier ist auf seine Weise einzigartig. Das hier ist ganz bestimmt kein typisches Rockalbum. Es war so erfrischend, als es herauskam, und es spornte mich so derart an, Musik zu machen, mit derselben Wildheit und Kreativität. Mit diesem Album waren sie ihrer Zeit voraus und definierten gleichzeitig die Welle des Indie-Rock der mittleren Nullerjahre.

Will Butler (Ex Arcade Fire)

R.E.M. veröffentlichten UP, als ich gerade 16 Jahre alt war. Daher gilt natürlich: Werft einen Dartpfeil auf jedwede Platte, die ich gehört habe, als ich 16 war, und ich kann euch erzählen, wie sie mein Leben verändert hat.

Aber darüber hinaus war das echt eine mysteriöse Platte. Sie war unergründlich, die Worte waren Poesie. Es klang wie eine Gruppe Leute, die etwas herausfinden wollen. Ich wollte damals auch Sachen herausfinden. Bis zu meinen mittleren Teenager-Jahren hörte ich nicht viel Rockmusik oder was auch immer R.E.M. sind. Davor hörte ich meistens Klassische Musik oder Late-Night-Talkshows im Radio – altertümliche Radio-Hörspiele, verschwörungstheoretische Shows über Aliens. Ich hatte keine Ahnung, wie die Dinge zu klingen hätten, und diese Platte wusste es auch nicht. Der Song „Hope“ beginnt mit den Lyrics „You want to go out Friday and you want to go forever“ und dann geht der Song sehr geradlinig weiter. Es gab da diese Spannung zwischen endloser Vorwärtsbewegung und dem Wunsch, jeden Seitenpfad dieser Straße zu erforschen, die dieser Song entlangraste. Und dann hört der Song einfach auf – keine Auflösungen, nur Enden – und der nächste Song, „At My Most B eautiful“ , ist ein scharfsinniger, offenherziger Lovesong.

Die zwei emotionalen Pole dieser Songs – vorwärtstreibendes Verlangen und häusliche Liebe – dazu die Zeilensprünge zwischen ihnen, ihr ständiges Abwechseln, daran blieb ich haften. „Hope“ weist R.E.M. und Leonard Cohen bei den Credits aus – das Stück teilt sich eine Gesangsmelodie mit „Suzanne“. Natürlich ist es dem Mädchen – nein, wartet, den beiden Mädchen –, in die ich verknallt war, geschuldet, dass mich der Song so packte. Beide spielten Gitarre und sangen immer „Suzanne“. UP führt mich immer wieder an die besten Tage meiner Pubertät zurück, bis zur kleinsten Ebene, die man am besten mit diesen Fragen einfängt: „Wohin nur mit meinen Händen? Soll ich sie in meine Tasche tun? Warum denke ich über meine Hände nach?“ und: „Was soll ich nur mit meinem Leben anstellen in einer undurchsichtigen Welt, die immer undurchsichtiger wird?“

Claudia Brücken und Susanne Freytag (xPropaganda)

Patti Smiths wildes Debüt HORSES hat für uns alles geändert. Es ging nicht darum, dass man sich anhören oder aussehen sollte wie irgendjemand anders. Die Aussage war, dass man tun kann, was man möchte und auch diejenige sein kann, die man sein möchte.

Sei einfach du selbst. Das war eine ganz neue Art von Glamour und Schönheit und es war völlig egal, ob jemand dachte, dass du seltsam oder hässlich aussiehst – 19 nichts davon war von Bedeutung. Wichtig war, wie du dich dabei fühlst. Das schwarz/weiße Cover des Albums war genauso wunderschön wie die Musik. Und die Art, wie Patti Smith dich vom Cover ansieht, als ob sie dich persönlich herausfordert, etwas zu tun – nur für dich. Sie hat sich angezogen, wie es ihr selbst gefallen hat und keiner konnte ihr reinreden, keine Plattenfirma oder Marketing-Abteilung. Sie war die Vorreiterin für eine radikale Form der Weiblichkeit, die zu der Zeit einmalig kraftvoll war – vor allem in dieser damals männerdominierten Welt.

Dieses Selbstverständnis! Absolut inspirierend. Wir wollten nicht ihren Sound oder ihr Aussehen kopieren, aber ohne sie wären wir nicht da, wo wir jetzt sind.

Sie hatte großen Einfluss auf unsere Haltung und so ist es immer noch. Wir wären heute nicht hier – ohne sie und ihre „ungezähmten Pferde“ und ihren Songs, die sich wie magische Beschwörungen anhören.

Robert Stadlober

W osoll ich beginnen? Da wo Ich beginne? In dem Taxi direkt unterm Funkturm in West-Berlin? Als ich die ersten Töne vom ersten Song auf der CAR BUTTON CLOTH im Radio hörte? It’s all true. Vierzehn Jahre alt und auf der Suche nach dem Leben. Durch diesen Song und die wenigen gemurmelten Interviewsätze von Evan Dando begann es sich plötzlich am Horizont über dem Grunewald für mich abzuzeichnen. Und es war vollkommen anders, als mir die Welt und ihre Erwachsenen weismachen wollten. Es sollte unvorhersehbar und überwältigend sein. So wie in dieser Nacht im King Georg nach einem Konzert der Lemonheads in Köln, als der Tourmanager sich bei Dave Doughman von Swearing at Motorists und mir mit den flapsigen Worten verabschiedete, schaut bitte, dass Evan vor Sonnenaufgang im Hotel ist.

Worauf der wie auf Kommando, nach dreistündiger Show, aus dem Stegreif ein Drehbuch über einen Racheakt an den Nazis zu erzählen begann, welches „Inglourious Basterds“ weit in den Schatten stellte und um einige psychedelische Momente erweiterte und dessen Entwurf natürlich bis weit nach Sonnenaufgang dauerte. Für die Hauptrolle wolle er mich, hatte er noch zum Abschied gelächelt und ich stolperte, ebenfalls lächelnd, in Richtung Bahnhof, wissend, dass dieser Film nie Film werden würden, er nur zu dieser Nacht gehörte, was mein Lächeln nur größer werden ließ. Überhaupt, dieses Lächeln, dieser Grinser gegen die Anmaßungen der Wirklichkeit. Das war auch das Erste, was ich sah, als ich von einem Backpacking Trip in Japan nach Berlin zurückkam, aus mysteriösen Gründen ein Business Upgrade in der Austrian Airlines bekommen hatte und dazu eine Flasche Obstler.

Meinen besten Freund hatte ich beim Umsteigen in Wien am Flughafen verloren und ich schaffte es gerade noch so ins Magnet zu einem Solokonzert. Und da grinste er wieder, von der Bühne. Hinterher ging ich mit einem anderen Freund in den Backstage, Evan saß dort und begrüßte mich als Rudi (ich vibrierte heiß vor Stolz in jeder Faser). Später sind wir dann auf Umwegen bei mir zu Hause gelandet, auf dem Bett meines WG-Schlafzimmers, mein Freund, Evan und ich. Und haben die komplette CAR BUT-TON CLOTH auf Akustikgitarren durchgespielt, bis ich über der meinigen einschlief, die anderen beiden weiter wach, die Gründe sind bekannt.

Seit meiner frühesten Schulzeit hatte ich mir so einen Moment immer und immer wieder erträumt. In mein Tagebuch, auf meinen Rucksack, in mein Herz „I Wish I was Him“ geschrieben. Obwohl der Wunsch natürlich auch abgeschaut war: von Ben Lee. Und dann, als meine Tochter geboren wurde, sang ich sie jede Nacht mit „C’mon Daddy“ in den Schlaf. Den Song, den Evan mit Epic Soundtracks für Liv Tyler und ihren Vater Steven geschrieben hatte. Beim Singen sah ich all die Momente, in denen ich diese Platte gehört hatte, zu ihr geliebt, gelitten, gekotzt und geträumt hatte, vor mir.

Bis hin zu diesem Augenblick, in diesem Schlafzimmer. Mit einem Mal so etwas Ähnliches wie erwachsen. Und überwältigt vor Liebe für ein Kind.

