Lesezeit ca. 9 Min.
arrow_back

Abenteurer auf Speed


Logo von fliegermagazin
fliegermagazin - epaper ⋅ Ausgabe 110/2021 vom 17.10.2021

MENSCH & MASCHINE

Artikelbild für den Artikel "Abenteurer auf Speed" aus der Ausgabe 110/2021 von fliegermagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: fliegermagazin, Ausgabe 110/2021

Flink Mal eben rasch in die Wildnis und zurück ? dafür ist die Norden wie geschaffen. Auch nahe der tschechischen Basis von Zlin Aviation gibt es viele landbare Wiesen für den Taildragger

Seit über sechs Jahren Jahren erkunde ich mit meiner Zlin Savage Cruiser »Vieux Bandit!« das Buschfliegen in Europa. Letztes Jahr fragte mich der Chef von Zlin Avaition, Pasquale Russo, ob ich seine neue Kreation ausprobieren wolle: die lang erwartete Norden mit dem 141 PS starken Rotax 915iS. Und ob ich wollte! Also sprang ich in meine Savage und flog in dreieinhalb Stunden von Oberbayern nach Slušovice in Tschechien.

Es wird meine zweite Begegnung mit dem neuen Modell: Die erste war auf der AERO 2019 am Stand von Zlin Aviation, wo Pasquale und sein Team zum ersten Mal den Flügel zeigten. Die Aufregung um dieses neue Design – vor allem die Kombination von Dropdown-Vorf lügel mit massigen Doppelschlitz-Klappen – hörte nie auf, bis schließlich der erste Prototyp gezeigt wurde.

Nachdem wir im letzten Winter die dritte Corona-Welle abgesurft hatten, sprachen Pasquale und ich über ein ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von fliegermagazin. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 110/2021 von Bitte nicht nachmachen!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bitte nicht nachmachen!
Titelbild der Ausgabe 110/2021 von Neuer Weltrekord für Tunnelflieger. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neuer Weltrekord für Tunnelflieger
Titelbild der Ausgabe 110/2021 von PRODUKTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PRODUKTE
Titelbild der Ausgabe 110/2021 von Pilgerreise ins Burgund. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Pilgerreise ins Burgund
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
AUFLÖSUNG
Vorheriger Artikel
AUFLÖSUNG
Die volle Packung
Nächster Artikel
Die volle Packung
Mehr Lesetipps

... Wiedersehen, Ende Frühjahr 2021. In der Zwischenheit hatte sein Team eine Menge Arbeit in das neue Modell gesteckt, um eventuelle Schwächen zu identifizieren. Der Rumpf wurde mit Oratex UL 6000 bespannt, die Cowling neu gestaltet und aus Carbon gefertigt – in meinen Augen ist dieser Part besonders gelungen und erinnert an die aufregenden Maschinen von Buschflieger-Freak Mike Patey. Unter der Cowling steckt das Rotax-Kraftpaket 915iS, kombiniert mit einem gewaltigen Vierblatt-Prop aus Carbon, Durchmesser: 2,03 Meter. Die tiefschwarze Farbe schließlich gibt dem Demonstrator und Prototypen ein wirklich gelungenes Finish.

Auf nach Tschechien zum Buschfliegen – wer kommt mit?

Unsere Verabredung in Tschechien steht, die Bühne ist bereitet, und zwei gute Freunde von mir wollen ebenfalls kommen, Fabio Guerra aus Italien und Marius Jumulea aus Rumänien. Marius fliegt eine Carbon Cub EX 2 mit kraftvollen 180 PS.

Als ich eintreffe, scheint die Junisonne mit all ihrer Wärme und Kraft, und auf dem leuchtend grünen Gras erwartet mich die Norden zu unserer zweiten Begegnung. Auf den ersten Blick ist ihre Herkunft als ein Muster von Zlin Aviation unverkennbar, ihre Wurzeln liegen in der als Buschflieger starken Savage Cruiser: Cockpit in Tandem-Anordnung und eine nicht nur robust wirkende Konstruktion, die sich in der Praxis bewährt hat. Doch es gibt noch viel mehr zu entdecken – fangen wir an!

