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ABHÄRTUNG für Knochen und Zähne


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 06.03.2019

Fluorid ist in aller Munde. Doch widersprüchliche Aussagen von Zahn- und Kinderärzten erschweren Eltern die Wahl zwischen Zahnpasta und Tabletten

Artikelbild für den Artikel "ABHÄRTUNG für Knochen und Zähne" aus der Ausgabe 3/2019 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 3/2019

Zahnschmelz ist das härteste Material unseres Körpers, er bedarf aber guter Pfl ege


F reitagabends ist dicke Luft bei Familie Müller: Clara und Adam wehren sich mit Tricks und Tränen gegen das wöchentliche Fluoridgel, auf das die Eltern bestehen. Der Zahnarzt empfiehlt es für beide Kinder. „So viele Löcher und Füllungen wie in meiner Kindheit möchte ich meinen Kindern ersparen“, sagt ihre Mutter. Die Statistik gibt ihr recht: Seit Jahrzehnten sind die ...

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F reitagabends ist dicke Luft bei Familie Müller: Clara und Adam wehren sich mit Tricks und Tränen gegen das wöchentliche Fluoridgel, auf das die Eltern bestehen. Der Zahnarzt empfiehlt es für beide Kinder. „So viele Löcher und Füllungen wie in meiner Kindheit möchte ich meinen Kindern ersparen“, sagt ihre Mutter. Die Statistik gibt ihr recht: Seit Jahrzehnten sind die Karieszahlen rückläufig. Fast 80 Prozent der Zwölfjährigen hierzulande haben ein kariesfreies Gebiss. Deutschland liegt damit international ganz vorne. Handlungsbedarf besteht beim Milchgebiss: Bei den Dreijährigen leiden 14 Pro-zent unter Karies, bei den Schulanfängern fast jeder zweite. Die meisten Experten führen die grundsätzlich positive Entwicklung bei der Zahngesundheit wesentlich auf Fluorid zurück.

„Fluorid kann rund 40 Prozent der Kariesfälle verhindern“, sagt Zahnmediziner Stefan Zimmer von der Universität Witten-Herdecke. „Dabei wirkt das Fluorid noch deutlich stärker als das Zähneputzen an sich.“ Ähnlich wie klassisches Kochsalz (Natriumchlorid) ist Fluorid eine Salzverbindung. Sie kommt vor allem als Kalziumfl uorid in Knochen und Zähne vor.

Schützend wirkt aber überwiegend leicht lösliches Fluorid, das die Zähne umspült und den Angriff von Säuren auf die Mineralien im Zahn verhindert. Ist ausreichend Fluorid vorhanden, bildet sich ein Depot aus Kalziumfl uorid, das nicht nur den Mineralabbau verhindert, sondern auch den Zahnschmelz stabilisiert. Physiker der Universität des Saarlandes wiesen zudem kürzlich nach, dass Mikroorganismen auf mit Fluorid behandelten Oberfl ächen schlechter haften.

In Generationen mit fluoridhaltiger Zahnpasta ist die Haufigkeit von Karies extrem gesunken. “ZAHNMEDIZINER JOACHIM KLIMEK, GIESSEN

Mit ihrem Beharren auf eine Fluoridierung der Zähne scheinen die Eltern Müller also richtig zu liegen. Wäh-APRIL 2019 familie&co 49 rend die Kinder über das „eklige Gel“ jammern, sagt der Vater: „Ich bleibe hart – und die Zähne von Adam und Clara hoffentlich auch.“

„Ich schaff dich!“ Fluorid fördert das Wachstum, stabilisiert die Knochen


Kariesprophylaxe bei Kleinkindern
Streit gibt es auch unter Zahn- und Kinderärzten. Seit Jahrzehnten sind sie sich über die Form der Fluoridierung uneins. Wörter wie „Show“ und „Schlachtfeld“ fielen kürzlich auf einem Kinderärztekongress. Umstritten ist vor allem die Kariesprophylaxe in den ersten Lebensjahren. Während Kinderärzte Fluoridtabletten empfehlen, die gleichzeitig Vitamin D enthalten, befürworten Zahnärzte fl uoridierte Zahnpasta. Kinder würden zu viel davon verschlucken, argumentiert der Kinderärzteverband. Der äußerliche Schutz der Zähne sei mit dem Putzen besser gewährleistet, betonen die Zahnärzte.

Fluorid stabilisiert die Knochen
Fluorid ist jedoch nicht nur für die Zähne wichtig, sondern auch für die Knochen. Knochen bestehen ebenso wie Zähne zu großen Teilen aus Apatit, einer Kalziumverbindung. Es stabilisiert wie ein festes Kristallnetz die Bindegewebsfasern und verleiht Festigkeit – neben Knochen und Zähnen auch Haut, Nägeln und Haaren. Ein bestimmter Anteil von fl uoridiertem Apatit scheint die Widerstandsfähigkeit und Härte zu fördern. Zu wenig Fluorid in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr von Säuglingen kann hingegen sogar das Wachstum verzögern. Die Knochen verlieren an Stabilität, sodass die Gefahr von Brüchen steigt.