Und dankbar, dass mir dieser Grinser, diese Songs, dieser Evan Dando all diese Flausen in den Kopf gesetzt hatten, die ich jetzt weitergeben konnte. Diese Lieder haben, ich glaube, ich muss es so sagen, mein Bewusstsein geformt. Haben mich zu dem gemacht, der ich bin. Ich habe gelernt aus ihnen. Gelernt etwas, das in unserer Welt eigentlich keine Berechtigung und keinen Ort mehr hat. Dass die Schönheit aus dem Zufall entsteht. Und die Mühe die Vollkommenheit zerstört. Der Moment ist es, für den wir hier auf der Welt sind, nicht das Ziel. Der Moment, geteilt mit anderen. Ja, Evan war immer die Lemonheads, aber die Lemonheads waren auch immer eine über den Globus verstreute Bande von Freunden, die mal mehr, mal weniger zu ihnen beitrugen, die Autorenschaft so fließend wie das Leben.

Und wenn mal wieder jemand sagt, dass sich Evan Dando endlich zusammenreißen solle, dann halte ich entgegen, ihr habt sein Versprechen aus den Neunzigern falsch verstanden. Es ging eben immer genau um den Entwurf eines Lebens, das OHNE Zusammenreißen auskommt. Es ging um die Freiheit vom Diktat des Ankommenmüssens. Es ging um Freundschaft und natürlich ging es auch um Rausch und Entgrenzung, um Trauer und Schmerz. Aber vor allem ging es um die wundervolle Unplanbarkeit unserer Existenz. Und dabei entstand die schönste Musik der Welt.

Torres

Es fühlt sich so an, als hätte dieses Album mein Hirn neu aufgesetzt. Die Art, in der sie hier die Gitarre benutzt, um Gegenstimmen an alle Enden ihrer Gesangsmelodien einzuweben, ist unwirklich. Dieses Album hat mein ganzes Verhältnis zu Klang verändert.

Tim Burgess (Charlatans)

Ein Album, das mir die Pforten zu einer anderen Welt aufgestoßen hat? Das hörte sich zunächst nach einer schwierigen Aufgabe an, aber dann traf es mich: Im Dezember 1980 war ich ein 13-jähriger Punk im Entstehen, ich hatte große Ideen, aber keinen allzu großen Plan. Dann kam eine Platte daher und versorgte mich mit einem Schlag mit Aufregung, Erziehung und Existenzberechtigung: SANDINISTA! von The Clash – bitte nicht das Ausrufezeichen vergessen. Sogar der Name war aufgeladen mit politischem Inhalt. Es war die Prä-Wikipedia-Zeit, in der dir jeder Tag 1001 Fragen entgegenschleuderte. Wer war Allende? Was geschah da im Santiago-Stadion? Sogar die Katalognummer des Albums, FSLN 1 – all diese Infos, die heute nur einen Click entfernt sind, damals waren sie, nun ja, tatsächlich der Eingang zu einer anderen Welt. Jeder Tag war damals buchstäblich ein Schultag für mich und dieses Album verfügte über einen zusätzlichen Faktor, der es für mich über alle anderen hob: Ich war zu jung, um die vorhergehenden Clash-Alben zu kaufen, als sie herauskamen. Das hier war mein erstes und es fühlt sich so anders an. Das war mein Clash-Album.

Dazu zu einem erschwinglichen Preis, sogar für meine mickrigen Verhältnisse. 5,99 Pfund? Ich google das gerade alles nicht, verzeiht mir also bitte, falls ich falsch liege, aber ich meine, dass die Band sogar veranlasst hat, selbst einen kleineren Erlös einzufahren, um es dafür mehr Kids zu ermöglichen, diese Platte zu besitzen. Ein Dreifach-Album – absolut unerhört abseits des Reichs des Magnum-opus-Progrock, der auf eine ältere Klientel abzielte, ihr wisst schon, Leute in ihren 20ern.

Und die Songs erst! Es ging um alles, es war sogar Platz für Kitchensink-Poesie. War es wichtig, dass The Clash es nicht live spielten? Nö, nicht im Falle von „Lose That Skin“. War es wichtig, dass ein Kinderchor eine Nachricht vom Publisher der Band: „The Clash erscheinen nicht auf Compilation-Alben.“ Aber irgendwie bekam Clash-Gitarrist Mick Jones mit, dass ich gefragt habe, und ich bekam folgende Nachricht: „The Clash machen eine Ausnahme für dich, Tim.“

Meine Liebe für The Clash hält an. Joe Strummer habe ich über unse- gemeinsame Liebe fürs Glastonbury-Festival kennengelernt, seine re Gesellschaft ging weit über seine Einflusssphäre hinaus. Ich vermisse ihn.

einen Song sang, den The Clash bereits veröffentlich hatten? Nö, her mit dieser Version von „Career Opportunities“! Und Motown-Sound? Ja, bitte! Eine Woche lang habe ich es nie über „Hitsville U.K.“ hinaus geschafft, weil ich den Song immer und immer wieder spielte. „The Magnificent Seven“ war alles, das ein Song sein könnte, und mehr. Dass all diese Songs auch heute noch unglaublich klingen, ist ein besonderes Verdienst, insbesondere wenn man bedenkt, wie schlecht manche der Zeitgenossen gealtert sind.

Neulich habe ich eine Traum-Compilation für ein Buch, das ich geschrieben habe, zusammengestellt. Ich wollte unbedingt „Rebel Waltz“ drauf haben, aber dann erreichte mich

Aber zurück zu dieser Platte und der damaligen Version meiner selbst:

Wir wurden unzertrennlich – ich wurde politisiert. Jeder Song eignete sich für einen anderen Anlass. Meine Lieblingssongs wechselten einander ab: „Washington Bullets“, ein absoluter Genistreich. „Charlie Don’t Surf“ – wow, „Ivan Meets G.I. Joe“. Mein Leben teilt sich auf in eine Zeit vor und eine nach SANDINISTA! Es war wirklich der Eintritt in eine neue Welt. Ich liebte mein Leben davor und ich liebe es seitdem – ich habe nie ohne eine Ausgabe der Platte gelebt und ich habe sie mehr als ein Dutzend Mal verschenkt, an Leute, die ihren Zauber noch nicht kannten. Ich beneide jeden, der es zum ersten Mal hören darf.

Maurice Summen (Die Türen, Der Mann)

Locker zwei Jahrzehnte bin ich dieser Platte hinterhergelaufen. Jeden Flohmarkt durchwühlt, jeden Händler gefragt. Ohne Chance. Irgendwann in den Nullerjahren dann endlich ein CD-Bootleg bei Ebay im Internet erstanden. Das Ende der Suche hat eine schreckliche Lücke in meinem Leben hinterlassen. Nie wieder habe ich ein Album so begehrt, mir so gewünscht, eine Musik endlich zu hören! Besitz zu ergreifen. Das Album gibt es inzwischen überall.

Und Gott Walker ist längst von uns gegangen. Das erste Drittel des Albums bleibt für immer sensationell gut. Der Rest ist ein bisschen egal. Die lange Reise zu den NITE FLIGHTS allerdings bleibt für mich bis heute eine richtig große, bleibende Mythos-Erfahrung.

Mia Morgan

I m  Sommer, als ich achtzehn war, halb die Pixel meiner gerade legalen Webcam-Selbstportraits in pastellener Spitzenunterwäsche, halb Sonnenbrand und stumpf gefärbtes Haar auf weißen Laken, hitzetrunken quer über dem Bett unterm Dachfenster liegend, da habe ich mich in all meiner Lethargie unendlich lebendig gefühlt. Wie das Wichtigste in der großen, weiten Welt. Aber ich blieb der Welt fern. Die meiste Zeit über war ich allein da oben, online, bis ich eigentlich zur Schule musste, melancholisch, sehnsüchtig von Jungs und Mädchen träumend.

Aber dann, im Juli, verließ ich einmal meine Kammer, um sechs Stunden Zug zu fahren, nach Stuttgart, wo ich nach fünf Jahren MSN-Chats, gegenseitigen Lookbook-Hypes und Reblogs endlich meinen Internet-Freund Dennis in the flesh treffen würde. Dann stiegen wir in einen Bummelzug und fuhren in seine Heimatstadt Villingen-Schwenningen. Er hatte gerade erst den Führerschein gemacht und ein altes, klappriges Auto erstanden, das vor dem Bahnhof parkte. Darin war es tausend Grad heiß und es roch nach schwerem Jungsdeo und Pfirsich-Wunderbaum. Bevor Dennis den Motor startete, fragte er mich: „Hast du eigentlich das neue Album von Marina & The Diamonds gehört?“

Zwei Jahre zuvor hatte er mir das erste Album, THE FAMI-LY JEWELS, via MSN geschickt, ich hatte „Are You Satisfied“ als den Song befunden, den ich selbst am besten von allen singen konnte, und tat das abendlich unter der Dusche, und obgleich ELECTRA HEART schon seit einigen Monaten draußen war, hatte ich noch nichts davon mitbekommen.

