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ABENTEUER ARMENIEN


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CamperDogs - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 10.06.2022
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Bildquelle: CamperDogs, Ausgabe 2/2022

Foto Hintergrund: Die »Symphony of Rocks« bei Garni.

Wie weit ist eigentlich weit? Über 15.000 Kilometer auf breiten Autobahnen, kurvigen Landstraßen, nervigen Schlaglochpisten und schlammigen Feldwegen liegen hinter uns. Wir sind auf einem neuen Kontinent in Asien. Wir waren noch nie so weit entfernt von Deutschland unterwegs, noch nie so hoch in den Bergen und es war noch nie so kalt. Wir überqueren erstmals die Grenze zu einem Land, welches vor Reisebeginn unerreichbar schien. Doch wir haben es bis nach Georgien geschafft, der Mut ist gewachsen, das ferne Felsenland Armenien scheint plötzlich auch noch möglich Visumfrei dürfen wir 180 Tage bleiben, wir nutzen unsere Chance und beobachten den Wetterbericht. Als er für den Grenzübergang auf 2.150 Höhenmetern nach tagelangem Schneefall endlich Sonne und »nur« minus 15 Grad in der Nacht vorhersagt, versuchen wir unser Glück.

Wie immer quetschen wir uns an der langen LKW-Schlange vorbei und werden ...

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... zuvorkommend abgefertigt. Die gesamte Prozedur an der Grenze dauert für uns etwa zwei Stunden. Eine besondere Herausforderung erwartet uns beim Ausfüllen des Zollformulars zur Einfuhr unseres Fahrzeuges. Das armenische Alphabet ist für uns nicht zu entziffern und eine englische Version gibt es nicht. Der nett gemeinte Hinweis auf ein Ansichtsexemplar an der Wand hilft uns wenig, es ist handschriftlich auf Russisch ausgefüllt. Mit ein wenig Hilfe und Mut zur Lücke klappt es dann doch. Ähnlich verläuft die Prozedur beim Abschließen der verpflichtenden Kfz-Haftpflichtversicherung direkt an der Grenze. Ein bisschen Russisch, viel Zeichensprache, eine spontan erfundene armenische Handynummer – schon ist auch diese Hürde gemeistert. Ungefähr 30 Euro zahlen wir für die Straßennutzung in Armenien und die Versicherung für einen Monat. Für die Hunde und deren Pässe interessierte sich niemand.

Doch die Freude über die gelungene Einreise währt nur kurz. Ein Schneesturm hatte wohl in der vorangegangenen Nacht meterhohe Schneemassen über die weiten Hochebenen verteilt. Auf abenteuerlichen Ausweichrouten versuchen die PKW im Tiefschnee voranzukommen. Lastwagen stehen in endlosen Reihen am Rande der schmalen Passstraße. Für sie heißt es warten, bis die Straßen wieder frei geräumt sind. Unter einem liegen gebliebenen LKW wird ein qualmendes Feuer entfacht, um den eingefrorenen Motor aufzutauen. Wir sind uns einig: Eine Nacht in diesem kalten Chaos wollen wir keinesfalls riskieren. Und obwohl wir keine Schneeketten haben, meistert unsere tapfere »Olga« die wilde Fahrt bis in die zweitgrößte Stadt des Landes, Gjumri. Hier ist es schneefrei und nur knapp unter null Grad. Wir parken ziemlich zentral unter dem Denkmal von Mutter Armenia und wollen uns gerade ins Bett verkriechen, als unsere Feuerwehr plötzlich vorwärts hüpft. Alle Müdigkeit ist verflogen, wir springen in unsere Klamotten und sind auf alles gefasst. Aber als wir aussteigen, steht uns nur ein freundlicher älterer Mann gegenüber, der sich wortreich zu entschuldigen versucht. Er ist uns versehentlich gegen die Anhängerkupplung gefahren, nichts passiert.

