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Achtung Staatsgrenze?


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Naturschutz und Landschaftsplanung - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 29.07.2022

Originalarbeit

Abstracts

Die Nationalparke Bayerischer Wald und Šumava im bayerisch-tschechischen Grenzraum bilden zusammen ein transnationales Großschutzgebiet, das nicht nur aufgrund seines ökologischen, sondern auch aufgrund des hohen historisch-kulturellen Werts ein attraktives Ausflugziel für Einheimische sowie Tages- und Urlaubsgäste darstellt. Vor dem Hintergrund steigender Besucherzahlen steht das Schutzgebietsmanagement vor der Aufgabe, die biologische Vielfalt zu schützen und gleichzeitig eine qualitätsvolle Erholungsnutzung zu ermöglichen. Um mögliche Konflikte zwischen Naturschutzzielen und Erholungsnutzung rechtzeitig zu identifizieren und vertiefte Erkenntnisse über die Besucherinnen und Besucher in den beiden Nationalparken zu erhalten, wurde ein gemeinsames, grenzüberschreitendes sozioökonomisches Besuchermonitoring (SÖM) implementiert. Im Rahmen einer Teilerhebung des SÖM wurde ...

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... dabei ein besonderes Augenmerk auf Besucherinnen und Besucher gelegt, die grenzüberschreitende Touren in den Nationalparken unternehmen. Der vorliegende Beitrag stellt zentrale Ergebnisse dieser Besucherbefragung und -zählung vor. Zunächst werden die soziodemografischen Kennzeichen dieser spezifischen Gruppe sowie deren Besuchsmotivation und -zufriedenheit herausgearbeitet und anschließend raumzeitliche Muster der grenzüberschreitenden Erholungsnutzung analysiert. Insgesamt zeigt sich nicht nur die hohe Bedeutung der grenzüberschreitenden Erholungsnutzung im transnationalen Großschutzgebiet, sondern auch die heterogene Zusammensetzung der Grenzgängerinnen und Grenzgänger beispielsweise in Hinblick auf ihre Herkunft, Sprachkenntnisse und Aktivitäten. Aufbauend auf den Erkenntnissen werden Managementempfehlungen für eine abgestimmte grenzüberschreitende Besucherlenkung abgeleitet.

Achtung Staatsgrenze? Cross-border recreational use in the Bavarian Forest National Park and Šumava National Park

The Bavarian Forest National Park and Šumava National Park are located in the Bavarian-Czech border area. These national parks form a crossborder protected area attracting locals, day visitors, and tourists; they come not only due to its ecology, but also due to its history and culture.

Against the background of increasing visitor numbers, protected area management faces the challenging task of preserving biodiversity as well as enabling high-quality recreational use in the parks. To identify potential conflicts between nature conservation and recreational use, and to gain in-depth knowledge about the visitors in the national parks, joint cross-border socioeconomic monitoring (SÖM) was implemented.

One of the SÖM work packages focuses on visitors undertaking cross-border recreational activities. This paper presents the main results of this work package, based on a visitor survey and census. First, it points out the socio-demographic characteristics, motivation, and satisfaction of this specific visitor group. Second, it analyses the socio-temporal patterns of cross-border recreational use in the transboundary protected area. Finally, the results indicate the great importance of cross-border recreational use, as well as the heterogeneity of visitors crossing the border in terms of their origin, language skills, and activities. Based on these findings, practical recommendations for coordinated cross-border visitor management are derived.

1 Einleitung

Der Nationalpark Bayerischer Wald und der Nationalpark Šumava befinden sich im südlichen deutsch-tschechischen Grenzraum.

Die Nationalparke sind nicht nur Teil des größten Waldgebiets in Mitteleuropa, sondern bilden zusammen einen grenzüberschreitenden Erholungsraum, der als „Grenzenlose Waldwildnis“ (Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald 2015) Einheimische sowie Tages- und Urlaubsgäste anspricht.

Schutzgebiete in Grenzregionen gelten als attraktives Ausflugsziel für Erholungssuchende, da sie unterschiedliche touristische Qualitäten miteinander verbinden. Sie wecken nicht nur wegen ihrer naturräumlichen Besonderheiten, sondern auch aufgrund ihrer historisch-politischen Bedeutung das Interesse von Besucherinnen und Besuchern (Mayer et al. 2019). In diesem räumlichen Kontext tritt das Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Erholungsnutzung in Schutzgebieten besonders zu Tage. Die Besuchermanagements in den Nationalparken Bayerischer Wald und Šumava stehen vor der komplexen Aufgabe, unter Einbindung diverser Akteure aus beiden Ländern die biologische Vielfalt zu schützen und gleichzeitig eine qualitätsvolle grenzüberschreitende Erholungsnutzung zu ermöglichen.

Aufgrund der historischen Entwicklungen infolge des Zweiten Weltkriegs und der geografischen Lage am „Eisernen Vorhang“ fand die Zusammenarbeit der beiden Nationalparke anfangs unter erschwerten Bedingungen statt (Šimková 2020). Mittlerweile pflegen die Nationalparke Bayerischer Wald und Šumava im Rahmen verschiedener Projekte und ökologischer Monitorings seit rund drei Jahrzehnten enge Kooperationsbeziehungen (Heurich et al. 2010, Hubený 2021, Leibl 2015). Gemeinsame grenzüberschreitende EU-Projekte werden verstärkt seit dem Jahr 2014 umgesetzt. Mit steigenden Besucherzahlen auf beiden Seiten der Grenze intensivierte sich in jüngerer Vergangenheit auch das Anliegen einer abgestimmten Besucherlenkung. Um eine gemeinsame Grundlage für ein grenzüberschreitendes Besuchermanagement zu erarbeiten, wurde 2017 bis 2019 das INTERREG-Projekt „Aufbau eines grenzüberschreitenden sozioökonomischen Monitoringsystems in den Nationalparken Šumava und Bayerischer Wald“ durchgeführt (Porst et al. 2020). Die Teilerhebungen des sozioökonomischen Monitorings (SÖM) sollen künftig in beiden Nationalparken in regelmäßigen Abständen wiederholt werden.

