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A. R. PENCK: Noch ist das Bild nicht am Ziel


Weltkunst Spezial - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 27.06.2019

Der ruhelose A. R. Penck war viele Jahre das Kraftzentrum des Dresdner Undergrounds. Das brachte ihm den Hass der DDR-Funktionäre, 1980 zog er die Konsequenzen und reiste aus. Im Herbst zeigt das Albertinum, wie er im sächsischen Biotop zu einem der wichtigsten Künstler der Nachkriegsmoderne wurde


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Bildquelle: Weltkunst Spezial, Ausgabe 3/2019

Plopp, schäum, schäum, Prost! So fröhlich klingt es am 30. Mai 1973 in den Dresdner Räumlichkeiten des Verlags Zeit im Bild. Der Parteichef Erich Honecker hat sich vor zwei Jahren an die Macht und an die Spitze der SED geputscht – sollte das etwa ein Grund zum Feiern sein? Nicht hier und nicht heute! In den ...

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... eigens angemieteten Räumen, ausgerüstet mit einer Flasche Sekt, begießen vier Künstler die Gründung der Künstlergruppe »Lücke«. Und natürlich ihre Ausstellung. Die jungen Männer sehen punkig und abweichlerisch aus. Es handelt sich um Steffen Terk, Wolfgang Opitz, Harald Gallasch und A. R. Penck. Sie feiern einen glücklichen Augenblick, denn auch der geschätzte, aufgeschlossene Dresdner Museumsdirektor Werner Schmidt nebst dem wohlwollenden 84-jährigen Ausnahmekünstler Hermann Glöckner zählen zu den Besuchern der Ausstellung.

Zack, gewonnen! So schreibt man Kunstgeschichte, so bilden sich erfolgreiche Künstlergruppen, so werden Stars gemacht, jedenfalls überall in der westlichen Welt. Im ostdeutschen Dresden läuft vieles anders. Schmidt nennt das Ganze später einen »Partisanenstreich «, denn keiner der vier Männer ist im Künstler-Einheitsverband. Die Ausstellung ist nicht genehmigt, dürfte also gar nicht stattfinden. Heimlich kümmert sich Schmidt darum, dass ein paar Werke dieser und anderer Unliebsamer in die staatlichen Sammlungen kommen. Dass die vier ihre von der Obrigkeit nicht akzeptierte Kunst direkt in einem linientreuen Verlag zeigen, ist frech und mutig. Es ist aber vor allem gefährlich, denn es ist verboten.

Das ist echter Punk. Denn der Schlachtruf »No Future!« darf in der DDR für solche Aktionen ruhig wörtlich verstanden werden. Wer sich so was traut, hat meist keine Zukunft in diesem Staat – dies erinnert der zur nächsten Generation gehörende Künstler Thom di Roes in einem späteren Dokumentarfilm des Regisseurs Thomas Claus. Heute arbeitet Claus an einem neuen Film zu Penck und seinem Umkreis, der im Herbst 2019 im Sender RBB gesendet wird. Fasziniert von der Kühnheit der künstlerischen Avantgarde, widmet sich der forschende Filmemacher zudem der Aufarbeitung von gut zwanzig »Lücke «-Filmen, die Penck mit Opitz gemeinsam gemacht hat. Auch mit diesen performativen, parodistischen und aktivisti-schen Streifen behaupten Penck und Kollegen den ostdeutschen Kunst-Untergrund – ganz einfach, weil sie ihn behaupten müssen. Sie werden verboten, behindert und überwacht, oft aus dem engsten Freundeskreis. Wer da den ersten Stein schmeißen will, dem fliegt er oft selbst um die Ohren. Und das ist bis heute so. Die Taktik der Zersetzung, die die Stasi wie kein anderer Geheimdienst perfektioniert hat, sie wirkt bis heute nach.

