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Abdull versus Europa


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 30/2019 vom 20.07.2019

Migration Ein 21-jähriger Marokkaner, kriminell und bereits zweimal abgeschoben, will zurück nach Deutschland. Er sagt: Ich schaffe das schon. Vermutlich hat er recht.Von Katrin Elger


Als der SPIEGELvor zwei Jahren das erste Mal mit Abdull S. sprach, saß der Marokkaner gerade seine Jugendstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung im rheinlandpfälzischen Wittlich ab. Auf die Frage, wie es mit seinem Leben weitergehen solle, wenn er abgeschoben werde, antwortete er: »Ich komme einfach wieder zurück.« Keine drei Monate nach der Abschiebung im Dezember 2017 schickte er eine E-Mail: »Ich möchte ihnen ...

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 30/2019

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Nordafrikaner S.: Bereit, alles zu riskieren


Als er sich 2013 »einmal Deutschland anschauen« wollte, griff ihn die Polizei in Saarbrücken auf. Er stellte einen Asyl - antrag. Die Behörden brachten den 15-Jährigen in einem Jugendhilfezentrum in der Nähe von Trier unter und versuchten einiges, um ihn an ein geregeltes Leben zu gewöhnen.

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass sich ein Junge, dessen Schule jahrelang das harte Leben auf der Straße war, auf Matheaufgaben und Grammatikübungen einlassen mag? In diesen Fällen scheitern häufig selbst erfahrene Pädagogen.

Anfangs besuchte Abdull S. eine Förderschule. Später konnte er eine Ausbildung zum Fachpraktiker für Metallbau beginnen, er brach sie nach einem halben Jahr ab. In einem Urteil des Landgerichts Trier heißt es: »Ab Januar 2014 begann er, im Übermaß Alkohol zu trinken, sammelte Fehlzeiten in der Schule und fiel erstmals strafrechtlich auf.« Abdull S. stand seitdem mehrmals vor Gericht.

Mal drückte er am Bahnhofsvorplatz während eines Streits einem Widersacher ein ausgeklapptes Taschenmesser an den Hals. Auch einer Zeugin hielt er die zehn Zentimeter lange Klinge an den Rücken und drohte: »Ich fick dich.« Mal schlug er einem Mann mehrfach mit der Faust ins Gesicht, sodass dieser am Kopf blutete.

Volltrunken richtete er seine Aggressionen nicht nur gegen Polizisten, sondern auch gegen sich selbst. Bei einem Einsatz mussten die Beamten seinen Kopf fixieren, weil er ihn gegen die Zellenwand schlug.

Seine Erklärung für die Entgleisungen: »falscher Umgang«. Er habe den Fehler gemacht, mit älteren Marokkanern abzuhängen. »Du bist unter 18. Egal was du machst, du gehst nicht in den Knast«, hätten sie zu ihm gesagt.

Zunächst hatten sie recht damit. Für seine ersten Vergehen erhielt Abdull S. lediglich Verwarnungen, musste Sozialstunden ableisten oder die Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt.

Im deutschen Jugendstrafrecht steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Ein Prinzip, das bei harten Jungs aus dem Maghreb tendenziell ins Leere läuft. »Sie verstehen häufig nicht, dass es mit der Milde spätestens vorbei ist, wenn sie 21 sind, und fallen aus allen Wolken, wenn es nicht immer so weitergeht«, sagt der Trierer Rechtsanwalt Sven Collet. Abdull S. war sein Mandant.

2017 verhängte das Landgericht Trier eine Jugendstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung und Raub gegen Abdull S.

»Ist alles schiefgegangen«, sagt er. »Aber die Erde dreht sich trotzdem immer weiter. «

Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Noch bevor seine Gefängnisstrafe vorüber war, ordneten die Behörden Ende 2017 seine Abschiebung an. Wie in vielen anderen Fällen auch platzte der erste Termin. Mehr als jede zweite der 55000 Rückführungen im vergangenen Jahr scheiterte. Oftmals weil die Migranten nicht auffindbar waren, ein ärztliches Attest vorweisen konnten oder sich wehrten.