Ich schüttelte also den Kopf. Daraufhin holte Dennis eine selbstgebrannte CD aus dem Handschuhfach, schob sie in den Player, und nach zwei zu langen Sekunden Stille, die mich auf der Aufnahme noch immer irritieren, knallte „Bubblegum Bitch“ los. Es war inständig geschehen um mich.

Dennis fuhr viel zu schnell über die Landstraße, ich streckte den Arm aus dem offenen Fenster, mein Herz sprudelte über, denn hier war die von lauter Musik untermalte Sommer-Montage in meinem eigenen Film: Die einsame, schwermütige Antiheldin hatte einen Verbündeten gefunden. Musik gemacht hatte ich lang vor dieser Platte, in Schülerbands und Chören, mit der verstimmten Gitarre meiner Mutter oder dem kaputten Schlagzeug meines Opas, aber letztlich war ELECTRA HEART dann die ausschlaggebende Motivation für mich, groß ausproduzierten Pop zu machen, statt beim dürftigen Klang meiner Lo-Fi-Wave-Demos zu bleiben. Marinas zweites Werk feierte einen Tag vor dem Erscheinen meines Debütalbums FLEISCH zehnjähriges Jubiläum.

Die Tage bei Dennis im Sommer 2012 verflogen zu „The State Of Dreaming“, „How To Be A Heartbreaker“ und „Radioactive“. Wir saßen mit nassem Haar auf seinem Bett und bloggten nebeneinander, schauten Musikvideos von Marina, Lana und Gaga. Wir fuhren nach Konstanz und sonnten uns am türkis glitzernden Wasser des Bodensees. Wir tanzten in seinem giftgrün gestrichenen Zimmer und erzählten uns einander von Liebeskummer. Nach Hause wollte ich eigentlich gar nicht mehr. Am Bahnhof machten wir ein Automatenbild, wegen welchem jedes Portmonee, das ich seitdem durchgebracht habe, ein kleines Fotofach haben musste.

Ich weinte beim Abschied. Im Zug zurück hörte ich „Starring Role“ und „Lies“ und weinte noch mehr. Traurig war ich nicht wirklich, bloß überwältigt vom bloßen Sein und Fühlen, von der Schwere tiefster Verbundenheit zu einem anderen Menschen, vom Sommer. Und von der Musik auf ELECTRA HEART und den Dingen, von denen Marina darauf sang: Einsamkeit, Herzschmerz, Über- und Hochmut, die Komplexität des Frauseins und was das alles bedeuten kann.

ELECTRA HEART und was ich, wie auch sicherlich viele andere, mit dem Werk verbinden, ist nicht so squeaky clean wie in „E.V.O.L.“, einer ursprünglichen B-Seite, die erst mit der Jubiläums-Version der Platte vor einigen Wochen offiziell erschienen ist und seitdem bei mir hoch und runter läuft. Sowohl produziert von Dr. Luke, als auch Distributor inofizieller Hymnen in der „Coquette“-Szene, die vom ursprünglichen „Lolita“-tumblr in den letzten Jahren zu TikTok migriert und keine kleine Nische mehr ist, wird ELECTRA HEART für mich immer mit sexualisierter Gewalt und Infantilisierung der Frau assoziiert sein. In all meiner Begeisterung für das Album muss ich mich stetig daran erinnern, dass die Welt, in der ich zu „Valley Of The Dolls“ um meine eigene Achse getänzelt bin, auch eine düstere war.

In „Sex Yeah“ singt Marina von der sexuell übersättigten Gesellschaft, davon, dass nichts mehr provozieren kann, wo alles ausgereizt ist, und von der daraus resultierenden Entfremdung von der eigenen, ursprünglichen Sexualität. In diesem Sommer und den nächsten habe ich nicht selten, in der Hoffnung, zu gefallen, die volljährige und doch noch kindlich dumme Dolores Haze für Männer gemimt. Wie falsch und nachhaltig schädlich für meine Selbstwahrnehmung im sexuellen Kontext das war, ist mir, wie viel zu viele andere Dinge, zu spät klar geworden.

Manchmal werde ich gefragt, ob Mia Morgan eine Kunstfigur sei, was ich vehement verneine. Dennoch hat mir die Überheblichkeit von ELECTRA HEART Mut gemacht, mein wahres Selbst so komplex und impulsiv zu inszenieren, wie es das braucht, um glücklich mit sich zu sein. In „Living Dead“ singt Marina von der Furcht, zu isoliert von der Außenwelt zu sein, um das Leben so richtig leben zu können. Obwohl ich die meiste Zeit über weltfern in meinem Dachzimmer lag, scheint mir, als hätte ich in meiner Jugend wirklich nur in diesem einen Sommer so richtig gelebt. Vielleicht, weil ich’s mir so schöngeredet und im Kopf zu etwas gemacht habe, das es nicht war. Vielleicht, weil in der Retrospektive alles immer besser wirkt. Vielleicht kann ich deswegen nicht richtig loslassen. Vielleicht auch, weil mich seit ELECTRA HEART kein Album mehr mit ausnahmslos jedem Song auf eine auch nur annähernd vergleichbare Art und Weise abgeholt, hochgehoben und in eben jene rosarote Ekstase geworfen hat. So, wie ich auf Vergeltung für den verpassten Teenage Dream warte, warte ich auf Musik mit nachhaltiger popkultureller Auswirkung wie ELECTRA HEART. Beizeiten habe ich Angst, dass das in der TikTok-Ära nicht mehr möglich ist.

Und dennoch ist „Bubblegum Bitch“ erst letztes Jahr auf eben dieser App viral gegangen, und ist nun Marinas meistgestreamter Song.

In der Festival-Saison 2021 haben meine Band und ich ihn gecovert, und dass die meisten im Publikum mitsingen konnten, rührte mich.

Unter den Leuten, die meine Musik mögen, ist Vertrautheit mit ELECT-RA HEART beinahe Voraussetzung. Wir alle teilen Erinnerungen an diese Rapunzel-Jugend, die auf in den Kinderschuhen steckenden sozialen Medien stattfand. „Ain’t youth meant to be beautiful?“

Ohne ELECTRA HEART hätte es FLEISCH so nicht gegeben. Und im rosaroten Sommer, als ich achtzehn war, hätte mir der Soundtrack zu meinem American Teen Dream Movie gefehlt, oder bei Gott, ich hätte stattdessen noch mehr Lana Del Rey hören müssen, und dann wäre ich jetzt wahrscheinlich noch psychisch kränker, als ich es eh schon bin.

Marc Almond

Kennen Sie sonst noch einen Musiker, der innerhalb von zwei Jahren mit Gene Pitney zusammen gesungen hat, einem Schnulzensänger, der Millionen Platten verkauft hat, und mit der Industrial-Band Coil, deren Album HORSE ROTORVATOR von allerhand homosexuellen Sexualpraktiken handelt? Ich bin ziemlich stolz auf diese große Bandbreite, sie entspricht nicht nur meinen persönlichen Vorlieben, sondern auch der Art und Weise, wie ich überhaupt zur Kunst gekommen bin. Ich wuchs in Southport auf, einer Stadt an der nordenglischen Westküste, etwas unterhalb von Blackpool. Das ist die Gegend, in der im Sommer die Touristen mit abgehalfterten Revue-Shows unterhalten werden. Diese Veranstaltungen haben mich schon als Jungen interessiert, gerade, wenn die Performer einen zwiespältigen Eindruck machten, wenn sie also Glanz verbreiten wollten, aber das Zwielicht immer auch andere Eindrücke vermittelte. Gene Pitney trifft Coil – so ungefähr waren auch viele dieser Shows in diesen Urlaubsorten. Als ich dann an die Leeds Polytechnic Hochschule ging, bewarb ich mich für den künstlerischen Zweig der Performance-Kunst und wurde dort tatsächlich angenommen. Fast noch mehr als die Musik interessierte mich ihre Aufführung. Ich übte mich in allerhand experimentellen Performances, mit dem Ziel, die Leute eher zu verstören als zu unterhalten, wobei: im besten Fall beides zu kombinieren.

