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Abgetakelt


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 01.02.2019

Bundeswehr Die in Bremerhaven zerlegte »Gorch Fock« versinnbildlicht den maroden Zustand der deutschen Streitkräfte. Überforderte Bürokraten unterminieren die Kampfkraft der Truppe und behindern die von Ministerin Ursula von der Leyen versprochenen Reformen.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 6/2019

THOMAS ZIMMERMANN / IMAGO

Die Bredo-Werft sitzt an der Spitze einer kleinen Halbinsel, die ins Becken des Fischereihafens von Bremerhaven ragt. Wer sie besucht, fährt vorbei an Lagerhallen und Fischfabriken, an Getreidesilos und einer Recyclinganlage, dann endet der Weg abrupt an einer Schranke neben einem Pförtnerhaus, an dem »Bredo Dry Docks« ...

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... steht. Hier draußen liegt die »Gorch Fock«, der einstige Stolz der Marine, der dreimastige Windjammer vom alten Zehnmarkschein, aber das nationale Maskottchen ist in seine Einzelteile zerlegt. Der rostige Rumpf sitzt im Trockendock, andere Stücke des Schiffs sind auf Werkstätten ringsum verteilt. Für den Laien ist es ein Wrack, für die Bundeswehr und ihre Ämter eine Maßnahme der Instandhaltung. Am vorvergangenen Montag kam hoher Besuch.

Ursula von der Leyen, so erzählen es Leute, die dabei waren, hatte die Montur angelegt, die sie sonst nur im Marsch - gepäck hat, wenn sie an den Hindukusch aufbricht. In grauer Daunensteppjacke und dicken Wanderstiefeln ging die Bundesverteidigungsministerin in den Hafenanlagen an der Wesermündung umher wie in einem winterlichen Krisengebiet. Sie wollte offenkundig endlich einmal selbst sehen, mit eigenen Augen, wie es um dieses verdammte berühmte Segelschulschiff steht, das sie aus unzähligen Berichten, Vorlagen, Papieren in allen Einzelheiten längst kennengelernt hat. Es war ein ungewöhnlicher Überraschungsbesuch, selbst ihr Marine-Inspekteur Andreas Krause wurde erst am Morgen informiert, ebenso der Kommandant vor Ort und auch die Werft. Von der Leyen habe nicht gewollt, sagen ihre Leute, dass man »alles für sie hübsch« mache. Aber die Geheimniskrämerei vor der Reise offenbart doch vor allem das tiefe Misstrauen einer Ministerin ihrem eigenen Apparat gegenüber, die Angst davor, im Labyrinth ihrer Mammutbehörden, in den weitverzweigten Netzwerken des Militärs verraten, falsch informiert und in politische Fallen gelockt zu werden. Die »Gorch Fock« ist dafür ein gutes Symbol.

Segelschulschiff »Gorch Fock« bei der Windjammerparade in Kiel 2013, Rumpf des zerlegten Schiffs im Trockendock der Bredo-Werft in Bremerhaven


Die kürzeste Fassung des zugehörigen Skandals stammt von Hans-Peter Bartels, dem Wehrbeauftragten des Bundestags. Im Vorwort seines Jahresberichts, der seit Dienstag vorliegt, schreibt Bartels, der Fall »Gorch Fock« stehe beispielhaft »für verschwenderischen Umgang mit den Ressourcen Geld und Zeit«. Der bürokratische Zirkus um die Instandsetzung des Schiffs zeige »paradigmatisch die Diffusion von Verantwortung in einer zersplitterten Zuständigkeitskultur, wo es niemandes Aufgabe zu sein scheint zu fragen: ›Ist das normal, wenn der Reparaturpreis sich von zehn auf 135 Millionen verdreizehnfacht?‹«

Darum geht es, auf den ersten, schnellen Blick: dass die Sanierung eines Schiffs, das vor 60 Jahren für acht Millionen Mark innerhalb von zehn Monaten auf der Hamburger Werft Blohm & Voss gebaut wurde, etliche Jahre dauert und 135 Millionen Euro kosten soll. Der Fall liefert Anschauungsmaterial für die Abgehobenheit einer Beamtenelite, deren Kompetenz ohnehin seit Jahrzehnten infrage steht und die jedes Augenmaß zu verlieren scheint, wenn prestigeträchtige Rüstungsprojekte zu verhandeln sind. Dann spielt Geld offenkundig weiterhin keine Rolle, und jeder Trick ist recht, die Mittel zu beschaffen.