Abdull S. rastete einen Tag vor seiner Abschiebung im Gefängnis aus. Er hatte unter anderem für die Schlosserei der Jugendstrafanstalt gearbeitet und so insgesamt rund 2500 Euro verdient. Erst kurz vor seinem Ausreisetermin hatte er er - fahren, dass der deutsche Staat seinen Lohn einbehalten würde, um die Kosten der Abschiebung zumindest teilweise zu decken – bei einer Rückführung kommen pro Migrant Tausende Euro zusammen. »Es gibt keine Gerechtigkeit«, sagt er.

Abdull S. zerschlug eine Flasche und drohte, sich umzubringen. »Ich wollte nur Angst machen«, sagt er. Die nächsten Wochen wurde er allein in einer Zelle untergebracht.

Angeklagter S. in Trier 2017: »Ist alles schiefgegangen«


Beim zweiten Ausreisetermin kooperierte er. Von Frankfurt am Main ging es in Handschellen und mit Polizeigeleit nach Casablanca.

Zurück in Marokko fuhr Abdull S. zu seiner Familie nach Fes, zum ersten Mal nach fast zehn Jahren. Sie wohnt nicht weit vom Königspalast, in einem schlichten Haus in einer verwinkelten Gasse. Störche nisten in einem Nadelbaum direkt daneben. Auf das alte Flachdach hat Abdulls jüngerer Bruder ein Stockwerk für sich bauen lassen. Er verdient sein Geld damit, Überwachungskameras zu installieren.

Warum ist der Bruder in Fes geblieben, warum Abdull S. abgehauen? »Meine Stiefmutter hat ihn unterstützt. Mich nicht«, sagt Abdull S. »Ich bin da nur Gast. Ich kann da schlafen und essen. Keiner freut sich, wenn ich komme. Keiner fragt, wie lange ich bleibe.« Über das Wiedersehen gebe es deshalb auch nicht viel zu sagen.

Das Wort Flüchtling ist in Deutschland ein Oberbegriff für Migranten mit unterschiedlichen Geschichten. Abdull S. musste sich nicht vor Bombeneinschlägen in Sicherheit bringen, ihm droht in Marokko keine Folter, nicht einmal Gefängnis. Dennoch läuft auch Abdull S. vor etwas davon: Trostlosigkeit, Langeweile und ein Leben in der Unterschicht, das wahrscheinlich nie mehr bieten wird als harte Arbeit für wenig Lohn. Als Schweißer könne er höchstens sieben bis zehn Euro am Tag verdienen, sagt er. »Das bekommt man in Deutschland in einer Stunde.« Einer Umfrage des Forschungsnetzwerks »Arab Barometer« zufolge zieht fast jeder zweite Marokkaner in Erwägung auszuwandern.

Laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR halten sich in Spanien mittlerweile 13 000 unbegleitete Minderjährige auf – mehr als zwei Drittel sind aus Marokko. Er sei nur kurz bei seiner Familie geblieben, sagt Abdull S., Anfang 2018 habe er sich wieder auf den Weg nach Europa gemacht. Zwischen Fnideq und Ceuta gibt es einen regen Handel. Marokkaner aus der Gegend können durch eine Sonder - regelung für einen Tag in die spanische Exklave kommen. »Man muss gut angezogen sein«, so erzählt es Abdull S., »dann sind die Chancen nicht schlecht, dass sie einen durchlassen. Man muss zum Beispiel sagen, dass man zum Einkaufen will. Wenn sie einem glauben, hast du’s geschafft.«

Migranten aus Ländern der Subsahara wie Nigeria oder Guinea haben diese Möglichkeit nicht. Marokko arbeitet enger als früher mit Spanien und der EU zusammen, um sie abzufangen. Die Bilder und Videos von Flüchtlingen, die von Grenzschützern zurück über die Zäune gedrängt werden, sind bekannt. Frauen, Kranke oder Alte haben an diesem Ort ohnehin keine Chance. Im Februar 2018 habe er sich in Ceuta für 100 Euro gefälschte französische Papiere gekauft, sagt Abdull S. »Man geht in einen Laden, von denen gibt es viele.

