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Achtsamkeit im Unterricht


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 04.10.2021

Wie in einem Brennglas hat die Pandemie den Fokus darauf gelenkt, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche zu befähigen, sich selbst zu regulieren, um der Flut von Außenreizen, aber auch den inneren Versagensängsten nicht ausgeliefert zu sein. Selbstregulation, intrinsische Motivation und Freude an der Entfaltung der persönlichen Ressourcen sind zudem unverzichtbare Ingredienzen für den Erwerb und die Anwendung von Wissen. Wer intrinsisch motiviert ist, sich in seiner Haut wohlfühlt und verlässliche Beziehungsnetze hat, lässt sich eher neugierig auf Videokonferenzen ein, schaltet den Bildschirm nicht ab und kann seine Zeit besser strukturieren. Wer in seinem Körper zu Hause ist, dem fällt auch eher auf, wie entkörperlicht der digitale Kontakt ist, wie viele Facetten der persönlichen Kommunikation brachliegen und wie bereichernd die Präsenz ist.

Selbstregulation, intrinsische ...

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... Motivation und Freude an der Entfaltung der persönlichen Ressourcen sind unverzichtbare Ingredienzen für den Erwerb und die Anwendung von Wissen.

Digitales Lernen und neue Kommunikationsformen können sinnvolle Werkzeuge sein, aber es bedarf der Ausbildung von Selbstwahrnehmung und Steuerungsfähigkeit, damit Kinder und Jugendliche dem Sog der digitalen Welt nicht hilflos ausgeliefert sind. Sie laufen Gefahr, zu pausenlos Getriebenen zu werden, wenn sie nicht Strategien lernen, selbstwirksam zu sein.

Der innere Diskrepanz-Monitor

Das Gefühl, nicht zu genügen, heizt die Stressachse zusätzlich an. Der Neurologe Mark Williams spricht von einem »Diskrepanz-Monitor«, der vermeintliche Mangelzustände registriert, die Stress auslösen (Williams/Penman 2011). Der »Emotional Turn« in der Psychologie und in den Neurowissenschaften hat das Augenmerk darauf gelegt, wie abwertende Selbstgespräche und Gefühle von Minderwertigkeit den Körper unter Stress setzen. Wie diese Prozesse ins Bewusstsein gehoben und selbsttätig gelenkt werden können, darin sollten Kinder und Jugendliche geschult werden. Dann bemerken sie, wann sie von außen gelenkt werden, und können gegensteuern. Es reicht nicht, allein durch Unterrichtseinheiten zu den Mechanismen der medialen Werbung, durch Informationen zur Stressachse oder zur Physiologie von Sucht pädagogisch gegenzusteuern. Denn die Information ändert nichts an dem subtilen Einfluss z. B. der Social Media auf die Kinder und Jugendlichen. Durch Information allein lernen sie nicht, wie sie den Diskrepanz-Monitor ausschalten können.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Bedeutung der kognitiven Selbststeuerung und emotionalen Selbstregulation legen nahe, dass es sinnvoll ist, den Kindern und Jugendlichen kontinuierlich Strategien der Selbstberuhigung und Reflexion zu vermitteln, ihnen aber auch Erfahrungs- und Übungsräume zu bieten, in denen sie ihre Selbstwahrnehmung verfeinern (Hölzel/Brähler 2015; Hurrelmann 2010; Bauer 2015). Der bewusste Umgang mit der dem Körper eingeschriebenen Reaktivität braucht Raum im Unterricht. Dazu bedarf es neuer, noch ungewohnter Wege der Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion: kontinuierlich in den Unterricht eingefügte Stille-Phasen, Atembeobachtung, Achtsames Bewegen, Anleitungen zum Umgang mit negativen Gedankenschleifen, Erkunden der persönlichen Stressoren, Begleitung beim Entfalten der persönlichen Ressourcen und Ermutigung zur Selbstwirksamkeit. Diese Ziele erschließen sich über eine kontinuierliche Schulung der Körper- und Erfahrungsorientierung.

