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80er-Jahre-Feeling gepaart mit dem kühlen Charme des Großmarkts: »Flashdance« auf Deutschland-Tour in Hamburg


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 22.11.2018
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Abb.oben:
Wasserszene vor der Pause: Alex Owens (Nadja Scheiwiller)


Foto: 2Entertain / Morris Mac Matzen

Der erste Herbstwind fegt über das Gelände des Hamburger Großmarktes. Die Besucher verharren aufgrund des kleinen Garderobenfoyers des Hamburger Mehr! Theaters noch in ihren Autos und warten gespannt darauf, dass sich die großen, weißen Flügeltüren des Haupthauses öffnen, und freuen sich auf dieses neue, große Musical in der Hansestadt, für das schon einiges an Werbung gemacht wurde. Hoffentlich wird uns tänzerisch eingeheizt, ist von einer Dame an der Garderobe zu vernehmen.

Es ist die 6. Vorstellung ...

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... von »Flashdance« seit der Vorpremiere am 19. September. Der Mut des neuen Produzententeams, 2Entertain Germany (deutscher Ableger des schwedischen Pendants), in Zeiten des Karten-Überangebots eine neue Großproduktion in Hamburg zu starten, ist ein Grund zur Freude.

Die Uraufführung der Musicaladaption von »Flashdance«, die auf dem Kinohit aus dem Jahre 1983 beruht, ging im Juli 2008 im Theatre Royal in Plymouth über die Bühne. Ergänzende Musik für die Musicalversion stammt von Robbie Roth, der zusammen mit Robert Cary auch die Liedtexte verfasste. Das Buch schrieb Robert Cary zusammen mit Tom Hedley.

Die deutschsprachige Erstaufführung des Werkes fand am 9. November 2013 im Le Théâtre Kriens-Luzernin der Schweiz statt. Hier und auch in Chemnitz stand die nun auch zur Hamburger Besetzung gehörende Nadja Scheiwiller (Zweitbesetzung) bereits als Alex Owens auf der Bühne. In der Hamburger Version, einer überarbeiteten Fassung der Stockholmer Produktion aus den Jahren 2014 und 2015, stellt Nadja Scheiwiller vom ersten Moment an die treibende Kraft des Abends dar. Hannah Leser, eine Musicalnewcomerin und die eigentliche Erstbesetzung der Produktion, war kurz vor der Premiere verletzungsbedingt ausgefallen.

In weiteren wichtigen Rollen spielen Sasha Di Capri als charmanter Liebhaber Nick Hurley, Konstantin Busack als junger witziger Nachwuchs-Comedian Jimmy und Ann-Sophie Dürmeyer, die als ehemalige Euro-vision-Song-Contest-Kandidatin nun ihr Musicaldebüt als Alex Owens‘ Freundin Gloria gibt, sowie Regina Venus, die am heutigen Abend Hannah, eine alternde Ballettdiva, verkörpert.

In wichtigen Nebenrollen sind Michael Sattler als durchtriebener Clubbesitzer C.C., Joachim Kaiser als Barbesitzer Harry und Tanja Rübcke in einer Doppelrolle als Krankenschwester und Schuldirektorin, neben Samantha Klots als Kiki und Olivia Kate Ward als sexy Vamp Tess zu sehen.

Die Story ist schnell erzählt: Die in einer Industriefabrik als Schweißerin tätige Alex(andra) Owens träumt von einer klassischen Tanzkarriere. Dank der ungewollten Förderung durch ihren Chef Nick Hurley, mit dem sie eine Beziehung eingeht, erhält sie die Chance, an einem Casting an der renommierten ShipleyDance Academy teilzunehmen. Mit Unterstützung ihrer Freundin Hannah, einer alternden Tanzlehrerin, überwindet sie ihre Ängste und kann am Ende die Jury mit einer eigenen Choreographie zu ›What a Feeling‹ aus dem »Flashdance«-Album (ausgezeichnet mit einem Oscar und Golden Globe für das beste Filmalbum des Jahres) überzeugen.