Was mich am Pop bis heute am meisten begeistert, ist die Möglichkeit, auf einem Album die Schönheit und das Hässliche zu vereinen. Ein Album, dem genau dies meisterhaft gelingt, ist Lou Reeds Soloalbum BERLIN aus dem Jahr 1973. Als wir mit Soft Cell Anfang der 80er-Jahre zu Popstars wurden – etwas, das ich mir nie erträumt hatte, schließlich sah ich mich als Performance-Artist – gründete ich als Gegenpol zum Pop-Duo mein Soloprojekt Marc & The Mambas, mit dem ich meine eher dunkleren Neigungen abdecken wollte. Als es darum ging, für das erste Album UNTITLED eine Coverversion auszusuchen, fiel meine Wahl fast zwangsläufig auf „Caroline Says II“, das Stück von BERLIN, das Reed als eine Adaption des Velvet-Underground-Songs „Stephanie Says“ aufnahm, mit dem gleichen Refrain: „It’s so cold in Alaska.“ Mich faszinieren auf BER-LIN diese Bezüge auf The Velvet Underground, die Platte steht – obwohl ein Soloalbum von Lou Reed – mit einem halben Fuß in der Factory. Über diesen Ort habe ich zuletzt viel nachgedacht. Schon als Student war ich unglaublich angetan von Andy Warhols Konzept, Anfang der 80er-Jahre kam es dann zu einer Zufallsbegegnung mit ihm in New York.

Ich erinnere mich daran, weil ich währen der Lockdowns beim Aufräumen alter Fotokisten Bilder von diesem Treffen gefunden hatte. Es war seltsam: Erst tauschen Andy und ich ein paar Banalitäten aus, dann begann er, mich zu fotografieren, schließlich fotografierte ich zurück. So entstanden die Bilder, der Soft-Cell-Song „Polaroid“ von unserem neuen Album handelt davon. Erst war ich ein bisschen enttäuscht von meiner Begegnung mit Andy Warhol, dann wiederum dachte ich mir: Ist es nicht wunderbar, dass ein Mensch wie er auch banal sein kann? Jeder von uns lebt seine eigene Schizophrenie. Auch davon erzählt BERLIN. Weshalb das Album mir so sehr ans Herz gewachsen ist.

John Grant

Vor etwa 40 Jahren stand ich nach dem Gottesdienst im Plattenladen in einem Vorort von Denver, Colorado und konnte meine Augen von diesem für mich damals beängstigenden und skurrilen Plattencover nicht wegreißen (oder loslösen). So was kann’s doch nicht geben, dachte ich mir. Wer ist denn diese komische Nina Hagen überhaupt? Was nimmt DIE sich für Freiheiten?! Bei jedem Besuch im Plattenladen musste ich immer wieder sofort zu dem Wahnsinnsplattencover rennen. Was kann das denn überhaupt für Musik sein? Kurz darauf habe ich in Erfahrung gebracht, was 19 das für Musik war und habe seitdem nicht aufgehört, mir die Platte am laufenden Bande anzuhören. Sie wurde damals sofort zu meiner Lieblingsplatte und das ist sie auch heute noch. Ich hatte davor und seitdem nie eine so einzigartige Nebeneinanderstellung von Stimme und Musik gehört wie die auf der Platte NUNSEXMONKROCK. Find’ ich einfach SO was von geil. Diese Musik war auch der Grund, weswegen ich Deutsch lernen wollte. Nach vierzig Jahren bin ich nach wie vor in die Platte und die deutsche Sprache vollkommen verliebt.

Tobias Bamborschke (Isolation Berlin)

Ich bin 15 und möchte sterben. Da tritt Nina in meine Leben und verändert alles. Mal träume ich davon, Dichter zu werden, dann möchte ich doch lieber Punk sein, verhasst und wütend der Welt ins Gesicht spucken, dann wieder eine große Diva wie Zarah oder Marlene, von allen bewundert und geliebt. Nur auf jeden

Fall anders. Anders als all diese Arschlöcher, die mir jeden Tag mein Leben zur Hölle machen.

Jeden Tag diese scheiß Schule, scheiß Fußball, scheiß Lehrer, jede Nacht weine ich mich in den Schlaf und bete zu einem Gott, an den ich nicht mehr glauben kann, nicht mehr glauben mag. Dann finde ich die Kassette von Nina Hagen im Schrank meines Vaters. Ihre Lieder treffen mich direkt in mein Herz und geben mir einen neuen Gott. Eine Göttin. Die ich verehre, zu der ich bete, die mir den Weg weist. Ich möchte „Spitze Lederschuhe“ tragen, möchte wild sein und sensibel. Sexuell und frei. Möchte Frauen küssen und Männer. Schreien wie Johnny Rotten, Geschichten erzählen wie Bob Dylan, Pathos versprühen wie Zarah Leander. Ich weiß, ich bin gemeint, ich bin nicht alleine und auf dem richtigen Weg in mein eigenes, selbstbestimmtes Leben. „Und augenblicklich fühl ich mich unbeschreiblich weiblich. Weiblich!“

Jimi Tenor

Mit diesem Album hatte ich eine jahrelange Obsession. Es sind nur zwei Songs drauf, besonders liebe ich den kürzeren der beiden, „Colours“, mit den unglaublichen Vocals von Leon Thomas. Wunderschöner Text außerdem. Das ist eins der Alben, die man sich letztendlich zu oft anhört. Ich glaube, ich kann es mir nie wieder anhören. Es ist mir zu vertraut geworden. Wegen dieses Albums habe ich begonnen, alle möglichen Percussions-Instrumente zu sammeln. Glocken, Handbecken, nordafrikanische Drums – alles eben, wovon ich dachte, dass die das auf diesem Album spielen. Ich vermute, ich habe es mit meiner Obsession übertrieben und ich freue mich, dass ich später noch andere Musik gefunden habe.

Rick McPhail (Tocotronic)

D asist die wahrscheinlich schwierigste Frage, die man Musiker*innen oder Musikliebhaber*- innen stellen kann – nur ein Album? Mir fällt es schon schwer, mich auf zehn zu beschränken. Ich könnte mich jetzt als den coolen Typen geben und New Order nennen, The Smiths, The Cure oder Pixies etc. (übrigens, ich habe euch gerade ausgetrickst und doch noch ein paar weitere Bands reingeschummelt). Das waren alles Bands, die mich verändert haben und die wichtige Zeiten meines Lebens begleitet haben – aber das wäre zu einfach. Wie wählt man nur eine? Meine Lösung ist: Ich gehe den ganzen Weg zurück und nehme die eine, die mir den Horizont auf viele Arten erweitert hat, mein Sprungbrett in die Musik, die ich heute höre. Das Huhn vor dem Ei sozusagen. Dieses Album ist RIO von Duran Duran. Obwohl dieses Album in vielen Teilen der Welt sehr populär war, verhielt sich das nicht so in meinem ländlichen Heimatstaat Maine. Zu dieser Zeit war ich schon als Geek abgestempelt, als Außenseiter. Auf eine Band voller gutaussehender Typen mit Lippenstift (80s-Hairmetal gab es noch nicht) zu stehen, war also nicht unbedingt die beste Wahl, wenn man es vermeiden wollte, weiterhin veralbert zu werden. Aber du kannst die Bands eben nicht wählen, in die du dich verliebst – sie wählen dich aus! Und ich habe diese Band nicht nur geliebt, ich war besessen von ihr. Zur Zeit ihres ersten Albums pflegten sie noch diesen kurzlebigen New-Romantic-Look mit diesen lächerlich übergroßen Hemden im Piraten-Style (Hallo Captain Jack Sparrow!), motteten diese Klamotten aber bald ein. In all den drei Videos zu RIO, in Sri Lanka vom späteren „Highlander“-Regisseur, dem damals noch nicht berühmten Russell Mulcahy, trugen sie bunte, eng anliegende Baumwoll- und Leinenanzüge.

Was soll man dazu schon sagen? Nun, es war 1982, zwei Jahre bevor die supererfolgreiche TV-Serie „Miami Vice“ herauskam und diesen Look in den Mainstream katapultierte. Zu der Zeit waren Duran Duran schon weitergegangen. Es bedarf wohl keiner Erwähnung, dass mein Outfit in einem Meer voller Jeansjacken mit Led-Zeppelin-Aufnähern nicht gut ankam.

