Lesezeit ca. 12 Min.

ABBA ZEITKAPSEL DES POP


Logo von Rolling Stone
Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 28.10.2021

Artikelbild für den Artikel "ABBA ZEITKAPSEL DES POP" aus der Ausgabe 11/2021 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 11/2021

ABBA 2021

Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad, Benny Andersson als Abbatare

Es war eine überraschung mit langer Ankündigung. Im Frühjahr 2018 verstetigten sich die Gerüchte um zwei neue Songs von ABBA, die ersten seit 1982. Bald darauf wurde die Meldung bestätigt: Der eine Song sei eine Ballade und heiße „I Still Have Faith In You“, der andere ein Pop-Stück mit dem Titel „Don’t Bring Me Down“. Schon im Herbst sollten die Stücke veröffentlicht werden. Außerdem war die Rede von einem Fernsehspecial, das NBC und BBC vorbereiteten und das wahrscheinlich zu Weihnachten gezeigt werde – allerdings wohl ohne Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad, Björn Ulvaeus und Benny Andersson. Dann verbreitete sich eine andere Nachricht: Zwar werde die Band nicht auf Tournee gehen – doch würden sie von Avataren, digital programmierten Hologrammen („ABBAtaren“!), vertreten. Die letzte Tournee hatten ABBA ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Gimme, gimme, gimme!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gimme, gimme, gimme!
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von post@rol l i ngstone.de. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
post@rol l i ngstone.de
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Ein befreiter Sänger. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein befreiter Sänger
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Vom Reiz des Spätwerks. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Vom Reiz des Spätwerks
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Pat Fish
Vorheriger Artikel
Pat Fish
GÖTTIN DER KLEINEN DINGE
Nächster Artikel
GÖTTIN DER KLEINEN DINGE
Mehr Lesetipps

... im Jahr 1979 unternommen.

Weihnachten 2018 verging. Kein ABBA- Song erschien, und NBC und BBC zeigten keine ABBA-Fernsehshow. Das Jahr 2019 verging ohne ABBAtare. Anfang 2020 verbreitete sich die Corona-Pandemie, es gab gar keine Tourneen mehr. Man sprach über Schweden, weil das Land eine umstrittene Corono-Strategie verfolgte, aber man dachte nicht mehr an ABBA. Agnetha Fältskog hatte viele Jahre nach dem unausgesprochenen Ende der Band gesagt: „Ich träume von ABBA. Jeden Tag denke ich an Björn, Frida und Benny.“ Zur Feier des fünften Jubiläums des Musicals „Mamma Mia!“ im Prince Edward Theatre in London war sie trotzdem nicht gekommen. Und Björn Ulvaeus wiederholte in jeder Dokumentation über ABBA: „Wir sind die Band, die niemals zurückkam.“

Im August 2021 verkündete die Website von ABBA: „The journey is about to begin. ABBA. ‚Voyage.‘“ Einladungen für ein virtuelles Ereignis wurden verschickt. Am Abend des 2. September, einige Sekunden nach 19 Uhr, sieht man die Bilder einer Weltreise: Reykjavík. Rio de Janeiro. Tokio. Berlin. New York. Wien. Überall erzählen Fans, was ABBA ihnen bedeutet, sie singen „Dancing Queen“, sie halten Schilder hoch. Kylie Minogue grüßt aus Australien. Auf einer Dach- terrasse in einem Vergnügungspark in Stockholm sind Fans versammelt. Dann beginnt „I Still Have Faith In You“, ein Rollgriff durch die Bilder der Geschichte von ABBA, der erste Song seit „The Day Before You Came“. Alle Rückblicke der vergangenen 40 Jahre fließen zusammen in diesem einen Lied: „Do I have it in me? I believe it is in there/ For I know I hear a bittersweet song/ In the memories we share.“ Pauken, Trompeten, Streicher, Harmoniegesang. Der Klang von ABBA.