Deshalb steht die »Gorch Fock« auf den zweiten Blick für die Unmöglichkeit, den logistischen und bürokratischen Koloss namens Bundeswehr in Schach zu halten. Die zugehörigen Themen sind seit Jahrzehnten die gleichen: Dringend benötigtes Material wird erst mit absurd langer Verzögerung geliefert. Auf den jahrelangen geheimnisvollen Produktionswegen steigen die Kosten der Rüstungsgüter um 20, um 30, um 40 Prozent. Und sind sie endlich fertig, funktionieren sie häufig schlecht oder gar nicht oder sind schon wieder veraltet, kaum dass sie in Betrieb gehen.

Wer die Nachrichten verfolgt, kennt die zugehörigen Namen: den Schützenpanzer »Puma«, mit dessen Entwicklung und Herstellung sich deutsche Verteidigungsminister seit den Neunzigerjahren herumschlagen. Den Hubschrauber »Tiger«, um den seit den Achtzigerjahren gerangelt wird. Den Kampfjet »Eurofighter«, dessen paneuropäische Geschichte schon in den Siebzigerjahren beginnt. Und das sind nur die spektakulären Großprojekte.

Das für die Beschaffung zuständige Amt in Koblenz mit dem Behördenkürzel BAAINBw vergibt in einem Jahr weit mehr als 10000 Beschaffungsaufträge jeder Art, von der Unterhose bis zum Transportflugzeug A400M und auch alles dazwischen: Feldflaschen und Munition, Gewehre und Lastwagen, Leuchtmittel, Drohnen, Essgeschirr, Geschütze, Helme, Schutzwesten, Raketenabwehrsysteme, Hemden, Gürtel, Sturmgewehre für gut 180000 Soldaten. Die Aufgabe ist, zweifellos, hochkomplex. Dennoch bestehen berechtigte Zweifel daran, ob die zuständigen Behörden ihren Aufgaben gewachsen sind. Und ob dafür, auf Dauer, die zuständige Ministerin womöglich politische Verantwortung zu übernehmen hat.

Wer Antworten sucht und wer das neue deutsche Unvermögen verstehen will, das auch zu den Dauerbaustellen BER, Elbphilharmonie oder zu maroden Eisenbahnbrücken geführt hat, muss das Beispiel »Gorch Fock« studieren. Als das Schiff am 25. November 2015 in Bremerhaven ankam, zu einer routinemäßigen »schiffbaulichen Untersuchung«, die über viele Umwege in seine heutige Totalzer legung mündete, war der Dreimaster längst ein vielfach geflickter Oldtimer. Im Zweijahresrhythmus wurde seit 2004 viel Geld für seine Instandhaltung ausgegeben. Ein als vertraulich deklarierter Prüfbericht des Bundesrechnungshofs von Anfang Januar enthält eine zugehörige Tabelle: Demnach wurden zwischen 2004 und 2015 alle zwei Jahre mal drei oder dreieinhalb, mal knapp acht oder fast zehn Millionen Euro in das alte Schiff gesteckt.

Die Beträge summieren sich bereits vor der heutigen Sanierungskatastrophe auf ein Mehrfaches des Anschaffungswerts. Würden, nur einmal so als Frage, die zuständigen Beamten mit ihren Autos ähnlich umgehen? Würden sie es normal finden, nach und nach 200000 Euro in den Erhalt ihres eigenen alten Autos zu stecken, das vielleicht irgendwann mal 15000 Euro gekostet hat?

Zu Beginn der Affäre, im November 2015, ist also ein Routinecheck geplant. Für 9,6 Millionen Euro soll die Außenhaut ausgebessert, Segel, Masten und der Motor auf Vordermann gebracht werden. Schon nach gut vier Monaten soll die »Gorch Fock« wieder in See stechen. Aber daraus wird nichts.

Je mehr Paneele die Techniker der Bredo-Werft von der Innenverkleidung abnehmen, desto größere Roststellen, Verformungen und Schäden am Stahlrumpf entdecken sie. An manchen Stellen soll der Stahl schon so schwach gewesen sein, dass man mit dem Finger ein Loch hineindrücken konnte. Stück für Stück wird in der Folgezeit die Kostenschätzung immer höher: Im März 2016 heißt es, die Reparatur der »Gorch Fock« werde 12 Millionen kosten, im Sommer sind es schon 33 Millionen, im Herbst knapp 65 Millionen Euro. Damals wird zum ersten Mal ein Projektleiter stutzig, stoppt sogar die Arbeiten, warnt das Ministerium und erbittet schriftlich eine Weisung, wie angesichts der Kostenexplosion zu verfahren sei.

