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…ABER ERNSTHAFT, MR. COLLINS


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 27.06.2019

Er ist der Popstar, den die Kritiker liebend gern hassen: Sänger, Songschreiber, Schlagzeuger, Produzent, Schauspieler – PHIL COLLINS sagte nie Nein und war allgegenwärtig. Bis sein Leben auseinanderbrach: Seine Frau verließ ihn, er konnte nicht mehr trommeln, wurde mehrfach operiert und absolviert seine lange Abschiedstournee am Stock. Also, Mr. Collins, wie geht es Ihnen?


Artikelbild für den Artikel "…ABER ERNSTHAFT, MR. COLLINS" aus der Ausgabe 7/2019 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 7/2019

Phil Collins, still not dead yet


Collins bei einer Fotosession vor acht Jahren


PHIL COLLINS HAT KEINE ZEIT MEHR ZU verlieren. Er hat genug davon. Gerade bereitet er sich in Miami, wo er mit seiner Frau Orianne lebt, von der er ...zu ehrlich. ...

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PHIL COLLINS HAT KEINE ZEIT MEHR ZU verlieren. Er hat genug davon. Gerade bereitet er sich in Miami, wo er mit seiner Frau Orianne lebt, von der er geschieden und mit der er seit vier Jahren wieder zusammen ist, auf seine ungefähr vierte Abschiedstournee vor. Es gab 2004/05 das, was Collins „The First Final Farewell Tour“ nannte. Im Jahr 2007 unternahm er eine letzte Tournee mit Genesis, die er 1996 offiziell verlassen hatte. Damals spielte er nur noch für eine Show-Nummer das Schlagzeug neben Chester Thompson und beschränkte sich auf den Gesang an der Rampe. Und seit 2017 ist er auf seiner „Not Dead Yet“-Tournee, die jetzt die „Still Not Dead Yet“-Tournee ist. Auf der Bühne saß er auf einem Stuhl, er ging an einem Stock. Die Ironie war ihm nicht entgangen, er witzelte darüber: Stock! Vor dem Konzert in Köln stürzte er im Hotelzimmer und veröffentlichte ein Foto von seinem lädierten Gesicht. Phil Collins ist ein ehrlicher Mann. Manche sagen: Er istzu ehrlich.

Zwei Jahre zuvor war er am Rücken operiert worden, Nägel wurden in seine Wirriert worden, Nägel wurden in seine Wirbelsäule getrieben, und als er wieder zu Hause war, brach er sich zweimal den Fuß. Das Kortison, das ihm in den 80er-Jahren gespritzt wurde, wenn seine Stimmbänder vor Konzerten versagten, hatte die Knochen porös gemacht. Phil Collins wollte niemals ein Konzert ausfallen lassen, und am wenigsten bei der „Invisible Touch“-Tournee 1986. Seit Jahren kann er nicht mehr trommeln, weil der linke Arm kaputt ist. Eine Weile befestigte er die Trommelstöcke mit Klebeband an den Handgelenken. 2010 versuchte er es noch einmal vor einem Konzert, dann gab er auf. Er überließ erst seinem Sohn Simon, dann seinem jüngeren Sohn Nicholas das Trommeln. Nicholas trommelt nun bei der Abschiedstournee. Collins ist ein selbstironischer Mann. Er ist auch ein zuverlässiger Mann.

20 Minuten vor dem verabredeten Termin klingelt das Telefon. Eine Pause. „Hi, hier ist Phil Collins.“ Schon gefrühstückt? „Yeah, ich bin Frühaufsteher.“ Er spricht zaudernd, tastend, er atmet ein wenig schwer. Collins zählt die Stationen der Tournee auf, als wären sie mentale Krücken: Südamerika, Australien, Neuseeland, Europa. „Ich glaube, es sind tatsächlich nahezu zwei Jahre.“ Und wie geht es ihm damit? „Nun, ich gehe am Stock und sitze, während ich singe. Aber bisher hat sich noch niemand beschwert.“ Und wird die „Still Not Dead Yet“-Tournee tatsächlich die letzte bleiben? „I wouldn’t say never again. Die Tournee 2004 sollte die letzte sein, weil ich mehr Zeit zu Hause verbringen wollte. Aber dann begriff ich, dass es wahrscheinlich keine gute Idee war.“