Ausgehend von der These, dass grenzüberschreitende Aktivitäten für die Gäste beider Nationalparke eine wichtige Rolle spielen, wurde im Rahmen einer Teilerhebung des SÖM ein besonderes Augenmerk auf die Besuchergruppe der „Grenzgängerinnen und Grenzgänger“ gelegt. Diese Gruppe umfasst Personen, die sich zu Fuß, auf dem Rad oder auf Skiern zwischen den beiden Nationalparken bewegen und die dortigen Grenzübergänge nutzen. Im vorliegenden Beitrag werden nun zentrale Ergebnisse dieser Befragung vorgestellt. Ziel des Beitrags ist es, einerseits die soziodemografischen Charakteristika der deutschen und tschechischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger sowie deren Besuchsmotivation und -zufriedenheit herauszuarbeiten. Andererseits werden Umfang und räumliche Muster der grenzüberschreitenden Erholungsnutzung in den beiden Nationalparken genauer analysiert, um schließlich Managementempfehlungen abzuleiten.

2 Erholungsnutzung in transnationalen Großschutzgebieten

Großschutzgebiete, wie Nationalparke, Biosphärenreservate oder Naturparke, erfahren gesellschaftlich vielfältige ökologische, soziokulturelle und ökonomische Wertzuschreibungen (Hammer et al. 2018, Weber & Weber 2020). Nicht selten befinden sich diese Gebiete in peripheren Grenzregionen, die eine vergleichsweise geringe Einwohnerdichte aufweisen und die Entwicklung von unberührten Naturlandschaften mit relativ großer Flächenausdehnung begünstigen. Ein ganzheitlicher und nachhaltiger Schutz von Naturräumen stellt dabei die übergeordnete Zielsetzung im Schutzgebietsmanagement dar. In strukturschwachen Randlagen, wie dem bayerisch-tschechischen Grenzraum, kommt Schutzgebieten aber auch eine zentrale Bedeutung für die regionalökonomische und touristische Wertschöpfung sowie die lokale Identität zu (Aschenbrand & Michler 2019, Hammer et al. 2018, Job et al. 2008, Job et al. 2019).

Für Erholungssuchende sind transnationale Schutzgebiete aus unterschiedlichen Gründen ein attraktives Ausflugsziel. Sie werden nicht nur von den weitläufigen naturräumlichen Qualitäten, sondern auch vom kulturellen und historischen Erbe einer Grenzregion angesprochen. Auch die Existenz einer Grenze an sich und die assoziierten Zuschreibungen können eine Faszination auf Besucherinnen und Besucher ausüben.

Der Grenzübertritt und der damit verbundene Besuch von zwei Ländern wird als touristischen Erlebnis wahrgenommen (Mayer et al. 2019). In transnationalen Schutzgebieten werden die angeführten Besonderheiten durch die Bereitstellung von Infrastruktur in Form von Wegenetzen und Informationsangeboten für unterschiedliche Gruppen erlebbar und begehbar gemacht (Abb. 1).

Ländergrenzen stellen aufgrund ihrer territorialen, funktionalen und soziokulturellen Dimension immer auch ein trennendes Element dar (Heintel et al. 2018). Häufig erschweren rechtliche oder administrative Unterschiede die Abstimmung zwischen den gestaltenden Akteurinnen und Akteuren und behindern den Ausbau eines gemeinsamen touristischen Angebots in transnationalen Großschutzgebieten. Eine mangelhafte infrastrukturelle Anbindung oder Informationsdefizite über das Nachbarland lassen grenzüberschreitende Aktivitäten für Besucherinnen und Besucher wenig attraktiv erscheinen. Zudem können sprachliche Barrieren, soziokulturelle Unterschiede oder auch verschiedene Währungen als Hemmnisse für einen Grenzübertritt empfunden werden (Kołodziejczyk 2021, Mayer et al. 2019).

Bislang wurden nur vereinzelt Studien zu grenzüberschreitendem Tourismus und zur Erholungsnutzung in transnationalen Schutzgebieten in Europa durchgeführt (Kołodziejczyk 2021, Mayer et al. 2019). Die Bedeutung grenzüberschreitender Erholungsaktivitäten und die Merkmale dieser Besuchergruppe haben im Schutzgebietsdiskurs bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfahren (Mayer et al. 2019). Wie nehmen Erholungssuchende den Besuch in transnationalen Großschutzgebieten wahr, welche Rolle spielt dabei die „Grenzüberschreitung“ und wie kann ein nachhaltiges Management grenzüberschreitender Erholungsnutzungen aussehen? Diese Fragen skizzieren den künftigen Forschungsbedarf zu diesem Thema. Die Ergebnisse zur grenzüberschreitenden Erholungsnutzung in den Nationalparken Bayerischer Wald und Šumava leisten einen kleinen Beitrag dazu.

3 Untersuchungsgebiet und Methodik

3.1. Die Nationalparke Bayerischer Wald und Šumava

Der Nationalpark Bayerischer Wald und der Nationalpark Šumava teilen sich mit dem Böhmischen Massiv zwar den gleichen Naturraum, ein Zusammenwachsen der beiden Nationalparke gestaltete sich aufgrund historisch-politischer Ereignisse im 20. Jahrhundert zunächst aber als schwierig. Die Annexion des Sudetenlandes durch die Nationalsozialisten und die spätere Vertreibung der Sudetendeutschen aus diesem Gebiet führten zu einem angespannten Verhältnis zwischen den beiden Nachbarländern nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit der Errichtung des Eisernen Vorhangs erfuhr der bayerischtschechische Grenzraum nach 1948 zudem eine physisch-funktionale Trennung, die eine Annäherung über viele Jahrzehnte auch räumlich nahezu unmöglich machte (Šimková 2020).

Auch das unterschiedlich lange Bestehen der beiden Nationalparke war einer Zusammenarbeit im Schutzgebietsmanagement zunächst nicht förderlich (Šimková 2020).

Der Nationalpark Bayerischer Wald wurde bereits 1970 als der erste seiner Art in Deutschland im Zuge institutionalisierter Naturschutzbestrebungen gegründet (IUCN-Kategorie II). Nach einer Erweiterung 1997 Richtung Norden umfasst der Nationalpark heute rund 243 km². Auf der tschechischen Seite wurde das Gebiet entlang des Eisernen Vorhangs im Jahr 1963 zum „Landschaftsschutzgebiet Šumava“ (CHKO) erklärt. Mehr als die Hälfte des Gebiets war jedoch für Besucherinnen und Besucher nicht zugänglich, da es sich um militärisches Sperrgebiet handelte. Innerhalb des Sperrgebiets konnte sich das Ökosystem über viele Jahrzehnte weitgehend unbeeinflusst entwickeln und so wurde im Jahr 1991 entlang der Grenze schließlich der Nationalpark Šumava gegründet (IUCN-Kategorie II), der mit rund 690 km² deutlich größer ist als sein deutscher Nachbar (Nationalpark Šumava, Rothfuß & Winterer 2008).

