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À la carte


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Emotion Slow - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 21.04.2022
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Bildquelle: Emotion Slow, Ausgabe 1/2022

Kann Geld wirklich stinken? Ja, wenn unsere Einkäufe und Investitionen das Limit der schädlichen Emissionen überschreiten

Vor vielen Jahren hatte ich einen guten Bekannten, der hieß Günther. Es war eine sorgenfreiere Zeit. Eine Zeit, in der ich mich noch nicht fragen musste, wofür ich mein Geld ausgebe, weil ich noch keines hatte, und in der es mir absurd erschienen wäre, mein Geld, das, wie gesagt, nicht vorhanden war, auch noch arbeiten zu lassen, zumal ich selbst noch gar nicht arbeiten ging. Günther wiederum verdiente bereits üppig. Einen Satz pflegte er stets zu wiederholen, wenn er mal wieder eine unnötige Anschaffung gemacht hatte: „Man muss das Geld zum Fenster hinauswerfen, damit es wieder zur Tür hereinkommt.“ An Günther muss ich denken, als ich meine bunte Bankkarte der Tomorrow-Bank aus dem Briefkasten fummele, mit skeptischem Blick, wie ein Häftling, der sich selbst die Fußfessel anlegen soll. Denn so habe ich den Versuch verstanden, den mir die Redaktion vorschlug: Mit der Visa-Karte ab sofort alles ...

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... bezahlen und dann mal gucken, welchen Fußabdruck das in der Welt hinterlässt. Dafür habe ich ein Konto bei Tomorrow eröffnet, einer Mobile-only-Bank, und mir die schicke App aufs Handy geladen, ohne die geht es nämlich nicht. Karte und App wollen mir zeigen, dass Geld ja nicht nur tumb auf den Konten liegt, sondern komplex vernetzt ist, dass es, ja, genau, arbeitet, eingesetzt wird und Ressourcen verbraucht, auch das. Eine Selbstüberprüfung also, in die ich da blauäugig eingewilligt habe, vielleicht gar eine Selbstgeißelung!

Auf der Schule zitierten sie mir einst ins Abibuch, was Hugo von Hofmannsthal seinen Jedermann sagen ließ, ehe dieser den Tod trifft: „Da ist kein Ding zu hoch noch fest, das sich um Geld nicht kaufen lässt.“ Und wenn ich mich mal gar nicht anders zu rechtfertigen weiß, verweise ich auf mein Sternbild: Schützen sind maßlos und verschwenderisch, so ist es eben. Aber wird es auch so bleiben?

Trotzig trage ich mein neues Zahlungsmittel zum nächstteuersten Japaner, der gerade erst an der Elbchaussee eröffnet hat.

„Ich sehe keinen Lunch mehr, ich sehe nur noch Lieferketten“

Einmal das große Bento, bitte. Die Hedonismusplatte. Auf Günther! Es schmeckt hervorragend, aber nur bis ich bezahle. In Echtzeit berechnet die App, wie meine Maki zu Buche schlagen – mit 21 Kilo Kohlenstoffdioxid. Mir wird ein bisschen blümerant zumute. Vielleicht war der Lachs schlecht? Ja, du Vollidiot, ganz sicher war der Lachs schlecht! Genau das will die App dir sagen. Denn der Lachs wurde bestimmt aufwendig aus Norwegen eingeflogen, der Reis aus Fernost, die Algenblätter aus Algerien oder sonstwoher. Und dann noch die ganze Logistik dazwischen und davor, die Umladungen, die Lkws: Ich sehe keinen Lunch mehr, ich sehe nur noch Lieferketten. Als könnte es schlimmer nicht noch werden, sagt mir die App, dies entspräche übrigens einer Strecke von 157 Kilometern mit dem Auto. Als wäre ich von Hamburg nach Cloppenburg gerast.

Jetzt übertreibt er, wird mancher nun denken. Soll er sich nicht so anstellen, soll er die App halt wieder ausstellen. Aber während ich konsterniert nach Hause laufe, fällt mir ein, wer noch 21 Kilo wiegt. Meine Tochter. Die hole ich von der Kita ab und umarme sie viel doller als sonst. Alles in Ordnung, Papa? Ja, alles in Ordnung. Also nein, eigentlich nicht. Bist du traurig? Papa hat ganz viel CO2 verursacht. Was ist CO2, Papa? Das verstehst du noch nicht, mein Schatz. Aber ich verstehe es jetzt endlich oder habe zumindest eine dumpfe Ahnung. Hat mich Tomorrow schon umgepolt? Denn das wollen sie dort erreichen, daraus machen sie keinen Hehl: die abstrakte Diskussion über CO2 konkretisieren und verdinglichen, Bezüge herstellen. Bei mir scheint das zu gelingen. Auf meinem Konto mag ich noch im Plus sein, mein Seelenheil aber kippt ins Minus.