Musikalisch betrachtet ist da allerdings einiges auf der Platte, vor dem ich heute zurückschrecke. All diese funky geslappten Bassläufe etwa und es gibt definitiv auch einige Filler auf der Tracklist. Aber wenn ich mir das Album heute anhöre, erkenne ich, was mich auf einen anderen Pfad führte. Auf dem erkannte ich, dass es möglich ist, großartige Popsongs wie „Rio“ und „ HungryLike The Wolf“ zu schreiben, die ganz anders waren als der damalige Status quo, den Huey Lewis oder Foreigner geprägt hatten. Es waren die zugrundeliegende Dunkelheit von Nick Rhodes’ Synthie-Sounds, die Gitarrenriffs von „New Religion“ oder seltsame, dissonante Stücke wie „The Chauffeur“, die ich brauchte. Dass ein Lovesong/eine Ballade nicht so schmalzig wie REO Speedwagon klingen musste, sondern melancholisch wie in „Save A Prayer“ sein konnte. Sich diese Platte heute reinzuziehen, bringt mich vor allem dazu, zu begreifen, welches Glück ich hatte in einer Zeit zu leben, in der man Entdeckungen machen konnte, die zu so vielen weiteren führten. 1982 war mein Durchbruch in eine neue Welt.

Jan Müller (Tocotronic)

Das Album DSCHINGIS KHAN von Dschinghis Khan veränderte mein Leben. Das geht schon damit los, dass es die erste Platte war, die ich mir jemals selbst kaufte. Von meinem eigenen Taschengeld. Das hieß, keine Esspapier-Eskapaden und kein Knisterpulver-Sessions mehr. Sondern sparen und eiserne Disziplin. Ich wollte es unbedingt haben, das Album dieser supergeilen Gruppe aus der ZDF-Hitparade. Das kann ich sogar noch immer sehr gut verstehen. Das Cover ist fantastisch, das Band-Logo ist wundervoll. In ihm fliegt sogar ein Vogel! Das Etikett der A-Seite ist vierfarbig mit Bandfoto. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Jupiter Records hatte weder Kosten noch Mühen gescheut.

Auf der Rückseite des Albumcovers finden sich Kurzbiografien der sechs Bandmitglieder und Einzelportraits. Selbstverständlich handelt es sich um ein Album mit Klappcover. Auf dem Foto der Innenseite reiten die fünf Band-Mitglieder auf vier Pferden.

Wolfgang Heichel sitzt allein auf einem Braunen, während sich seine Ehefrau Henriette Heichel den anderen Braunen mit dem Tänzer Louis Henrik Potgieter teilt. Henriette Heichel sitzt vor Potgieter im Damensitz auf dem Tier. Interessanterweise wirkt dies aber gar nicht steif. Sie sitzt auf dem Tier ganz in Weiß wie auf einem plüschigen Barhocker. Zwischen den beiden Braunen reiten Edina Pop und Steve Bender auf einen Rappen. Rechts, etwas im Abseits sehen wir Leslie Mandoki auf einem Schimmel. Bender und Potgieter heben jeweils ihre linke Hand zum Gruß. Alle lächeln, wobei mir scheint, dass sich Leslie Mandoki bereits zum Zeitpunkt der Fotosession über spätere wohldotierte Gema-Funktionärsposten freut. Im Hintergrund ein zweistöckiges Gebäude. Ist es die Villa des Produzenten Ralph Siegel? Und die Musik? Ich muss sagen, die Produktion muss sich in Sachen Fettizität auch im Jahr 2022 noch immer nicht verstecken. Selbstverständlich wurde in München, Europas Disco-City Nummer eins, aufgenommen. Die Titel „Moskau“ und „Dschinghis Khan“ sind noch immer absolute Höhepunkte des Disco-Schlagers. Die Streicher sind obersupertiptop. Mein Lieblingslied war allerdings damals schon „Der Verräter“. In dem Lied ist alles drin: Ballade, treibender Rock, und am Ende sogar Jazz. Die läppischreaktionären Geschlechterbilder in den Texten der Band waren allerdings sogar schon für damalige Verhältnisse beinahe auffällig. Zitat aus den Titelsong „Dschinghis Khan“: „Und jedes Weib, das ihm gefiel, das nahm er sich in sein Zelt (ha, hu, ha) / Es hieß, die Frau, die ihn nicht liebte, gab es nicht auf der Welt (ha, hu, ha) / Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht / Und über seine Feinde hat er nur gelacht.“ Heute muss ich schmunzeln, wenn ich mir vorstelle, wie Louis Potgieter, der homosexuelle Tänzer der Band, seinem Freund Freddie Mercury in München diese Stilblüten übersetzt und die beiden sich darüber kaputtlachen. Mir waren solche Textpassagen schon damals eher unangenehm. Aber ich nahm sie in Kauf. Der NDR tat dies seinerzeit nicht und weigerte sich, Dschinghis Khan in seine Schlagerparade einzuladen. Aber dem Sender ging es dabei sicherlich nicht um den frauenfeindlichen, sondern um den expliziten Ausdruck im Text.

Interessant ist auch die Frage, welche Diskussionen um das Thema kulturelle Aneignung die Gruppe auslösen würde, wenn sie ihre Kunst im Jahr 2022 und nicht 1979 in die Welt setzen würde. Immerhin, Dschinghis Khan bestehen aus einer bunten Mischung aus Ungarn, Deutschen, einer Niederländerin und einem Südafrikaner.

Schmerzlich: Ich musste mit dieser meiner ersten Platte bereits lernen, dass es auf Alben Fülltitel gibt, die keiner Rede wert sind.

So zum Beispiel „Komm doch heim“, welches (gewagte Flucht nach vorn!) gleich als zweites Stück auf der A Seite platziert wurde. Aber die meisten Songs sind Hits. Selbst das im Grunde völlig deplatzierte Rock’n’Roll-Lied „Rocking Son Of Dschinghis Khan“. Ebenso „China Boy“, das ist fast so gut wie „China Girl“ von David Bowie und Iggy Pop. „Pass auf der Drache kommt“ muss sich in keinerlei Hinsicht hinter den psychedelischsten Titeln von Jefferson Airplane verstecken und der Song „Israel“ taugt heutzutage dazu, lästige BDS-Attacken abzuwehren.

Aber der wahre Grund, weshalb ich Dschinghis-Khan-Fan wurde, waren natürlich die Kostümierungen und die Bühnenshows. Endlich mal eine Band, die nicht aussah wie irgendwelche Gestalten von nebenan im Alltags- oder Hochzeitsdress.

Man weiß gar nicht, welches der Fantasiekostüme man am besten finden soll: Die goldbesetzten Gewänder von Wolfgang Heichel, Edina Pop und Leslie Mandoki, den Fell-Look von Steve Bender (inkl. 7000 Fuchsschwänzen am Hosensaum), oder den weißen Lederdress von Henriette Heichel? Über allem thront selbstverständlich Louis Henrik Potgieter mit seinem 2 Kilometer langen gewellten Kinn-Bart und der schmalen Krone. Als Kind war für mich sonnenklar: Dieser Mann ist Dschinghis Khan! Ich wusste damals ja leider noch nicht, dass es im internationalen Bereich Bands gibt, die das noch viel besser und selbstbestimmter machen. Zum Beispiel die vier geschminkten Herren aus New York.

Natürlich bin ich reingefallen, auf die Siegel-Schöpfung Dschinghis Khan. Meine kindliche Naivität wurde von der Musikindustrie schamlos ausgenutzt. Achtung, ich enthülle es hier exklusiv im Musikexpress: Dschinghis Khan sind keine echte Band. Sie sind ein Produkt aus der Retorte!

Aber es ist doch zumindest ein mit viel Liebe und Fleiß gemachtes Retortenprodukt. Und ich bin sehr froh, dass dieses Album die Platte war, die mein Leben veränderte und nicht irgendein Schrott der Kelly Family, der New Kids on the Block oder eines bösartigen Rappers.