Im Jahr 1999 wurden im Rahmen eines Memorandums erstmals gemeinsame Zielsetzungen für die Zusammenarbeit der beiden Nationalparke in Hinblick auf Naturschutz, Erholung, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit, Forschung und Monitoring definiert.

Es folgten weitere Memoranden, in denen unter anderem ein Bekenntnis zum abgestimmten Ausbau des grenzüberschreitenden Wegenetzes festgehalten wurde. Nachdem die Zusammenarbeit zu Beginn der 2010er-Jahre aufgrund eines Regierungswechsels in Tschechien und einer damit verbundenen Abkehr von den gemeinsamen Nationalparkzielsetzungen fast vollständig zum Erliegen kam, konnte die Kooperation in den letzten Jahren wiederaufgenommen und sogar intensiviert werden (Šimková 2020).

Begünstigt durch eine Novellierung des tschechischen Natur- und Landschaftsschutzgesetzes streben beide Nationalparke eine weitere Harmonisierung ihrer Naturschutzziele an. Im Einklang mit diesen Zielen soll auch in Zukunft ein abgestimmtes Angebot an Erholungs- und Besuchereinrichtungen bereitgestellt werden (Bečka & Starý 2020, Hubený 2021, Leibl 2015).

Während erste Kooperations- und Forschungsprojekte unter Mitwirkung beider Seiten bereits in den 1990er-Jahren umgesetzt wurden (Heurich et al. 2010), entwickelte sich die Idee eines grenzüberschreitenden Besuchermanagements vor allem in jüngerer Vergangenheit. Eine Gästebefragung im Nationalpark Šumava Mitte der 2000er-Jahre zeigte, dass die Möglichkeit zur grenzüberschreitenden Erholungsnutzung zunächst nur mäßig angenommen wurde. Großes Interesse an einem transnationalen Schutzgebiet bestand bei den Befragten jedoch schon damals (CzechTourism 2008, Job et al. 2008).

Seit rund zehn Jahren werden von beiden Nationalparken umfassende Bestrebungen für eine gemeinsame Abstimmung und Kooperation im grenzüberschreitenden Besuchermanagement unternommen (Šimková 2020).

Beispiele hierfür sind die Umsetzung von grenzüberschreitenden Rundwanderwegen und Fahrradrouten im südlichen Grenzgebiet der beiden Nationalparke im Rahmen des Kooperationsprojekts „Wege durch Natur und Zeit“ (Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald) oder seit 2014 die Zertifizierung der beiden Nationalparke mit dem EUROPARC-Gütesiegel „Transboundary Park“.

3.2 Methodisches Vorgehen

Die vorgestellte Teilerhebung zur „Grenzüberschreitenden Erholungsnutzung“ wurde im Rahmen des sozioökonomischen Monitorings (SÖM) durchgeführt. Das aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) geförderte INTERREG-V-Projekt wurde von den beiden Nationalparkverwaltungen betreut und fachlich vom Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung der Universität für Bodenkultur in Wien begleitet. Die Befragungen fanden verteilt über den Zeitraum von Mai 2018 bis Juni 2019 an 18 Tagen statt. Bei der Auswahl der Befragungstage wurde auf eine gleichmäßige Verteilung übers Jahr geachtet, um saisonale Einflüsse zu berücksichtigen.

Im Zeitraum von Dezember 2018 bis Februar 2019 wurde die Erhebung aufgrund der witterungsbedingten geringen Besucherfrequenz pausiert. Es wurde sowohl an Wochentagen als auch an Samstagen und Sonntagen ganztags befragt (siehe Tab. A1 im Online-Supplement zu diesem Beitrag unter Webcode NuL2231). Standorte der Befragung waren die vier ganzjährig offenen Grenzübergänge Buchwald/Buč ina, Ferdinandsthal/Ferdinandovo Údolí, Gsenget und Siebensteinkopf/Sedmiskalí. Die Übergänge können zu Fuß und teilweise auch mit dem Rad oder auf Skiern passiert werden, ein Grenzübertritt mit dem Auto hingegen ist dort nicht möglich. Der strukturierte Fragebogen enthielt geschlossene und offene Fragen und lag in tschechischer und deutscher Sprache vor. Befragt wurden Personen ab 18 Jahren (Abb. 2).

Die Befragten wurden zudem gebeten, die gewählte Tagesroute in eine Karte einzutragen. Die eingezeichneten Routen wurden georeferenziert und mit den Befragungsergebnissen verschnitten. Neben Befragungen wurden im Erhebungszeitraum auch Besucherzählungen an den vier Befragungsstandorten mithilfe von Zählgeräten durchgeführt, um erstmals eine Anzahl der Grenzübertritte im transnationalen Großschutzgebiet zu dokumentieren. Fehlende Werte, die durch einen tageweisen Ausfall der Zählgeräte verursacht wurden, wurden mittels einer linearen Regression auf Basis von stark korrelierenden Standorten ersetzt (statistisches Imputationsverfahren).

Die Ergebnisse der Befragung zur „Grenzüberschreitenden Erholungsnutzung“ werden in diesem Beitrag ausgewählten Ergebnissen der Grundlagenerhebung gegenübergestellt. Statistisch signifikante Unterschiede zwischen unterschiedlichen Besuchergruppen wurden mittels Mann-Whitney-U-Test ermittelt: p < 0,05. Die Grundlagenerhebung im Nationalpark Bayerischer Wald fand in den Jahren 2013/2014 (n = 982) statt (Arnberger et al. 2019). Im Nationalpark Šumava wurde eine nahezu identische Befragung in den Jahren 2017/2018 durchgeführt (n = 1.053). Ziel der beiden Erhebungen war es, erstmals ein Gesamtbild über die Gäste und die Erholungsnutzung in den Nationalparken zu erhalten.

4 Ergebnisse der Besucherbefragung und -zählung

4.1 Soziodemografische Charakteristika der Grenzgängerinnen und Grenzgänger

Insgesamt wurden im Rahmen der Erhebung zur „Grenzüberschreitenden Erholungsnutzung“ 471 Personen befragt. 54,1 % der befragten Besucher waren männlich und 45,9 % weiblich. Die meisten Befragten (72,8 %) überquerten die Grenze zu Fuß, 25,1 % waren mit Rad oder Mountainbike unterwegs. Lediglich 2,1 % übten am Befragungstag andere Aktivitäten aus (Nordic Walking, Langlauf und andere). Die Befragung wurde in den Wintermonaten Dezember bis Februar – siehe Abschnitt 3.2 – ausgesetzt. Daher kann davon ausgegangen werden, dass die Gruppe der Wintersportlerinnen und Wintersportler unterrepräsentiert ist. Die Befragten besuchten die Nationalparke überwiegend zu zweit (54,7 %) oder alleine (19,4 %). Bei 25,9 % der Befragten betrug die Gruppengröße drei oder mehr Personen.