Wobei es für die Künstler oft noch schlimmer ist, dass man ihre Arbeit nicht ernst nimmt. Pencks zwanzig Ölbilder, die bei der Ausstellung im Mai 1973 zu sehen sind, werden in Stasi-Akten als »Farbkleckserei « bezeichnet. Dabei hat Penck im Westen 1972 bereits an der bahnbrechenden Harald-Szeemann-Documenta teilgenommen und ist zuvor in Krefeld mit einer musealen Einzelausstellung gewürdigt worden. Auch im Osten horcht man auf, doch nur im negativen Sinn. Kurz nach der Ausstellung bei Zeit im Bild wird Penck zum Reservedienst in die Armee eingezogen. Sein Freund Terk muss ebenfalls in die Kaserne. Das Ziel dieser durch den Geheimdienst geförderten Aktion: Die Künstlergruppe soll zerschlagen werden.

»Ich aber komme aus Dresden«, das schreibt Penck 1992 nicht nur stolz, sondern vor allem mit einer störrischen Konnotation. Damals stellt er erstmals offiziell und groß in Dresden aus, es ist ein von BMW finanzierter Siegeszug in die Stadt seiner Kindheit, seiner Kunstentwicklung, seiner Albträume. Er hat Dresden, in dem er so verfolgt worden ist, lange Zeit gehasst, hat das schöne Elbflorenz in einem Gemäldetitel als »ästhetische Provinz « beschimpft und den DDR-Geist genauso wie den generellen Informationsmangel angeprangert. »Wenn die Philosophie auf das Niveau des Schrebergartens herabsinkt, wird der Schrebergarten zum Hauptinhalt der Philosophie. So weit habt ihrs gebracht!«, wütet er in einem westlichen Ausstellungskatalog. Erst nach der Wiedervereinigung schnipst er seine sozialistische Herkunft dem Allesfresser-Kapitalismus entgegen. Denn wer aus Dresden kommt, auch das sagt er implizit, wer hier gegen alle Widerstände groß geworden ist, der lässt sich nicht einfach einkaufen und versöhnen. Unter den Verfehlungen des realen Sozialismus hat Penck gelitten, was im Gegenzug freilich nicht bedeutet, dass er sich demokratischer Marktlogik unterworfen hat. Er nutzt sein Talent, um zwischen den Extremen zu balancieren.

Penck und Dresden, das ist bis heute eine spannende Angelegenheit. Man kann die alten Künstlerfreunde in der Stadt besuchen und befragen: Klaus Liebscher, Peter Graf, Peter Makolies, Frank Maasdorf und viele mehr. Auch Pencks Geburtshaus steht noch, seine Schwester soll dort bis heute in der elterlichen Wohnung leben. Doch in den Staatlichen Kunstsammlungen gibt es verhältnismäßig wenige Werke von ihm, denn nach der Wiedervereinigung konnte kaum nachgesammelt werden. Da ist es ein riesiger Glücksfall, dass die Städtische Galerie 2007 die Sammlung des alten Penck-Freundes Jürgen Schweinebraden erwerben konnte. Aus dem bedeutenden Fundus von 470 Werken schöpft zu einem guten Teil auch die Schau des Albertinums in diesem Herbst.

Unbekannt waren 20 Super-8-Filme, die Penck und Wolfgang Opitz in den 70ern drehten. Jetzt arbeitet sie der Regisseur Thomas Claus auf und integriert sie in seinen Penck-Film, der im Herbst ausgestrahlt wird,u. ein Still mit Penck und einem Werk von Harald Gallasch.Re. Seite: Weihnachtsfeier der »Obergrabenpresse«, 1979(o.li.) ; eine Systemreflexion Pencks auf Schachtelpappe, 1978(oben re.) ; »Krater«, ein Gemeinschaftsgemälde der »Lücke«-Gruppe, 1972(u.) .Seite 46/47: A. R. Penck Ende der 70er in Dresden, porträtiert von Peter Graf

Mit Penck stammt einer der größten Maler des 20. Jahrhunderts aus Dresden. Das zeigt, dass Kritik und Widerstand, manchmal sogar schlimme Bedrohungen, einen von Kunstwillen bestimmten Menschen nicht zwingend mundtot machen. Im Gegenteil, sie können ihn zu Höchstleistungen anstacheln. Umgekehrt darf sich auch jeder an der Vorstellung wärmen, dass es Mutige wie Penck gegeben hat, die sich zu diktatorischen Zeiten so weit aus dem Fenster gelehnt haben, dass man sie sehen konnte.