Max Rieger

J edesJahr, wenn im Herbst das Wetter kippt und die Luft anfängt, nach Winter zu riechen, das ist der ideale Zeitpunkt, Talk Talk on heavy repeat zu hören. Talk ist eine faszinierende Band. Hauptsächlich bekannt für 80s Disco-Banger wie „It’s My Life“ und „Such A Shame“, vollzog die Gruppe rund um den 2019 verstorbenen Mark Hollis nach den großen Erfolgen eine Stilwende, die ich so von keiner anderen Band kenne. Es fühlt sich fast so an, als hätten sich Talk Talk einfach selbst langsam in Stille aufgelöst. Über eine sanfte Kurve von drei Alben immer leiser geworden, immer zurückhaltender, immer passiver, immer schöner. Die Gesten immer ausformulierter, der Klang immer konkreter, den Vorhang langsam aufgezogen. Der Beginn dieser Kurve ist das Studioalbum SPIRIT OF EDEN, ein universelles Meisterwerk. Aufgenommen in annähernd vollkommener Dunkelheit in einer zu einem Tonstudio umfunktionierten Kirche in London über einen Zeitraum von über einem Jahr, ist SPIRIT OF EDEN eine unvergleichliche Kraftanstrengung, die seltsamerweise überhaupt nicht angestrengt klingt. Die schiere Grandiosität ist unerreicht: das gesamte Album ist von vorne bis hinten durchkonstruiert, zusammengebaut aus fein ausarrangierten Passagen, Improvisationen, happy accidents und kuratierter Stille. Wochenlang dauerten manche Sessions, in denen nichts anderes als Shaker bei 60 bpm aufgenommen wurden. Die besten Kinderchöre des Königreichs wurden in das Studio beordert, tagelang aufgenommen und dann am Ende wieder gelöscht, weil sie „too good“ klangen, so schreibt der Engineer Phill Brown in seinen Erinnerungen „Are We Still Rolling“ – dann noch ein paar nerdige Informationen zu Mikrofonen, Vorverstärkern und Bandmaschinen, „over a three-month period we worked patiently, slowly layering instruments and refining arrangements“, und das ist dann auch schon mit alles, was man über den Entstehungsprozess dieses Albums weiß. Viel bleibt ein Mysterium, und so ist am Ende auch die Musik, ganz nah und offen, durchlässig wie ein glitzerndes Spinnennetz im Gegenlicht und doch zu jedem Zeitpunkt undurchschaubar.

Am Ende wurden Talk Talk für das Album von ihrem Label EMI verklagt, wegen ungenügenden kommerziellen Potenzials. Und sind dann immer stiller geworden, aber zu jeder Zeit mit einem schelmischen Lächeln, mit dem leise fließenden LAUGHING STOCK von 1991 und Hollis’ selbstbetiteltem Soloalbum 1998, aufgenommen ausschließlich mit Instrumenten, die keinerlei Strom benötigen: Musik, die man auch noch nach dem Untergang der Zivilisation spielen könnte.

Thorsten Nagelschmidt

Ich war 12 Jahre alt, als DISINTEGRATION erschien, und ich kannte zu diesem Zeitpunkt schon eine Menge geiler Bands. Auch einige im Rückblick betrachtet nicht ganz so geile, ist klar. Aber eben auch Talk Talk und Frankie Goes to Hollywood und Slayer und die Pet Shop Boys. Auch das The Cure Album KISS ME KISS ME KISS ME war bereits in meinem Besitz, ich mochte besonders die schmissigen Popnummern wie „Why Can’t I Be You“ und „Just Like Heaven“, aber auch die Melancholie von „Catch“ oder „ How Beautiful You Are“.

Der erste Vorbote von DISINTEGRATION hieß „Lullaby“, und sofort war klar: Das ist jetzt noch mal eine ganz andere Nummer. Das erste Mal hörte ich das Lied bei Musikbox am Busbahnhof Rheine, an einer dieser Abspielstationen mit den großen roten Start-Stopp-Knöpfen und den von Trilliarden Haarschuppen westfälischer Teenager übersäten Kopfhörern. Es war ein absolutes Sounderlebnis.

Mit zittriger Stimme, hauchend und seufzend, bisweilen schmatzend, erzählte Robert Smith die Geschichte eines Spinnenmanns, der sich auf „candy stripe legs“ anschlich, um sein wehrlos im Bett liegendes Opfer zum Abendessen zu verspeisen. Es klang bedrohlich, gleichzeitig eingängig und schön. Elegisch und getragen, aber auch tanzbar, groovy, mitreißend. Ich hatte so etwas noch nie gehört. So konnte Popmusik auch klingen? Das Lied hatte ja nicht einmal einen Refrain! Auch der Songtitel tauchte im Text kein einziges Mal auf, und natürlich musste ich sofort herausfinden, was das sein sollte, ein „Lullaby“. Ein weiteres Mal war es die Popmusik, die mir etwas beibrachte, die mich neugierig machte und zu meinem Tor zur Welt wurde – einer Welt, die so viel mehr zu bieten hatte als das, was einen in der kleinbürgerlichen Tristesse der westdeutschen Provinz umgab.

Mit zittriger Stimme, hauchend und seufzend, bisweilen schmatzend, erzählte Robert Smith die Geschichte eines Spinnenmanns, der sich auf „candy stripe legs“ anschlich, um sein wehrlos im Bett liegendes Opfer zum Abendessen zu verspeisen. Es klang bedrohlich, gleichzeitig eingängig und schön. Elegisch und getragen, aber auch tanzbar, groovy, mitreißend. Ich hatte so etwas noch nie gehört. So konnte Popmusik auch klingen? Das Lied hatte ja nicht einmal einen Refrain! Auch der Songtitel tauchte im Text kein einziges Mal auf, und natürlich musste ich sofort herausfinden, was das sein sollte, ein „Lullaby“. Ein weiteres Mal war es die Popmusik, die mir etwas beibrachte, die mich neugierig machte und zu meinem Tor zur Welt wurde – einer Welt, die so viel mehr zu bieten hatte als das, was einen in der kleinbürgerlichen Tristesse der westdeutschen Provinz umgab.

„Lovesong“ und „Pictures Of You“ waren weitere fantastische Singleauskopplungen aus DISINTEGRATION, doch über die Jahrzehnte, die mich das Album jetzt schon als fester Einsame-Insel-Kandidat begleitet, hat es jeder einzelne Track schon mal zu meinem Lieblings-The-Cure-Song gebracht. Na ja, bis auf einen vielleicht. Egal. Diese Melodien! Diese Größe, dieses sich für nichts entschuldigende Pathos! Die vielen kleinen und ineinander verschachtelten Melodien, und wie viel Zeit die Band sich für ihre Songs nimmt, auch und gerade bei den Anfängen – die Musik, die ansonsten ab ca. ’89/90 maßgeblich mein Leben bestimmen sollte (Punk, Hardcore), war oft schon längst vorbei, wenn bei The Cure gerade mal der Gesang einsetzte. Bei all der Düsternis und Melancholie geht für mich bis heute eine wahnsinnige Freude von diesem Album aus. Freude am Spiel, Freude an der Musik und an der Kunst.

Ezra Furman

S tellteuch mich mit 18 Jahren vor, zum ersten Mal nicht mehr zu Hause wohnend, gerade heldenhaft dabei, meine allumfassende Gleichgültigkeit gegenüber dem Besuch einer renommierten Universität zu überwinden, unfassbar ängstlich und unsicher, ob ich für mich selbst sorgen kann – oder nicht. Hunderte von Kilometern von meiner Highschool-Freundin getrennt, aber unter dem Eindruck, dass wir in unseren Herzen zusammenbleiben können, nach einander verlangend im klassisch verteufelten Erstsemester. Währenddessen werde

ich mit Tausenden anderen 18-Jährigen zusammengewürfelt, die sich in etwa in derselben emotionalen Situation befinden wie ich. Eine von denen fragte mich, ob ich die Magnetic Fields kenne. Tat ich nicht. Sie setzt mir Kopfhörer auf und ich höre diese himmlischen Harfen, die die unfassbar tiefe Stimme Stephin Merritts begleiten. „Tonight I think I’d rather just go dancing / There’ll be time enough for rocking when we’re old, my love.“ Der Song beinhaltete das Wort „Pheromone“. Nie zuvor hatte ich je so etwas gehört. „Weißt du was“, sagte sie. „Du leihst dir am besten die CD aus.. Offenbar war das nur ein Drittel eines 3-CD-Sets namens 69

LOVE SONGS. Ich bekomme vorerst Disc 2, bis heute meine liebste der Trilogie. Aber es war keine Liebe auf den ersten Blick. Dieses Album hat einen Schneeballeffekt. Entgegen aller Annahmen ist es nicht so, als würde man sich sofort in die Platte verlieben. Zuerst wirken die 69 LOVE SONGS niedlich, sympathisch, aber vielleicht auch etwas nervig, am Rande davon zu clever zu sein, vielleicht ist das alles als Scherz gedacht? Vielleicht kommt es emotional doch nicht an. „Pheromone“ ist vielleicht ein etwas zu abgeklärtes, selbstsicheres Wort, um im Text eines Lovesongs vorzukommen.