Den Rezensenten und augenscheinlich auch viele andere Zuschauer kann diese Produktion an diesem Abend nur in Teilen erreichen, da der Ton es vom ersten Moment an leider nicht schafft, eine Atmosphäre im Mehr! Theater zu kreieren. Erst ist es viel zu leise, dann knackt es unaufhörlich und auch die produzierten Einspieler wirken so schlecht abgemischt, dass zum Beispiel das eingespielte Geräusch eines Handys oder der fallenden Cola-Dose im Getränkeautomaten auf der Bühne zum unangenehmen Hörmoment avanciert. Die Darsteller-Ports (Mikrofone) fallen streckenweise aus und Texte verhallen. Im Verlauf des ersten Aktes wird die Show dann aufgrund des Soundproblems komplett unterbrochen und die Zuschauer sitzen 5 Minuten im dunklen Theaterraum. Immerhin bittet eine Stimme aus dem Off, auf den Plätzen zu bleiben. Leider ohne Licht, sodass zu beobachten ist, dass viele Besucher im Dunkeln zu den Toiletten wandern.

Das Lichtdesign der Produktion (Palle Palmé) schafft es zeitweise, sehr gute Momente zu kreieren, jedoch wirkt das Gesamtkonzept nicht schlüssig. Die LED-Projektionsflächen, fast so groß wie bei einem Helene-Fischer-Konzert, werden durch die zwei Verfolger von vorne zu weißen, nackten LED-Flächen, da das darauf gezeigte Bühnenbild bei Beleuchtung von vorne verschwindet. Hier kommt an der einen oder anderen Stelle der Wunsch nach mehr Intimität und Momenten, die die Darsteller in ihrer Performance unterstützen, auf. Besonders in den Randspielplätzen würde es reichen, nur diesen kleinen Bereich fokussiert auszuleuchten.

Das Bühnenbild (Andreas Bini) kommt bombastisch daher: zwei seitliche, große Eisenpfeiler, die der Eisenfabrik die ganze Zeit über ein Gesicht geben, und flexible Elemente, die seitlich und bühnenmittig zum Einsatz kommen, um unterschiedliche Spielorte darzustellen. Bei einzelnen Nummern kommt noch eine dreh-und fahrbare Brücke mit Lichtleisten zum Einsatz. Das erfahrene Musicalpublikum denkt sicher sofort an »Starlight Express« in Bochum. Alles in allem wirkt die Bühne aber sehr praktisch und gut gelöst für eine Tour-Produktion. Das Timing der Regie und die Übergänge stimmen, dem eigenen Empfinden nach, an diesem Abend noch nicht ganz und nach der Pause kommt hinzu, dass eine Zuliefer-Tür zum Hamburger Großmarkt die ganze Zeit offensteht und man von Reihe 8 aus herrlich dem Transport von Bananenkisten anstatt der heißen Tanzszenen auf der Bühnezuschauen kann.

Die sieben Musiker unter der Leitung von DamianOmansen spielen dynamisch auf, können in dieser Vorstellung jedoch durch die bereits geschilderten Ton-probleme nur mäßig wirken. Die links und rechts an der Bühne dem Zuschauerraum sehr zugewandten Orchester-Monitore zeigen Omansen bei der Arbeit, wie er mit dem Kopf nickt und Keyboard spielt.

Die Ausstattung der Produktion und die Kostüme lassen viele gute Ideen erblicken (beispielsweise die rosafarbenen Glitzerkleider der Girls) und schaffen insgesamt ein liebevoll gestaltetes und abwechslungsreiches Gesamtbild.

Abb.oben:
Muss er seinen Laden schließen? Barbesitzer Harry (Joachim Kaiser)


Abb.unten von oben links:
1. Liebesduett-Alex Owens (Nadja Scheiwiller) und Nick Hurley
(Sascha Di Capri)


2. Das »Flashdance«-Ensemble zusammen mit Nadja Scheiwiller (Mitte) als Alex Owens


3. Alex Owens (Nadja Scheiwiller, l.)erkundigt sich nach den harten Aufnahmebedingungen bei Schuldirektorin Ms Wilde (Tanja Rübcke, r.)