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht geht es für uns zügig weiter in das mit nur 1.000 Höhenmetern für armenische Verhältnisse tief gelegene Gebiet um die Hauptstadt Jerewan. Zum ersten Mal sehen wir den 5.137 Meter hohen heiligen Berg, den großen Ararat. Wie ein ständig anwesender Hüter und Wächter des Landes ist er bei klarer Sicht präsent. Paradoxerweise liegt der größte und wichtigste Berg für die Armenier auf türkischem Territorium. Einfach auf ihren heiligen Berg wandern können die Armenier nicht. Die Grenzen zur Türkei sind geschlossen und die Beziehungen der beiden Nachbarländer sind seit Jahrzehnten angespannt. Gleiches gilt für die Beziehungen zum Nachbarland Aserbaidschan.

Am Sardarapat-Denkmal, dem Denkmal für einen Sieg der Armenier über die Türken im Jahr 1918, wollen wir gerade ein Foto von uns schießen, als eine Frau mit einem Besen in der Hand zu uns gelaufen kommt, die Kamera in ihre Hände nimmt und das Foto für uns macht. Danach kehrt sie erst einmal weiter die Blätter auf dem Weg zusammen. Doch als wir neben den großen Steinfiguren einen Friedhof betrachten, kommt sie leise zu uns und zeigt auf einen der Grabsteine. Da sei ihr Mann begraben, erklärt sie uns mit der Geste für den Ehering am Finger. Er ist 1995 im Krieg um die Region Bergkarabach gestorben, als er gerade dreißig Jahre alt war. Eine Träne läuft ihr über die Wange, als sie sich wieder dem Laub zuwendet.

Armenien fordert seine Besucher heraus

Die rauen Berge, die Wetterextreme und auch die teils sehr schlechten Straßen sind eine Probe. Besteht man sie, dann wird man mit beeindruckend schönen Landschaften belohnt. Der Verkäufer im Mobilfunkladen erzählt, dass wir seit drei Jahren als erste Touristen in seinen Laden kommen, um eine SIM-Karte zu kaufen. Wegen der Corona-Pandemie sind deutlich weniger Besucher im Land unterwegs gewesen. Doch Armenien scheint bisher generell eher ein Geheimtipp zu sein. Das wiederum ist ein Traum für Reisende wie uns, die in der Fremde das Abgeschiedene suchen, die Stille und wenn möglich sogar das noch Unberührte. Zudem ist man mit dem Wohnmobil hier noch ein gern gesehener Gast und mit einer Oldtimerfeuerwehr erst recht eine Besonderheit.

Wir besuchen den Angels-Canyon, dessen Name uns auf der Karte ansprang. Ein wunderbar weites Land eröffnet sich uns, als wir den kleinen Ort Wedi verlassen. Auf einem Sandweg holpern wir in ein kleines Tal hinein. Die Sonne scheint und lässt die senkrechten Felswände in sattem Rot, Orange und Braun aufleuchten. Es ist ein faszinierendes Schauspiel der Natur. Drei Tage verbringen wir ungestört an diesem einsamen Ort. Wir gehen wandern, klettern zwischen den Felsen und bestaunen die ersten rosa Blüten an den dornigen Sträuchern. Morgens und abends treiben die Hirten ihre Schafe zum Tränken an den Fluss, manchmal ist ein Esel dabei, der den Proviant trägt. Es ist eine eingespielte, zeitlose Zeremonie.

