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„Ab 2022 wieder auf die Erfolgsspur“


neue energie - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 02.07.2020

…will Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig. Im Interview erklärt er, welche Schritte das Windkraftunternehmen dafür unternimmt und was er Kritikern aus der Politik entgegnet.


Interview

neue energie: Zahlreiche Medien haben darüber berichtet, dass Enercon im vergangenen Herbst beinahe die Liquidität ausgegangen wäre. Wie dramatisch war die Lage?
Hans-Dieter Kettwig: Nun, man muss den Lesern von neue energie ja nichts über den Markteinbruch für Onshore-Wind in Deutschland erzählen. Wir waren dort jahrzehntelang Marktführer. 2017 haben wir hierzulande noch mehr als 700 Anlagen errichtet, 2019 waren es nicht ...

Artikelbild für den Artikel "„Ab 2022 wieder auf die Erfolgsspur“" aus der Ausgabe 7/2020 von neue energie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: neue energie, Ausgabe 7/2020

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... mal mehr 100. Und eine bessere Perspektive für Wind an Land ist – trotz aller grünen Konjunkturprogramme – zurzeit nicht in Sicht. Für uns ging der Einbruch erstmals in der Firmengeschichte mit Verlusten einher. 2018 und 2019 haben wir jeweils einen dreistelligen Millionenbetrag Minus gemacht. Hohen Kosten für eine fast gänzlich in Deutschland angesiedelte Wertschöpfungskette standen viel zu wenige Aufträge und ein immenser Kostendruck gegenüber. Diese Kurzfassung der dramatischen Entwicklungen mag manche Medien veranlasst haben, zu spekulieren, ob uns die Liquidität ausgehe. Fakt ist: Enercon war und ist jederzeit in der Lage, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Geholfen hat uns in besonderem Maße die in den letzten Jahren gewachsene, hohe Eigenkapitalquote.

ne: Wie wollen Sie die Situation wieder verbessern?
Kettwig: Für Enercon gibt es vor allem zwei Wege, die Abwärtsspirale zu stoppen: Zum einen werden wir den Hauptfokus auf unseren bisherigen Kernmarkt Deutschland und die hiesige Wertschöpfungskette verändern müssen. Wir werden uns noch internationaler ausrichten. Zum anderen besteht die Notwendigkeit darin, die Herstellungs- und Entwicklungskosten der Anlagengeneration der Zukunft zu reduzieren. Vor dem Hintergrund verschärfter internationaler Wettbewerbsbedingungen haben die Costs of Energy zentrale Bedeutung, auch und gerade bei bester Qualität. Wir haben bereits 2019 mit Unterstützung der Aloys-Wobben-Stiftung einen strikten Restrukturierungskurs eingeschlagen, der unter anderem diese beiden Ziele verfolgt. Gleichzeitig fokussieren wir auf unser Kerngeschäft Entwicklung, Vertrieb und Service von Onshore-Windenergieanlagen. Im Zentrum stehen da- bei Neuentwicklungen wettbewerbsfähiger Windenergieanlagen sowie eine Optimierung der globalen Supply Chain. Im Zuge dieser strategischen Neuausrichtung werden die Geschäftsfelder Eigenbetrieb, Energieerzeugung und Energievermarktung in ein neues Unternehmen überführt.

Hans-Dieter Kettwig ist Chief Executive Officer (CEO) des Windkraftanlagenherstellers Enercon.

ne: Gehen Sie davon aus, auf diese Weise wieder in die Spur zu kommen? Welche Prognose geben Sie zur Entwicklung des Unternehmens für 2020 und 2021 ab?
Kettwig: Wir sind davon überzeugt, damit eine solide Basis zu schaffen für die zukunftsfähige Weiterentwicklung sowohl des Geschäftsmodells von Enercon wie auch des Bereichs Energieerzeugung und -vermarktung aus Onshore-Windenergieanlagen, der in der nächsten Phase der Energiewende zunehmende Bedeutung erhält. In den Jahren 2020 und 2021 befinden wir uns noch im klar definierten und gut durchgeplanten Turnaround-Prozess, der uns ab 2022 wieder auf die Erfolgsspur bringen wird – fokussiert auf Märkte, in denen Onshore- Wind aussichtsreiche Rahmenbedingungen hat. Inwieweit Deutschland weiterhin in der ersten Liga unserer Kernmärkte mitspielen wird, hängt sehr stark davon ab, ob die hiesigen Hauptprobleme politisch gelöst werden. Dazu gehören die Flächenverknappung, der Genehmigungsstau und die Akzeptanzdiskussion. Aber vor allen Dingen darf die positive Vision der 100-Prozent-Versorgung mit dezentralen erneuerbaren Energien nicht aufgegeben werden.