Ursula von der Leyen erfährt davon , soweit bislang bekannt, zunächst nichts. Projekte, die weniger als 25 Millionen Euro kosten, brauchen nicht den Segen des Bundestags und erreichen so den Schreibtisch der Ministerin erst gar nicht. Da die »Gorch Fock«-Sanierung mit 9,6 Millionen Euro Planungskosten in den Büchern steht, wird die Oberbefehlshaberin der Streitkräfte, die schließlich auch noch viele andere und weit größere Baustellen hat, nicht informiert. Von der Leyen hört erst von den Problemen, als das Projekt schon abgeschmiert ist. Im Januar 2017 bekommt sie eine mehrseitige »Leitungsvorlage«, die die Kosten der »Gorch Fock«-Sanierung damals bereits auf 75 Millionen Euro schätzt. Trotzdem raten ihre Spitzen - beamten, die Fortsetzung der Arbeiten sei die »effektivste und nachhaltigste Option«, das Weitermachen sei teuer, habe aber »das geringste Umsetzungsrisiko«.

Der Rechnungshof hält diese Bewertung für schlicht falsch. Die Prüfer vermuten außerdem, dass die Marine den Preis für die Reparatur des Segelschulschiffs absichtlich kleinrechnete, um es irgendwie zu erhalten. Dieser Plan, sollte es ihn gegeben haben, ging auf. Von der Leyen zeichnete die Vorlage ab, und die Arbeiten konnten weitergehen. Gut ein Jahr später landete eine zweite »Leitungsvorlage« in Sachen »Gorch Fock« auf ihrem Tisch, jetzt mit der sagenhaften Kostensumme 135 Millionen Euro. Und wie zuvor schlug ihr Apparat vor, »trotz der deutlich erhöhten Gesamtkosten die Instandsetzung der Gorch Fock mit dem bisherigen Auftragnehmer fortzusetzen«.

Wäre das rostige Schiff ein bizarrer Einzelfall, könnte man sich an den Details eines neuen deutschen Schildbürgerstreichs erfreuen, ein wenig auf die Beamtenschaft schimpfen und zur Tagesordnung über - gehen. Die »Gorch Fock« steht aber für mehr. Hinter dem Aushängeschild öffnet sich der Blick auf die Zustände der Bundeswehr insgesamt. Das kaputte Schiff passt zu einer ziemlich kaputtgesparten Truppe.

Bei der Bundeswehr wird »Einfaches verkompliziert, Bewährtes wird verschlimmbessert«.

Seit Jahren zieht die Bundeswehr den öffentlichen Spott auf sich, weil Kampfflugzeuge nicht fliegen, U-Boote nicht fahren und Panzer nur auf dem Papier existieren. So regelmäßig poppen diese Geschichten auf, dass es zu allgemeiner Aufregung gar nicht mehr reicht. Dann bleibt wieder mal ein Minister oder sogar der Bundespräsident mit einer Maschine der Luftwaffe irgendwo im Ausland liegen, und der Spott ist groß. Die Bundeswehr, die noch nicht einmal über ihre Beteiligung an harten Kampfeinsätzen reden darf, weil das politisch unerwünscht ist, wirkt häufig wie die Karikatur einer Armee.

Der materielle Zustand der Truppe ist dabei kein aktuelles Versagen, sondern die Folge eines jahrelangen Sparkurses, den die Deutschen, solange es nicht zu größeren Ausfällen kam, eher freundlichdesinteressiert zur Kenntnis genommen haben. Intern zwang die Schrumpfkur die Bundeswehr seit Jahren zu verzweifelten Verrenkungen wie dem sogenannten »Dynamischen Verfügbarkeitsmanagement «.

Ministerin von derLeyen auf Werftbesuch: Jedes Schiff hat »eine gewisse Seele«


MOHSSEN ASSANIMOGHADDAM / DPA

Hinter diesem bundeswehrtypischen Wortungetüm verbarg sich der Umstand, dass die Truppe als Folge des Sparkurses nicht mehr genug Großgerät für alle hatte. Also sollten Panzer und Haubitzen innerhalb der Bundeswehr hin und her verschoben werden, immer dorthin, wo man sie gerade akut für eine Übung brauchte – mit der Folge, dass sich anderswo Soldaten, die eigentlich ebenfalls den Umgang mit ihrem Panzer trainieren sollten, anderweitig beschäftigen mussten. Erst von der Leyen machte Schluss damit und verordnete wieder die sogenannte Vollausstattung. Zumindest auf dem Papier.

Tatsächlich fehlt es noch immer überall und beinah an allem. Das fällt immer dann auf, wenn einzelne Verbände in den Einsatz gehen oder für Nato-Aufgaben, wie die Schnelle Eingreiftruppe an der Ostflanke des Bündnisgebiets, bereitstehen müssen. Der Kommandeur des betroffenen Verbands muss seine Leute dann auf eine Art Raubzug durch die Truppe schicken, um zusammenzuklauben, was noch fehlt, vom Nachtsichtgerät bis zur Schutzweste. Das funktioniere naturgemäß nur »zu Lasten anderer Truppenteile«, schreibt der Wehrbeauftragte Bartels in seinem neuen Jahresbericht.