Reaktivität und exekutive Kontrolle

Wenn der Hirnforscher Antonio Damasio vom »Körper als Bühne von Gedanken und Gefühlen« spricht, dann verweist er auf den engen Zusammenhang zwischen Körper und Geist, der von den Neurowissenschaften in jüngster Zeit besonders genau erforscht wird. Es gilt, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, sich selbst und damit auch ihre unwillkürliche Reaktivität wahrzunehmen – und das gelingt nur über eine Schulung der Selbstwahrnehmung von Körper, Gedanken und Gefühlen. Gerade am Beispiel des Stressgeschehens wird die enge Verbindung zwischen Körper und Geist deutlich. Methoden der Stressbewältigung werden bislang kaum im Unterricht vermittelt, und wenn, dann analytisch und kognitiv, ohne die Perspektive der ersten Person erfahrungsbasiert miteinzubeziehen. Nur wer sich sozusagen mit dem Körper »befreundet«, kann dessen Signale frühzeitig bemerken und bewusst Einfluss nehmen.

An dieser Stelle sollten wir einen Blick auf die Gegebenheiten des Organismus werfen. Der menschlichen Fähigkeit der exekutiven Kontrolle stehen die unwillkürlichen Mechanismen des Organismus entgegen. Nehmen wir das Beispiel eines Menschen, der durch einen Olivenhain geht und plötzlich alarmiert zu Seite springt, weil er glaubt, eine gefährliche Viper gesehen zu haben. Die Schlange als Schlüsselreiz hat bewirkt, dass über den direkten Weg vom sensorischen Thalamus zur Amygdala eine automatisierte Schreckreaktion einsetzte. Ohne nachzudenken, springt der Mensch zur Seite. Dies ist der unwillkürliche kurze Weg der Informationsverarbeitung im Organismus.

Nur wer sich mit dem Körper »befreundet«, kann dessen Signale frühzeitig bemerken und bewusst Einfluss nehmen.

Es gibt aber auch den längeren Weg über den Kortex. Hier setzt die exekutive Kontrolle ein: Der Reiz kann überprüft, eingeordnet und bewusst bewertet werden. Die vermeintliche Schlange kann genauer betrachtet und zum Beispiel als harmloser Stock identifiziert werden. Das Verhalten dem Reiz gegenüber ist nun bewusst gewählt. Diese Fähigkeit des Menschen, sich von der ersten unwillkürlichen Reaktion zu distanzieren, kann trainiert werden. Hier lässt sich Selbstregulation einüben. Hier entsteht die Lücke, in die Bewusstheit einziehen kann.

Der Entwicklungspsychologe und Neurowissenschaftler Philip David Zelazo setzt sich in einem Artikel mit der Frage auseinander, weshalb Achtsamkeitstraining die Selbstregulation erhöht. Dabei geht er auf mehrere Studien zur Wirkung von Achtsamkeit bei Kindern und Jugendlichen ein. Die Selbstregulation von Kindern finde in dem dynamischen Austarieren zwischen automatisierten »Bottom-up-Prozessen« (Ängste, Stress, aber auch Neugier) und kontrollierenden »Top-down-Prozessen« statt (Zelazo/Lyons 2012; siehe auch Kohls/Kaltwasser/Sauer 2014).

Bottom-up-Prozesse sind in der Sprachregelung der Psychologie habitualisierte und automatisierte Verhaltensmuster. Es gibt hilfreiche Automatismen und Gewohnheiten. Erfahrene Autofahrer können sich problemlos mit einem Mitfahrer unterhalten und dennoch sicher durch den Verkehr steuern. Es gibt aber auch hinderliche Autopilot-Muster, etwa negative Selbstzuschreibungen, Bewertungen und Verhaltensweisen im sozialen Umgang.

Selbst wenn solche Muster ins Bewusstsein gehoben werden, lassen sie sich nicht umgehend willentlich verändern. Das Stresssystem (Angriff oder Rückzug) oder auch das Belohnungssystem meldet sich mit ungeheurer Dringlichkeit. Wenn der Impuls »Ich möchte jetzt sofort …!« wahrgenommen wird, kann ihm jedoch »top down« ein »Ich warte noch mit ...« entgegengesetzt werden. Der Dringlichkeit nicht ausgeliefert zu sein, das kann man lernen. Dazu bedarf es ausgesuchter Übungen, eines kontinuierlichen Trainings und einer stetigen Wahrnehmung des »inneren Milieus«. Hier bietet sich die Haltung der Achtsamkeit an.