Mehr als die Hälfte der Befragten kam aus Deutschland (60,2 %). Der Anteil der tschechischen Befragten lag bei 35,3 %. (Die Grenzübergänge waren an einigen Tagen nur mit deutschsprachigen Befragern besetzt. Da der Anteil an deutschsprachigen Befragten an diesen Tagen dementsprechend höher war, können aus den Ergebnissen keine Schlüsse auf die tatsächliche Verteilung der Herkunft gezogen werden.) Die Herkunft der übrigen 4,5 % der Befragten verteilte sich unter anderem auf die Schweiz, die Niederlande, Österreich und die Slowakei. Das mittlere Alter der befragten Personen lag bei 52 Jahren (Standardabweichung 14,2). Damit ergeben sich in Hinblick auf die Altersstruktur keine signifikanten Unterschiede zu den Besucherinnen und Besuchern, die im Zuge der Grundlagenerhebungen befragt wurden. Die tschechischen Gäste sind jedoch signifikant jünger als die deutschen Gäste. Während das Durchschnittsalter der deutschen Befragten knapp 54 Jahre betrug, waren die tschechischen Erholungssuchenden mit rund 48 Jahren tendenziell jünger. Unterschiede im Altersschnitt zwischen deutschen und tschechischen Besucherinnen und Besuchern konnten auch in den Grundlagenerhebungen festgestellt werden.

Auffallend ist auch die ungleiche Verteilung der Sprachkenntnisse unter den Befragten je nach Herkunft. Von den tschechischen Gästen verfügten 48,5 % über Grundkenntnisse im Deutschen (A1/A2) und 31,3 % über ein fortgeschrittenes (B1/B2) oder gehobenes Sprachniveau (C1/C2). Bei den Befragten aus Deutschland wiesen nur 13,2 % Grundkenntnisse (A1/A2) und 1,8 % ein fortgeschrittenes (B1/B2) oder gehobenes Niveau (C1/C2) in der tschechischen Sprache auf.

Bei der Befragung wurde auch zwischen Einheimischen, Tages- und Übernachtungsgästen unterschieden. Als Einheimische werden Personen bezeichnet, die in den deutschen Nationalpark-Landkreisen Freyung-Grafenau und Regen beziehungsweise den tschechischen Nationalpark-Landkreisen Klatovy, Prachatice und Český Krumlov wohnen. Es zeigte sich, dass es sich bei den Grenzgängerinnen und Grenzgängern, die ihren Besuch auf deutscher Seite starteten, überwiegend um Einheimische (35,8 %) und Tagesgäste (24,6 %) handelte, während von tschechischer Seite vorrangig Übernachtungsgäste (64,7 %) die Grenze überquerten.

Auch im Vergleich mit den Grundlagenerhebungen der beiden Nationalparke wurde der hohe Anteil an Übernachtungsgästen unter den tschechischen Grenzgängerinnen und Grenzgängern ersichtlich (Abb. 3).

Unterschiede zwischen den deutschen und tschechischen Gästen ergeben sich auch in Hinblick auf die Wahl des Verkehrsmittels für die Anreise. Der Anteil der Personen, die den PKW nutzten, war im Bayerischen Wald deutlich höher (70,5 %) als im Nationalpark Šumava (37,0 %). Der Anteil der Personen, die zu Fuß oder mit dem ÖPNV anreisten, lag bei den Gästen aus Deutschland hingegen nur bei 11,7 % und 7,1 %. Gäste aus Tschechien hingegen reisten öfter „zu Fuß“ (28,4 %) oder mittels öffentlicher Verkehrsmittel (21,6 %) (Bahn und Linienbus) an. Der hohe Anteil dieser beiden Gruppen ist unter anderem auch dadurch zu erklären, dass es sich bei den tschechischen Grenzgängerinnen und Grenzgängern vermehrt um Übernachtungsgäste handelt, die zu Fuß oder mittels ÖPNV aus Unterkünften im Nationalpark Šumava anreisen können.

85,6 % der Befragten haben sich am Tag der Befragung bewusst für eine grenzüberschreitende Route entschieden. Für 13,5 % der Befragten stellte die Grenze kein bewusstes Auswahlkriterium ihrer Tour dar, während lediglich knapp 1 % der Befragten die Grenze gar nicht wahrgenommen hat.

Die durchschnittliche Gesamtbesuchsdauer der Grenzgängerinnen und Grenzgänger liegt im Mittelwert bei 5 h26 min, wobei die tschechischen Befragten mit 6 h26 min deutlich länger unterwegs waren als die deutschen Befragten mit 4 h50 min Dabei lassen sich hinsichtlich der Aufenthaltsdauer zwischen den Befragten der nationalparkweiten Grundlagenerhebung und der Befragung an den Grenzübergängen signifikante Unterschiede feststellen. So ist die Aufenthaltsdauer bei grenzüberschreitenden Besuchen deutlich länger als die durchschnittliche Besuchsdauer, die im Zuge der nationalparkweiten Erhebungen ermittelt wurden. Die Besucherinnen und Besucher im Nationalpark Bayerischer Wald hielten sich dort durchschnittlich 4 h5 min auf, während ein Besuch im Nationalpark Šumava im Schnitt 5 h20 min dauerte.

4.2 Besucherzufriedenheit und -motivation der Grenzgängerinnen und Grenzgänger

Von Interesse waren neben soziodemografischen Daten auch die Zufriedenheit und die Motive der Befragten. Über 90 % der Teilnehmenden waren mit beiden Nationalparken als Erholungsgebiet sehr oder eher zufrieden.

Dennoch lassen sich signifikante Unterschiede in der Besucherzufriedenheit zwischen den beiden Nationalparken feststellen. Der Nationalpark Bayerischer Wald schnitt beispielsweise in Hinblick auf Erholungsqualität, Wegebeschaffenheit, Informationstafeln und Besuchereinrichtungen etwas besser ab, während im Nationalpark Šumava Besucherinnen und Besucher mit der Wegebeschilderung, der Anzahl an Wegen und der Anzahl an Rastplätzen und Bänken tendenziell zufriedener waren (Tab. 1).