Nun hat der Beauftragte des Bundestags das Ohr an der »Parlamentsarmee« Bundeswehr, sein Postfach ist der Kummerkasten der Truppe, und folglich ist der Grundton seiner Jahresberichte negativ bis anklagend. Es geht ums Kleine wie ums Große, auch darum, dass »die Knöpfe der Bordhosen (Marine) nicht fachgerecht vernäht« seien, oder darum, dass die deutsche Marine im zweiten Halbjahr 2018 über kein funktionsfähiges Tankschiff verfügte. Dieses Jahr schoss sich der Beauftrage Bartels aber auf den »Bürokratismus« ein – und bei der Lektüre stellt sich der Eindruck eines regelrechten Systemversagens ein.

Die Bundeswehr blockiere sich »zu oft selbst in ihrem Bemühen, Trendwenden umzusetzen«, heißt es da. »Einfaches wird verkompliziert, Bewährtes verschlimmbessert. « Die starre Anwendung von Vorschriften führe zu stetem Ärger Marke »ineffizienter Personaleinsatz, unnötige Arbeitsaufträge oder sinnlose Arbeitsschritte «. Die Bundeswehr habe zu wenig Personal, schreibt Bartels, zudem fehle allerorten funktionstüchtiges Material. »Oftmals trifft Lücke auf Lücke.«

Bartels’ Jahresbilanz ist erschütternd, fast Satz für Satz: »In allen Bereichen mangelt es an Material. Kaum einsatzbereite Leopard 2, teure Nachrüstungsprogramme für den neuen Schützenpanzer Puma, ein großer Teil der U-Boote defekt, weniger als die Hälfte der Eurofighter und Tornados flugfähig und auf ein Minimum reduzierte Munitionsbestände.« Darunter litten Einsätze, Ausbildung, Übungen. Und manchmal wird es für Deutschland peinlich, wenn es der Bundeswehr »nur unter großen Anstrengungen« gelingt, die 8000 Soldatinnen und Soldaten, die im Herbst an einem Nato-Manöver in Norwegen teilnahmen, »mit Winterbekleidung und Schutzwesten auszustatten«.

Der Wehrbeauftragte spricht von der Beschaffung als »dem größten Bürokratie - labyrinth«. Beunruhigend ist, dass sich diese Urteile seit vielen Jahren wiederholen, offenkundig ohne dass diesen Zuständen entschlossen oder gar erfolgreich begegnet wird. »Beschaffungsprozesse, ob Bekleidung und Ausrüstung, Klein- oder Großgerät – es dauert alles zu lange«, schreibt Bartels, und dieser Satz könnte von 1990, 2005 oder 2015 stammen. Es besteht nur mittlerweile die empörende Möglichkeit, dass sich die Versäumnisse zu einer veritablen Strukturkrise der ganzen Armee aufaddieren, die zur Funktionsuntüchtigkeit führen kann.

Der Wehrbeauftragte zeichnet das Bild einer Armee, die darauf hoffen muss, nicht in weitere Einsätze geschickt zu werden, weil sie schon jetzt am Limit und darüber hinaus operiert. Zur Marine schreibt Bartels: »Ganze Besatzungen saßen sprichwörtlich auf dem Trockenen, da mehrere Schiffe und Boote nicht wie vorgesehen für die Seefahrt zur Verfügung standen.« Die Besatzung der »Gorch Fock« kennt dieses Gefühl gut.

Aber nicht nur Großgerät ist marode. Bartels berichtet auch über »die dienstlich bereitgestellten Unterhemden« bei der Marine, die »unter den Armen leicht reißen «. Er schreibt über wärmende Unterwäsche, die nach Vorstellungen der Planer nach einem Einsatz abgegeben und von anderen Soldaten aufgetragen werden sollten. Und er schildert Fälle von Luftwaffensoldaten, die ihre Uniform seit geraumer Zeit immer wieder selbst flicken, weil sie keine neue bekommen.

Wie konnte es so weit kommen? Der Sparkurs liefert nur einen Teil der Erklärung. Ginge es allein ums Geld, müsste die Truppe mittlerweile wieder besser dastehen. Der Wehretat wächst seit Jahren kontinuierlich. Die Ministerin von der Leyen hat es verstanden, die Spannungen mit Russland, die neuen Gefahren im Osten und weltweit für die Belange der Bundeswehr zu nutzen und dem Finanzministe - rium jedes Jahr mehr Geld abzutrotzen. Die von ihr im Beraterdeutsch ausgerufene »Trendwende Finanzen« ist geglückt. Trotzdem hakt es weiter. Und das be - trifft viele Stellen im ganzen Apparat mit seinen Unterapparaten, allen voran das BAAINBw in Koblenz, das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr – insgesamt 11130 Planstellen. Besetzt sind, Stand Donnerstagabend, 8887, vor allem mit Beamten und Soldaten. Sie überprüfen jeden Antrag, jeden Auftrag, und zwar bis der Arzt kommt. Die Bestellung eines Satzes Uniformen geht bei der Bundeswehr durch acht Instanzen. Und es geschehen unglaubliche Fehler.