Das Potenzial der Achtsamkeit

Die Einübung einer Haltung der Achtsamkeit ist deshalb für den pädagogischen Bereich so zielführend, weil hier der engen Wechselwirkung zwischen körperlichen Prozessen, kognitiven und emotionalen Mustern mit einem kontinuierlichen, selbstbestimmten Training der persönlichen Steuerungsmöglichkeiten Rechnung getragen wird. Die Körperwahrnehmung spielt dabei eine zentrale Rolle (Dunning et al. 2019; Hölzel/Brähler 2015; Goleman 2014; Goleman/Davidson 2017). Ein Türöffner ist der Atem, da er einerseits unwillkürlich ist, aber auch bewusst wahrgenommen und beeinflusst werden kann. Wenn Schülerinnen und Schüler in Übungsphasen bewusst mit ihrem Körper in Kontakt treten, wenn sie zum Beispiel bei der Atemmeditation immer wieder zum Atem zurückkehren, sobald sie merken, dass sie abschweifen, dann trainiert dieser Rückholvorgang die neuronalen Aufmerksamkeitsnetzwerke und stärkt die exekutive Steuerungsfähigkeit. Die stetige Übung bewirkt neuronale Veränderungen, die dann wiederum außerhalb der Übungszeit positiv wirken, indem die Kinder zum Beispiel länger den Fokus der Aufmerksamkeit halten können.

Die Zahl der Studien zur positiven Wirkung von Achtsamkeitsübungen ist in den letzten zehn Jahren in die Höhe geschnellt. Vor allem das von Jon Kabat-Zinn entwickelte Programm »Mindfulness-Based-Stress- Reduction« (MBSR), das die Krankenkassen inzwischen als Intervention bei Stressbewältigung anerkennen, wurde mit über tausend Studien und mehreren Metastudien auf seine Wirksamkeit hin untersucht (siehe https://goamra.org).

Wenn man Schülerinnen und Schülern kontinuierlich kurze Phasen des Innehaltens und der Selbstbeobachtung im Unterricht anbietet, verändert sich dank der Neuroplastizität die Selbstwirksamkeit spürbar.

Wenn man den Schülerinnen und Schülern kontinuierlich kurze Phasen des Innehaltens und der Selbstbeobachtung im Unterricht anbietet, wenn Körper- und Erfahrungsorientierung auf diese Weise ritualisiert werden, dann verändert sich dank der Neuroplastizität die Selbstwirksamkeit spürbar (Kohls/Kaltwasser/ Sauer 2014; Weber 2016). Dem Erfahrungsaustausch kommt ebenfalls eine zentrale Rolle zu: Beim Sprechen über innere Prozesse entsteht ein gegenseitiges Verständnis für die Vielfalt der Gefühle. Die Kinder und Jugendlichen bemerken in ihrem Alltag immer zuverlässiger untaugliche Reaktionsmuster und können sie transformieren.

Übungen für die Klasse

Die beiden Übungen sind Teil eines aufeinander aufgebauten Curriculums. Sie geben den Lehrkräften Impulse für die persönliche Ausgestaltung und sollten in einen kontinuierlichen Prozess eingebunden werden.

Basisübung »Körperwahrnehmung«

Ziel: auf den Atem fokussieren

Ablauf: Vor der ersten Übung können Sie eine kurze Einführung geben: Wie wir besprochen haben, werdet ihr in diesen Stilleübungen Chefqualitäten entwickeln. Ihr könnt lernen, nicht jedem Impuls, der in euch aufsteigt, nachzugeben. So haltet ihr die Augen geschlossen, obwohl ihr neugierig seid, was es zu sehen gäbe …

Versuchen Sie immer dieselbe Abfolge von Anweisungen zu geben und spüren Sie der Wirkung Ihrer Worte nach.

Ihr setzt euch aufrecht hin, die Füße berühren den Boden. Ihr könnt euch anlehnen, aber vielleicht möchtet ihr auch versuchen, ohne Stützhilfe aufrecht zu sitzen. Versucht einmal zu spüren, wie ihr vom Stuhl getragen werdet. Nehmt wahr, wie der Körper Kontakt hat mit der Sitzfläche oder der Lehne. Ihr werdet nicht nur vom Stuhl getragen, sondern auch vom Boden. Spürt einmal in die rechte Fußsohle hinein, dann in die linke.