Eine differenzierte Betrachtung der Befragten nach ausgeübter Aktivität offenbart zudem, dass es im Nationalpark Bayerischer Wald signifikante Zufriedenheitsunterschiede zwischen Wandernden und Radfahrenden gibt (Tab. 1). Die Fußgängerinnen und Fußgänger waren hinsichtlich der Qualität mit dem Erholungsgebiet, den Besucherzentren oder Infoeinrichtungen sowie der Wegebeschaffenheit und -beschilderung insgesamt zufriedener als die Radfahrerinnen und Radfahrer. Für den Nationalpark Šumava können keine signifikanten Mittelwertunterschiede zwischen den Besuchergruppen festgestellt werden. Dieses Ergebnis spiegelt sich auch bei der offenen Frage nach Aktivitäten wider, die im Nationalpark Šumava besser ausgeübt werden können. Von den deutschen Befragten wurde mit 30 Nennungen am häufigsten „Radfahren“ angeführt.

Zudem wurden die Besucherinnen und Besucher im Zuge einer offenen Frage gebeten, Besonderheiten der beiden Nationalparke zu nennen. Im Nationalpark Bayerischer Wald schätzten die Befragten insbesondere die Qualität der Besucherzentren und der Beschilderung sowie die Anzahl der Einkehrmöglichkeiten. Im Nationalpark Šumava waren es vor allem landschaftliche Qualitäten, das Radwegeangebot und die Beschilderung, die die Befragten positiv hervorhoben.

Mittels einer geschlossenen Frage wurden sowohl in den nationalparkweiten Grundlagenerhebungen als auch bei der grenzüberschreitenden Erhebung die Teilnehmenden zu ihrer Besuchsmotivation befragt. Sehr wichtig oder wichtig waren für die Grenzgängerinnen und Grenzgänger insbesondere die Motive „Natur- und Landschaftserlebnis“ (97,4 %), „Kraft tanken/Erholung“ (93,1 %), „Gesundheit“ (92,9 %) und „Sport ausüben“ (86,1 %). Andere Gründe, wie „Alleine Sein“ (38,1 %) und „Spannung/Abenteuer“ (27,4 %), spielten für den Besuch der Befragten eher eine untergeordnete Rolle. Im Vergleich mit den Befragten in den nationalparkweiten Grundlagenerhebungen ist auffallend, dass die Grenzgängerinnen und Grenzgänger den Motiven „Natur- und Landschaftserlebnis“, „Sport ausüben“ und „Nationalpark kennenlernen“ eine besonders hohe Bedeutung zuwiesen (Abb. 4).

4.3 Raumzeitliches Verhalten der Grenzgängerinnen und Grenzgänger

Zu den bekanntesten Grenzübergängen bei den Befragten gehören Bučina (79 %) im Südosten, Bayerisch Eisenstein (73 %) (nördlich außerhalb des Nationalparkgebiets gelegen) und Siebensteinkopf (57 %) im Südosten. Abgefragt wurde neben der Bekanntheit auch die Häufigkeit der Überquerungen.

Die Grenzpunkte Ferdinandsthal, Bayerisch Eisenstein und Bučina wurden von den Befragten in den letzten drei Jahren durchschnittlich am häufigsten überquert. Zudem gaben rund 100 Personen an, zumindest einmal die Grenze am Standort Blaue Säulen überquert zu haben. An diesem Grenzpunkt ist aufgrund der tschechischen Rechtslage jedoch kein Grenzübertritt erlaubt. Die deutschen Befragten passierten mit Ausnahme von Bayerisch Eisenstein im Mittelwert alle genannten Grenzpunkte öfter als die tschechischen Befragten. Zudem zeigt sich, dass die Übergänge insbesondere von Personen genutzt wurden, die mit dem Rad unterwegs waren. Im Mittel wurden fast alle genannten Grenzpunkte häufiger von den befragten Radfahrerinnen und Radfahrern als von den befragten Wanderinnen und Wanderern gequert.

Die Bedeutung und der Umfang grenzüberschreitender Aktivitäten in den zusammenhängenden Nationalparken wird auch anhand der Besucherzählung an den Grenzstandorten deutlich. Im Erhebungszeitraum von Mai 2018 bis Juni 2019 wurden an den vier Grenzübergängen in beide Richtungen insgesamt 113.400 Besuche gezählt. Damit wurden täglich im Durchschnitt 305 Besuche an den Grenzpunkten erfasst. 51,5 % der erfassten Besuche bewegten sich von Tschechien in Richtung Deutschland. Die Anzahl der Besuche variierte zwischen den einzelnen Grenzübergängen allerdings deutlich. Die höchste Frequenz verzeichnete der Grenzübergang Bučina mit rund 70.300 Besuchen.

Der Grenzübergang ist sowohl zu Fuß als auch mittels öffentlicher Verkehrsmittel sehr gut erreichbar und stellt einen wichtigen Umsteigeknoten zwischen den beiden Bussystemen der Nationalparke dar. Im Vergleich mit anderen innerdeutschen Zählstandorten im Nationalpark Bayerischer Wald wird das hohe Besucheraufkommen an diesem Grenzübergang deutlich. Am Zählstandort Waldhausreibe, der auf dem Weg zum Lusen (1.373 m) passiert wird und zu den meistbesuchten Standorten auf deutscher Seite gehört, wurden im gleichen Zeitraum rund 90.700 Besuche registriert. Deutlich weniger Besuche verzeichnete der Grenzübergang Ferdinandsthal mit rund 23.100 Besuchen. Die Grenzübergänge Gsenget (10.900 Besuche) und Siebensteinkopf (9.200 Besuche) waren im Beobachtungszeitraum am wenigsten frequentiert.

In den Frühlings- und Sommermonaten konnten an den Grenzstandorten deutlich mehr Besuche verzeichnet werden als in den Herbst- und Wintermonaten. Die Zählgeräte erfassten 70,8 % aller Besuche in den Monaten April bis September. Auffallend sind hierbei die saisonalen Spitzenwerte im Besuchsaufkommen in den Monaten Juli und August, welche sich unter anderem durch die Überschneidung der Sommerferien in den beiden Ländern ergeben. In diesem Zeitraum wurden 39,8 % aller Besuche gezählt. In den Wintermonaten werden die peripher gelegenen Grenzübergänge insgesamt weniger besucht, da diese aufgrund von großen Schneehöhen teilweise nicht erreichbar sind. Am innerdeutschen Zählstandort Waldhausreibe, von dem aus ganzjährig Wanderungen auf den Lusengipfel möglich sind, ist von Sommeranfang bis in den Spätherbst hingegen eine kontinuierlich hohe Besucherfrequenz zu verzeichnen (Abb. 5).