Das Flugzeug ist im Vergleich zu meiner Cruiser groß: 7,07 statt 6,51 Meter lang; der bisher längste Rumpf von Zlin Aviation, aber mit einer Flügelspannweite von nur 9,03 Metern, 42 Zentimeter weniger als die Cruiser. In der sauberen Konfiguration, also Klappen und Vorf lügel eingezogen, ist das Design schlank, und die metallbeplankten Flügel sehen für eine STOL-Maschine sehr schnell aus, mit diesem leicht bikonvexen Profil. Nur die riesigen 29-Zoll-Reifen Typ Airstreak II von Alaskan Bushwheels erinnern daran, dass Starts und Landungen auf einem »richtigen« Flugplatz für eine Norden technisch gesehen schlicht eine weitere Option sind.

Der Carbon-Propeller stammt vom französischen Hersteller E-Props, wird speziell für den 141 PS starken Rotax 915iS gebaut und ist federleicht, die Leading Edge der Blätter ist sogar mit Titan beplankt. Wie alle Flugzeuge von Zlin Aviation ist die Norden ein Taildragger. Die Räder wirken weit nach vorn gestreckt – das ist ideal, da es das Kippmoment kompensiert, das entsteht, wenn man vor einem Kurzstart voll in den Bremsen steht und maximale Leistung setzt. Die Bremsen von Beringer haben übrigens doppelte Sättel – aus gutem Grund, dazu später.

Als ich die Norden vergangenes Jahr gesehen habe, stand sie noch auf »winzigen« 22-Zöllern. Puristen verstehen, dass alles unter 26 Zoll ein Frevel wäre. Einzige Ausnahme: Man will für Abenteuer im Schnee Ski darunter montieren. Bei der Heckradaufhängung wundere ich mich: Der Prototyp hat eine gewöhnliche; für meinen Geschmack wäre ein Spornraddämpfer wie ein T3 Tailwheel oder ein ACME Stinger in Muss – aber das sind Feinheiten.

Der Flügel ist ein Kunstwerk!

Sehen wir uns den Flügel an, denn der hat es wirklich in sich. Mit der Norden beschloss Pasquale Russo, die üblichen Konventionen ein bisschen zu brechen und ein Profil zu wählen, das auch auf der Unterseite konvex ist. Von schnelleren Flugzeugen kennt man so etwas, aber für ein Buschf lugzeug? Das ist überraschend, und es erlaubt der Norden eine viel höhere Reisegeschwindigkeit im Vergleich zu ähnlichen Typen. Doch wie erhöht man den Auftrieb so, dass die Stall-Geschwindigkeit auf nur 38 km/h sinkt? Man fügt zusätzliche aerodynamische Lösungen hinzu, um die Gesamtfläche und Tiefe des Flügels drastisch zu erhöhen, ebenso wie die Wölbung des Profils.

Als erstes fallen die großen Doppelspalt-Klappen auf; die beiden Segmente haben unterschiedliche Profile. Drei positive Positionen stehen zur Verfügung, die dritte wirkt fast wie eine Luftbremse. Für die Serie soll es auch eine negative Stellung geben, um das Pitch während des Reisef lugs abzuflachen und damit den Luftwiderstand zu senken.

Der eigentliche Schlüssel aber sind die elektrisch betätigten Drop-down-Vorf lügel mit stark tragendem Profil, wobei ein einzelner Vorf lügel über die gesamte Länge einer Flügelseite reicht. Sie sind mit einer Stange verbunden und fahren gleichzeitig. Auf diese Weise bleiben sie auf beiden Seiten immer in der gleichen Position.