Man muss es aussprechen: Wenn die Bundeswehr den Eindruck einer Gurkentruppe macht, kann damit nicht die Truppe gemeint sein, die sich mittlerweile in vielen Einsätzen bewährt und die Armeen verbündeter Länder mit guter Arbeit überzeugt hat. Die Bürokratie dahinter ist aber offenkundig ein kafkaesker Albtraum.

Die Vorgänge um die Beschaffung des Schützenpanzers »Puma«, eines Vorzeigegeräts des Heeres, nehmen es in Sachen Groteske durchaus mit der »Gorch Fock« auf. Denn der Schützenpanzer weist eine wesentliche Macke auf: »Er ist so konzipiert worden«, heißt es im Bericht des Wehrbeauftragten, »dass die zu transportierenden Soldatinnen und Soldaten aufgrund der gültigen Sicherheitsauflagen höchstens 1,84 groß sein dürfen.« Das heißt, dass einige Panzergrenadiere in Ausbildung, die größer sind als 1,84 Meter, leider nicht mehr wie geplant eingesetzt werden können. Es heißt vor allem, dass das Höchstmaß von 1,84 Metern künftig »Voraussetzung für eine Zulassung zur Laufbahn bei den Panzergrenadieren« werden müsse. Ein Schildbürgerstreich? Was sonst.

In einem Thesenpapier zur »Rüstung digi talisierter Landstreitkräfte« kam das Heereskommando bereits vor einiger Zeit zu einem geradezu vernichtenden Ergebnis: »Die derzeitige Beschaffungspraxis ist darauf ausgerichtet, Risiken möglichst auszuschließen, und strebt maximale (rechtliche) Sicherheit und Regelkonformität an«, heißt es in dem Dokument. »Immer komplexere, sich gegenseitig teils sogar widersprechende Regelungen erzeugen immer höheren Abstimmungsbedarf und vielfältige Schnittstellen.« Die zuständigen Personen seien »oft überfordert«. Rasches, flexibles Handeln werde »strukturell unmöglich gemacht«. Übersetzt heißt das: Die Bundeswehr erstickt an sich selbst.

Auf der Suche nach Gründen landet man am Ende stets in Koblenz, beim Beschaffungsamt. Dorthin schickte von der Leyen schon kurz nach Amtsantritt eine Kompanie Unternehmensberater, um den Status quo feststellen zu lassen. Wie erwartet, stellten die Berater dem Beschaffungswesen der Bundeswehr ein misera - bles Zeugnis aus. Eines der Ergebnisse: Die Beamten seien den Juristen der Rüstungsindustrie hoffnungslos unterlegen, was etwa die Gestaltung von Verträgen angehe. Dadurch lasse man sich bei Großprojekten regelmäßig über den Tisch ziehen. Die Behörde brauche dringend Sachverstand von außen.

Schulschiff »Gorch Fock« im Dock: 13-fache Preissteigerung


JÖRG MÜLLER / AGENTUR FOCUS

Als Konsequenz marschierten dort externe Juristen ein, um den vermeintlich hoffnungslos überforderten Beamten unter die Arme zu greifen. Es prallten aber Kulturen aufeinander: auf der einen Seite die Beraterkultur, personifiziert durch von der Leyens Staatssekretärin Katrin Suder, 2014 vom Beratungsriesen McKinsey abgeworben. Auf der anderen Seite: die Koblenzer Beamtenkultur.

Die Beschaffer am Deutschen Eck fühlten und fühlen sich zu Unrecht als Minderleister stigmatisiert, zumal dort über Jahre eine vierstellige Anzahl an Dienstposten unbesetzt war. Und die Berater verdrehten und verdrehen die Augen über die ihnen fremde Welt aus starren Hierarchien, Dienstwegen und Vorschriften. Statt gemeinsam das Beschaffungswesen auf Effektivität zu trimmen, verbrachte man viel Zeit damit, sich fremd zu bleiben.

Doch über die Jahre hätte durchaus noch zusammenwachsen können, was eigentlich erst nicht zusammengehörte – hätte die alerte Staatssekretärin Suder im Mai 2018 ihren Posten nicht hingeworfen. Ausgerechnet sie, die stets betont hatte, ein so grundlegender Wandel wie der im Rüstungswesen benötige mindestens zwei Legislaturperioden, wenn nicht 10 bis 15 Jahre. Nun fühlten sich viele Koblenzer Beamten erst recht vor den Kopf gestoßen: Gerade erst hatten sie sich auf den Kulturwandel eingestellt, da war diejenige, die diesen Wandel verordnet hatte, schon wieder weg.

