Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

AERO FLOG MIT DER AN-225: Der Fracht gigant


Aero International - epaper ⋅ Ausgabe 71/2018 vom 29.06.2018

Weltrekord: der schwerste kommerzielle Lufttransport aller Zeiten


Eine Fotoreportage von Dietmar Plath

Artikelbild für den Artikel "AERO FLOG MIT DER AN-225: Der Fracht gigant" aus der Ausgabe 71/2018 von Aero International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Aero International, Ausgabe 71/2018



Was aussieht wie eine Flugzeughalle, ist der Laderaum des größten Transportflugzeugs der Welt


Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Aero International. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 71/2018 von BEST OF – TOP-STORIES AUS EINEM VIERTELJAHRHUNDERT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BEST OF – TOP-STORIES AUS EINEM VIERTELJAHRHUNDERT
Titelbild der Ausgabe 71/2018 von Rollout in Toulouse Der dickste Europäer heißt: „Beluga“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rollout in Toulouse Der dickste Europäer heißt: „Beluga“
Titelbild der Ausgabe 71/2018 von ENDE EINER ARA. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ENDE EINER ARA
Titelbild der Ausgabe 71/2018 von Nostalgieflüge mit vier Propellern. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nostalgieflüge mit vier Propellern
Titelbild der Ausgabe 71/2018 von Pan Am World Airways: Der Legende wiedergeburt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Pan Am World Airways: Der Legende wiedergeburt
Titelbild der Ausgabe 71/2018 von SEIT 30 JAHREN: FASZINATION CONCORDE: Schneller als die um die Sonne Erde. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SEIT 30 JAHREN: FASZINATION CONCORDE: Schneller als die um die Sonne Erde
Vorheriger Artikel
TIBET: Auf dem Dach der welt
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel PILOT REPORT A380: Sanfter Riese
aus dieser Ausgabe

Das Cockpit verrät, dass die Antonow AN-225, die gerade erst für den kommerziellen Luftverkehr zugelassen worden ist, doch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat.


Aero-Mitarbeiter Gunter Hartung im Gespräch mit Michail Chartschenko, Leiter der Flugerprobung bei Antonow.


Ehre, wem Ehre gebührt? Warum nicht! Die temporäre Wallung angemessen elitärer Gefühle ist ohnehin nicht zu unterdrücken. Da liegt sie also - schwarz auf weiß - auf dem Redaktionstisch von Aero International: die offizielle Einladung, im Cockpit des größten Flugzeugs aller Zeiten von München nach Kiew in der Ukraine zu fliegen. Von Kiew wird der Flug weitergehen via Uljanowsk in der Russischen Föderation nach Bishkek im zentralasiatischen Kirgisistan. Weltweit war es nie zuvor Journalisten oder anderen Zivilisten, die nicht zur „crème de la creme“ der ausgewählten Experten der Antonow-Werke gehören, vergönnt, die gigantische AN-225 im Flug zu erleben.
Flughafen München am Vorabend des exklusiven Ereignisses. Der Anblick der Fracht, die in einem eigens für den Auftrag gecharterten Flugzeughangar zwischengelagert ist, lässt Zweifel aufkommen. Das alles soll in ein einziges Flugzeug passen? Was die in Stuttgart und Kelsterbach ansässige Proair-Charter-Transport-GmbH da mit 17 Lastzügen aus einem US-Depot in der Pfalz herangekarrt hat, ist mit einem Blick nicht zu erfassen. 420 Paletten mit 20160 großen Kartons, die haargenau 241920 Eissensrationen für die Angehörigen der US-Streitkräfte in Zentralasien enthalten. 213 Tonnen Fracht, die morgen mit dem Sechsstrahler AN-225 auf die lange Reise gehen sollen. Vorabend eines Weltrekords! Das Abfluggewicht wird bei 563 Tonnen liegen. Nie zuvor in der bisherigen Geschichte der Luftfahrt hat im kommerziellen Transportgeschäft ein auch nur annähernd so schwerer Brocken vom Boden abgehoben. Vergleiche drängen sich auf und machen deutlich, worum es hier geht: Eine für die extreme Langstrecke betankte und voll besetzte MD-11 liegt bei einem maximalen Abfluggewicht von 285,9 Tonnen. Das ist selbst weniger als allein die 300 Tonnen Treibstoff, die der Antonow 225 einen Überführungsflug über 15400 Kilometer ermöglichen.