© Alle Rechte vorbehalten (einschl. Text und Data Mining gem. § 44 b UrhG) - Die Rechte liegen beim jeweiligen Verlag. Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung

Dann wechselt der schauplatz. Ein Studio mit Glasfassade über den Dächern von London. Zoe Ball, die aufgedrehte Moderatorin, verkündet die Weltsensation: Am 5. November erscheint ein neues Album von ABBA. Sie begrüßt Björn und Benny. Beide tragen schwarze Anzüge und setzen sich in die Vorstandsvorsitzenden-Sessel, Björn schlank und gespannt, Benny ein wenig zerknautscht und leger. Wenn sie zwei neue Songs geschrieben und aufgenommen haben – warum sollen sie dann nicht noch ein paar weitere aufnehmen?, sagt Benny. „Bevor die Frauen ins Studio kamen, dachte ich plötzlich: Ich habe vergessen, sie zu fragen, ob sie noch singen können.“

Die zweite Weltsensation ist bei einem Blick durch die Glasfenster in Ostlondon zu ahnen. Zoe Ball wendet den Kopf und deutet auf eine Brachfläche, auf der ein schütteres Gerüst zu erkennen ist. „Wart ihr schon dort?“, fragt sie. Björn wendet nicht den Kopf. „Noch nicht. Wir gehen morgen mal hin.“ Auf dem Grundstück entsteht eine Halle für das „Voyage“-Konzert, in dem die ABBAtare im nächsten Jahr zweimal am Tag für jeweils etwa 5000 Zuschauer auftreten werden. Ulvaeus und Andersson, Fältskog und Lyngstad wurden im letzten Jahr in Stockholm für fünf Wochen verkabelt. Jeden Tag bewegten sie sich elf Stunden auf der Bühne und sangen die alten Lieder und die zwei neuen, insgesamt 22 Songs – daraus entstand die Show für die Ewigkeit. 500 Menschen arbeiteten an ihr. Die ABBAtare sehen nicht aus wie die Musiker heute, die zwischen 71 und 76 Jahre alt sind. Sie sehen aus wie ihre Zwillinge von 1979. Ihre Digitalisierung für die Ewigkeit nennt Benny „this digital thing“. „Das Schlimmste war, dass wir uns die Bärte abrasieren mussten.“ Die charakteristischen Bärte bei Benny und Björn sind nachgewachsen.

Aber die Sängerinnen sind nicht zur Präsentation nach London gekommen. „Sie lieben das Projekt nicht so sehr wie wir“, sagt Benny. Agnethas Flugangst ist notorisch, seit die Gruppe 1979 während einer Tour auf dem Flug von Boston nach New York in Turbulenzen geriet und notlanden musste. Man kann davon ausgehen, dass Agnetha und Frida keine glühenden Befürworterinnen der Wiedervereinigung waren. Aber sie taten es den Männern zuliebe, mit denen sie einst verheiratet waren. Nicht einmal ein Statement der beiden wird eingeblendet.

Nur die Songschreiber sprechen. Und sie sprechen gewinnend wie immer, Björn verbindlich und bescheiden, Benny humorvoll und unverstellt. „Wir wollten es machen, solange wir noch leben“, sagt Benny. „Eine alte Maxime der Musikindustrie lautet, dass man nicht mehr als 40 Jahre zwischen zwei Alben vergehen lassen soll“, sagt Björn schelmisch. Er hatte lange Zeit, um sich diesen Satz zu überlegen.

DIE SUCHE

Benny Andersson und Björn Ulvaeus kennen sich seit 1966, als Andersson der Keyboarder der Hep Stars war und Ulvaeus der Gitarrist der Hootenanny Singers. Die Hep Stars spielten amerikanische Songs nach – 1965 führten sie mit „Farmer John“ die schwedische Hitparade vor „Ticket To Ride“ von den Beatles an. Die Hep Stars mit ihren Byrds-Frisuren waren die Wilden, Andersson sprang wie angestochen hinter seiner elektronischen Orgel herum. Die Hootenanny Singers sangen Folk- Songs und standen brav in einer Reihe an ihren Mikrofonen. Bei ihrem zweiten Treffen, nach einer Party in Björns Elternhaus, schrieben Benny und Björn den ersten gemeinsamen Song, „Isn’t It Easy To Say“, den die Hep Stars aufnahmen. Benny komponierte meistens die Musik, während Björn alle Texte schrieb. Beide waren fasziniert von den Beatles und den Beach Boys und sozialisiert mit schwedischer Folk lore. Aus dem Radio kannten sie deutsche Schlager – später nannten sie Songs wie „Fernando“ und „I Have A Dream“ immer „deutsche Lieder“.