Phil Collins’ letztes Album erschien 2010:„Going Back“ , eine glühende Hommage an die Soul-Songs der 60er-Jahre, die er immer geliebt hat. Seine Version des Supremes-Songs „You Can’t Hurry Love“ war 1982 sein zweiter omnipräsenter Welthit. Collins ist ein unwahrscheinlicher Interpret von Motown-Euphorie. Für ein Konzert mit den Lieblingsliedern im Roseland Ballroom engagierte er ein paar alte Jungs aus London, die in den 60er-Jahren amerikanische Soul-Songs spielten, neben jüngeren Session-Musikern und Sängerinnen. Er stand vorn an der zirkusartigen Rundbühne, ein putziger Soul Man und Conférencier. Der Beifall für die Platte„Going Back“ war respektvoll, aber „nicht gerade überschwänglich“. Die Formulierung, die Collins’ Selbstironie zusammenfasst: „nicht gerade überschwänglich“.

Phil Collins, der Junge aus Hounslow, der Endhaltestelle der Londoner U-Bahn in Middlesex. Sein Vater, Grev, war ein grummeliger Versicherungsvertreter, der Pfeife rauchte und mit dem Sohn an Wochenenden zum Ruderclub an die Themse ging. Es gab wenig Hinweise darauf, dass Grev Collins in diesem Jahrhundert angekommen war, schreibt der Sohn. Vater Collins ähnelte den Männern aus den Ealing-Komödien der 40erund 50er-Jahre, die sein Sohn so gern sah, und den spazierstocksteifen, umständlichen Stutzern, die John Cleese später bei „Monty Python“ spielte, was Phil ebenso gern sah. Phils Mutter, June, arbeitete in einer Spielwarenhandlung. Mit fünf begann er auf einem Spielzeugschlagzeug zu trommeln. Mit 13 schrieb er sich für eine Schauspielschule, die Barbara Speake Stage School, ein und trat als Artful Dodger im Musical „Oliver!“ im Londoner West End auf. 1964 gehörte der kleine Phil zur Komparserie in dem Film „A Hard Day’s Night“: Phil stand im Publikum, das den Beatles zujubelte – er ist für einen Wimpernschlag zu sehen. Er gründete nach anderen Bands die Gruppe Flaming Youth, die 1969 ein erstaunliches Konzeptalbum über die Mondlandung veröffentlichte. 1970 suchte die Band Genesis in einer Annonce einen „für akustische Musik empfindsamen Schlagzeuger“. Collins spielte – auf dem Anwesen von Peter Gabriels Eltern – die Songs von„Trespass“ , der zweiten Platte von Genesis. Und wurde engagiert. Der drollige Typ unter den ernsten Internatsschülern. Der Handfeste. Der Komiker.


„Ich war ein gewöhnlicher Gymnasiums-Prolet. Aber ich war Peter Gabriels Prolet“


Keyboarder Tony Banks macht Collins in dem Dokumentarfilm „Sum Of The Parts“ von 2014 ein vergiftetes Kompliment: „Er brachte Lockerheit hinein und machte Scherze. Wir anderen waren ein wenig steif. Wir waren sehr…ernsthaft .“ Peter Gabriel sagt in dem Film: „Ich konnte endlich mit jemandem über das Leben sprechen. Er hatte viel durchgemacht.“ Für „Sum Of The Parts“ waren die fünf Genesis-Musiker in einem Fotostudio in London zusammengekommen. „Äh, wir kamen gut miteinander aus“, sagt Collins. „Es war kein Rollenspiel. Nur seltsam, dass wir so wieder zusammenkamen, wie wir immer gewesen waren. Es gab auch eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn wir wieder zusammenarbeiten würden. In einer Band gibt es immer Positionierung. Ich meine: Die Person, die früher dominant war, wird jetzt womöglich auch dominant sein. Und das ist vielleicht nicht das, was die anderen wollen.“ Nur Gitarrist Steve Hackett schwieg, wie immer.

Die für die Filmdokumentation befragten Kritiker schwärmen davon, was für ein unglaublicher Schlagzeuger Collins war: Er konnte alles spielen, Prog-Rock, Jazz, Soul, Pop! Gabriel sagt über die gloriosen frühen Genesis: „Wie konnten zynische Menschen bekehren.“ Genesis waren eine Religion. Gabriel war ein Priester, und Collins war sein Messdiener. Er glaubt, dass Gabriel nicht unzufrieden damit war, dass sein Knappe ihm als Sänger nachfolgte, als er Genesis 1975 verließ: „Verglichen mit den Charterhouse-Jungs war ich ein gewöhnlicher Gymnasiums-Prolet. Aber ich warsein Gymnasiums-Prolet.“ Vor 14 Jahren überlegten sie, ob sie zum 30. Jubiläum von „The Lamb Lies Down On Braodway “ die Platte komplett aufführen sollten. Man ging vage optimistisch auseinander. Als Gabriels Management aber die ersten komplizierten Fragen zu Technik, Visualisierung und Logistik stellte, sagten die anderen: Lassen wir es. „Wir würden wahrscheinlich noch immer darüber diskutieren, wenn wir es damals beschlossen hätten“, sagt Collins. „Peter hat sein eigenes Programm. Mike, Tony und ich sind uns noch immer nah – Mike ist bei einigen Konzerten meiner Tournee dabei. Aber ich bezweifle, dass wir fünf noch einmal zusammen auftreten werden – auch weil ich nicht mehr Schlagzeug spielen kann.“