Musik war existenziell für Penck, hier 1979 am Schlagzeug(u.) beim Freejazz mit Helge Leiberg und Michael Freudenberg.Linke Seite: Das »Selbstbildnis im Spiegel« von 1961(o.li.) bereitete Pencks Kunstauffassung zwischen Konzept, Expression und Systemtheorie vor. Im Dresdner Atelier in der Gostritzer Straße, 1979(o.re.) , herrschte ebenso Struktur wie im philosophischen Skizzenbuch »Visuelles Denken, Technik des Verstehens« von 1972/73(u.li.) oder der abgründigen Assemblage »Alte Waffe«, 1972, Holz, Blech, Zeitungspapier(u.re.)

Natürlich ist Dresden zu DDR-Zeiten nicht nur Stasi-Sumpf: Es hält Nischen bereit, preisgünstige Arbeitsräume, Stille, Ruhe. Und viel Zeit. Eine eigenwillige Kultur hat sich in dieser Stadt behauptet: Bei Liebscher, dessen Wohnung in den 1960ern zum Szenetreff wird, kann man Jackson Pollock bewundern – als Reproduktion, versteht sich. Das Leonhardi-Museum fährt im Ringen mit der offiziellen Kulturpolitik einen eigenwilligen ästhetischen Kurs. Terk kann sich, zumindest für einige Jahre, mit der »Lücke« einen Spielraum im Untergrund schaffen. Und hier wächst, im Dunst schwelender Kriegsruinen, auch ein Sturkopf wie Penck auf, der am Realismus, am »Menschenbild« weiterarbeitet und sich einen »thematischen Künstler« nennt. Autonomie-Ästhetik ist ihm schnurz. Er will nicht formalistische Versuche anstellen, er will die Wirklichkeit durchdringen.

In den Fünzigern und Sechzigern, obwohl Begrenzung und Verfolgung für Penck bereits beginnen, erlebt er ein paar stille glückliche Jahre. Er nutzt die mangelnde Geschäftigkeit nicht nur, um zu flirten und sich zu verlieben, im Freibad abzuhängen. Vor allem nutzt er sie, um tagelang mit Freunden zu diskutieren, nachzudenken, zu lesen. Und ständig zu zeichnen. Er arbeitet mit dem, was er findet, was er geschenkt bekommt. Und er arbeitet mit dem, was er in sich entdeckt. Sein damaliger Freund Georg Baselitz erzählt das so: »Es vergingen Jahre, in denen Penck lachend mit Skizzenbuch und Bleistift in der Straßenbahn saß. Die Erträge der kleinen Reisen, der Besuche bei Freunden, die wenigen Bücher, alles in diesen Heften. Der Umsturz begann im Skizzenbuch.«

Baselitz ist das alles zu still, zu langweilig, er haut ab in den Westen. Penck hingegen schöpft aus der scheinbaren Dürftigkeit eine enorme Kraft. Er durchdenkt die gemeinschaftliche Idealvorstellung des Sozialismus, will die Gesellschaft mittels neuester Theorien verändern. Im Spiegel geheimdienstlicher Bedrohungen klingt das fast zu romantisch, doch muss man sich nur mal einen Brief durchlesen, den Penck dem befreundeten Mathematiker Fritz von Klitzing schreibt.