Anni-Frid Lyngstad, genannt Frida, gewann 1967 einen Talentwettbewerb und tingelte als Jazz- und Blues-Sängerin bei den traditionellen Sommerfestivals durch die schwedische Provinz. Agnetha Fältskog schrieb ihre eigenen Lieder in schwedischer Sprache und hatte seit 1968 einige Hits. 1969 trat Lyngstad beim schwedischen Vorentscheid für den Grand Prix Eurovision de la Chanson auf und belegte den vierten Platz. Andersson war bei derselben Veranstaltung als Komponist vertreten. Die beiden verlobten sich und Andersson verließ die Hep Stars. Nach einer Fernsehsendung kamen Fält skog und Ulvaeus zusammen. „Ich war sofort in sie verliebt“, sagt Björn.

Björn und Benny arbeiteten bei einem Soundtrack zusammen und spielten mit dem Gesangsduo Svenne & Lotta. Ein Jahr später erschien die erste Single von Andersson und Ulvaeus, „She’s My Kind Of Girl“. Björn produzierte Agnethas Album „Som Jag Är“, Benny richtete Fridas Debütalbum ein. In Göteborg inszenierten sie gemeinsam die Show „Festfolk“ und traten bei einer Westernrevue im Fernsehen auf. Zugleich erschien „Lycka“ („Glück“), das erste Album von Björn Ulvaeus und Benny Andersson. Beide waren seit Jahren bei dem ebenso umtriebigen wie gerissenen Manager Stig Anderson unter Vertrag, der die Plattenfirma Polar unterhielt. Anderson glaubte so unverbrüchlich an seine Goldjungs wie Colonel Parker an Elvis Presley. Bei dem Song „Hej Gamle Man!“ sangen Agnetha und Frida mit. Der ingeniöse Toningenieur Michael B. Tretow arbeitete erstmals mit ihnen im Studio. „She’s My Kind Of Girl“ wurde big in Japan.

DER TRIUMPH

Im März 1972 nahmen die beiden Paare die Single „People Need Love“ auf. Auf dem Cover stand: „Björn & Benny, Agnetha & Anni- Frid“. „Hej Gamle Man!“ nahmen sie noch einmal mit deutschem Text auf: „Hey, Musikant“; „Another Town, Another Train“ wurde zu „Wer im Wartesaal der Liebe steht“ umgedichtet. Ihr erstes Album, „Ring Ring“, erschien 1973. Kurz darauf scheiterten sie mit „Ring Ring“ beim schwedischen Vorentscheid für den Grand Prix de la Chanson – sie wurden Dritte. Der strengen Jury missfiel der kregle Gassenhauer. Während der Aufnahmen zum zweiten Album schrieben sie zwei Stücke: „Hasta Mañana“, eine schwerblütige, nur scheinbar vom Spanischen inspi rier te Schlagerballade, und einen überdrehten Boogie-Woogie, den Björn „Waterloo“ nannte. Sie entschieden sich für „Waterloo“. Im Februar 1974 gewannen sie den schwedischen Vorentscheid. Single und Album wurden im März 1974 veröffentlicht. Hinter den Vornamen stand nun in Klammern „ABBA“.