Und nun nehmt doch einmal Kontakt mit eurem Atem auf. Begrüßt ihn freundlich. Er ist immer für euch da. Meist achtet ihr ja gar nicht auf ihn. Vielleicht verändert er sich allein dadurch, dass ihr jetzt auf ihn achtet.

Wo im Körper spürt ihr die Atembewegungen – dieses sanfte Ein und Aus? Ihr müsst jetzt gar nichts tun, könnt einfach diesem inneren Rhythmus mit eurer Aufmerksamkeit folgen.

Kündigen Sie nun eine Minute Stille an, in der auch Sie nicht sprechen. Zum Abschluss werden die Hände gerieben und der Erfahrungsaustausch beginnt.

Erfahrungsaustausch: »Wie hast du dich während der Übung gefühlt? Was ist dir leicht, was schwergefallen? Wo hast du den Atem gespürt?«

Übung »Freundlich zu sich sein«

Ziel: einen wohlwollenden Umgang mit sich selbst lernen Vorbereitung: Sie können die zwei Satzanfänge (siehe Ablauf ) auf einem Blatt vorgeben, das vor Beginn der Übung verdeckt vor den Schülerinnen und Schülern auf dem Tisch liegt.

Ablauf: Die Übung bietet sich für Schülerinnen und Schüler an, die schon Erfahrungen mit dem meditativen Sitzen gemacht haben. Zu Beginn empfiehlt sich ein kurzer Input zur Bedeutung des positiven inneren Selbstgesprächs. Sie leiten die Sitzübung wie gewohnt ein und eröffnen dann den inneren Vorstellungsraum für die Kinder:

Ihr könnt vielleicht spüren, wie ihr ein freundliches Gefühl zu eurem Atem habt. Er ist immer für euch da – wie ein guter Freund, eine gute Freundin. Vielleicht könnt ihr dieses freundliche Gefühl im ganzen Körper wahrnehmen. Lasst euch Zeit und erzwingt nichts.

Und dann kommt euch ein Gedanke: »Ich fühle mich wohl, wenn …« Wie würdet ihr diesen Satz für euch persönlich beenden? Es ist gut, einmal darauf zu achten, wenn man sich so richtig wohl und zufrieden fühlt. »Ich fühle mich zufrieden, wenn …« Was könntet ihr da für euch persönlich sagen? Sind es bestimmte Situationen, die euch zufrieden machen? Könnt ihr euch auch selbst in eine zufriedene Stimmung bringen? Lasst euch von euren Gedanken überraschen, vielleicht fallen euch auch Erinnerungen an Situationen ein, in denen ihr euch wohl und zufrieden gefühlt habt.

Beenden Sie die Übung, indem Sie die Schülerinnen und Schüler schriftlich die zwei Sätze vervollständigen lassen, oder steigen Sie gleich in den Erfahrungsaustausch ein.

Quelle: Vera Kaltwasser: Kartenset Achtsamkeit in der Schule. 60 Übungen für die Klasse, Beltz 2021

Hürden bei der Entfaltung der persönlichen Ressourcen

Warum fällt es uns oft so schwer, unsere Talente, persönlichen Fähigkeiten und Kraftquellen bewusst zu entwickeln? Hier kommt wieder die Eigenmacht des Körpers ins Spiel, die unmittelbare Reaktivität auf vermeintliche oder echte Gefahren. Die Instanz des inneren Kritikers ist sehr mächtig. Das eigene Verhalten wird unter die Lupe genommen. Vergleiche mit anderen, Leistungsanforderungen, ständige Bewertungen durch Eltern oder Lehrer engen ein oder machen aggressiv. Um Freude am eigenen Tun zu haben, bedarf es eines souveränen Umgangs mit den persönlichen Stressoren und Gewohnheitsmustern.