Aber dann kommt der nächste Song und dann wieder einer – geistreiche, konzise kleine Kristallbildungen, die dich wie ein Sturm aus Cornflakes erwischen. Nach ein paar Songs merkt man, dass das nicht clever ist, sondern brillant, nicht niedlich, sondern wunderschön. Das Album bringt dir bei, wie man es zu lieben hat, je öfter man es hört. Ich erinnere mich daran, wie ich es allein in meinem Schlafsaal hörte – nachdem sich über elf Songs Enthusiasmus aufgebaut hatte und zur Hälfte von „Promises Of Eternity“ schlug der Gedanke in mich ein: Das ist nicht nur etwas, das ich mag, das ist eine der besten Platten, die ich je gehört habe. Ich weiß nicht, warum diese Erkenntnis genau in diesem Song einsetzte, der wahrscheinlich noch nicht mal zu den Top 20 der besten Songs dieses Albums zählt. Es ging nicht darum, dass ich genau am 12.

Billy Nomates

Song war – es war der Aggregateffekt: Sie ist süß, sie ist lustig, sie ist klug, sie weiß, was man sagen muss, sie kaufte mir ein Stück Pizza, sie rief mich an, sie holte mich vom Flughafen ab, sie liest Stephen-King-Romane – oh Gott, ich liebe sie. Entscheidender Aspekt war, dass ich damals ein aufstrebender Songwriter war, der herauszufinden versuchte, warum ein Song funktioniert, was ihn vorantreibt, was ihn aufregend oder bewegend macht. Stephin Merritt (Autor all dieser 69 Songs, obwohl er nur manchmal den Hauptgesang übernimmt) liefert da eine der besten Ausbildungen ab, die man sich erhoffen kann. In einer gleichsam wunderschönen wie seltsamen Gegenüberstellung ist er ebenso von der Tin Pan Alley und Broadway-artigem Songwriting beeinflusst wie von Synthie-Pop, Techno und Depeche Mode. Ob er von analogen Synthesizer-Loops oder einer Mandoline begleitet wird, das Songwriting steht an erster Stelle. Im Lauf meiner späten Teenager-Jahre und meinen frühen 20ern wurde ich zu jemandem, der einen guten Song schreiben kann. Dieses Album war für diesen Prozess unverzichtbar. Ebenso essenziell war es für mich damals gerade, herauszufinden, dass ich queer bin. Das war Jahre bevor ich erfuhr, dass Stephin Merritt schwul ist. Er schreibt nicht über seine Identität, er füllt sie aus. Sie durchzieht alles. Da ich sowohl extrem unsicher bezüglich meiner Queerness war, sie mir noch nicht mal richtig bewusst war, war es von großer Bedeutung, dass dieses Album Geschlechter über Bord wirft: Männer singen über Männer, Frauen singen über Frauen, Männer singen über Frauen, Frauen singen über Männer und viele der Besungenen sind komplett undefiniert. „Amazing, he’s a whole new form of life / Blue eyes blazing, and he’s going to be my wife.“ So einfach sie sind, so waren das doch auch lyrische Ausdrucksweisen, denen ich nie zuvor begegnet war – zumindest nicht so laut ausgesprochen, mit dieser absoluten Überzeugung und Hingabe. Ich war nie mehr derselbe. Ich hatte mich als Hetero-Junge verstanden, der auf Punkrock und Folk stand, der Englisch als Hauptfach hatte und Lehrer oder Anwalt werden – und mit meiner Freundin zusammenbleiben würde. Stattdessen verliebte ich mich, lernte Musik zu schreiben und wurde ich selbst. 69 LOVE SONGS hielt mir dabei die ganze Zeit die Hand.

The La’s hatten nur ein Album. Vielleicht ist es deswegen so besonders. Die melodischen Entscheidungen, die sie treffen, finde ich perfekt. Von ihren üppigen Harmonien zu ihren dichten Hoosk und Riffs. Der Sound ihrer Gitarren ist mutig, etwas roh vielleicht, aber immer melodisch und niemals übersteuert.

Das ähnelt dem Gesang von Sänger Lee Mavers, ein Sound am Rande der Nettigkeit. Der hat Mut und Gefühl. Das ist ein Klang, den ich immer geliebt und auf den ich mich stets bezogen habe. Als Songwriter treffen sie den Nagel großartiger Popsongs auf den Kopf. Von „There She Goes“ bis „Feelin‘“ – sei es zwei Minuten Chaos oder ein perfekter 3:30-minütiger Popsong. The La’s sind für mich eine Lehrstunde in ansteckendem Songwriting und dieses Album ist ein absolutes Muss für jede Sammlung.

Jens Friebe

I nden Achtzigern war Lüdenscheid eine pulsierende Stadt, oder wenn nicht eine pulsierende, so doch eine bergige, verregnete, sterbensöde Stadt. Um der ganzen Wahrheit die Ehre zu geben, war es nicht ganz so schlimm, wie man denken könnte. Es gab ein bei aller städtischen Trägerschaft linksversifftes Jugendzentrum, in dem auch coole Bands spielten. Wenn diese Bands sich wunderten, dass wir gar nicht „abgehen“, wunderten wir uns wiederum und dachten, wir klatschen doch, was wollen sie denn.

Des Weiteren gab es das „Image“, eine Disko, in der auch mal Smiths oder Joy Division liefen, und es gab die „Plattenbörse“. Das war ein für die Provinz bemerkenswertes Plattengeschäft. Es arbeitete dort ein Rude Boy namens Bruce, der mit viel Liebe und Wissen das ca. 40 cm starke Independent-Fach bewirtschaftete. Aus diesem zog ich eines freudigen Tags meines vierzehnten Jahrs den Artikel DIAMONDS AND PORCUPINES, eine Compilation des Altenaer Lables Beat All The Tambourines. Ich weiß nicht mehr, was mich eigentlich daran reizte, der seltsame Titel, das auf poppige Art höhlenmalerische Cover, jedenfalls hörte ich kurz drauf an der Kopfhörertheke die mir unbekannte Band Wedding Present das mir unbekannte Lied „It’s Not Unusual“ covern.

Die schrottige, heitere Energie des Stücks, das immer schneller wurde und schließlich ganz im Sommergewitter der Schrengelgitarren versank, versetzte mich in die allerschönste Aufregung. Dann kam „Cast A Shadow“ von Beat Happening und machte mich beim ersten Klang verliebt in Calvin Johnsons tiefen, schiefen, verruchten und doch gütigen Gesang, darunter war Rumpeln und eine schamlos verstimmte Gitarre. Es ist, glaube ich, schon für nur 10 Jahre später Sozialisierte schwer nachzufühlen, wie wild einem diese Musik damals vorkam. So, wie man sich jetzt nicht mehr vorstellen kann, dass „Rock Around The Clock“ mal Jugendliche dazu inspiriert hat, Stuhlreihen zu zertrümmern. Das sprichwörtliche „Gitarrengeschrammel“ dieser Richtung fand ziemlich bald Eingang in Musik, die normal im Radio und sogar irgendwann in der Werbung kam, wenn auch in gebändigter Form (nicht so ohrenzerschneidend wie bei Wedding Present, nicht so verstimmt wie bei Beat Happening). 1989 war es noch etwas sehr Verrücktes. Nun kannte ich über meinen Bruder schon die verrückte Musik von Velvet Underground und Jesus and Mary Chain, aber das war wieder was anderes.

Ich war bockig und nachdenklich genug, um Fan davon zu sein, aber ich konnte mich mit dem heroinschicken Grundgefühl nicht in letzter Konsequenz identifizieren. Ich war weltschmerzempfindlich, aber auch fröhlich, ich trank und rauchte schon tapfer, wollte aber noch nicht sterben.

Die Musik, mit der ich hier in diesem Moment bekannt wurde (die später Twee Pop getauft wurde, deren Spirit sich für mich auch später im Anti-Folk oder bei feministischen Bands wie Coco Rosie oder Le Tigre ausdrückte) war bei aller avantgardistischen Krawalligkeit nicht nihilistisch, sondern einladend und charmant. Ich hatte das Gefühl, es passiert grade jetzt etwas Tolles, Geheimes. Was, wo ich nicht nur zukucken, sondern auch mitmachen kann, ohne dass es lächerlich ist. Warum meine erste Platte 15 Jahre später dann deutscher Synthie-Pop war, ist eine andere Geschichte. Aber immerhin gab es auf ihr meine deutsche Version von „Cast A Shadow“.