Am 6. April 1974 traten sie beim Grand- Prix-Finale in Brighton in bizarren Fantasiekostümen auf. „Es war nicht so, dass wir die Kostüme schön fanden“, so Björn. „Wir wollten einfach, dass wir am auffälligsten waren.“ Bei 17 Teilnehmern, darunter Olivia Newton-John für England, gewannen sie mit großem Vorsprung. Von „Waterloo“ wurden fünf Millionen Singles verkauft. Im November 1974 traten ABBA in der DDR-Fernsehsendung „Ein Kessel Buntes“ auf. Im nächsten Jahr veröffentlichten sie das dritte Album,

„ABBA“. Die erste Single, „I Do, I Do, I Do, I Do“, wurde nur in der Schweiz und in Südafrika ein Hit. Dann wurde als dritte Single „S.O.S.“ veröffentlicht, das erste Meisterstück von Andersson und Ulvaeus. „Der Song hebt ab wie ein Überschallflugzeug“, sagt Pete Waterman, Mitglied des berüchtigten Songwriting-und Produzententrios Stock Aitken Waterman. „S.O.S.“ wurde der erste Nummer-eins-Hit in Deutschland und erreichte Platz 6 der britischen Charts. „Niemanden kümmert es, ob man in Österreich, Deutschland oder Belgien in den Charts ist“, sagte Ulvaeus viele Jahre später ungewöhnlich undiplomatisch. „Aber wenn man in England in den Charts ist, dann ist man eine Popband.“ Auch „Mamma Mia“, das Stig Anderson zunächst nicht als Single herausbringen wollte, wurde ein Superhit. Für das Musical wurde später ein Ausrufezeichen ergänzt: „Mamma Mia!“ Und bei dem ABBA-Schriftzug wurde nun das erste B spiegelverkehrt gestellt und als Markenzeichen eingetragen.

Die schwedische Sozialdemokratie und die Medien lagen mit dem Exportartikel über Kreuz: Ihre Songs seien „zu kommerziell“. In einer englischen Fernsehsendung wurden ABBA eingeführt als erfolgreichste Entität nach „Smorgasbord, Holzmöbeln, freier Liebe und Selbstmord“. Im japanischen Fernsehen beschrieb Benny sein Land als Heimat „des Dramatikers August Strindberg und des Filmemachers Ingmar Bergman“. Im November 1975 erschien das erste Greatest-Hits-Album von ABBA.

DIE ANKUNFT

Die Ankunft geschah in einem Helikopter. „Arrival“, das Durchbruchsalbum, ist nicht frei von Pop-Schlock wie „Dum Dum Diddle“ – aber es enthält „Dancing Queen“, „Knowing Me, Knowing You“ und „Money, Money, Money“. Im Juni 1976 sangen ABBA in spätbarocken Kostümen „Dancing Queen“ bei der Vermählung des schwedischen Königs Carl Gustaf mit Silvia Sommerlath. „Dancing Queen“ wird immer wieder analysiert – der Basic-Track mit Schlagzeug und Bass wird isoliert, Michael Tretow erklärt die Produktionsweise, es gibt ein Video, in dem Agnetha und Frida sich mit Kopfhörern an einem Pult gegenüberstehen, während sie „Dancing Queen“ singen.

Björn Ulvaeus hat keinen Hehl daraus gemacht, dass sie den geschmeidigen Groove von „Rock Your Baby“ von George McCrae als Grundgerüst verwendeten. Der ABBA- Bewunderer Pete Waterman singt die spiralenförmige Steigerung der Frauenstimmen brüchig nach: „Es ist unglaublich.“ Der britische Songschreiber John Grant hält „Dancing Queen“ für den größten Popsong, der je geschrieben wurde. So unterschiedliche Künstler wie Jarvis Cocker und Frank Spilker schwärmen davon. Kim Wilde sagt: „Wo immer man den Song hört – man möchte sofort tanzen. Ich wollte nicht wie Agnetha sein – ich wollte Agnetha sein.“ Erst im April 1977 erreichte die Single Platz 1 der amerikanischen Charts; es blieb der einzige Nummereins-Hit von ABBA in den USA.