Nun richten sich die Augen auf Ursula von der Leyen. Erst recht, seitdem die »Gorch Fock«-Affäre eine neue, noch hässlichere Wendung genommen hat. Die Rede ist von allerlei Merkwürdigkeiten bei der Elsflether Werft, dem General - unternehmer, für den die Bredo-Werft in Bremerhaven arbeitet. Bei der Marine waren spätestens 2017 Gerüchte über krumme Finanzgeschäfte des Vorstands bekannt. Unterauftragnehmer beschwerten sich über offene Rechnungen, allein bei der Bredo-Werft sind bis heute sieben Millionen Euro offen.

Die beiden Vorstände der Elsflether Werft, der Hamburger Rechtsanwalt Marcus R. und Klaus W., kümmerten sich offenbar nur nebenbei um das eigentliche Werftgeschäft. Stattdessen gründeten sie eine ganze Handvoll Firmen, an die sie Aufträge oder großzügige Kredite vergaben, vermutlich um Geld aus der Werft abzusaugen. Beide wurden am Mittwoch von ihrem Posten abgesetzt. Das Konstrukt der Firmen hat mittlerweile eine Anwaltskanzlei durchforstet. Ein detaillierter Prüfbericht äußert, gestützt auf viele Belege, den Verdacht, »dass Vermögen von der Elsflether Werft AG in das Privatvermögen ihrer Vorstandsmitglieder, insbesondere von Herrn Dr. h. c. R., übertragen wird«.

Über die Umtriebe des Hamburger Rechtsanwalts, der in einer großen Villa an der Hamburger Elbchaussee residiert und im Nebenjob Honorarkonsul für die Mongolei ist, hätte man im Ministerium auch gern früher etwas erfahren. Erst am 12. Dezember meldete das Marinearsenal, ein Mitarbeiter habe bei seinem Vorgesetzten ein Geständnis abgelegt. Demnach hatte Peter G., in der Elsflether Werft als Preisprüfer der Bundeswehr für die »Gorch Fock« eingesetzt, von der Werft und einer Firma 800000 Euro erhalten, als Darlehen. Die Polizei Oldenburg ermittelt und hat eigens die Ermittlungsgruppe »Wasser« eingerichtet. Die Fahnder wollen herausfinden, warum der Beamte Peter G. jeweils sechsstellige Beträge vom Konto des Werftvorstands Marcus R. und von einem seines Vertrauten Enrico P. erhielt und ob er deswegen beide Augen bei der Prüfung der »Gorch Fock«-Arbeiten zudrückte.

Der Fall bescherte von der Leyen ab Mitte Dezember viele lange Abende im Ministerium. Staatssekretär Gerd Hoofe, einer ihrer letzten engen Weggefährten, begann, die Gemengelage rund um die Werft, den Vorstand und die Kostenexplosion bei der »Gorch Fock«-Instandsetzung aufzuklären, mehrmals die Woche informierte er die Ministerin über seine Recherchen.

Schon die ersten Details wirken verstörend. So hatte sich der Bundeswehr - beamte G. als Bauherr für ein exklusives Wohnprojekt für Senioren in Varel auf - geschwungen und sich dabei mächtig verkalkuliert. Dass ein Beamter mit einem Jahresgehalt von rund 60000 Euro ein Bauprojekt für knapp zwei Millionen Euro startete, fiel bei der Bundeswehr vor seiner Selbstanzeige offenbar niemandem als verdächtig auf.

Das wäre freilich möglich gewesen. Im vergangenen September schon erschien im »Friesländer Boten« eine Kleinanzeige mit dem Titel: »Genießen Sie das Nordseeheilklima«. Geworben wurde für eine »Stadtresidenz « in Varel am Jadebusen, 17 Wohneinheiten standen zum Verkauf, ironischerweise an der Gorch-Fock-Straße gelegen. Der Bauherr: ebenjener Peter G., 62, der auf dem Werftgelände in Bremerhaven sein eigenes Büro hatte. Der SPIEGEL erreichte ihn diese Woche telefonisch, G. wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern.

Die Ministerin, hinab - gezogen in solche Sümpfe, versucht mittlerweile nach Kräften, Ruhe in die Affäre zu bringen.

Nach der Absetzung der Manager werden auf der Werft jetzt die Bücher geflöht. Mit einer neuen Unternehmensführung, hofft das Ministerium, könnten die Arbeiten an der »Gorch Fock« vielleicht doch noch im Kostenrahmen von maximal 135 Millionen Euro bleiben, auch wenn das kein Grund zum Feiern mehr ist.