4. Alex Owens (Nadja Scheiwiller, 3.v.l.) neben den sexy Vamps (v.l.): Kiki (Samantha Klots), Tess (Olivia Kate Ward) und Gloria (Ann-Sophie Dürmeyer)


Fotos (5): 2Entertain / Morris Mac Matzen

Abb.oben von oben links:
1. Harry (Joachim Kaiser, r.) und Club Besitzer C.C. (Michael Sattler, Mitte) diskutieren über Macht und Club-Girl Gloria (Ann-Sophie Dürmeyer)


2. Alex (Nadja Scheiwiller, l.) bei ihrer Mentorin und Lehrerin Hannah (Gitte Hænning, in der bes. Vorst. Regina Venus)


3. Casting ist harte Arbeit, Alex (Nadja Scheiwiller, 2.v.r.) zwischen den Ballett-Grazien der Shipley
Academy (Ensemble)


4. Gloria (Ann-Sophie Dürmeyer) muss unter Drogeneinsatz in C.C.s Club alles geben


Fotos (4): 2Entertain / Morris Mac Matzen

Nadja Scheiwiller begeistert als Alex Owens mit großer Spielfreude, tänzerischer Leidenschaft und kraftvollen Spielszenen. Sie legt ihre Rolle der Alex von stark bis zerbrechlich an und explodiert geradezu beim großen Vortanzen zum Schluss. Trotz flachen Plots und einfacher Dialoge gelingt es ihr, die verschiedensten Facetten ihrer Rolle zu zeigen, und sie begeistert auch stimmlich mit ihrem großen Solo. Zur Pause hin hat man mit der »Wasserszene« wirklich einmal kurz das Gefühl, im Film und nicht im Musical zu versinken.

Sasha Di Capri singt mit starkem Rock-Bariton und überzeugt auch in Auftritt und Erscheinung. Die Damen im Saal erfreuen sich überdies an seinem austrainierten Körper.

Regina Venus überzeugt als Hannah durch starkes Schauspiel. Wie wohl Gitte Hænning in der Rolle klingt? Möglicherweise ein Grund, noch ein zweites Mal in die Vorstellung zu gehen.

Jimmy, gespielt von Konstantin Busack, kommt frisch und frech daher und gibt den Nachwuchs-Comedian auf den Punkt. Das Publikum reagiert zögerlich, schließt ihn aber beim Erkennen des Rollenprofils und im weiteren Verlauf der Vorstellung nachhaltig ins Herz. Michael Sattler gelingt es als Clubboss C.C., ein Frösteln zu erzeugen, auch wenn er laut Programmheft privat ein eher angenehmer Zeitgenosse sein soll.

Stimmlich begeistern vor allem Ann-Sophie Dürmeyer (Gloria), Samantha Klots (Kiki) und Olivia Kate Ward (Tess), die gemeinsam unter anderem auch den Showstopper ›Maniac‹ singen.

Die Choreographie von Jennie Widegren kommt mit vielen frischen Überraschungen daher, unter anderem einer Tanzszene, die sich auf dem Rücken liegend auf der Bühne abspielt, während diese Szene auf die LED-Wände projiziert wird. Ein sehr guter Moment!

Die Tanznummern wirken energetisch stark und dynamisch und passen zum Stil der 80er Jahre, ohne oldfashioned zu wirken. Sie unterstützen das junge und gut ausgesuchte Ensemble.

Um Hannah aus der Show zu zitieren: »Es gibt eine Zeit in Deinem Leben, wo alles möglich ist. Und dann gibt es eine Zeit in Deinem Leben, wo nichts mehr möglich ist. Ergreife also Deine Chance.«

Dieses tolle Team hat auf jeden Fall noch die Chance, die Übergänge technisch etwas zu straffen und vor allem den Sound zu überprüfen.

Wenn dann das wirklich tolle Set auch atmosphärisch szenengerecht eingesetzt wird, kann »Flashdance« noch zu dem besonders angekündigten und versprochenen »What a feeling« führen.

Mut sollte belohnt werden und daher müssen dieser tollen Produktion einfach die Daumen gedrückt werden.