Polen verwendete das Kontingent von 800.000 Schallplatten, das für westliche Musik reserviert war, komplett für „Arrival“. Für die 12.000 Plätze bei zwei Konzerten in der Londoner Royal Albert Hall im Februar 1977 gingen 3,5 Millionen Anfragen ein. Während der sechs Konzerte vor 145.000 Zuschauern in Australien drehte Lasse Hallström, der seit „Mamma Mia“ die Videos für ABBA verantwortete, „ABBA – The Movie“ mit der legendären Rahmenhandlung, in der ein jugendlicher Reporter mit Mikrofon und Tonbandgerät der Band hinterhereilt. Bei einer Pressekonferenz erkundigten sich die Reporter nach Agnethas Hintern, der auf der Bühne von einem hautengen weißen Trikot betont wurde. „Darüber kann ich nichts sagen“, konterte Agnetha. „Ich sehe meinen Hintern ja nicht.“ Sie war mit dem zweiten Kind schwanger. Und sie wäre gern zu Hause geblieben. Björn sagte später: „Agnetha wollte nicht mehr reisen. Ich sagte, dass wir das alles machen müssen, sonst werden wir es später bereuen. Was ist dabei, wenn wir zwei, drei Tage weg sind?“ Ein Jahr später verließ Agnetha das gemeinsame Haus.

DER SIEGER KRIEGT ALLES

Im Frühjahr 1978 unternahmen ABBA eine Tournee durch die USA, bei der das schwedische Fernsehen eine Dokumentation drehte: Agnetha isst in einem Diner Spiegeleier, Frida schläft im Flugzeug. Der Tourneepromoter Thomas Johansson sagt: „Damals wurde die Größe einer Tournee nach Trucks bemessen. Dies war eine Fünf-Trucks-Tour. Das war die Größe von Queen und den Rolling Stones.“ Die Route der Reise wurde mit Kirschen auf einer Torte nachgebaut.

Anschließend spielten ABBA an sechs Abenden in der Royal Albert Hall. Joe Strummer von The Clash und Ian Dury waren im Publikum. Mit der Zeit wandelte sich das Klischee, dass Punk und New Wave gegen Bands wie ABBA angetreten seien. Je nachdem wen man fragt, gelten die Sex Pistols John Lydon, Glen Matlock und Sid Vicious als Fans, ebenso Elvis Costello, der sein Album „ Armed Forces“ von 1979 als „ABBA-Album“ bezeichnet.

Im November 1978 reisten ABBA nach Japan. Bei einem Fernsehspecial erklärt Agnetha, dass man ihren Namen „Anjetta“ ausspreche – man könne aber auch einfach „Anna“ sagen. In Schweden sei es jetzt dunkel und es liege Schnee. Bei „If It Wasn’t For The Nights“ flottieren japanische Tänzer vor der Fernsehbühne. Frida küsst immerzu in die Kamera und singt das schwedische Lied vom Eichhörnchen. Japan liebt sie.

Bei der Vorstellung von „Voyage“ antwortete Benny Andersson auf die Frage, welchen Song er sich als Hit gewünscht hätte: „The King Has Lost Its Crown“ von „Voulez-Vous“, der Disco-Platte von 1979. Als seinen liebsten ABBA-Song nennt er „Chiquitita“ von derselben Platte, das sie als Hommage an die UNICEF aufnahmen und im Konzert mit einem Kinderchor sangen. Einer von Anderssons Geniestreichen ist die nachgereichte Single „Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)“: die Kirmes-Synthesizer-Kadenz, die Madonna 2005 für „Hung Up“ verwendete, ein Song, der zur weltweiten Queer-Hymne wurde.

Im November 1980 erschien „Super Trouper“ – der Begriff bezeichnet einen riesigen Scheinwerfer. Das Gesicht in der Menge. Die Single wurde sofort ein Riesenhit. Dann kam „The Winner Takes It All“, eines der ABBA-Weltwunder. Zwei Jahre nach der Trennung von Agnetha hat Björn ein Lied geschrieben, das in der ersten Person Singular von einer Trennung handelt. Agnetha singt den Song. In dem Video sieht man ihr Gesicht frontal und formatfüllend, der blaue Lidschatten ist dick aufgetragen, die Augen schimmern. Pete Waterman sagt: „‚I don’t wanna talk/ About things we’ve gone through‘: Ein einziger Satz! Mehr ist nicht zu sagen. Das ist Popmusik.“ Erst jetzt hat Björn Ulvaeus das Trennungsalbum geschrieben: „Our Last Summer.“ „Happy New Year.“ „Lay All Your Love On Me.“ Björn sagt: „Es gibt eines, worin wir Schweden sehr gut sind. Wir können gut traurig sein.“