ne: Seitens niedersächsischer Politiker gab es Kritik an der Gesamtstrategie von Enercon. Was entgegnen Sie darauf?
Kettwig: Sicherlich haben auch wir in der Vergangenheit Fehler gemacht, die mit zur Krise beigetragen haben. Das haben wir auch nie bestritten. Aber wir müssen doch Folgendes festhalten: Ein Unternehmen kann eine weit überdurchschnittliche Fertigungstiefe nicht langfristig in einem Markt halten, der die Produkte am Ende nicht aufnimmt. Das haben die meisten Landes- und Kommunalpolitiker gerade in Hannover und Aurich, aber auch an unserem Standort Magdeburg komplett verstanden. Ich möchte mich in diesem Zusammenhang für die sachlichen Gespräche und Diskussionsrunden, in denen wir unsere Beweggründe erläutern durften, bedanken. Natürlich sind auch kritische Stimmen nachvollziehbar. Wir befinden uns in einer Restrukturierungsphase, wo es leider nicht nur Gewinner gibt. Die Erneuerbaren- Industrie entwickelt sich ähnlich wie andere Industrien, die vom internationalen Geschäft leben müssen.

ne: Das heißt?
Kettwig: Der Markt diktiert die Struktur, in der geliefert werden muss. Leider können wir daher unsere Produktionspartner in Deutschland nicht mehr im bisherigen Umfang mit Aufträgen versorgen. Das geht mit schmerzhaftem Jobabbau und dem Aus für ganze Firmen einher, deren Existenz von Enercon-Aufträgen abhing. Manche Politiker werfen uns vor, zu lange inaktiv geblieben zu sein. Wenn man diese Kritik zu Ende denkt, kann der Vorwurf doch nur heißen, dass wir zu lange auf den deutschen Markt vertraut und nicht rechtzeitig genug angefangen haben, Wertschöpfung aus Deutschland heraus zu verlagern. In der gesamten deutschen Windbranche gingen in den letzten vier Jahren mehr als 40 000 Jobs verloren. Es ist politisch allzu billig, in dieser Situation nur auf uns als einen prominenten Player zu zeigen und zu sagen: Deren Probleme sind halt hausgemacht.

ne: Enercon hat einen tiefgreifenden Umbau angekündigt. Was genau soll in welchem Zeitraum geschehen?
Kettwig: Über die Motive und Ziele unserer Neuausrichtung habe ich ja schon einiges gesagt. Derzeit sind wir mit unseren Mitarbeitern aus allen Bereichen des Unternehmens sowie einem Beratungsunternehmen dabei, die entsprechenden Maßnahmenpakete umzusetzen. Das erfolgt mit höchster Priorität, denn für den Turnaround besteht ein enger Zeitplan bis Ende 2022. Ganz vorne auf der Liste steht die Op- timierung der Costs of Energy. Das ist die Eintrittskarte für unsere Windenergieanlagen in die Auktionssysteme der meisten Länder. Aber es geht auch um mehr Effizienz in allen Bereichen, die Absicherung von internationalen Lieferketten. Wir wollen an die Erfolge früherer Jahre anknüpfen. Dafür müssen wir manche alte Zöpfe abschneiden, uns intern neu organisieren, um effizienter, schneller, besser zu werden und den gestiegenen Mitarbeiter- und Kundenanforderungen in einem aggressiveren Wettbewerbsumfeld optimal zu entsprechen. Wir müssen Veränderungen als Chance begreifen, etwa wenn wir industriefähige Energie liefern wollen. Sonst wird die Erneuerbaren-Erzeugung im Klein-klein steckenbleiben.

ne: Welche Konsequenzen hat der Umbau für die Produktpalette?
Kettwig: Die unmittelbar zu beeinflussenden Costs-of-Energy-Stellschrauben einer Windenergieanlage wie Leistung, Effizienz und Ertrag liegen auf der Hand. Leicht nachzuvollziehen sind auch Kosten für Produktion, Logistik und Aufbau, die in den Produktpreis einfließen, sowie für Betrieb und Wartung während der Betriebsphase. Ein klarer Fokus sowohl bei Forschung und Entwicklung als auch im Vertrieb liegt daher auf den großen, ertragreichen Turbinen der EP3- und EP5- Serie. Die Gondeln dieser Anlagen mit mehr als drei beziehungsweise fünf Megawatt Leistung sind deutlich leichter und kompakter als die der Vorgängermodelle. Dadurch sind sie besser transportabel und können deutlich schneller montiert werden. Der modulare Stahlturm spart in Kombination mit dem Kletterkran zudem Zeit, Stellfläche und Baustellenlogistik. Zudem haben wir nun sowohl die Permanent-Generatoren als auch die altbewährte Synchrongenerator-Technik an Bord. Dies verschafft uns Vorteile, wenn wir über die Sechs-MW-Windenergieanlage der Zukunft nachdenken. Doch neben den modernen Großanlagen bieten wir nach wie vor eine breite Palette an bewährten Anlagen der Ein-bis-drei-MW-Klasse. Die eignen sich nicht nur für spezielle topographische Situationen, beispielsweise auf Inseln oder engen Standorten. Wir gehen zudem davon aus, dass bei zahlreichen Repoweringstandorten künftig die Entscheidung anstehen wird: Lässt sich der Windpark durch Anlagen ähnlicher Dimensionierung erhalten oder gibt man ihn komplett für die Windenergie verloren? Wir plädieren dafür, den alten Standorten eine Chance für Weiterbetrieb und Erneuerung zu geben.