Insgesamt liegen 464 auswertbare Routen vor, die von Grenzgängerinnen und Grenzgängern im Zuge der Befragung eingetragen wurden. Wie anhand von Abb. 6 ersichtlich, konzentriert sich das Besucheraufkommen an den Grenzübergängen auf einzelne Wegabschnitte. In den meisten Fällen führten die Routen direkt über die Hochlagen zum Grenzübergang. Während an den Grenzübergängen Bučina und Siebensteinkopf auch verstärkt Wege entlang der Grenze frequentiert werden, verlaufen die genutzten Routen zwischen den Grenzübergängen Gsenget und Ferdinandsthal südlich und nördlich der Grenze. Vergleicht man die Wegenutzung hinsichtlich der Herkunft der Gäste, zeigen sich insbesondere drei Erkenntnisse: Erstens erfolgt eine relativ ausgewogene Nutzung der Hauptrouten durch deutsche und tschechische Erholungssuchende. Zweitens beginnt eine Vielzahl der deutschen Befragten ihre grenzüberschreitende Wanderung an Standorten außerhalb des Nationalparkgebietes (etwa Finsterau, Zwiesel). Drittens werden die Querverbindungen im nördlichen Teil des Nationalparks Bayerischer Wald (Falkenstein-Rachel-Gebiet) zwischen den Grenzübergängen Ferdinandsthal und Gsenget überwiegend von tschechischen Gästen genutzt.

5 Diskussion und Schlussfolgerungen

5.1 Transnationale Erholungsnutzung in den Nationalparken Bayerischer Wald und Šumava

Ziel dieser Untersuchung war es, die soziodemografischen Merkmale der Grenzgängerinnen und Grenzgänger, deren Motive und Zufriedenheit herauszuarbeiten sowie Erkenntnisse über den Umfang der Erholungsnutzung im südlichen bayerischtschechischen Grenzraum zu gewinnen. Die Ergebnisse belegen die hohe Bedeutung grenzüberschreitender Erholungsaktivitäten in den Nationalparken Bayerischer Wald und Šumava und ermöglichen eine differenzierte Betrachtung der Besucherinnen und Besucher je nach Herkunft und ausgeübter Aktivität.

Einheimische und Tagesgäste stellen mit 60,4 % den größten Anteil in der Gruppe der bayerischen Grenzgängerinnen und Grenzgänger dar. Dies kann als Beleg gewertet werden, dass das Angebot der grenzüberschreitenden Erholungsnutzung in den Nationalparken bei der regionalen Bevölkerung auf Interesse stößt. Die Besucherinfrastruktur der beiden Nationalparke ermöglicht ein Kennenlernen des Nachbarlandes und leistet somit einen Beitrag zum soziokulturellen Zusammenwachsen des bayerisch-tschechischen Grenzraums (Hammer et al. 2018, Mayer et al. 2019). Bei den Gästen aus Tschechien sind es insbesondere Übernachtungsgäste (64,7 %), die grenzüberschreitende Touren unternehmen. Aus regionalökonomischer Perspektive stellt diese Gruppe ein wertvolles Potenzial für die Grenzregion dar (Arnberger et al. 2019). Der vergleichsweise geringere Anteil an tschechischen Tagesgästen, der sich auch in der Grundlagenerhebung zeigt, ergibt sich unter anderem aufgrund der weiten Anreise in den Nationalpark Šumava für Besucherinnen und Besucher aus den bevölkerungsstarken Bezirken im Landesinneren und der Metropolregion Prag.

Im Vergleich zu Aufenthalten, die auf einen der beiden Nationalparke beschränkt sind, sind grenzüberschreitende Touren durchschnittlich mit längeren Wegstrecken verbunden. Dies zeigt sich anhand der im Schnitt um eine Stunde längeren Aufenthaltsdauer der Grenzgängerinnen und Grenzgängern im Vergleich zu anderen Nationalparkgästen. Für das Erlebnis des Grenzübertritts werden bewusst längere Wegstrecken in Kauf genommen. Die Kombination aus einem vielfältigen kulturellen und naturräumlichen Erbe, das mit einem grenzüberschreitenden Besuch verknüpft ist, könnte ein Grund hierfür sein (Mayer et al. 2019).

In diesem Zusammenhang sind auch die natur- und landschaftsräumlichen Besonderheiten der beiden Nationalparke als ein wichtiger Anziehungsfaktor für die Grenzgängerinnen und Grenzgänger zu deuten.

Die Motive „Natur- und Landschaftserlebnis“ und „Nationalpark kennenlernen“ spielen bei dieser Gruppe im Vergleich zu den Befragten der nationalparkweiten Grundlagenerhebungen eine größere Rolle. Auch die von den Befragten genannten unterschiedlichen Besonderheiten der Nationalparke belegen die Bedeutung des vielfältigen Natur- und Landschaftsbilds, das beide Nationalparke aufgrund unterschiedlicher historischer Entwicklungen und topografischer Gegebenheiten den Gästen in der Zusammenschau bieten. Während auf bayerischer Seite Bergfichten- und Mischwälder dominieren, eröffnet sich auf tschechischer Seite ein abwechslungsreiches Landschaftsbild, das neben Wäldern auch extensiv bewirtschaftete Offenlandflächen und ausgedehnte Moorkomplexe umfasst (Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald 2015) (Abb. 7).

Insgesamt verfügen die Nationalparke Bayerischer Wald und Šumava im Vergleich zu anderen Schutzgebieten über ein gut ausgebautes Wegenetz (Kołodziejczyk 2021). Im Zuge der Befragung wurde jedoch deutlich, dass Radfahrerinnen und Radfahrer auf der bayerischen Seite mit der Wegebeschaffenheit und -beschilderung weniger zufrieden sind als Gäste, die zu Fuß unterwegs waren.

Auf tschechischer Seite unterscheidet sich die Zufriedenheit der beiden Gruppen hingegen nicht signifikant. Der Nationalpark Šumava verfügt aufgrund seiner topografischen Gegebenheiten und historischen Entwicklung über ein sehr gut ausgebautes Radwegenetz. Ehemalige Erschließungswege im Sperrgebiet dienen den Besucherinnen und Besuchern als Radwege. Die unterschiedliche

Entstehungsgeschichte der beiden Nationalparke spiegelt sich somit bis heute im Ausbau der Radinfrastruktur wider. Hinzu kommt, dass der Nationalpark Bayerischer Wald in vielen Gebieten eine vergleichsweise steile Topografie aufweist, während für den Nationalpark Šumava ausgedehnte Plateaus (Šumava-Hochebene) mit geringen Höhenunterschieden charakteristisch sind (Kołodziejczyk 2021). Eine grenzüberschreitende Erholungsnutzung für Personen, die mit dem Rad unterwegs sind, wird dadurch erschwert.