DER ABGESANG

Sie wussten es nicht, als sie 1981 „The Visitors“ aufnahmen. Auf dem Coverfoto – im Atelje-Studio in Stockholm vor Julius Kronbergs Gemälde „Eros“ inszeniert – sitzen sie wie in einem Wartesaal und blicken starr zur Seite. Nur Benny blickt in Richtung der Kamera. Sie sind sehr klein in der großen Halle. Später hat man gesagt, „The Visitors“ sei ein Album über den Kalten Krieg. Die Songs wussten mehr als ihre Schöpfer: „When All Is Said And Done.“ „Slipping Through My Fingers.“ „Like An Angel Passing Through My Room.“ Der letzte Hit wurde „One Of Us“, ein Abschiedslied.

Im Frühjahr 1982 nahmen ABBA vier Stücke auf, mit denen sie nicht recht zufrieden waren. Im August folgten weitere Songs. „Under Attack“ wurde eine Single, „The Day Before You Came“ eine zweite. Agnetha singt um Bennys Drumcomputer und ein repetitives Synthesizermotiv, das wie der Schrei einer Eule klingt – „The Day Be fore You Came“, die Erinnerung einer Frau an ihr Leben vor der Liebe: „I’m sure I had my dinner watching something on TV/ There’s not, I think, a single episode of ‚Dallas‘ that I didn’t see/ I must have gone to bed around a quarter after ten/ I need a lot of sleep and so I like to be in bed by then/ I must have read a while, the latest one by Marilyn French or something in that style/ It’s funny, but I had no sense of living without aim.“

Am 11. November 1982 traten ABBA in der letzten Ausgabe von Michael Schanzes „Show-Express“ auf. Agnetha mimt den Sprechgesang. Dann werden im Trockeneisnebel auf einem Podest Benny am Flügel, auf dem Frida sitzt, und Björn mit einer Gitarre, die in dem Song nicht zu hören ist, hineingeschoben. Am Ende spielt James Lasts Orchester „Thank You For The Music“. Im Video steht Agnetha einsam in der Dämmerung auf dem Bahnsteig von Tumba. „The Day Be fore You Came“ erreichte Platz 5 in Deutschland und Platz 32 in England. Später nahmen Blanc mange, Tanita Tikaram und Steven Wilson den Song auf.

DER VERFRÜHTE NACHRUHM

In den späten 80er-Jahren begann die Renaissance der Band, die nicht vergehen wollte. In der Queer-Gemeinde feierte man ABBA. Die Band Björn Again wurde gegründet. In Clubs wurden ABBA-Partys veranstaltet. Die 70er-Jahre-Nostalgie wurde befeuert mit den Songs von Björn Ulvaeus und Benny Andersson. 1992 erschien die Compilation „Gold“, von der zehn Millionen Exemplare verkauft wurden. 1999 eröffnete das von Ulvaeus und Andersson konzipierte Musical „Mamma Mia!“ im Londoner West End, das später auch in anderen Städten inszeniert wurde. Ein übermütiges Filmmusical mit Meryl Streep, Amanda Seyfried, Pierce Brosnan und Colin Firth war 2008 ein gewaltiger Erfolg. Benny machte Platten mit seinem Benny Anderssons Orkester, schrieb Filmmusiken und produzierte Platten schwedischer Künstler. Frida und Agnetha nahmen einige Alben auf. Björn reiste als Repräsentant von ABBA um die Welt. Das Angebot von 100 Millionen Dollar für ein Konzert lehnten sie ab.

Und nun: „Voyage“. „We have a story/ And it survived.“