POP-ADEL
Gruppenbild vor einer Gala des Prince‘s Trust im Wembley-Stadion, 23. Juni 1985


AUFGERÄUMT
Der jugendliche Phil an seinem Instrument, 1964, später Covermotiv von„Going Back“


VERLIEBT
Collins mit Robert Plant während einer Tournee-Party in New York, 1983


FRÜHE TAGE
Genesis: Mike Rutherford, Collins, Tony Banks und Peter Gabriel, 1974


Phil Collins ist ein Minderwertigkeitskomplex geblieben, ein Misstrauen. Längst war er der Sänger der Band, als er sich kaum traute, den beiden Kollegen seine Songs anzubieten. Über den Erfolg seines ersten Soloalbums,„Face Value“ , und der Single „In und der Single „In The Air Tonight“ sagte Banks: „Er ist unser Freund, wir wünschten ihm Glück. Aber vielleicht nichtso viel Glück. Doch es ging weiter. 15 Jahre lang war er überall, es war kaum auszuhalten!“ Collins hat nicht vergessen, dass Banks bemerkte: „Deine Songs haben eben nur drei Akkorde.“ Collins sagte: „,In The Air Tonight‘ hatvier .“

Im Jahr 2016 erschien Collins’ Autobiografie „Not Dead Yet“, eine ebenso furiose wie rigorose, schonungslose Konfession, ein Künstlerroman als Groteske, Krankenakte und Slapstick. Zum vorläufigen versöhnlichen Ende dieses Anti-Bildungsromans schreibt er: „Und das Publikum kramt noch einmal die Partyklamotten aus den 80er- und 90er-Jahren hervor.“ Er hat einfach keine hohe Meinung von sich selbst: „Ich war einer der Gründe dafür, weshalb die Menschen die 80er-Jahre nicht mögen.“

Umso mehr mochten sie ihn in den 80er-Jahren. Collins war ubiquitär, seine Hits beschallten alles: „Against All Odds.“ „Sussudio.“ „Easy Lover.“ „One More Night.“ „A Groovy Kind Of Love.“ „Two Hearts.“ „Another Day In Paradise.“ In Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ widmet der wahnsinnige Patrick Bateman schwärmerische, quälend vollständige Plattenrezensionen den Alben von Genesis und Phil Collins der 80er-Jahre.

Den Solokünstler und Superstar Phil Collins hätte es nicht gegeben, wäre er nicht 1978 von seiner Frau Andrea verlassen worden. Genesis waren ohne Gabriel noch erfolgreicher als mit Gabriel, sie wollten Amerika erobern, sie nahmen jedes Jahr eine Platte auf und waren immerzu auf Tournee. Collins glaubte: „Ich bin der Ernährer, der Versorger, und ich muss rausgehen und für meine Familie arbeiten.“ Andrea und Phil haben eine Tochter aus Andreas erster Ehe, Joely, und einen gemeinsamen Sohn, Simon. Sie erwarben ein Anwesen in Surrey, Old Croft, das während Collins’ Abwesenheit renoviert wurde. Der Dekorateur brachte einen Hilfsarbeiter mit: „einen Pfeife rauchenden Typen, der eine Privatschule besucht hat und Slippers trägt“, so Collins. Eine Privatschule! Als Collins wieder in Old Croft war, rief Andrea ihn eines Abends an: „Ich komme heute nicht heim.“ Und das war das. Collins schlug mit der Faust ein Loch in die Wand und warf eine Schale mit Kleingeld durch den Flur.


FOTOS VON NEALE HAYNES

FOTOS: TERRY O‘NEILL/ICONIC IMAGES/GETTY IMAGES, RON HOWARD/REDFERNS, RON GALELLA/RON GALELLA COLLECTION VIA GETTY IMAGES, DAVID WARNER ELLIS/REDFERNS