Könnte man die Arbeiten nicht einfach einstellen? Die Fachleute haben auch die Option Abwracken geprüft, haben sich angesehen, ob es womöglich besser wäre, die Arbeiten zu beenden und die »Gorch Fock« zu verschrotten. Aber erstens ist schon sehr viel Geld ausgegeben worden, und zweitens müsste das völlig zerlegte Schiff erst wieder zu Wasser gelassen und nach Holland geschleppt werden, weil kein deutscher Betrieb eine Lizenz zum Abwracken des Hochseeseglers besitzt.

Es wäre das unwürdige Ende eines würdevollen Schiffs mit wechselvoller, oft tragischer Geschichte, deren Wendungen stets gut waren für die volle nationale Anteilnahme. Das war so im September 2008, als die Offiziersanwärterin Jenny Böken vor Norderney unter undurchsichtigen Umständen über Bord ging und ihre Leiche elf Tage später vor Helgoland geborgen wurde. Es war so im November 2010, als im Hafen von Salvador de Bahia in Brasilien die Kadettin Sarah Seele aus der Takelage 27 Meter tief aufs Deck stürzte und starb. Aufgebrachte Kadetten und die Stammbesatzung gerieten damals anein - ander, von einer regelrechten Meuterei war die Rede, von falschen Ritualen und übertriebenem Drill an Bord.

Immer wieder mussten Kommandanten gehen, immer wieder kam die Debatte auf, ob es so ein Schiff zur Ausbildung von Marinesoldaten in Zeiten der totalen Digitalisierung überhaupt noch brauche. Selbst unter ehemaligen Kapitänen sind die Meinungen darüber geteilt.

Thomas-Georg Hering, 75, von 1993 an vier Jahre Kommandeur der »Gorch Fock«, sprach diese Woche von seinem Schmerz, ein so stolzes Schiff wie die »Gorch Fock« zerlegt in der Werft zu sehen. Jedes Schiff habe auch »eine gewisse Seele«, sagte Hering, deshalb würde er sich freuen, wenn das Schiff »Gorch Fock« wiederkäme und »noch mal Segel setzen darf«. Dagegen sagte Nickels Peter Hinrichsen, 79, der auf der »Gorch Fock« 1982 bis 1986 das Kommando führte, es sei »schon erstaunlich «, wie die Kosten aus dem Ruder gelaufen seien. »Der wesentliche Fehler«, sagte Hinrichsen, »liegt bereits zehn Jahre zurück. Damals hätte man darüber nachdenken müssen, ob die ›Gorch Fock‹ ins Museum gehört oder verschrottet werden muss.« So viel Klarsicht hatte damals niemand.

Der Neubau eines Segelschulschiffs wäre möglich gewesen, dann hätte eine neue Geschichte beginnen können von Seefahrern und Kadetten, von Kapitänen zur See und Geschwindigkeitsrekorden in der Straße von Gibraltar. Das berüchtigte Regime der »Gorch Fock« wäre weiter zu modernisieren gewesen, denn sie war und ist bis heute auch ein lebendes Symbol für die soldatische Mut- und Härteprobe: Der Standardsatz, den die Matrosen am Beginn ihrer Ausbildung zu hören bekamen, war: »Wir führen Sie hier an Ihre physischen und psychischen Grenzen.«

Klettereien in die Takelage, auf 45 Meter Höhe, waren obligatorisch, und zwar die längste Zeit ungesichert. Das alles in einer Situation des Schlafentzugs, denn der Dienstplan sah maximal vier Stunden Schlaf pro Tag vor. Man mag das unmenschlich finden, aber Offiziere argumentieren bis heute: Wie anders soll man Soldatinnen und Soldaten auf Einsätze vorbereiten, die ihnen genau solche Lagen jederzeit bescheren können?

Bundeswehrsoldatenbei Übung: Eindruck einer Gurkentruppe


FOCKE STRANGMANN / DDP IMAGES

Die aktuelle Besatzung der »Gorch Fock« kann es jedenfalls nicht erwarten, wieder in See zu stechen. Sie sitzt an Land fest, das heißt: festgemacht im Fischereihafen von Bremerhaven, gleich neben der Werft. Ihr Quartier ist ein schwimmender Stahlkasten mit Namen »Knurrhahn«, dort sind sie geparkt. Am Mittwoch war ein Marineoffizier trotz Schnee und eisiger Kälte in kurzer Hose und Turnschuhen im Hafengebiet unterwegs, an seinem Arm eine Sporttasche, er kam vom täglichen Training. Ob er über seine Arbeit reden könne? »Alle stellen sich das immer schlimmer vor, als es ist«, sagte er, seinen Namen möchte er nicht im SPIEGEL lesen. Er sei guter Hoffnung, dass die Restaurierung der »Gorch Fock« nun endlich abgeschlossen werden könne. Die Ministerin habe sich bei ihrem Besuch in der vergangenen Woche sehr positiv geäußert.