Penck beschäftigt sich in den Sechzigern zunehmend mit Kybernetik, weil diese neue systemlogische Theorie ihm dazu dienen soll, Gesellschaften zu verstehen, sie gar zu steuern. Zu Pfingsten 1967 schreibt er Klitzing also: »Um auf das Kernproblem draufloszugehen: Welches logische Modell einer Anordnung von Schaltern und Transformationen = der eines organischen Systems mit Selbstbewusstsein. Das scheint mir in dieser Situation der Kybernetik die entscheidende Fragestellung zu sein. Denn entweder ist das Bewusstsein das Ergebnis realer Prozesse, deren Struktur logisch nachgebildet werden kann (das wirft ein Licht auf das, was diese Welt ist), oder das Bewusstsein ist etwas anderes (es ist von Gott, das wirft ebenfalls Licht auf das, was diese Welt ist).«

Die letzte, heute harmlos wirkende Bemerkung ist durchaus pointiert, denn in der gottlosen DDR werden sogar Begriffe wie Passionsweg, Religionslehre oder Sündenfall aus dem Wörterbuch gestrichen. Penck schreibt weiter: »An diese Frage knüpft sich sofort eine andere. Kann eine Maschine hergestellt werden, die ein organisches System mit Bewusstsein imitiert, das wirft Licht auf die Frage, was aus der Welt werden kann. Meine eigenen Überlegungen, die mich zu diesem Ansatz brachten, waren philosophischer Natur, mit Mathematik befasse ich mich erst seit Kurzem.« Dann stellt Penck die grandiose Frage: »Gibt es ein Maß für Kompliziertheit? « So klug und naiv kann nur ein Künstler fragen.

Penck durchdachte das gemeinschaftliche Ideal des Sozialismus und wollte die Gesellschaft mittels neuer Theorien verändern. Das hat die Staatsmacht provoziert.

Penck heißt eigentlich Ralf Winkler. 1939 geboren, wächst er im Dresdner Vorort Naußlitz als Sohn einer Sonderschullehrerin auf. Der Vater macht sich erst rar und geht dann in den Westen. Penck sonnt sich in der Liebe von Mutter und Großvater, sie unterstützen ihn. Ansonsten eckt er an. Er fliegt von der Schule, funktioniert nicht in den Ausbildungsbetrieben, wird an keiner Kunsthochschule genommen. Mit dem »Böttcher-Kreis« um den Maler und Filmemacher Jürgen Böttcher, findet er Mitte der Fünfziger erstmals eine Realität für seine Kunst, obwohl er bereits mit zehn das Malen und Zeichnen begonnen hat. Jetzt kommen Gespräche, Übungen, Kritik hinzu. Und Jazz.

Getragen von der Idee des Sozialismus, ist Penck gleichzeitig süchtig nach Moderne und Abstraktion, was in der DDR beargwöhnt wird. Einige seiner frühen Werke sind stark an Picasso orientiert. Um das Jahr 1960 herum teilt Penck sich in der Löbauer Straße im Nordosten der Stadt ein Atelier mit seinem Künstlerfreund Makolies, der im unteren Stockwerk an Skulpturen meißelt, während Penck oben malt. Geld haben sie wenig, Ruhm auch nicht. Aber sie wissen, dass sie gute Kunst machen.

Stimmt ja auch! Im Jahr 1961 entsteht Pencks Gemälde »Selbstbildnis im Spiegel«, das seine revolutionäre Kunstauffassung vorbereitet. Dass dieses Selbstporträt in der DDR nicht ankommt und 1961, bei der Berliner Ausstellung »Junge Künstler« gezeigt, Pencks Karriere im Osten eigentlich schon beendet, sei nur am Rande bemerkt. Anstatt sich mit der haltlosen Kritik – »Formalismus «, »Bourgeoisie«, »Dekadenz« – auseinanderzusetzen, sollte man sich lieber das Kunstwerk genauer anschauen. In dem Porträt, in der Einfachheit des grafischen Aufbaus, dem Linienhaften, deutet sich Pencks Strich-Ästhetik an, eine genialische Abstrahierung der Systeme und Figuren. Das Selbstporträt zeigt einen Individualisten, in ein ärmliches Kleid gehüllt. Der Künstler hat Kreide mit Sand zu bröckeligem Pigment vermischt und sich damit ins Allgemeinmenschliche typisiert. So zurückhaltend wie hier hat er sich in über fünfzig hinterlassenen Selbstbildnissen nie dargestellt. Fast scheint es, er habe das Scheitern des individualistischen Porträts abbilden wollen. Der Spiegel, der jedem Maler seit Jahrhunderten hilft, sein Konterfei zu erfassen, wirft den immer gleichen menschlichen Abdruck zurück, der dann als Kunstwerk übrig bleibt. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Menschengesicht.

