Lesezeit ca. 8 Min.
arrow_back

Adé „Muffeltopf“


Logo von LOK Magazin
LOK Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 14.10.2022

DIE BAUREIHE 58 IM BW AUE

Artikelbild für den Artikel "Adé „Muffeltopf“" aus der Ausgabe 11/2022 von LOK Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: LOK Magazin, Ausgabe 11/2022

Hier wird Dampf gekocht: Am 24. Juni 1976 wartet 58 1345 in Aue vor einem Güterzug auf die Abfahrt nach Schwarzenberg

Silbern glänzen die Schiene in der Mittagssonne. Träge fließt die Zwickauer Mulde dahin. In der Ferne ist der unverwechselbare Klang einer Dampflok der Baureihe 58 zu hören. Bei schneller Fahrt hat die Dreizylinder-Maschine keine klare „Aussprache“ – sie nuschelt. Plötzlich ertönt der schrille Klang einer preußischen Dampfpfeife, bevor die Maschine im 347 Meter langen Tunnel bei Schlema verschwindet. Wenige Augenblicke später donnert 58 1345 mit dem D 561 nach Schwarzenberg über die 48,5 Meter lange Mulde-Brücke, die unmittelbar hinter dem Schlemaer Tunnel folgt. Mit gut 60 km/h schleppt die G 12 den Schnellzug hinauf nach Aue, wo sie pünktlich um 11:59 Uhr eintreffen wird. Doch die Tage dieses Spektakels sind im Sommer 1976 gezählt. Bis zum Fahrplanwechsel am 25. September 1976 soll das Bw Aue die letzten Exemplare der Baureihe 58 abstellen. Dann endet nach mehr als einem ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 7,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von LOK Magazin. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Dampfloks mit mehr …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Dampfloks mit mehr …
Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Umleiter am Obdacher Sattel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Umleiter am Obdacher Sattel
Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Werden zukünftig mehr Strecken reaktiviert, Herr Henke?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Werden zukünftig mehr Strecken reaktiviert, Herr Henke?
Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Erster Güterzug auf der VDE 8.2. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Erster Güterzug auf der VDE 8.2
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Für eine Handvoll Eier
Vorheriger Artikel
Für eine Handvoll Eier
Gelassene Pioniere
Nächster Artikel
Gelassene Pioniere
Mehr Lesetipps

... Vierteljahrhundert die Ära der G 12 im Erzgebirge.

Fürs Erzgebirge ideal

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten im Bahnbetriebswerk Aue die Tenderlokomotiven der Baureihen 755, 86 und 94 20–21das Rückgrat in der Zugförderung. Doch die Maschinen entsprachen Ende der 1940er-Jahre kaum noch den betrieblichen Belangen. Vor allem für den schweren Güterzugdienst auf den Strecken Zwickau (Sachs) – Schwarzenberg (Erzgeb) – Johanngeorgenstadt und Chemnitz – Adorf (Vogtl) benötigte das Bw Aue neue, zugstarke Maschinen. Die Reichsbahndirektion Dresden entschied sich für die Dreizylinderloks der Baureihe 58. Mit einer indizierten Leis-tung von 1.540 PSi und einer Anfahrzugkraft von 25,73 Mp war die ehemalige preußische G 12 für den Einsatz im Erzgebirge geradezu ideal. Aufgrund des Gesamtachsstandes von 13.395 Millimetern war es außerdem möglich, die Baureihe 58 auf den 16-Meter-Drehscheiben im Bw Aue und im Endbahnhof Johanngeorgenstadt zu wenden.

Allerdings konnte die G 12 aufgrund ihrer relativ hohen Metermasse (7,63 t/m) bzw. ihrer Achsfahrmasse (16,5 Tonnen) nicht auf der Verbindung Schwarzenberg – Annaberg-Buchholz Süd, der so genannten BSg-Linie mit dem Markersbacher Viadukt, eingesetzt werden. Auf dem Abschnitt Aue (Sachs) – Adorf (Vogtl) war die Baureihe 58 erst in den letzten Einsatzjahren zu sehen.