Aus der Stressforschung wissen wir, dass unsere Wahrnehmung durch Priorisierungsprozesse gelenkt wird, die unterhalb der Bewusstseinsschwelle ablaufen. Ein Trigger, der nicht bewusst wahrgenommen wird, kann dennoch emotionale Reaktionen auslösen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die »Negativity Bias« eingehen, eine Eigenschaft unseres Organismus, die darin besteht, vorrangig (vermeintlich) Gefährliches wahrzunehmen. Der Neurologe und Hirnforscher Rick Hanson verwendet das Bild des Klettverschlusses als eingängige Metapher dafür, wie hartnäckig diese Eigenschaft ist. Als bedrohlich erlebte Situationen werden besonders intensiv im impliziten Gedächtnis gespeichert und sensibilisieren für (vermeintliche) Gefahren. Die Reaktion auf diesen Trigger wird zu einem Gewohnheitsmuster habitualisiert (Autopilot). (Vermeintliche) Ausgrenzung aus einer Gruppe wird dann vielleicht immer mit Rückzug beantwortet. Auf diese Weise entstehen ganz persönliche »negativity biases«. Jeder Mensch speichert automatisch (vermeintlich) negative Erfahrungen ab, die seine Wahrnehmung für ähnliche Situationen sensibilisieren.

Unterrichtsmaterialien zum Thema Achtsamkeit von Vera Kaltwasser

• Konzentrieren, aber richtig! www.dguv-lug.de/konzentration.php

• Der achtsame Dialog: www.dguv-lug.de/achtsamer_dialog.php

• Achtsames Bewegen: www.dguv-lug.de/qigong.php

• Selbstmotivation: www.dguv-lug.de/selbstmotivation.php

• Selbstachtung: www.dguv-lug.de/sekundarstufe-ii/ stresskompetenz-arbeitsorganisation/mehr-selbstachtung/

• Raus aus der Gewohnheitsfalle: www.dguv-lug.de/sekundarstufe-ii/ stresskompetenz-arbeitsorganisation/raus-aus-der-gewohnheitsfalle/

Durch das Einüben von Achtsamkeit können wir lernen, dieses unwillkürliche Anhaften am Negativen zu bemerken und die unwillkürlichen Priorisierungsprozesse bewusst in eine positive, stärkende, unterstützende Richtung zu lenken. Ein wichtiger Aspekt ist in diesem Zusammenhang die Einübung von Self-Compassion, das freundliche Umgehen mit sich selbst.

Die Macht der guten Gefühle

Kommen wir nun zu der Frage, wie Kinder und Jugendliche sich mit ihren Stärken und Talenten verbinden können, wie sie ihre Kreativität und ihren Mut zum eigenen Ausdruck entfalten können. Während in der Stressforschung unter anderem die »einengende« Wirkung von Angst, wenn sie nicht situationsangemessen ist, untersucht wird, stellen sich Vertreter der Positiven Psychologie die Frage, wozu positive Gefühle gut sind. Barbara L. Frederickson spricht diesbezüglich von der »Broaden-and-Build-Theorie« der positiven Emotionen: »Während negative Emotionen den Blickwinkel der Betroffenen im Hinblick auf mögliche Handlungsalternativen einschränken, leisten positive Emotionen genau das Gegenteil: Sie erweitern (broaden) unseren Horizont und unser Bewusstsein und ermöglichen uns einen größeren Denk- und Handlungsspielraum« (Frederickson 2011, S. 35 f.).

Die Positive Psychologie erforscht, was den Menschen stärkt. Der Ansatz des Neurowissenschaftlers Rick Hanson scheint mir dabei besonders zielführend zu sein. Wieder spielt die Körperorientierung eine zentrale Rolle: Das Gefühl der Freude beruhigt unser vegetatives Nervensystem. Der Körper gelangt schneller in einen Zustand der Homöostase, des inneren Gleichgewichts. Positive Gefühle öffnen die Wahrnehmung und fördern die Beziehungskultur.

Rick Hanson hat nun erforscht, wie wichtig eine Verbindung zwischen der konkreten Wahrnehmung vieler Facetten eines Erlebnisses von Freude und der bewussten »Speicherung« dieser Eindrücke im Körper ist. Hier geht es abermals um Habitualisierung: Je öfter wir auf Freudeanlässe achten und die wohltuende Wirkung im Körper spüren, desto verlässlicher werden die neuronalen Verschaltungen. Wenn wir alle Sinne in einer Freudesituation ins (Körper-) Bewusstsein heben, fallen uns Kraftquellen im Alltag immer deutlicher auf – und dieses Be-achten öffnet uns, metaphorisch gesprochen, das Herz. Medizinisch gesehen senkt sich der Blutdruck, das vegetative Nervensystem beruhigt sich, und wir werden offener für vorurteilsfreie Begegnungen.