Bis dato wusste ich zwar, worüber wir reden. Gesehen habe ich CO2 nie. Wobei, einmal vielleicht, bei unserem Biolehrer in der achten Klasse: Der malte nämlich immer eine Wolke mit vielen Zipfeln und auf die Wolke ein Strichmännchen, das schlecht gelaunt dreinschaute, damit wir auch wirklich verstanden, dass CO2 nicht gut sei. Und die Kreide, mit der er all das an die viel zu trockene Tafel staubte, die knirschte ganz furchtbar, das weiß ich noch genau. Im Grunde genommen ist CO2 dieses Kreidegeräusch: unangenehm, aber auszuhalten. Mit dem Pausenläuten vergessen. Nur jetzt nicht mehr.

Vielleicht muss ich weiter ausführen, was Tomorrow ist und will. Ein Social Business, gegründet in Hamburg von Inas Nureldin, Jakob Berndt und Michael Schweikart, drei gut gelaunten, engagierten Start-uppern.

„Auf meinem Konto mag ich noch im Plus sein, mein Seelenheil aber kippt ins Minus“

Zuletzt hat Tomorrow viel Kapital in den üblichen Finanzierungsrunden eingesammelt, Investoren und Business Angels glauben an die Idee, daran, dass Transparenz und Nachhaltigkeit auch in der Bankingwelt Megatrends sind. Tomorrow tut das, indem es die Einlagen seiner Kundinnen und Kunden – 328.095.718 Euro lagen am 1. Februar 2022 auf allen Konten – ausschließlich guten, grünen Branchen zuführt. Es gibt einen Katalog des Bösen mit all dem, was nicht gefördert werden darf, zum Beispiel Kohlekraft, Waffen oder Genfood. Und daneben jene Projekte, die nach intensivem Screening übrig bleiben, die mit den Klimazielen von Paris kompatibel sind. Derzeit sind das unter anderem ein Bond für soziales Wohnen, ein dänischer Green Bond, diverse Social Bonds, Bildung für Mädchen in Uganda, Biogasanlagen in Vietnam, der Ausbau erneuerbarer Energien, grüne Staatsanleihen, auch die gute, alte Hochbahn in Hamburg.

Darüber hinaus streicht Tomorrow ihre Interchange Fee nicht selbst ein wie andere Banken, sondern leitet sie an Klimaschutz-und Aufforstungsprojekte weiter. Die Interchange Fee ist die Gebühr, die Dienstleister oder Geschäfte als Prozentsatz an jene Bank zurückgeben, mit deren Karte bezahlt wurde. Das ist im Einzelfall wenig, 0,13 Prozent sogar nur nach Abzug der Verwaltungskosten, wird aber in Summe doch recht viel. Zurzeit hat Tomorrow 107.812 Kundinnen und Kunden, noch viel mehr sollen es werden. Genug, um Teile des Waldes zu schützen. Und deshalb lasse ich weiter die Debitkarte glühen.

Mein Rewe-Einkauf schlägt mit 62,61 Euro und 54 kg CO2 zu Buche. Brötchen und Kuchen in meiner Lieblingskonditorei am nächsten Morgen: 15,47 Euro, das sind 13 kg CO2. Die Werte berechnet ein ausgeklügelter Algorithmus, der sich einer Datenbank des Datendienstleisters Ecolytiq aus Berlin bedient. Grundannahme sind die 11 Tonnen CO2, die jede:r Deutsche durchschnittlich im Jahr verbraucht. Wenn ich etwas kaufe, ordnet der Algorithmus die Zahlung einer Kategorie zu, etwa Supermarkt, Klamotten oder Streaming, und passt diesen Durchschnittswert auf meine Summe an. Die Zahlen zur Berechnung basieren auf öffentlich zugänglichen Daten, Studien und Forschungsprojekten.

Die Tage gehen dahin und das Geld mit ihnen. Und ich merke mit jeder Kartennutzung, wie sich eine eigentümliche Gleichzeitigkeit der Gefühle einstellt: das schlechte Gewissen, dass ich CO2 verursache, jetzt aber auch überlagert vom guten Gefühl, mit jeder Zahlung ein Stück Wald zu beschützen. Ein bedenklicher Gewöhnungseffekt: Keine der Kartenzahlungen erreicht dieselbe moralische Wucht wie die allererste, meine sushibedingte Katharsis, für eine Weile.