ne: Bleibt es bei den angekündigten Stellenstreichungen, also 3000 von 18 000, bis Ende 2020? Könnten es auch noch mehr werden?
Kettwig: Unsere Aussage aus dem vergangenen Herbst gilt nach wie vor: Wir schätzen, dass bis Ende 2020 bei uns und unseren direkten Produktionspartnern mindestens 3000 Arbeitsplätze betroffen sind.

Weiterungen sind mit dem Fortgang des Transformationsprozesses nicht ausgeschlossen. Das hängt jeweils auch von den Entwicklungen der politischen Rahmenbedingungen ab. Doch Sie können davon ausgehen, dass wir jeden Schritt sehr genau überlegen und die Pros und Contras immer sorgfältig abwägen. Wir wollen Arbeitsplätze in Deutschland und der EU behalten und einen Kahlschlag des Knowhows wie in der Solarindustrie vermeiden. Aber – wir wissen nicht, was die Zukunft bringt.

ne: Wie soll sich das Auslandsgeschäft anteilig entwickeln?
Kettwig: Schon vor dem Kollaps des deutschen Marktes haben wir rund 40 Prozent des Umsatzes außerhalb von Deutschland gemacht. Künftig wird die DACH-Region mit Deutschland, Österreich und der Schweiz einer von etwa zehn globalen Kernmärkten sein, in denen wir die Marktführerschaft innehaben oder mittelfristig anstreben. Wir wollen zudem unsere Aktivitäten in Asien und in Südamerika ausbauen. Darüber hinaus beobachten wir die sehr dynamische Entwicklung auf dem Weltmarkt. Beispiel Afrika: Dort macht in vielen Regionen eine von Grund auf erneuerbare, dezentrale Energieversorgung, basierend auf Sonne und Wind in Verbindung mit Speichern am meisten Sinn. In Sachen stabiler, regionaler Energieversorgung trotz dezentraler und fluktuierender Einspeisung haben wir viel Know-how. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Onshore-Windenergieanlage weltweit für eine nachhaltige, friedliche Energieerzeugung und -versorgung dienen kann und wird.

ne: Anfang Juni konnte Enercon die Absicherung der langfristigen Finanzierung melden. Was wurde mit den Geldgebern vereinbart und welche Effekte hat das für das Unternehmen?
Kettwig: Ja, das war endlich mal ein echter Lichtblick für das Unternehmen. Es ist uns gelungen, gemeinsam mit den finanzierenden Banken und der Aloys-Wobben-Stiftung einen neuen, langfristigen Finanzierungsvertrag abzuschließen. Dieser umfasst neben der Verlängerung eines bestehenden Kredits auch eine neue Garantielinie. Das Abkommen gibt uns die benötigte Planungssicherheit, um den Turnaround weiter erfolgreich umzusetzen. Neben der Absicherung des internationalen Geschäfts und der Stabilisierung der Projektfinanzierung erwarten wir dadurch auch eine Normalisierung unserer Beziehungen zu unseren Geschäftspartnern und Lieferanten, bei denen aufgrund unserer Restrukturierung zuletzt eine gewisse Verunsicherung festzustellen war.

ne: Mit Blick auf die politischen Rahmenbedingungen – welche zentralen Forderungen haben Sie hinsichtlich der EEG-Novelle?
Kettwig: Die Erneuerbaren benötigen wieder klare Wachstumsperspektiven. An politischen Zielen und Konzepten mangelt es nicht. Aber an stringenten Programmen und konkreten Maßnahmen. Es muss jetzt ein Ende haben, dass die Onshore-Wind-Ausschreibungen dramatisch unterzeichnet sind und wir sogar vom Wachstumspfad der Bundesregierung meilenweit entfernt sind. Wir brauchen weniger Hürden für den Ausbau der Erneuerbaren und weniger Belastung für Strom aus regenerativen Quellen. Sonst sind alle Erneuerbaren-Ziele und Sektorenkopplungs-Konzepte obsolet.


Foto: Enercon