Vorf lügel und Klappen kippen die Fluglage bei sehr geringer Geschwindigkeit drastisch nose down, sodass der Pilot bei ambitionierten STOL-Landungen eine viel bessere Sicht über die Cowling hat – nicht nur bei Buschlandungen ein wertvoller Sicherheitsgewinn. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass sich die Maschine weiterhin nah am kritischen Anstellwinkel befindet, obwohl der »Deck Angle« bei der Norden im Vergleich zu herkömmlichen Buschf lugzeugen in diesem Flugzustand relativ klein ist.

Anderes Thema, aber nicht zu vergessen: Wie bei der Zlin Shock Cub oder jeder Carbon Cub wird das Höhenruder der Norden elektrisch getrimmt..

Viel Platz und Komfort im Cockpit

Was hat sich in der Kabine getan? In jedem Fall gibt es viel Platz und Komfort für Pilot und Passagier: Die Sitze lassen sich längs verstellen und sind so bequem, dass auch fünfstündige Flüge keim Problem sind. Die Füße finden wie von selbst den Weg zu den Pedalen, und der Weg zur Firewall ist so lang, dass auch große Piloten die Beine ausstrecken können, ohne vorn anzustoßen. Das Gepäckfach wirkt aufgeräumt, unter der Bodenplatte (statt vorn in der Kabine) ist ein Headertank montiert – ein wertvolles Sicherheitsmerkmal. Der Gepäckboden ist 1,40 Meter lang – bei umgeklapptem Passagiersitz entsteht hier so viel Platz, um im Schlafsack im Rumpf unterzuschlüpfen. Man könnte sich auf Reisen das Zelt sparen. Tatsächlich habe ich es ausprobiert und eine Nacht in der Röhre verbracht: Es geht! Natürlich findet hier auch langes, sperriges Gepäck Platz – Ski, Snowboard, Surfbrett ...

Die Kabine ist an den Sitzen 76 Zentimeter breit und 137 Zentimeter hoch; überhaupt ist der Gitterrumpf so konstruiert, dass der Pilotenkopf mindestens 30 Zentimeter Luft bis zum nächstem Rohr hat. Ich habe mich daran gewöhnt, fürs Buschfliegen einen Helm zu tragen, und hatte befürchtet, bei Turbulenzen ständig irgendwo gegen die Struktur zu schlagen. Doch es passt perfekt. Beide Türen können jeweils mit Fotofenster ausgestattet werden.

Zeit, den Rotax anzuwerfen – gehen wir fliegen! Der Start mit der Norden ist sehr ähnlich wie das, was Buschflieger abseits regulärer Pisten gewohnt sind. Aber allein diese Power! Man versteht direkt, warum Doppelsattel-Bremsen ein Muss sind. Wie sollte man dieses Biest sonst bei Vollgas auf der Stelle halten? Weniger als 30 Meter Anlauf, dann katapultiert mich die Norden Richtung Himmel.

Wie bei der Shock Cub oder jeder Carbon Cub ist der Griff für die manuell betätigten Klappen oberhalb der linken Pilotenschulter angebracht, zum Ausfahren zieht man ihn runter.

Die beiden Knöpfe zum Fahren der elektrischen Vorf lügel sind auf dem Knüppel platziert. Während des Flugs passiert es mir mehrmals, die Taster zu berühren, weil ich das Flugzeug trimmen will. Wenn sie schon dort sind, wäre es sicher besser, wenn die Vorf lügeltasten dann eine andere haptische Rückmeldung als die Trimm-Tasten böten, etwa durch eine andere Form. Offenbar sind schon verschiedene Lösungen in Arbeit, um die Ergonomie und damit die Sicherheit zu verbessern.

SCHON ZU HABEN?

Nein, zumindest noch nicht in Deutschland. Zlin Aviation will nach Abschluss der tschechischen Zulassung auch die deutsche rasch angehen. Vertriebspartner ist Tom Huber in Antdorf bei München: www. spassvogeln.de.