Doch das minderte den Erfolg der Dreizylinder-Maschinen nicht im geringsten. Den Reigen der G 12 eröffnete 58 201 am 16. Juli 1950. Bis zum Jahresende stieg der Bestand auf 15 Exemplare an. In den darauf folgenden Jahren trugen durchschnittlich zwischen 15 und 20 Maschinen der Baureihe 58 die Anschrift „Bw Aue“ an ihren Führerhäusern.

Güterverkehr und Schnellzüge

Die Loks bespannten meist Nah- und Durchgangsgüterzüge auf den Verbindungen von Zwickau nach Johanngeorgenstadt und von Chemnitz nach Aue. Die Grenzlasten betrugen dabei 1.200 Tonnen für den Abschnitt Zwickau (Sachs) – Aue (Sachs) und 350 Tonnen für den Abschnitt Aue (Sachs) – Zwönitz. Umlaufbedingt kamen die Maschinen bis nach Werdau und Regis-Breitingen. Einzelne Personenzüge ergänzten die Umläufe der Baureihe 58. Sogar Schnellzüge bespannte das Bw Aue mit der G 12. Zu den langjährigen Stammleistungen gehörten die Zugpaare D 273/274 (ab 30. Mai 1973: D 560/561) und D 2141/2142 (ab 10. Mai 1973: D 561/784). Die Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h genügte dafür vollauf.

Mehr als 25 Jahre erklang der unverwechselbare Auspuffschlag der Baureihe 58. Aber auch bei der Talfahrt entwickelte die G 12 im Leerlauf markante Fahrgeräusche, die ihr bei den Eisenbahnern den Beinamen „Muffeltopf“ einbrachte.

Trotz Dieselloks nicht überflüssig

Ende der 1960er-Jahre hielt auch im Bw Aue die moderne Traktion Einzug. Mit dem Eintreffen der V 60 1468 begann am 14. August 1968 der Strukturwandel im Rangierdienst. Für den Personen-und mittelschweren Güterverkehr stand ab 7. August 1969 mit V 100 102 die erste Streckendiesellok zur Verfügung.

Doch die Baureihe V 100 (ab 1. Juni 1970: Baureihe 110) löste im Bw Aue zunächst die Baureihe 86 ab. Für die Baureihe 58, von der am 1. Juni 1970 insgesamt zwölf Exemplare zur Verfügung standen, war noch kein adäquater Ersatz vorhanden. Während in anderen sächsischen Bahnbetriebswerken die G 12 auf das Abstellgleis rollte, zogen die „Muffeltöpfe“ weiterhin Schnell-, Personenund Güterzüge durch das westliche Erzgebirge.

Aue wurde zum Auslauf-Bw für die G 12. Von überall her trafen noch betriebsfähige Loks ein

Gleichwohl war der Niedergang der inzwischen über 45 Jahre alten Maschinen nicht zu übersehen. Ab 1972 war Aue das so genannte Auslauf-Bw für die Baureihe 58 bei der DR. Maschinen, die aufgrund von Schäden oder abgelaufenen Untersuchungsfristen abgestellt werden mussten, wurden fortan durch noch betriebsfähige Loks aus anderen Dienststellen ersetzt. Daher waren zwischen 1970 und 1977 insgesamt 40 unterschiedliche G 12 im Bw Aue beheimatet, von denen einzelne Exemplare längere Zeit als Reserve konserviert abgestellt waren. Dies galt unter anderem für 58 1042 (vom 29. April – 28. September 1975), 58 1522 (1. Oktober 1973 – 20. Dezember 1974 und 6. Juni – 14. Juli 1975), die 58 1800 (23. Januar 1975 – 3. Mai 1976), 58 1814 (7. Januar 1975 – 28. Mai 1976) und die 58 2021 (1. September 1973 – 7. Oktober 1974). Einzelne Maschinen wurden außerdem als Heizloks genutzt, so zum Beispiel 58 1888 (1. November 1971 – 10. Mai 1972).

„Millionenzug“ mit Uran

Am 1. Juli 1972 führte die Abteilung Triebfahrzeug-Betrieb des Bw Aue noch 13 Exemplare der Baureihe 58 in ihren Unterlagen. Für den Dienstplan 9 wurden täglich fünf Maschinen benötigt. Darüber hinaus hielt man eine weitere G 12 für Sonderdienste vor.