Das expressive, unbetitelte Gemälde lässt Konflikte des Menschen in seinem System aufscheinen. Es entstand 1979/80 und gehört zu Pencks letzten Werken in Dresden


Penck hat viele Wellen geritten, den Widerstand ausgekostet und auch den finanziellen Erfolg. Doch immer wieder ist er abgesprungen, wenn es ihm nicht mehr passte.

Bei Pencks Selbstporträt sieht man schon die minimalen, verdichtenden Striche und Strichmännchen, die kurz darauf, noch 1961, sein erstes »Weltbild« (heute im Kunsthaus Zürich) auszeichnen. Man sieht seinen Stil, und damit auch das Individuelle. Penck wird mit diesem Stil Kunstgeschichte schreiben. Und obwohl das »Weltbild« viel berühmter ist, scheint das Selbstporträt, das sich noch in Dresden beim alten Penck-Freund Makolies befindet, fast noch wegweisender zu sein. Es nimmt andeutungsweise vorweg, was Penck erreichen wird: Er verbindet Symbolismus und Realismus, er flicht das Konzeptuelle in eine expressionistisch überschwängliche Malerei, macht aus feinen Skizzen riesige Gemälde und aus der Welt eine Systemskizze. Penck entwickelt eine rationale Ästhetik, eine Kunst allgemeiner Kommunikation. Gleichzeitig geht er ins total Biografische, total Geheimnisvolle.

Durch Baselitz wird Penck Anfang der 1960er mit dem jungen Kunsthändler Michael Werner bekannt gemacht. Dass er mit diesem Galeristengenie einen starken Verbündeten gewinnt, der ihn von seinem Kölner Standort aus berühmt machen wird, das hat Penck extrem geholfen. Zwar kann er selbst nicht nach drüben reisen, doch bekommt seine Kunst im Westen einen riesigen Spielzwungen raum. Das trägt massiv dazu bei, die Dresdner Ruhe ins Produktive zu wenden. Um 1970, noch bevor die »Lücke« gegründet wird, entwickelt Penck eine Symbolsprache namens »Standart«. Damit will er eine Kommunikationsform schaffen, die jeder versteht, die jeder aufnehmen und verändern kann. Er will »Signale« erfinden, die den Menschen berühren, ihn weiterbringen, teils mit fast zauberspruchartiger Intensität. Penck entwickelt »Standart«, wie er es formuliert, »mit und gegen Frank Maasdorf«, einem kunstaffinen Abiturienten, den er auf einer Geburtstagsfeier kennenlernt. Dieses »mit und gegen« ist die Formel für Pencks Widerstandsgeist, für seine Lebensstruktur und sein Verhältnis zu Dresden. Denn er entwickelt seine Kommunikationskunst in einer Atmosphäre der Geheimniskrämerei, an die sich Terk mit leichtem Schaudern erinnert: »Das Geheimnis war das, was den Osten verstörend machte: geheime Gedanken, geheime Vorgänge, geheime Beziehungen, Geheimsprachen, Geheimdienst.«

Stets, auch im Zwangssystem der DDR, wird Penck von seinem Kunstwollen getrieben. Als er 1980 nach jahrelangen Überwachungs-und Störungsexzessen der Stasi zur Übersiedlung in die Bundesrepublik geSpielzwungen wird, kommt er mit dem neuen Sozialleben im Westen nur schwer zurecht. Doch was die Kunst angeht, haben ihn problematische Situationen stets zu Höchstleistungen angestachelt. Künstlerisch beginnt jetzt eine Phase der absoluten Meisterschaft. Als er 1982 in seine erste New Yorker Einzelausstellung spaziert, in der legendären Galerie von Ileana Sonnabend, merkt er gleich: Nö, die Hängung gefällt mir nicht. Und dann hängt er kurzerhand um.