Ich lese ein Interview mit der Finanztrainerin Amanda Clayman. Toll, was Leute für Berufe haben, denke ich, und dass die Frau recht hat mit dem, was sie sagt. Nämlich dass ständiges Nachdenken über Ausgaben zur Belastung für die Psyche wird, zu einem Finanz-Burn-out. Dass sich Betroffene irgendwann für nichts mehr entscheiden können, nicht mal für ein Croissant, das nur zwei Euro kostet. Und plötzlich merke ich, wie raffiniert das Klimakonto von Tomorrow konstruiert ist. Bestünde es nur aus dem CO2-Rechner, dem erhobenen Zeigefinger, es würde nie und nimmer funktionieren. Erst mit dem Gegenmodell, mit dem Impact Board, das mir zeigt, was ich und alle anderen User an Umwelt-und Naturschutzprojekten mitfinanzieren, das mir mein Gewissen begrünt, erst damit zieht eine moralische Balance ein.

Nachdenklich schneide ich durch mein Steak im Restaurant, das 31 Euro, vulgo 27 kg CO2 gekostet hat, von fern schlägt die Kirchturmuhr, und ich denke, ehrlich überrumpelt: Tomorrow hat einen eigenen Katechismus etabliert, eine moderne Variante des Ablasshandels, die aber nicht nur Behauptung ist, nicht nur Hokuspokus. Ja, vielleicht kaufe ich mich hier ein Stück weit frei von meinen Sünden, aber womit denn? Mit den Käufen selbst!

Das ist hohe Dialektik und dabei ganz real. Denn die Projekte, die ich mit der Interchange-Gebühr unterstütze, die gibt es wirklich, auch die Effekte, die sie erzielen. Irgendwo da draußen wird die Welt gerade ein bisschen besser, und darum kann nicht alles schlecht sein, was ich mache.

Eine Reise noch, eine Recherche. Ich zahle 200 Euro (59 kg CO2) für eine Übernachtung in einem fränkischen Landhaus, in einer Brauerei 43,76 Euro (38 kg CO2) und für Benzin 39,99 Euro (72 kg CO2). Was ist das für ein Gefühl ganz hinten im Kopf, als ich die Bilanz überfliege? Verständnis, für mich selbst. Denn es gibt kein anderes Hotel weit und breit. In der Brauerei habe ich mich gestärkt. Und mein Tank war fast leer, einen Elektrowagen hatten sie nicht beim Mietwagenverleih. Manche Ausgaben sind notwendig. Daran ändert auch die App nichts. Was sie ändert, ist die Art und Weise, wie ich über Käufe nachdenke.

Nachhaltig investieren

Verantwortungsvolle Geldanlage beginnt bei der Wahl der passenden Bank. Denn egal ob Sparbuch, Girokonto oder Tagesgeld: Banken nutzen das ihnen anvertraute Geld, um Rendite zu erwirtschaften – nicht immer im Sinne ihrer Kund:innen. Wer also auch beim Thema Finanzen Wert auf Nachhaltigkeit legt, sollte sein Geld einer grünen Bank wie der Tomorrow, der UmweltBank, der GLS Bank, der Triodos Bank oder der EthikBank geben. Diese legen für ihre Bankgeschäfte strenge soziale und ökologische Mindeststandards an. So werden kontroverse Unternehmen und Branchen von Investments und Finanzierungen ausgeschlossen, etwa Atomenergieproduzenten. Gleichzeitig formulieren viele Institute Geschäftsfelder, in die bevorzugt investiert wird, etwa Klimaschutz oder Bildung.

EMOTION FINANZIELLE Noch mehr Artikel (z. B. „Geld anlegen mit gutem Gewissen“) gibt es hier.

Ein Freund schickt mir eine Studie, älter bereits, aber mit dem schlagenden Titel: „If money doesn’t make you happy, then you probably aren’t spending it right“. Darin unterscheiden ein paar sehr renommierte Psychologen zwischen prosozial und antisozial motivierten Ausgaben. Sie zeigen, dass im Vergleich immer die Menschen glücklicher sind, die in andere Menschen investieren. Und genau das mache ich mit meiner bunten Karte ja auch.

Am Ende habe ich 759 Quadratmeter Regenwald geschützt, sagt die App. Und bietet an, dass man den CO2-Rechner auch ausstellen könne. Ich fahre mit dem Finger über den Regler, minutenlang, lasse es dann aber bleiben. Ein Weilchen möchte ich mir noch in meine Kaufentscheidungen hineinreden lassen. Auch wenn das keine komplette Läuterung ist, so ist es eine Entwicklung.

Dann gehe ich mit meiner Tochter zur Eisdiele und kaufe ihr eine riesige Waffel mit drei Kugeln, Sahne und ganz viel Streuseln. Dafür bezahle ich aber in bar. Man muss ja nicht alles aufrechnen.