Zu den planmäßig eingesetzten Maschinen gehörten im Sommer 1972 unter anderem 58 427, 58 1195, 58 1511 und 58 1934. Deren wichtigste Aufgaben waren die Nah- und Durchgangsgüterzüge nach Hilbersdorf, Johanngeorgenstadt, Werdau und Zwickau. Auch Einsätze als Schiebelok nach Zwönitz sowie einzelne Reisezugleistungen finden sich in den Umlaufplänen. Die Leistungen im Personenverkehr beschränkten sich aber inzwischen auf den nachmittags verkehrenden P 3603 von Zwickau nach Johanngeorgenstadt sowie die Schnellzüge D 560 Aue – Zwickau (– Berlin) und D 561 (Berlin –) Zwickau – Aue – Schwarzenberg.

Besondere Erwähnung verdient der „Millionenzug“. Einmal in der Woche wurde das Uranerz, das von der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut mit einem heute kaum noch vorstellbaren finanziellen Aufwand gewonnen und aufbereitet wurde, in einem Ganzzug zum polnisch-sowjetischen Grenzbahnhof Brest gebracht. Hinter der Zuglok war ein Wagen für das sowjetischen Begleitkommando eingestellt.

Im Winterfahrplan 1973/74 setzte bei der DR nur noch das Bw Aue die Baureihe 58 planmäßig ein. Dafür standen der Tb-Gruppe am 1. Januar 1974 insgesamt 20 Maschinen zur Verfügung. Doch durch z-Stellungen und Abgaben verringerte sich der Bestand innerhalb eines Jahres auf 14 Maschinen. Die Strecken rund um Aue waren inzwischen das Ziel zahlreicher Eisenbahnfreunde aus dem In- und Ausland. Alle wollten die letzten „Muffeltöpfe“ im Einsatz erleben.

Keine schnelle Lösung für die Ablösung

Doch die Verwaltung der Maschinenwirtschaft (VdM) der Rbd Dresden suchte inzwischen mit Hochdruck nach einer Ablösung für die betagten Dampfloks, deren Instandhaltung immer aufwen-diger wurde. Die Baureihe 110 konnte die alte G 12 nur in Doppeltraktion ersetzen. Dies war jedoch wirtschaftlich nicht zu vertreten, auch wenn dies fallweise praktiziert wurde. Im Hinblick auf die Leistungsparameter konnte die Baureihe 58 nur durch die Dieselloks der Baureihe 118 ersetzt werden. Allerdings benötigte die VdM die im Direktionsbezirk vorhandenen zweimotorigen Maschinen andernorts dringender. Damit verblieb der G 12 eine Gnadenfrist. Erst im Sommer 1975 zeichnete sich das baldige Ende der Baureihe 58 in der Zugförderung ab.

Inzwischen wurden die Maschinen hin und wieder auch für Sonderfahrten des Deutschen Modelleisenbahn-Verbandes der DDR genutzt. Beispielsweise bespannte die auf Hochglanz polierte 58 207 am 16. Juni 1974 einen DMV-Sonderzug zwischen Karl-Marx-Stadt Hbf und Eibenstock unterer Bahnhof. Ein Jahr später war 58 311 anlässlich der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Strecke Flöha – Reitzenhain im Einsatz. Am 7. Juni 1975 beförderte der „Muffeltopf“ Planzüge auf dem Abschnitt Pockau-Lengefeld – Reitzenhain. Einen Tag später brachte die mit Girlanden geschmückte Maschine einen Sonderzug von Flöha nach Pockau-Lengefeld. Am 21. September 1975 nutzte der DMV 58 1800 für eine Sonderfahrt zwischen Karl-Marx-Stadt Hbf und Aue.