Penck will »Störfaktoren« einbauen, an dieses fremde deutsche Wort erinnert sich der damalige Galerieleiter Antonio Homem noch heute. Und Penck lernt in New York auch den aufsteigenden Maler Jean-Michel Basquiat kennen. Beide schätzen die Kunst des anderen. Am gesellschaftlichen Leben des Big Apple beteiligt sich der emigrierte Deutsche aber nicht. Der Kunstszene weicht er meist aus, doch malerisch ist er ganz vorne mit dabei. Seine Kunst hat das große Revival der Malerei in den Achtzigern vorbereitet. Ohne Pencks Pinselstriche, die den Expressionismus mühelos zu Konzeptkunst umdeuten und das Konzept zum Ausdruck drängen, sind junge wilde Maler wie Rainer Fetting kaum denkbar. Pencks Riesengemälde »Dis« und »Chi Tong« geben 1982 der Berliner »Zeitgeist«-Schau einen festen Stand. Sie sind malerisch kühn und politisch brisant, besser geht es kaum. Seine wohl beste Ausstellung wird 1988 die Retrospektive in der West-Berliner Nationalgalerie. Sogar Eduard Beaucamp, der mit Pencks Galerist Michael Werner im Dauerclinch liegende Kritiker der FAZ, zieht den Hut: »Noch nie ist Mies van der Rohes Riesenhalle so eigenwillig-überzeugend durch einen monumentalen Widerspruch erschlossen worden. Der Berliner Schau haftet nichts von vorzeitigem Schlusswort und Resümee an, sie ist eher eine Bekräftigung. Aufgeschlagen ist ein großformatiges, bildnerisches Tagebuch. Es kündet von den dunklen Depressionen und

Angstträumen, aber auch von der ungebärdigen Lust und dem Glück seines Schöpfers.« Angstträume und Glück: In den späten Neunzigern zieht sich Penck fast gänzlich zurück. Anstatt die letzte Ruhmesstufe zu erklimmen, macht er einen Schritt ins Dunkle, verschwindet sozusagen wieder im Untergrund. Von 2015 an muss er schlaganfallbedingt viel Zeit in Krankenbetten verbringen. Dann kollabiert sein Körper, der so vielen Widerständen getrotzt hat und auf der Suche nach Themen und Kunst um die ganze Welt gerast ist. Am 2. Mai 2017 stirbt A. R. Penck in einem Zürcher Krankenhaus. Sein Vermächtnis: Er hat bewiesen, dass Expression nicht unbedingt viel Farbe braucht, dass Malerei schlau und theoriefest sein darf, dass man sich gleichzeitig im Untergrund der DDR und im westlichen Kunsthimmel behaupten kann. Pencks Werk greift nach der Ewigkeit, weil der künstlerische Ausdruck so kühn, so hemmungslos ist, wenngleich die politischen Zwänge seines Lebens erdrückend gewesen sind.

Wir Heutigen sollten uns davon eine Scheibe abschneiden, wobei es wohl noch zu früh für eine abschließende Bewertung ist, allerorts spürt man ein Geziehe und Gezerre um Penck und sein Werk. Ganz sicher wird er jedoch als der Künstler erinnert werden, der alles erreicht und dann alles fallengelassen hat. Er hat nie glaubwürdig an seiner Karriere gebastelt, doch hat er bis zum Schluss und höchst diszipliniert an drei Prinzipien festgehalten: Untergrund und Hintergrund, Widerstand, Chaos.