Dagobert

Manchmal geschieht es, dass man ganz unverhofft in eine neue, ungehörte Musik hineingerät, die einen fasziniert zurücklässt und sofort süchtig macht. Meistens waren es in meinem Falle Stimmen von Menschen, die mich sirenenartig durch unbekannte Türen lockten und mir neue Welten eröffneten. Mit ihnen geht man dann direkt einen Bund fürs Leben ein. Tiny Tim habe ich so kennengelernt, er ist seitdem einer meiner wichtigsten Begleiter, zuletzt traten Francis Bebey auf ähnliche Weise in mein Leben. Mit Wendy Carlos war es anders, immer wieder geriet ich an ihre Musik, denn um ihre legendären Soundtracks und unglaublich erfolgreichen Bach-Interpretationen kommt man schwer herum, wenn man kein völliger Ignorant ist. Und immer wieder war ich angetan, aber die Verführung lief eher unterbewusst und sehr langsam ab. Als ich nach Jahren dann doch mal genauer wissen wollte, wer hinter dieser Musik steckt und im Zuge dessen auf Wendys etwas unbekanntere Eigenkompositionen stieß, war nichts  mehr wie zuvor. So wie Captain Kirk mit seinem Raumschiff in Galaxien vorgedrungen ist, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, hat Wendy Carlos das bisher bekannte Sounduniversum weit hinter sich gelassen und ist in Reiche eingedrungen, die nie ein Mensch zuvor gehört hat. Alle Künstler, die ich mag, sind mit den Jahren immer interessanter geworden, oder haben zumindest im hohen Alter noch mal quintessenzielle Meisterwerke geliefert. TALES OF HEAVEN AND HELL reiht sich genau da ein. Dieses Album ist nicht nur ihr bisher letztes, sondern auch die Summe all ihrer Werke. Es ist gespickt mit klassischen Zitaten und Sounds aus selbstgebauten Instrumenten, man wird darin gleichermaßen durchdrungen von Finsternis und dann wieder geflutet von Schönheit. Dieses Album hat keine Message und keinen Zeitkontext, es ist Musik in ihrer reinsten Form und mit gar nichts zu vergleichen. TALES OF HEAVEN AND HELL ist nicht weniger als die größte musikalische Errungenschaft der Menschheit.

Pedro Goncalves Crescenti (International Music/Düsseldorf Düsterboys)

Ich bin etwa 14 Jahre alt. Zu Weihnachten oder zum Geburtstag habe ich endlich den heiß ersehnten Plattenspieler bekommen, vielleicht aber auch nur mein kleines Taschengeld angespart, eventuell mit etwas Zeugnisgeld angereichert und möglicherweise habe ich auch ab und zu „vergessen“, das Wechselgeld der Brötchenkäufe zurückzugeben, womöglich haben meine Eltern auch „vergessen“, mich nach dem Geld zu fragen, sodass ich eines Tages zur wahrscheinlich gönnerhaft-schuldbewussten Freude meiner Eltern mit der diebisch-schuldbewussten Freude meiner Selbst einen Plattenspieler in das Regal meines Kinderzimmers stelle. Kurz zuvor hat mein Kumpel J mir meine erste Platte geschenkt: Blau ist sie, mit 19 einer gold glühenden Feder darauf. Zwei Lieder stehen auf dem Etikett: „True Faith“ und „1963“. Glaub ich. Ich also die Platte drauf, A oder B keine Ahnung, statisches Knistern und ein „Wump“ begleiten die Nadel in die Rille. Die ersten Klänge eines Drumcomputers sind zu hören. Das ist dunkel, denke ich, dark, aber geil, ich schwebe mit der Musik, sie ist elektronisch, aber auch organisch, hypnotisch und meine Arme werden zum Oktopuss und ich fühle mich cool, weil ich verstehe, was die nach Unheil klingende Stimme mir da zuknödelt: Johnny, don’t point that gun at me. Ich bin auch aufgeregt. Warum war ich aufgeregt? Was ich heute weiß: Das war kein Album. Das war eine 12“ Single. Und die hört man auf 45 rpm. Hab‘ ich aber nur einmal gemacht – langweilig. 1963 läuft bis heute noch auf 33 rpm bei mir. Liebe Grüße aus der Vergangenheit!

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Frank Spilker (Die Sterne)

Das Teil ist ein Drogen-Album, ich sage es gleich. Es ist aber natürlich viel mehr als das und hat mehr bewirkt, als einfach nur mein Leben zu verändern. Wenn das alles ist, was ein Album sich auf die Fahne schreiben kann, mein Leben zu verändern, gilt es meist nicht als besonderes Meisterwerk. Dieses aber schon. Es ist natürlich äußerst trippy und es waren die ganz bösen Drogen im Spiel, es ist aber vor allem ein Meilenstein der Musikgeschichte, weil hier so vieles zusammenkommt, dass erst in den nächsten Jahrzehnten so richtig wirkmächtig werden wird.

Für mich war es zunächst die Entdeckung des Funk an sich, der natürlich schon lange vorher existierte. Mein juveniles Heranwachsen kannte ihn nicht. Unsere Kirchen haben keinen Soul. Unsere Gospel sind stumpfe Gesänge, die für die Bauern auf den Kirchenbänken möglichst einfach gehalten werden. Vor allem rhythmisch, aber auch sonst. Es sind keine Happenings, die vor allem aus Call und Response bestehen. So gar nicht. Null. Und alle Funk Bands, die ich kannte, waren Techniker, die sich den Bass direkt unter das Kinn geschnallt hatten oder so etwas wie Level 42, große Ausnahme und quasi direkter Nachfolger: Prince.

Als Anfang der Neunziger dann der Sampler von einem Effektgerät zu der Maschine wurde, die er heute ist, und die rechtliche Lage des „Zitierens“, gelinde gesagt, unklar war, fingen junge, freche Menschen hüben wie drüben an, die Archive der 60er- und 70er-Jahre zu plündern. Sie taten das in allen Genres, aber eben auch im Funk. Was als Erstes auffiel, war, wie gut das alles klang! Viel besser als der digitale Achtzigerjahre-Scheiß jedenfalls und in jedem Fall besser als ein Yamaha DX7 und was es an volkstümlichen Synthies damals noch so gab. Es war die Zeit von Retro, Acid Jazz und Co, aber vor allem im Hip Hop wurden Sly Stone, Parliament/Funkadelic etcetera pp geplündert und recycelt. Die neuen Loops waren oft viel eingängiger als das original Material und dies vor allem hat meine/unsere musikalische Entwicklung geprägt.

Wenn ich mir das Album heute anhöre, sind es aber hauptsächlich die Sounds des Albums, die mich überraschen. Sly Stone hatte sich mit seinem Bruder und der ganzen Band überworfen.(Scheiß Drogen) und sich in seine Kemenate zurückgezogen, die ein Studio war, wie es viele erst zehn Jahre später zur Verfügung hatten. Eine eigene Vier-Spur-Maschine, ein paar Kabel, Tasten. Trotz der später hinzugefügten Chöre, Drums und Bläser, klingt das Album so irre selbstgemacht und vor allem der ständig auftauchende CR78 (eine analoge Rhythmusmaschine) verweist auf spätere, goldene Indie-Zeiten, außerdem, wegen des Hangs zur Unvollständigkeit und Auslassungen, aber auch auf Warhols Factory an der Ostküste. Außerdem ist da noch der möglicherweise durch Drogen induzierte Mut zum Loop, zur stumpfen Wiederholung. Dahinter steckt ebenfalls ein Element, das in der europäischen Kultur so gut wie nicht vorhanden ist: die Ekstase. Hat die Kirche sie in die Kloster verbannt? Haben in Europa irgendwelche Sekten ein Monopol darauf? Ich weiß es nicht. Sie kam in meiner Sozialisation jedenfalls nicht vor, galt mindestens als unfein. Ekstase hat vor allem deshalb viel mit Drogen zu tun, weil sie auch ohne Drogen funktioniert. Oder? Darüber sind viele gute Bücher geschrieben worden, ich kann dem nichts Wesentliches hinzufügen. Was hier hervorgebracht wurde, sind Werke, kaum Songs, wie „Thank You For Talkin’ To Me Africa“. Ja, Danke dafür.