Mit über 113.000 gezählten Besuchen im Erhebungszeitraum von Mai 2018 bis Juni 2019 wird die Bedeutung der grenzüberschreitenden Erholungsnutzung im deutschtschechischen Großschutzgebiet offenkundig. Im Vergleich dazu liegt die jährliche Gesamtbesuchszahl im Nationalpark Bayerischer Wald bei rund 1,36 Millionen und im Nationalpark Šumava bei rund 1,84 Millionen (Porst et al. 2020). (Die Gesamtbesuchszahl im Nationalpark Bayerischer Wald bezieht sich auf den Zeitraum Januar 2018 bis Dezember 2018, die Besuchszahl im Nationalpark Šumava auf den Zeitraum von November 2017 bis November 2018. Zur genauen Systematik der Berechnung der Gesamtbesuchszahlen in beiden Nationalparken siehe Porst et al. 2019.) Das Besuchsaufkommen im Grenzraum konzentriert sich dabei insbesondere am Grenzübergang Bučina. Der Standort weist eine vergleichbare Anzahl an Besuchen wie andere stark frequentierte innerdeutsche Standorte auf (Abb. 5). Ausgehend von der tschechischen Gemeinde Kvilda, in der sich auch ein Informations- und Besucherzentrum des Nationalparks Šumava befindet, und der bayerischen Ortschaft Finsterau, ist dieser Grenzübergang sowohl für tschechische als auch deutsche Gäste zu Fuß gut erreichbar. An anderen Grenzübergängen (wie etwa Blaue Säulen) hingegen führen unterschiedliche Rechtsgrundlagen der beiden Länder zu einer unklaren Situation für Besucherinnen und Besucher, die einerseits in illegalen Grenzübertritten resultiert und zum anderen eine verringerte Attraktivität von grenzüberschreitenden Touren zur Folge hat.

Die Auswertung der Routenkarten belegt das hohe Besuchsaufkommen an den Grenzübergängen und zeigt zugleich die räumliche Besucherkonzentration entlang der Hauptwege. Daneben wird deutlich, dass viele Wegeabschnitte entweder überwiegend von Besucherinnen und Besuchern aus Deutschland oder Tschechien genutzt werden. Auffallend ist zudem, dass sich die deutschen Befragten nur auf kurzer Distanz auf die tschechische Seite „vorwagen“. Die tendenziell geringen Sprachkenntnisse des Tschechischen bei den Befragten aus Deutschland und eine einsprachige Beschilderung könnten Gründe hierfür sein. Ein interessanter Befund ergibt sich auch für die Nutzung der Wege im Falkenstein-Rachel-Gebiet im Nationalpark Bayerischer Wald. Die Querverbindungen, die in den Hochlagen südlich der Grenze verlaufen, werden überwiegend von den tschechischen Grenzgängerinnen und Grenzgängern genutzt. Auf diesen Wegen liegen mit den Schachten (historische Weideflächen) und dem Höllbachgspreng beliebte Ausflugsziele im Bayerischen Wald. In Kombination mit den Grenzübertritten in Ferdinandsthal und Gsenget und den landschaftlichen Besonderheiten scheint hier ein ansprechender Rundweg für Erholungssuchende aus Tschechien gegeben zu sein.

5.2 Ableitung von Managementmaßnahmen

Anhand der diskutierten Ergebnisse werden die vielfältigen Herausforderungen in der Besucherlenkung im transnationalen Großschutzgebieten deutlich. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen werden nachfolgend Managementmaßnahmen für das grenzüberschreitende Schutzgebietsmanagement abgeleitet.

Grundlegender Handlungsbedarf ergibt sich hinsichtlich der Erarbeitung eines grenzüberschreitenden Besucherlenkungskonzepts, das unterschiedliche Zielgruppen berücksichtigt. Dazu zählt sowohl eine abgestimmte grenzüberschreitende Beschilderung als auch eine Harmonisierung der rechtlichen Grundlagen, um eine koordinierte Nutzung der Grenzübergänge zu gewährleisten (Abb. 8). Zudem sind der Ausbau und die Stärkung des grenzüberschreitenden ÖP-NV-Angebots zentrale Bausteine auf dem Weg zu einem integrierten Besuchermanagement. Eine dichtere Taktung und abgestimmte grenzüberschreitende Anschlussverbindungen werden dabei als wesentlich für die Erhöhung der Attraktivität des öffentlichen Nahverkehrs erachtet. Die Umsetzung dieser Maßnahmen liegt jedoch nicht im Einflussbereich der Nationalparkverwaltungen und erfordert eine Bereitstellung von finanziellen Mitteln durch die öffentliche Hand (Porst et al. 2020).

Daneben ist es wesentlich, einzelne Besuchergruppen, wie Wanderende, Radfahrende oder Familien mit Kindern, gezielt anzusprechen, damit vorhandene Barrieren der grenzüberschreitenden Erholungsnutzung abgebaut werden. Um grenzüberschreitende Besuche für die Gruppe der Radfahrerinnen und Radfahrer attraktiver zu gestalten, wäre eine Verbesserung der Radwegebeschaffenheit und Beschilderung im Nationalpark Bayerischer Wald notwendig. Dazu zählt auch der Ausbau der unterstützenden Infrastruktur (zum Beispiel Fahrradparkplätze mit Absperrmöglichkeiten). Anhand der Erkenntnisse zum raumzeitlichen Verhalten der Grenzgängerinnen und Grenzgänger können zudem grenzüberschreitende Tourenvorschläge und Führungsangebote erarbeitet werden, die unter Berücksichtigung von Naturschutzinteressen ein hochwertiges Naturerlebnis ermöglichen (Porst et al. 2020).

Fazit für die Praxis

• Grenzüberschreitender Erholungsnutzung kommt in den Nationalparken Bayerischer Wald und Šumava aus historischer, soziokultureller und ökonomischer Perspektive eine große Bedeutung zu.

• Um ein nachhaltiges Besuchermanagement in transnationalen Großschutzgebieten zu gewährleisten, ist eine gemeinsame Abstimmung der grenzüberschreitenden Besucherlenkung zwischen beiden Ländern notwendig.