Land der Klöster

Doch Armenien ist nicht nur das Land der Berge und Steine, sondern auch das Land der Klöster. Das Kloster Chor Virap gilt als Wiege des Landes. Hier soll König Trdat III. über 13 Jahre lang versucht haben, Gregor den Erleuchter von dessen christlichen Glauben abzubringen. Als das aussichtslos erschien und Gregor zugleich noch den König von einer tödlichen Krankheit erlöste, ließ dieser sich und seinen ganzen Hofstaat taufen. Das war 301 n. Chr. und so wurde Armenien zur Wiege des Christentums als Staatsreligion. Beeindruckend fügen sich viele Klosteranlagen zwischen schroffe Felsen, das Norawank-Kloster war in dieser Hinsicht unser Highlight. Seine Geschichte reicht zurück bis ins 13. Jahrhundert. Mittlerweile steht es auf der Vorschlagsliste der UNESCO und wird wohl bald zum Weltkulturerbe gehören. Der einzige Weg zum Kloster führt durch den acht Kilometer langen Norawank-Canyon. Er beginnt bei Areni, in der Weinbauregion Armeniens. Für die Nacht parken wir auf einem kleinen Parkplatz in der Nähe und fragen einen Ranger des Nationalparks um Erlaubnis. Er scheint eher überrascht, als er unsere Frage hört und gern dürfen wir dort über Nacht kostenlos bleiben. Er weist uns allerdings auch darauf hin, mit welchen Tieren wir möglicherweise die Berge und den Canyon teilen werden. Auf seinem Smartphone zeigt er uns selbst erstellte Aufnahmen von Braunbären, Steinböcken, Luchsen, Wölfen und sogar Leoparden, die dort durch die Wildnis streifen.

In Stein gemeißelt

Am Kloster Geghard bei Garni erwarten uns auch wilde Tiere, allerdings in Stein gemeißelt. Neben Steinkreuzen und anderen Steinmetzarbeiten sind an einer der Innenwände des Klosters zwei Löwen zu sehen. Dieses Kloster hebt sich durch seine Architektur von allen anderen ab. Im Inneren wird das dunkle, fast schwarze Gestein nur durch einige Kerzen erleuchtet und durch das wenige Licht, welches durch die Deckenöffnung einfällt. Ein kleiner Bach rauscht durch die Kirchenhallen und am Berghang hinter dem Kloster bestaunen wir fasziniert die Höhlen, in denen einst die Mönche gelebt haben. Vor dem Kloster haben einige Armenier kleine Stände aufgebaut. Sie verkaufen vor allem traditionelle Süßspeisen, darunter das typische Gata. Ein süßes Brot, kreisrund, im Holzofen gebacken und auf der Vorderseite mit verschiedenen Mustern verziert. Ein echter Gaumenschmaus! Auf dem Gelände der Klöster sind Hunde generell nicht erlaubt, an allen anderen Orten haben wir jedoch nie Einschränkungen erlebt. Bei Garni spazieren wir außerdem noch unterhalb der »Symphony of rocks« entlang. Mächtige Basaltfelsen, die in ihrem Aussehen einer Orgel mit gigantisch großen Orgelpfeifen ähneln.

Der Südwesten Armeniens zeigt uns sein karges Gesicht. Die Bergformationen und Hochebenen sind meist spärlich bewachsen. Holz ist eine Mangelware in dieser Region. Für unseren kleinen Holzofen reicht es gerade noch. Auch wenn das Thermometer nachts immer wieder deutlich unter null Grad fällt, hält er uns gemütlich warm. Wir sind durch unsere mobile 100-Watt-Solaranlage, einen Spirituskocher und den Ofen völlig autark. Das bewährt sich gerade in einem Land wie Armenien, das nicht auf Wohnmobilurlauber eingestellt ist. Kostenlose Trinkwasserbrunnen gibt es zahlreich an verschiedenen öffentlichen Plätzen. Durch die Schneeschmelze brausen im Frühling überall kleine Bäche in die Täler, aber bei Sommertemperaturen von bis zu 45 Grad Celsius ist dies dann doch eine trockene Landschaft. Vom Azat-Stausee im Süden Jerewans führen Bewässerungskanäle in alle Ecken des Tals. Auf den Flächen am Azat-Fluss werden hauptsächlich Aprikosen angebaut, worauf die Armenier sehr stolz sind. Für uns grenzt es an ein Wunder, wie die Menschen es dort schaffen, auf den trockenen und steinigen Böden überhaupt Landwirtschaft zu betreiben und wie sie es schaffen, ihre vielen Schafherden über die langen Winter zu bringen.