Die scannen dein Foto ein, und dann kannst du damit los«, sagt er. »Ist nicht schwer. Man muss halt wissen, wie man’s macht. Dann ist alles kein Problem.« Manchmal tut er so, als wäre die Flucht aus Afrika eine Art sportlicher Wettkampf. Abdull versus Europa, Runde zwei.

Er sei in die Niederlande gereist (»Holland ist schön«) und nach Dänemark (»auch sehr schön«). Zur Erinnerung bewahrt er noch immer dänische Kronen in seinem Portemonnaie auf. In vielen europäischen Städten hat er einen »Kollegen« oder einen »Fréro«, also »Bruder «, bei dem er unterkommen kann. Und wenn nicht, dann kennt ein Fréro einen Fréro, der ihm hilft.

In Deutschland habe er bei seiner letzten Europatour nur kurz Station in Hamburg und in Bremen gemacht. Er ist Meister im Schwarzfahren. Von seiner dreijährigen Einreisesperre ist gerade erst die Hälfte vergangen. Erwischt ihn die deutsche Polizei vorher, wird er wieder abgeschoben. Im Moment komme deshalb »nur Urlaub in Deutschland« infrage.

Sobald sein Einreiseverbot abgelaufen ist, hat sich dieses Problem erst mal erledigt. Sein Band nach Deutschland reißt schon allein deshalb nicht ab, weil er einen fünfjährigen Sohn hat. Eine Information, die er erst nach stunden - langem Gespräch in einem Nebensatz erwähnt. Drei Jahre lang sei er mit einem deutschen Mädchen zusammen gewesen. Die beiden wurden offenbar Eltern, als sie noch minderjährig waren. Der Junge wachse nun bei der Familie seiner Ex-Freundin auf. »Das sind gute Leute«, sagt er. Sie seien auch für ihn wie eine Familie gewesen.

Als er noch im Gefängnis saß, habe ihn das Mädchen regelmäßig mit seinem Sohn besucht. Manchmal würden sie auch jetzt noch telefonieren. Mehr möchte Abdull S., der ansonsten gern und viel über sich erzählt, dazu nicht sagen.

Dass er einen deutschen Sohn hat, hilft ihm gerade wenig dabei, eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland zu bekommen.

»Weil er nicht unerheblich vorbestraft ist und das Kind bei der Mutter lebt, spielt das keine Rolle«, sagt sein ehema - liger Pflichtverteidiger Collet.

Im März 2019 machte Abdull S. Station in Luxemburg, um dort einen Freund zu besuchen, da griff ihn die dortige Polizei auf. Sie nahmen ihm seine falschen Papiere ab, und er landete in Abschiebungshaft. »Ist nicht so schlimm wie Gefängnis«, sagt er. »Man darf sein Handy behalten.« Und wieder ging es zurück, wieder per Abschiebeflug nach Casablanca, seitdem lebt er in Fnideq.

Eine schmale und steile Schotterstraße führt zu seiner Wohnung dort. Die meisten Häuser entlang des Weges sind unverputzt. Jeder Fünfte ist arbeitslos.

In der Männer-WG stehen drei Betten, ein Nachttisch, eine abgenutzte Holzkommode und ein hellblauer Plastikhocker.

Hin und wieder rennt eine Kakerlake über den Teppich. Es gibt eine Kochnische mit einem Gasherd, auf dem sich Blechtöpfe mit Fettresten stapeln, altes Brot gammelt vor sich hin. Ein Loch im Boden, direct daneben, dient als Toilette. Es stinkt nach Urin und Schweiß. Vom Balkon der Wohnung im ersten Stock führt ein Wasserschlauch durch ein kleines vergittertes Fenster und endet über dem Plumpsklo der WG. Wenn die Männer Wasser brauchen, muss einer oben klingeln und hoffen, dass die Nachbarn da sind, um den Hahn aufzudrehen.

Abdull S.

»Kennen sie noch der andere Junge wir waren zusammen bei Gericht.«

SPIEGEL-Redakteurin

»Klar!«

Abdull S.