Freude wahrnehmen, auskosten und teilen

Wenn wir alle Sinne in einer Freudesituation ins (Körper-) Bewusstsein heben, fallen uns Kraftquellen im Alltag immer deutlicher auf – und dieses Beachten öffnet uns, metaphorisch gesprochen, das Herz.

Die Forschungen aus der Positiven Psychologie legen nahe, dass die Visualisierung positiv konnotierter Ereignisse, verknüpft mit Atem und Body Scan (Spüren des gesamten Körpers), eine tiefgreifend beruhigende und zugleich vitalisierende Wirkung hat. Wie kann man das trainieren? Rick Hanson lädt zum Beispiel dazu ein, sich in einer meditativen, entspannten Situation ganz deutlich alle Details eines schönen Erlebnisses vor das innere Auge zu holen. Das bewusste Erinnern lässt uns im Augenblick des Visualisierens im Hier und Jetzt die Freude im ganzen Körper spüren. Hanson spricht auch davon, erinnerte angenehme, freudige, stärkende Bilder im Körper zu »absorbieren«. Aus den Forschungen zum Embodiment wissen wir, wie beruhigend und stärkend die Verbindung von Atem, sanfter Bewegung und Visualisierung angenehmer Erinnerungen ist (Tschacher/Storch 2012).

Die Bedeutung von Achtsamkeitsübungen (siehe Kasten auf S. 20) liegt darin, dass hier kontinuierlich eine innere Schatzkiste mit Freudemomenten bewusst gefüllt wird. Durch die formale Übung, die öfter mit unterschiedlichen positiven Erinnerungsthemen durchgeführt werden kann, verändert sich die Wahrnehmung. Dadurch schwächt sich die Negativity-Bias ab, und das Zutrauen in das eigene Potenzial wächst ebenso wie die Fähigkeit, dies anderen mitzuteilen. Ich habe zum Thema »Hobby, Lieblingsbeschäftigung« schon die anrührendsten Momente beim Austausch im Achtsamen Dialog erlebt. Das Teilen von Freude verbindet und stärkt die Beziehungsfähigkeit: Geteilte Freude ist doppelte Freude.

In der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern öffnet sich in allen Schularten und Schulstufen ein weites Feld für das kontinuierliche Einüben dieses Gewahrseins der persönlichen Freude- und Kraftquellen. Besonders gut fädelt sich diese Arbeit in den Deutschunterricht ein, aber auch Musik, Kunst oder Darstellendes Spiel bieten zahlreiche Zugänge. Die Durchführung von Achtsamkeitsübungen erfordert allerdings eine Schulung, wie sie zum Beispiel das Rahmencurriculum AiSCHU (Kaltwasser 2016) anbietet. Darüber hinaus sollten Lehrkräfte, die Achtsamkeit vermitteln möchten, sich selbst diese Haltung aneignen und sie authentisch verkörpern.

Achtsamkeit zieht Kreise. Kinder und Jugendliche mit dem nötigen Rüstzeug auszustatten, das sie zu selbstbestimmten und engagierten Erwachsenen macht, ist seit jeher Ziel von Bildung. Es ist an der Zeit, das Potenzial der Körper- und Erfahrungsorientierung anhand konkreter Anwendungswege in den täglichen Unterricht münden zu lassen. Auf diese Weise haben auch die Lehrkräfte immer wieder Möglichkeiten, innezuhalten und ihre Anspannung zu regulieren. In einer aktuellen Studie zu zwei einjährigen Achtsamkeitsausbildungen wird deutlich, dass sich die emotionale Selbstregulation und die Fähigkeit der Resilienz deutlich verbessern (Kraft/Kaltwasser/Kohls 2021).

Literatur

Bauer, J. (2015): Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens. München: Blessing.