In diesem Oktober würde Penck seinen 80. Geburtstag feiern. Die Ausstellung, die das Dresdner Albertinum aus diesem Anlass ausrichtet, ist eine Art Brennglas, unter dem der Dresdner Penck sichtbar wird. Spektakulär ist sein Wirken von den Fünfzigern bis zur Ausbürgerung 1980, er hat sich im Freejazz, in Skulpturen, Künstlerbüchern, Zeichnungen und Gemälden verwirklicht. Und auch die bereits erwähnten Super-8-Filme, die er mit Wolfgang Opitz’ Hilfe gedreht hat, werden teilweise gezeigt. Zudem legt die Ausstellung besonderes Augenmerk auf Pencks Arbeit in Gruppen: im »Böttcher-Kreis«, in der »Lücke«, bei der Gründung der Druckwerkstatt »Obergrabenpresse«.

Penck ist nicht nur einer der wichtigsten deutschen Nachkriegskünstler. Vor allem ist sein Leben auf ewig mit der Kunststadt Dresden verknüpft. Er hat viele Wellen geritten, hat den Widerstand ausgekostet und auch den finanziellen Erfolg. Doch immer wieder ist er abgesprungen, wenn es ihm nicht mehr gepasst hat. Und dieser störrische Geist, der (im Guten wie im weniger Guten) etwas speziell Dresdnerisches zu sein scheint, steckt auch in Pencks Kunst.

Kurz nach der Wiedervereinigung hat er auf das Dach des neu gebauten, von ihm ausgestatteten »Penck Hotels« eine Monumental-Bronze installieren lassen. Die tonnenschwere Skulptur baumelt mit ihrem Riesenpenis über der Stadt, zeigt mit langem Mittelfinger gen Rathaus. Es ist der wichtigste öffentlich sichtbare Ausdruck dieses großen Dresdner Sohnes. Vielleicht sollte man das nicht als Frivolität verstehen, sondern als ein »Signal« im Penck’schen Sinne. Dieses Signal trompetet laut in die Welt: Leute, nicht vergessen, am Ende gewinnt immer die Kunst! Aber Penck hat auch, im Jahr 1992, programmatisch gesagt: »Noch ist das Bild nicht am Ziel«. Auf sein Werk trifft das ganz sicher zu. ×

Die Ausstellung »A. R. Penck: Ich aber komme aus Dresden (check it out man, check it out)« läuft im Albertinum vom 5. Oktober bis 12. Januar 2020

Im »Großen Weltbild« von 1965(o.) bevölkern archaisch aussehende Strichmännchen eine Erdscholle, die durch das Weltall fliegt. Das Gemälde ist voller rätselhafter Symbole. »Objekt/Objektiv« von 1976(u.) ist eine Art strukturalistischer Analyse


Bild links: Wolfgang Opitz/Archiv Thomas Claus; vorige Doppelseite: Peter Graf/Städtische Galerie Dresden – Kunstsammlung Museen der Stadt Dresden (KMdSD)/VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Für alle auf S. 46 bis S. 54 abgebildeten Werke von A.R. Penck (Ralf Winkler) gilt außerdem: VG Bild-Kunst-Bonn 2019

Bilder rechts: Erhard Peschke/Städtische Galerie Dresden -KMdSD; Franz Zadniček/Städtische Galerie Dresden -KMdSD; Albertinum/Galerie Neue Meister, SKD; folgende Doppelseite: Reni Hansen/Kunstmuseum Bonn

Bilder links: Werner Lieberknecht/Courtesy Peter Makolies; Erhard Peschke/Städtische Galerie Dresden -KMdSD; Herbert Boswank/Städtische Galerie Dresden; Franz Zadniček/Städtische Galerie Dresden -KMdSD; Bild rechts: Volker Tenner

Bilder: Rheinisches Bildarchiv, Sabrina Walz, rba_d047242; Franz Zadniček/Städtische Galerie Dresden -KMdSD