»Der ist abgeschoben Nach Marokko Er ist Frankreich seit 3 Wochen.«

Aus Facebook-Chat vom 13. Mai

Unterkunft von S. in Fnideq
Bis zur spanischen Exklave Ceuta nur sieben Kilometer


Abdull S. sagt, er schlafe meistens auf der Straße, weil es ihn krank mache, wenn er zu viel Zeit in dem Zimmer verbringe. »Es ist scheiße hier.« Wenn er duschen will, geht er ins Fitnessstudio. Der Besitzer ist ein Bekannter von ihm, deshalb kann er dort gratis trainieren und bekommt hin und wieder auch etwas zu essen. Auch der Friseur unten an der Ecke sei ein »Kollege« und schneide ihm die Haare zum Nulltarif.

Manchmal schicken ihm Bekannte aus Deutschland Geld, damit er über die Runden kommt. Einer wie Abdull S. kämpft sich immer irgendwie durch. Sein Kollegennetzwerk erstreckt sich über halb Europa.

Da die Polizei seinen Versuch vereitelte, nach Spanien zu schwimmen, muss er sich eine neue Lösung überlegen. Geld für gefälschte Papiere habe er nicht. »Modern « sei jetzt, ein Flugticket nach Istanbul zu kaufen und sich dann nach Griechenland durchzuschlagen. Marokkaner brauchen für die Türkei kein Visum. Aber auch diese Variante ist teuer. Er wolle keine »Kriminalsachen« mehr machen, sagt Abdull S. »Ist besser, wenn man sauber bleibt.« Ein Vorsatz, den er schon öfter hatte.

Sein Plan ist es nun, ein weiteres Mal über Ceuta nach Spanien zu gelangen. Dort will er so lange illegal leben, bis zumindest die Einreisesperre nach Deutschland abgelaufen ist. Im besten Fall, sagt er, finde er einen Job als Schweißer und verdiene endlich Geld. »Dann fängt mein neues Leben an.« Man könne sogar legalisiert werden, wenn man mindestens drei Jahre lang eine spanische Adresse vorweisen könne.

Tatsächlich gibt es diese Regelung: Sofern ein Migrant zusätzlich einen Arbeitsvertrag vorweisen kann, hat er die Chance auf eine befristete Aufenthalts - genehmigung.

»Die Spanier wissen nicht, dass ich kriminell war«, glaubt er. Wenn er erst einmal spanische Aufenthaltspapiere habe, könne er sich wieder problemlos auch in Deutschland aufhalten. So stellt er sich das zumindest vor.

Und was, wenn er sich doch in Marokko einen Job sucht? Er hat in Deutschland gelernt, als Schweißer zu arbeiten, und besitzt einen Gabelstaplerführerschein. Für einen 21-Jährigen, der fließend Deutsch, Spanisch und Französisch spricht und dazu leidlich Italienisch und Englisch, sollte es außerdem in der Tourismusbranche Arbeit geben. »Auf keinen Fall«, sagt er. »Marokko ist nur für Touristen schön. Und für reiche Menschen.«

Wenige Wochen nachdem der SPIEGELAbdull S. im Juni in Fnideq besuchte, meldet er sich per Facebook-Messenger. Er sei jetzt wieder in Ceuta und wohne vorerst bei der Mutter eines Kollegen aus Dresden. Er sei ziemlich problemlos durchgekommen, »ohne pass ohne nichts«. Freitags gebe es an der Grenze kaum Kontrollen, schreibt er. Nun plane er, sich unter einen Last - wagen zu hängen, um auf eine Fähre zu gelangen. Er warte nur noch auf den richtigen Zeitpunkt. Bringt er sich damit nicht in Lebensgefahr? »Ist bisschen schwer aber ich schaffe Das Wenn Gott es will«, antwortet er. »Und auf jedenfall wir sehen uns, ich komme Euch besuchen.«

Mail: katrin.elger@spiegel.de


JULIAN BUSCH / DER SPIEGEL

HARALD TITTEL / DER SPIEGEL

JULIAN BUSCH / DER SPIEGEL

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