Wenige Wochen später, am 1. Januar 1976, gehörten mit 58 207, 58 1246, 58 1345, 58 1522, 58 1562, 58 1758, 58 1800, 58 1814, 58 1934 und 58 2051 noch zehn Maschinen zum Betriebspark, von denen weiterhin täglich sechs Exemplare unter Dampf standen. 58 311 gehörte zu diesem Zeitpunkt zum Schadpark (z-Park), wurde aber nach der Abstellung von 58 207 (am 29. Juni 1976) und 58 1562 (am 8. Juli 1976) noch einmal instandgesetzt und stand ab 1. August 1976 wieder für den Streckendienst zur Verfügung.

Der letzte Dienstplan

Für den ab 30. Mai 1976 gültigen Sommerfahrplan stellte der Technologe der Tb-Gruppe letztmalig einen Dienstplan für die Baureihe 58 auf. Aber der Traktionswechsel war nicht mehr aufzuhalten. Im Umlauf der G 12, für den am 31. Juli 1976 fünf Maschinen (58 1345, 58 1800, 58 1814, 58 1934 und 58 2051) unter Dampf standen, wurden nun auch zwei Dieselloks der Baureihe 110 in Doppeltraktion eingesetzt. Dieser Einsatz diente in erster Linie der Lokführer-Ausbildung für die Baureihe 118. Deren Ära begann am 15. Juni 1976 mit der 118 129. Allerdings konnte die vierachsige Maschine aufgrund ihrer Achsfahrmasse von 19,7 Tonnen nur bedingt im Dienstplan der Baureihe 58 eingesetzt werden. Erst einige Tage später, ab 3. Juli 1976, stand mit 118 370 die lange erwartete Ablösung für den „Muffeltopf “ zur Verfügung. Bis zum Fahrplanwechsel im Herbst 1976 stieg der Bestand der Baureihe 118.2–4 im Bw Aue auf fünf Exemplare an.

Erst die Co’Co’-Diesellok der Baureihe 118 konnte die G 12 wirklich adäquat ersetzen

Durch den planmäßigen Einsatz der 118 370 ab 15. August 1976 verringerte sich der tägliche Bedarf der 58 auf vier Stück. Eine weitere Lok wurde für Sonderdienste benötigt. Die letzten Einsätze er-brachten schließlich 58 311, 1522, 1800, 1934 und 2051, von denen 58 311, 1522 und 2051 im Laufe des 24. September 1976 abgestellt wurden. Eindrucksvoll beendete 58 1800 am 25. September 1976, dem letzten Tag des Sommerfahrplans, vor dem aus acht vierachsigen Wagen bestehenden D 561 (Berlin –) Zwickau (Sachs) – Schwarzenberg den Einsatz der G 12 im Schnellzugdienst. Wenige Stunden später setzte 58 1934 mit dem Dg 54303 von Zwickau nach Aue den Schlusspunkt – die Baureihe 58 hatte ausgedient. Die nicht mehr benötigten Maschinen wurden anschließend konserviert in Aue und Schwarzenberg abgestellt.

58 311 „macht rüber“

Lediglich 58 1800 und 58 1934 blieben noch einige Tage unter Dampf. Da der Bestand der Baureihe 118.2–4 etwas knapp bemessen war, halfen die beiden Maschinen bei Bedarf aus. Den letzten Einsatz absolvierte dann 58 1800 am 28. November 1977, bevor auch sie konserviert abgestellt wurde (29. November 1976 – 25. Februar 1977).

Bis zum Jahreswechsel 1976/ 1977 wurden die meisten Maschinen in den Schadpark verfügt oder nach einem Umbau zum Dampfspender (58 1042, 1246 und 2051) an andere Dienststellen abgegeben.

Am 1. Januar 1977 waren nur noch fünf betriebsfähige Maschinen im Bw Aue stationiert. Die 58 311 verließ am 18. März 1977 mit eigener Kraft das Erzgebirge und passierte einen Tag später vor einem Güterzug die deutschdeutsche Grenze. Das Deutsche Dampflok-Museum in Neuenmarkt-Wirsberg hatte die Maschine erworben und damit vor dem Schneidbrenner bewahrt. Damit gehörten am 1. Juni 1977 lediglich 58 1522, 1800 und 1934 zum Bestand des Bw Aue. Mit der z-Stellung der 58 1800 endete am 28. September 1977 still und leise die Geschichte der ehemals preußischen G 12 im Erzgebirge.

Dirk Endisch