Positiv, aber wohl nur über den erhofften guten Ausgang am Ende, nicht über den Weg dorthin. Ob sich die Öffentlichkeit so leicht wird überzeugen lassen wie die Besatzung der »Gorch Fock«? Es ist eine Zeit des Übergangs. Der Spätherbst der Kanzlerin hat begonnen, auch für Ursula von der Leyen beginnt die Zeit, Bilanz zu ziehen, und die Umtriebe rund um das dreimastige Narrenschiff der Deutschen sind ein guter Moment dafür.

Als von der Leyen ihr Amt antrat, wollte sie nicht, wie so viele ihrer Vorgänger, von irgendeinem in den Tiefen der Wehrverwaltung verborgenen Rüstungsskandal überrascht werden. Diese Hoffnung hat sich auch für sie nicht erfüllt. Was für Thomas de Maizière das Desaster um die Drohne »Euro Hawk« war, war für von der Leyen erst das Gerangel mit Heckler & Koch um das Gewehr G36, die »Gorch Fock« kommt nun als Garnitur hinzu, als hässlicher Fleck auf der Steppweste.

Er wird nicht alles überdecken. Von der Leyen sticht aus der Riege ihrer männlichen Vorgänger durch Mut und den Willen zu grundlegender Veränderung hervor, das sprechen ihr selbst Gegner nicht ab. Wenn dereinst politische Nachrufe auf sie zu schreiben sind, und das kann schnell passieren, wird sie nicht nur als die erste Frau im Rang der Oberbefehlshaberin der deutschen Streitkräfte zu würdigen sein, sondern auch als eine Politikerin, die versucht hat, den gewaltig großen Laden mit ungewöhnlichen Provokationen und sogar mit einer Staatssekretärin aus dem Hause McKinsey umzubauen. Ihre Vorgänger versuchten da eindeutig weniger.

Ihr half dabei auch ein alter Trick, den sie in ihrer politischen Karriere stets erfolgreich angewandt hat: Sie legte Missstände unter großem medialen Echo offen, sprach sich selbst damit von der Verantwortung frei und inszenierte sich als diejenige, die nun endlich durchgreifen werde. Das funktionierte so lange, wie von der Leyen neu in ihrem Amt war. Aber mit jedem Jahr an der Spitze des Ministeriums wirkte der Kniff durchsichtiger – und nun trägt von der Leyen selbst seit so langer Zeit die Verantwortung, dass sie dafür geradestehen muss, wenn zu wenig passiert oder wenn es zu langsam geschieht. Die Vorgänger sind nicht mehr an allem schuld.

Aber wie weiter? Was wird aus dem Kampf der Ursula von der Leyen, aus all den Gutachten und Prüfberichten, den Round Tables und Task Forces zu »Drehflüglern « (Hubschrauber) und »Starrflüglern « (Flugzeuge)? Wie definiert sich – im Fall des Bundesverteidigungsministeriums – Erfolg? Wann darf ein Minister auf diesem Feld als nicht gescheitert gelten?

Noch immer geraten Kosten außer Kontrolle, werden Waffensysteme zu spät geliefert, können Flugzeuge, Panzer und Schiffe nicht das, was sie laut Vertrag eigentlich können müssen. Und noch immer herrscht jene Mangelwirtschaft, wie sie der Wehrbeauftragte jedes Jahr aufs Neue beschreibt. Noch immer bläht sich ein Projekt wie die Sanierung der »Gorch Fock« zu einer absurden kleinen Staatsaffäre auf. Man kann auf die Idee kommen, der deutsche militärische Komplex sei einfach unregierbar – oder schlicht unfähig.

Ursula von der Leyen glaubt das nicht, jedenfalls würde sie es öffentlich nicht zugeben. Stattdessen hat sie Politik gemacht und die Reform des Rüstungswesens zu ihrem zentralen Vorhaben erklärt. Nun muss sie sich daran messen lassen, was ihr hier nach mehr als fünf Jahren im Amt gelungen ist. Und was nicht. Ihre Verteidiger sagen, dass solch eine Großreform einfach mehr Zeit brauche. Aber vielleicht kann die Truppe nicht mehr länger warten.

Mit jedem Flieger, der liegen bleibt, mit jedem U-Boot, das im Dock liegt, sinkt das Ansehen der Bundeswehr. Und je länger die »Gorch Fock« für Tagesgebühren von 10000 Euro im Trockendock von Bremerhaven liegt und je teurer ihre Gesamtsanierung wird, desto öfter wird man hören, dass auch die Oberbefehlshaberin Ursula von der Leyen an der Reform der Bundeswehr gescheitert sei.

Lisa Duhm, Ullrich Fichtner, Matthias Gebauer, Hubert Gude, Christoph Hickmann, Hasnain Kazim, Jörg Schmitt, Antje Windmann


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