Damasio, A. (2011): Selbst ist der Mensch. München: Siedler.

Dunning, D. L./Griffiths, K./Kuyken, W./Crane, C./Foulkes, L./Parker, J./Dalgleish, T. (2019): Research Review: The effects of mindfulness-based interventions on cognition and mental health in children and adolescents –a meta-analysis of randomized controlled trials. In: Journal of Child Psychology and Psychiatry, 60(3), pp. 244–258. doi:10.1111/jcpp.12980

Frederickson, B. I. (2011): Die Macht der guten Gefühle. Frankfurt am Main: Campus.

Goleman, D. (2014): Focus: Konzentriert Euch. München: Piper.

Goleman, D./Davidson, R. (2017): Altered Traits. New York: Avery.

Hanson, R. (2020): Neurodharma. New York: Random House.

Hölzel, B./Brähler, C. (Hrsg.) (2015): Achtsamkeit mitten im Leben. München: O. W. Barth.

Hurrelmann, K. (2010): Gesundheitssoziologie. Weinheim: Juventa.

Kaltwasser, V. (2008): Achtsamkeit in der Schule. Stille-Inseln im Unterricht: Entspannung und Konzentration. Weinheim/Basel: Beltz.

Kaltwasser, V. (2015): Das Potential der Achtsamkeit in der Schule. In: Hölzel, B./Brähler, C. (Hrsg.): Achtsamkeit mitten im Leben. München: O. W. Barth.

Kaltwasser, V. (2016): Praxisbuch Achtsamkeit in der Schule. Selbstregulation und Beziehungsfähigkeit als Basis von Bildung. Weinheim/Basel: Beltz.

Kaltwasser, V. (2017): Persönlichkeit und Präsenz. Achtsamkeit im Lehrerberuf. Weinheim/Basel: Beltz.

Kaltwasser, V. (2020): Kartenset Achtsamkeit in der Schule, Weinheim/Basel: Beltz.

Kohls, N./Kaltwasser, V./Sauer, S. (2014): Mindfulness in German Schools (AISCHU): A Specifically Tailored Training Program: Concept, Implementation and Empirical Results. In: Schmidt, S./Walach, H. (eds.): Meditation – Neuroscientific Approaches and Philosophical Implications. Studies in Neuroscience, Consciousness and Spirituality, Volume 2. New York: Springer, pp. 381–404.

Kraft, Jana/Kaltwasser, Vera/Kohls, Niko (2021): Achtsamkeit in der Schule (AISCHU) – Evaluation der Weiterbildung für Lehrkräfte zur Stressreduktion. In: Prävention und Gesundheitsförderung, https://doi.org/10.1007/s11553-021-00870-9, https://rdcu.be/ cn2bG; https://link.springer.com/article/10.1007/s11553-021-00870-9

Weber, A. (2016): Achtsamkeit in der Schule. AISCHU: Ein Konzept zur Integration von Achtsamkeit in den Schulalltag. In: Dlugosch, G. et al. (Hrsg.): Gesundheit und Bildung: Schülergesundheit. In: Empirische Pädagogik, 30/2, Themenheft. Landau: Verlag Empirische Pädagogik.

Tschacher, W./Storch, M. (2012): Die Bedeutung von Embodiment für Psychologie und Psychotherapie. In: Psychotherapie, Bd. 17, H. 2, S. 259–267.

Williams, M./Penman, D. (2011): Mindfulness. A practical guide to finding peace in a frantic world. London: Piatkus.

Zelazo, P./Lyons, K. (2012): The Potential Benefits of Mindfulness Training in Early Childhood: A Developmental Social Cognitive Neuroscience Perspective. In: Childhood Development Perspectives, V6, N2, p. 154–160. doi: 10.1111/j.1750-8606.2012.00241.x

Vera Kaltwasser (Lehrerin, Theaterpädagogin, MBSR-Lehrerin, Lehrerfortbildnerin, Autorin) hat das Rahmencurriculum AiSCHU (»Achtsamkeit in der Schule«) und das Online-Seminar »Achtsame 8 Wochen« entwickelt. Im Beltz Verlag erschien von ihr zuletzt das »Kartenset Achtsamkeit in der Schule«.

www.vera-kaltwasser.de

www.aischu.de