Grabstätten zum Verweilen

Immer wieder begegnen uns kunstvolle Kreuze am Straßenrand. Wenn die Armenier etwas im Überfluss haben, dann sind es Steine. Und daraus erschaffen sie ihre Häuser, ihre Klöster und eben jene kunstvollen Kreuzsteine. Die ältesten der sogenannten Chatschkar stammen aus dem 9. Jahrhundert und sind bis zu drei Meter hoch. Man findet sie jeweils in der Farbe des drumhe-

rum auffindbaren Gesteins. Die Chatschkar sind eines der kulturellen Symbole des kleinen Kaukasusstaates. Mindestens ebenso beeindruckend sind für uns die auffällig gestalteten Grabsteine auf den Friedhöfen des Landes. Ähnlich wie in Georgien sind die Grabstätten sehr ausladend gestaltet und bieten in der Regel auch mehrere Sitzmöglichkeiten zum Verweilen und Picknicken. Auf den schwarzen Grabsteinen sind meist lebensgroß die Verstorbenen abgebildet und blicken so von ihrer letzten Ruhestätte über das zerklüftete Land.

Und sogar dem armenischen Alphabet hat man im Land der Steine ein Denkmal gesetzt. Natürlich in Form von 39 in Stein gehauenen Buchstaben, die man im Alphabet-Monument bei Artashavan begutachten kann. Im Jahr 2005 wurde das Denkmal zu Ehren der damals 1600-jährigen Geschichte des Alphabets errichtet. Es heißt, und wie sollte es auch anders sein, das erste ins Armenische übersetzte Buch sei die Bibel gewesen. Für einheimische Touristen ist es wohl ein Spaß, sich neben dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens fotografieren zu lassen. Ganz in der Nähe des monumentalen Alphabets steht das Heilige Kreuz von Aparan. Es ist 33 Meter hoch und besteht komplett aus verschieden großen Kreuzen, die wiederum aus Metallrohren geschweißt sind. Bei starkem Wind pfeift die Luft durch die Rohre und lässt einzigartige Klänge entstehen. Für jedes Jahr, seitdem das Christentum zur Staatsreligion wurde, ein Kreuz und in jedem neuen Jahr kommt ein weiteres Kreuz hinzu.

Einsame Weiten

Obwohl Armenien nur drei Millionen Einwohner hat und gerade mal ein Drittel der Fläche Österreichs, kommt es uns an einigen Stellen unfassbar weit vor. Ein Großteil der Bevölkerung wohnt in Jerewan und Gjumri. Der Rest verteilt sich vor allem auf die fruchtbaren Hochebenen. Und dazwischen erstrecken sich riesige, einsame Gebirgszüge. Stundenlang wandern wir durch diese Gegenden und fangen uns prompt den ersten Sonnenbrand des Jahres ein. Als wir eines Tages am Azat-Stausee durch die Mittagshitze wandern, hält plötzlich ein Auto neben uns. Der Fahrer hupt mehrmals, holt dann zwei Flaschen Wasser und drei Becher Eiskaffee aus seinem Wagen und drückt sie uns in die Hand. Dann verschwindet er so schnell, wie er gekommen war und lässt uns fassungslos über so viel spontane Gastfreundschaft zurück. Noch mehrmals erleben wir diese Form des Umgangs mit uns Touristen. An einem Obststand kaufen wir einige Äpfel und eine Melone. Als wir bereits wieder eingestiegen sind, bringt uns der Verkäufer noch einen Beutel mit Weintrauben ans Autofenster.