• Im Zuge der standardisierten Befragung konnte die heterogene Zusammensetzung der Gruppe der Grenzgängerinnen und Grenzgänger hinsichtlich Herkunft, Sprachkenntnissen und ausgeübten Aktivitäten ermittelt werden. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen können zielgruppenspezifische, grenzüberschreitende Managementmaßnahmen abgeleitet werden.

• Die Ergebnisse zum raumzeitlichen Verhalten der Besucherinnen und Besucher stellen eine wichtige Informationsgrundlage für den Aufbau eines integrierten Schutzgebietsmanagements in den Nationalparken dar.

Darüber hinaus weisen die unterschiedlichen Sprachkenntnisse der Besucherinnen und Besucher auch auf die Wichtigkeit von mehrsprachigen Besucherinformationen in bilateralen Großschutzgebieten hin. Ein Ausbau des mehrsprachigen Angebots im Printund Onlinebereich ermöglicht es den Gästen, sich vor dem Besuch in der eigenen Sprache informieren. Eine wesentliche Maßnahme in diesem Zusammenhang ist zudem die mehrsprachige Gestaltung der Informationstafeln entlang von (grenzüberschreitenden) Wegen. Im Zuge der Erweiterung im südlichen Grenzgebiet des Nationalparks Bayerischer Wald (Rachel-Lusen-Gebiet) im Jahr 2022, wird eine Berücksichtigung von grenzüberschreitenden Aspekten bei der Planung wesentlich sein. Hierbei kann an bereits existierende grenzüberschreitende Rundwanderwege des Kooperationsprojekts „Wege durch Natur und Zeit“ (Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald) angeknüpft werden.

5.3 Ausblick

Bislang gibt es nur wenige empirische Befunde zu Erholungsnutzung und Tourismus in transnationalen Großschutzgebieten (Mayer et al. 2019). Diese Untersuchung liefert erste empirische und managementrelevante Erkenntnisse zu diesem Thema, nicht nur für den Nationalpark Bayerischer Wald, sondern auch für viele andere grenzüberschreitende Schutzgebiete. Im Rahmen des grenzüberschreitenden sozioökonomischen Monitorings der beiden Nationalparke werden diese künftig vertieft. Dazu soll die Befragung der Grenzgängerinnen und Grenzgänger in die nationalparkweiten Erhebungen integriert werden, um eine noch bessere Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Besuchergruppen und deren Spezifika gewährleisten zu können. Im Zuge dessen ist es auch zentral, nicht nur Personen zu berücksichtigen, die zu Fuß, mit dem Rad oder auf Skiern im Grenzgebiet unterwegs sind, sondern auch jene, die die Grenze mit dem PKW passieren, um den Besuch im transnationalen Großschutzgebiet im jeweiligen Nachbarland zu beginnen. Die Grundlagenerhebungen zeigen, dass knapp ein Drittel der Befragten die Grenze in der Vergangenheit mindestens ein oder mehrere Male auf diesem Weg überquert hatte. Darüber hinaus ist es notwendig, mehr über die Herkunft der Gäste in den Nationalparken zu erfahren. Gegenwärtig liegen in beiden Schutzgebieten keine nationalparkweiten Daten über die Nationalitäten der Gäste vor. Um tiefergehenden Aufschluss und ein besseres Verständnis über die Besuchsmotivation und -wahrnehmung von Grenzgängerinnen und Grenzgängern zu bekommen, wird es zudem essenziell sein, nicht nur quantitative Erhebungen und Befragungen durchzuführen, sondern auch verstärkt qualitative Zugänge zur Anwendung zu bringen.

Literatur

Aus Umgfangsgründen steht das ausführliche Literaturverzeichnis unter Webcode NuL2231 zur Verfügung.

Danksagung

Das Projekt „Aufbau eines grenzüberschreitenden sozioökonomischen Monitoringsystems in den Nationalparken Šumava und Bayerischer Wald“ wurde durch das Programm zur grenzübergreifenden Zusammenarbeit Freistaat Bayern-Tschechische Republik Ziel ETZ 2014-2020 (INTERREG V) gefördert. Die weiterführende und vertiefte Aufbereitung der Daten aus dem Monitoring wird durch eine Finanzierung des Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz im Rahmen des Projekts „Analyse des sozio-ökonomischen Wirkungsgefüges im Nationalpark Bayerischer Wald als Grundlage für ein nachhaltiges Schutzgebietsmanagement“ ermöglicht.

KONTAKT

Dr. Stefanie Döringer, ist seit 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Nationalpark Bayerischer Wald. Zuvor Tätigkeit als Doktorandin am Institut für Stadt- und Regionalforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Lehrt seit 2019 am Institut für Geographie und Regionalforschung an der Universität Wien mit einem Schwerpunkt auf ländliche Räume. Im Rahmen ihrer Tätigkeit im Nationalpark Beschäftigung mit sozioökologischen Fragestellungen in Schutzgebieten.

> stefanie.doeringer@npv-bw.bayern.de

Florian Porst, M.A., arbeitet seit 2015 in der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald im Sachgebiet Besuchermanagement und Nationalparkmonitoring und betreut dort unter anderem das Sozioökonomische Monitoring. Studium der Kulturgeographie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

>florian.porst@npv-bw.bayern.de

Mgr. Josef Štemberk arbeitet seit 2000 an der Nationalparkverwaltung Šumava/Böhmerwald im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2017 Tätigkeit als Koordinator des Sozioökonomischen Monitorings im Nationalpark Böhmerwald. Widmet sich der Besucherlenkung und dem Management in Großschutzgebieten sowohl in der alltäglichen Arbeit als auch als Ph.D.-Student.

>josef.stemberk@npsumava.cz

Dipl.-Biol. Ing. Pavel Bečka, Nationalpark Bayerischer Wald, Grafenau; Správa Národního parku Šumava, Vimperk, Tschechien

> pavel.becka@npsumava.cz

Prof. Dr. Arne Arnberger, Universität für Bodenkultur, Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungsund Naturschutzplanung (ILEN), Wien, Österreich

> arne.arnberger@boku.ac.at

Dipl. Ing. Brigitte Allex, Universität für Bodenkultur, Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungsund Naturschutzplanung (ILEN), Wien, Österreich

> brigitte_allex@hotmail.com

Dipl. Ing. Maria Hußlein, Bayerisches Landesamt für Umwelt, Hof

> Maria.Husslein@lfu.bayern.de

Dr. Franz Leibl, Nationalpark Bayerischer Wald, Grafenau

> franz.leibl@npv-bw.bayern.de

Prof. Dr. Marco Heurich, Nationalpark Bayerischer Wald, Grafenau

> marco.heurich@npv-bw.bayern.de