Im Gewirr der Empfehlungen

Was den täglichenFluoridbedarf in den ersten Lebensjahren am besten sichert, ist umstritten. In den Empfehlungen von Bundeszahnärztekammer und Deutscher Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde spielen Fluoridtabletten keine große Rolle. Untersuchungen hätten ergeben, dass der Zahn mit Fluorid umspült werden müsse. Kleinkinder würden die Tabletten kaum langsam lutschen, wie es sinnvoll wäre. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und das Robert-Koch-Institut empfehlen hingegen in den ersten drei LebensjahrenTabletten mit Fluorid und Vitamin D . Kleinkinder schluckten zu viel Zahnpasta und in vielen Familien würde nicht konsequent geputzt. Strittig ist auch, ob die niedrig dosierte Kinderzahnpasta eine wirksame Konzentration erreicht. Kürzlich änderten die zahnmedizinischen Fachgesellschaften Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und der Niederlande ihre Empfehlungen für fl uoridhaltige Kinderzahnpasten: So sollen die Kleinen ihre Zähne ab dem Durchbruch des ersten Milchzahnsbis zum zweiten Geburtstag zweimal täglich mit einer erbsengroßen Menge Zahnpasta mit 500 ppm (parts per million; Anteile pro Million, also ein Millionstel) oder einer reiskorngroßen Menge mit 1000 ppm Fluorid putzen,vom zweiten bis sechsten Geburtstag zweimal täglich mit einer erbsengroßen Menge Zahnpasta mit 1000 ppm Fluorid. Einige Landesverbände der Kinder- und Zahnärzte setzen längst pragmatische Kompromisse um. Experten der Universität Marburg empfehlen, schon die Zähne im Kindergartenalter mit Fluoridlack zu behandeln. Zusammen mit einem Prophylaxeprogramm würden so alle Kinder am besten erreicht.

In Fisch steckt Fluorid – das meiste davon leider in den Gräten


Aber auch eine zu hohe Fluoridmenge kann schädlich werden. Würde ein Kind die Zahnpasta tubenweise oder Tabletten in großer Menge futtern, könnten Bauchschmerzen und Erbrechen die Folge sein. Eine dauerhafte Überschreitung der empfoh lenen Richtwerte kann zu fleckigen Zähnen, Wachstumsschäden, Knochenbrüchen und Versteifungen führen. Fluorid ist allerdings nach wissenschaftlichen Untersuchungen zehnmal harmloser als Kochsalz.

Gehalt in Lebensmitteln und Wasser reicht nicht
In manchen Gegenden der Welt ist genug Fluorid im Trinkwasser gelöst. In den meisten Regionen Deutschlands (90 Prozent) aber enthält ein Liter Wasser weniger als 0,25 mg Fluorid. Jugendliche müssten über zehn Liter Wasser trinken, um den nötigen täglichen Wert zu erreichen. Auch Lebensmittel tragen kaum zum Fluoridbedarf bei: Außer Schwarztees und Walnüssen enthalten nurFische und Innereien erwähnenswerte Mengen – man müsste sie kiloweise zu sich nehmen.

Wer die Fluoridaufnahme seiner Familie erfahren möchte, muss bei seiner Gemeinde den Fluoridgehalt des Trinkwassers erfragen und den des konsumierten Mineralwassers berücksichtigen. Bei unter 0,3 mg/l ist eine zusätzliche Zufuhr von Fluoriden wichtig, bei über 0,7 mg/l sind zumindest Tabletten unnötig. Eine sinnvolle Ergänzung ist die Verwendung von mit Fluorid angereichertem Kochsalz. Es ist unproblematisch, gelangt direkt an den Zahn – und eine Überdosierung ist fast unmöglich. Darüber hinaus erzielen fl uoridierte Zahnpasten nach heutigem Kenntnisstand die besten Ergebnisse.

Zähne so bröckelig wie Kreide
Ein Phänomen beobachten Zahnärzte allerdings immer häufiger: Unter bröckeligen, matt verfärbten und teils schmerzhaften „Kreidezähnen“ leidet laut Deutscher Mundgesundheitsstudie mittlerweile jedes dritte zwölfjährige Kind. Dort ist die Mineralisation des Zahnschmelzes gestört.
„Eine wesentliche Rolle bei der Entstehung scheinen Weichmacher aus Kunst-stoffen zu spielen, die mit der Nahrung aufgenommen werden“, schreibt der Zahnärzteverband. Darauf deuten Tierversuche hin. Als weitere Ursache diskutiert werden Schwangerschaftsprobleme, Infektionskrankheiten oder Atemwegserkrankungen. Zahnärzte raten zum Schutz zu einem vierteljährlich aufgetragenen Fluoridlack. Auch ein wöchentlich verwendetes Gel mit höher konzentriertem Fluorid gilt als sinnvoll. Es schmeckt unangenehm, damit Kinder keine größeren Mengen verschlucken. Familie Müller wird ihren freitäglichen Streit darüber weiter ausfechten.

Meist enthält Trinkwasser zu wenig Fluorid, um darüber den Bedarf zu decken