Freundlich beschenkt

An einem anderen Straßenstand wird eingewecktes Obst und Gemüse aus dem Garten verkauft. Auf dem Glas der Erdbeeren klebt noch das Etikett der Tomatensoße, die einst darin gekauft wurde. Mit Händen und Füßen verständigen wir uns hervorragend. Und wenn wir etwas nicht verstehen, dürfen wir kosten. Wenzel sitzt auf dem Beifahrersitz, während wir einkaufen und fällt der Verkäuferin auf. Als wir ein zweites Mal vorbeikommen, erinnert sie sich prompt und fragt nach den Hunden. Der Versuch, ein bisschen Trinkgeld zu geben scheitert, stattdessen werden wir mit Äpfeln beschenkt.

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See statt Meer – mit Plastikmüll

Unsere Tour geht weiter quer durch das Land mit Kurs auf den Sewansee. Er ist der größte Süßwassersee des gesamten Kaukasusgebietes, liegt auf etwa 2.000 Metern Höhe und ist zweieinhalb Mal so groß wie der Bodensee. Für die Armenier ersetzt dieser See den Meereszugang. Hier haben sie am Ufer ihre kleinen Hütten stehen aber auch größere Ferienhäuser und Hotels. In kleinen Holzbooten fahren Angler hinaus. Etwa 10.000 Brutpaare der einheimischen Armeniermöwe leben an den Ufern des Sees. Dass neben Möwen und Enten jede Menge Plastikflaschen auf dem klaren Seewasser schwimmen, muss man leider aushalten. Armenien hat wie viele Länder ein massives Problem mit Plastikmüll. Ihn aufzusammeln erscheint uns leider nahezu sinnlos, denn von den offenen Müllkippen verteilt der Wind ihn direkt wieder über das Land. Trotzdem scheinen die ausgewiesenen Vogelschutzgebiete ihre Wirkung nicht zu verfehlen. An unserem Schlafplatz am Seeufer kommt uns mehrmals ein Wiedehopf besuchen. Eine besondere Beobachtung – steht der Vogel des Jahres 2022 doch auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Am nächsten Morgen stehe ich etwas hilflos in einer kleinen Bäckerei und will schon wieder den Rückzug antreten, als mich eine ältere Frau anspricht. Wir finden auch ohne gemeinsame Sprache heraus, dass es das von mir gewünschte Brot in diesem Raum nicht gibt. Dort gab es nur Lavash, das typische armenische Fladenbrot. Also nimmt sie mich an der Hand, führt mich zu einem anderen Raum und dort liegt das von mir gesuchte Weißbrot. Dazu gibt es dann geräucherte Sewanforelle, ein Festessen. Ganz in der Nähe liegt der Dilijan-Nationalpark und wer diesen besucht, der glaubt nicht, dass er sich immer noch in Armenien befindet. Plötzlich überall bewaldete Berghänge. Hier verbringen wir eine Nacht auf einem Picknickplatz mitten im Nationalpark und wandern zwischen Buchen und Eichen zu zwei verlassenen Klosterruinen.

Wir blicken auf drei spannende, erlebnisreiche Wochen in Armenien zurück. Ein weiterer Mosaikstein fügt sich unserer Reise und unserem Bild von der Welt, wie wir sie bereist haben, hinzu. Wer wie wir die Karpaten mag, der wird den Kaukasus lieben. Die Gastfreundschaft der Armenier, die selbst oft so wenig haben, erinnert uns an die Herzlichkeit der Rumänen. Vor zehn Monaten hätten wir nicht gedacht, dass wir dieses ferne Land bereisen würden. Wir hätten nicht mal genau sagen können, wie man eigentlich dorthin kommt. Jetzt sind wir wieder ein bisschen reicher an Erfahrungen, Erlebnissen und Wissen. Und was wir uns im Moment nur ausmalen, nämlich, wie es von Armenien aus weitergehen könnte – zum Beispiel in den Iran, das erscheint nun nicht mehr ganz so fern. Trotzdem heißt es für uns diesmal umkehren. Wir haben den am weitesten entfernten Punkt unserer aktuellen Reise erreicht. Vor uns liegen einige Wochen durch Länder wie Georgien und die Türkei im lauen Frühlingswind. 

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