Buschflieger für schnelles Reisen? Kein Widerspruch

Die Norden fliegt stabiler und braucht weniger Ruderarbeit im Flug, um das negative Wendemoment durch die größere Rumpflänge auszugleichen. Ihr zusätzliches Gewicht im Vergleich zu einer Savage wird sicherlich bei Turbulenzen helfen, mehr noch beim kurzen Endanflug auf eine steile »Altisurface«, sollte es einen plötzlichen Fallwind geben. Durch die größere Flugruhe braucht man weniger Zeit für Korrekturen und auch weniger Motorleistung zum Beschleunigen.

Die Querruder könnten durchaus mit denen eines Kunstflugflugzeugs verglichen werden. Obwohl die Norden ziemlich schwere Alaskan Bushwheels hat, ist ihre Agilität einfach erstaunlich für diese Art von Flugzeug; es erinnerte mich an meine Zeit im Segel- kunstflug. Wirklich verblüffend aber ist die Reisegeschwindigkeit.

Fabio, Marius und ich haben nacheinander mehrere Drehzahlen ausprobiert und sind zum Schluss gekommen, dass zirka 4800 rpm die wohl beste Einstellung in Bezug auf das Verhältnis von Geschwindigkeit zum Verbrauch ist. Dann schafft man auch mit den 29-Zöllern über 161 km/h IAS. Doch es geht auch noch anders: Machbar sind für ein Buschflugzeug geradezu atemberaubende 191 km/h IAS bei 5300 rpm (201 km/h TAS bei 20 Grad Celsius und 2450 Fuß AMSL), und das, obwohl die Blätter des am Boden einstellbaren E-Props auf einen Kompromiss zwischen Steigen und Reiseflug justiert sind. So ergeben sich mehr als 1100 Kilometer Reichweite bei 191 km/h mit 140 Liter fassenden Standardtanks. Ich kann es kaum erwarten, was mit einem Constant-Speed-Propeller möglich sein wird!

In der Luft und am Boden ohne Tücken

Das Verhalten beim Strömungsabriss ist vorhersehbar und erscheint mir gutmütig. In »sauberer« Konfiguration ist die Nase recht weit oben, mit voll ausgefahrenden Vorf lügeln und Klappen ist sie dagegen wie schon beschrieben extrem niedrig, und dabei ohne jede Tendenz, einen Flügel nach unten fallen zu lassen. Clean erfolgt der Stall um 58 km/h IAS. Ist alles draußen, reißt die Strömung mit Schleppgas bei 38 km/h ab, wobei selbst dann die Querruder noch wirksam sind. In dieser Flugphase würde ich allerdings dem großen Seitenruder für Kurskorrekturen mehr vertrauen.

Die elektrischen Vorf lügel fahren übrigens sehr schnell aus und wieder ein, und konstruktiv bedingt immer absolut synchron. Das ist wichtig, denn würde die eine Seite in einer anderen Position stehenbleiben als die andere, etwa beim Defekt eines Stellmotors, hätte man im Landeanflug ein großes Problem. Darüber hinaus sind sie im ausgeklappten Zustand für den Piloten dank einer knalligen Farbe auf der Innenseite deutlich sichtbar, sogar aus dem Augenwinkel. Bei der Trimmung schließlich ist mir nichts aufgefallen, allerdings war ich bei meinen Flügen solo und ohne Gepäck unterwegs.

Mein Fazit: Die Norden ist mehr als eine Weiterentwicklung des Zlin-Produktportfolios, vielleicht sogar mehr als das, was derzeit auf dem Markt erhältlich ist. Mir ist bislang kein Flieger untergekommen, der die Tugenden eines Buschflugzeugs so perfekt mit einer hohen Reisegeschwindigkeit vereint – der neue Flügel ist ein wahres Kunstwerk! Für mich ist die Norden die Antwort auf das, was ich für eine große Crosscountry-Reise brauche, zu neuen Backcountry-Spots, in extrem dünn besiedelten Gebieten und sehr weit weg von zu Hause.

Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen neuen Vogel noch besser kennenlernen durfte!

Technische Daten