Geschichte eines Unikats

Mit hängenden Flügeln der ausladenden Art rollt der Gigant heran. Die beiden Seitenleitwerke ragen über 18 Meter hoch in den Nachthimmel bei Erding, der jetzt vom Flutlicht erhellt wird. 21 Uhr. Per Fahrwerkhydraulik ist das Flugzeug abgesenkt und liegt nun fast auf dem Bauch. Der über das Cockpit hinweg senkrecht nach oben geklappte Bug gibt den Blick frei auf die großmäulige Öffnung eines abgrundtiefen Frachtraums. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass die Beladung deutlich länger dauern wird als geplant. Noch zehn Stunden später, eine Stunde nach Sonnenaufgang, sind die Gabelstapler im Bauch der Antonow in Aktion. Als das Flugzeug seit Mitte der 80er Jahre bei Antonow in Kiew auf der Basis der AN-124 in der Entwicklung stand und zum Mammut aufgeblasen wurde, verpassten ihm die euphorischen Verantwortlichen den Taufnamen „Mrija“. „Mrija“ heißt „Traum“. Doch der Traum platzte mit all den schönen Plänen. Denn als die AN-225 am 21. Dezember 1988 zu ihrem Erstflug startete, war der Zerfall der ehemaligen Sowjetunion schon fortgeschritten. Ursprünglich sollte der Sechsstrahler die Raumfähre „Buran“ und bis zu 70 Meter lange Strukturen huckepack transportieren, sollte unter anderem Module und Segmente der Trägerrakete „Energija“ zum Raumfahrtzentrum nach Baikonur schleppen. Kein Geld mehr für die Raumfahrt, kein wirklicher Bedarf für die einzige AN-225, die gebaut wurde. Das Unikat tingelte noch bis 1994 weltweit von Luftfahrtschau zu Luftfahrtschau und stand dann geschlagene sechs Jahre nahezu vergessen auf dem Vorfeld des Antonow-Werkflughafens. Erst als um die Jahrtausendwende herum die inzwischen gegründete Antonov Airlines mit acht AN-124 und einer Reihe älterer Turboprops im internationalen kommerziellen Chartergeschäft steigende Einnahmen verbuchte, wurde die AN-225 entmottet, gründlich überholt und wieder flott gemacht. Kurz vor Ende 2001 war mit der Erteilung der Lizenz für den weltweiten kommerziellen Frachtbetrieb der Weg in eine angemessene Zukunft geebnet.


Seitenleitwerke so groß wie Businessjet-Flügel


Noch ein Superlativ: Mit 1,2 Tbnnen Gewicht ist die Schleppstange der AN-225 die größte der Welt. Sie wird grundsätzlich bei jedem Flug mitgeführt.


Im Cockpit der „Mrija“

11.50 Uhr. Seit 20 Minuten rollt der Gigant behäbig auf seinen 32 Fahrwerkrädern in Richtung Startpunkt 08 der Südbahn des Flughafens München. Über eine sieben Meter aufsteigende und rostrot lackierte schmucklose Leiter sind wir vor mehr als einer Stunde, wie die sechsköpfige Crew auch, vom Laderaum hinauf ins Cockpit geklettert. Vorn links sitzt Captain Aleksandr Galunenko. Kopilot ist Anatolij Moisejew, ebenfalls Flugkapitän. Beide sind zugleich erfahrene Testpiloten. Knapp hinter dem Cockpit seitlich links der Radiooperator und der Navigator; gegenüber, an einem weiteren Instrumentenpanel, zwei Flugingenieure. Wladimir Gusar, damals als Testflugingenieur Teilnehmer des Erstflugs und nun als Flight Manager an Bord, sitzt mit dem Aero-Team in einer der drei Nischen hinter dem Cockpit auf „Großmutters Sofa“, wie in einem älteren Plüschsalonwagen der transsibirischen Eisenbahn. Von Anschnallgurten keine Spur. Nebenan residiert Michail Chartschenko, heute auch Flight Manager und Ende 1988 verantwortlicher Cheftestpilot während des Erstfluges der AN-225. „Wir sind in diesem Flugzeug sozusagen geboren worden, wir werden mit ihm auch alt werden“, versichern beide einmütig. Und: „Wenn sich die Geschäfte mit unserer Mrija gut anlassen, dann wird vielleicht auch die zweite AN-225 endlich fertig gebaut, mit deren Endmontage schon vor Jahren begonnen wurde!“

563 Tonnen nach Kiew

Aleksandr Galunenko schiebt die sechs gelben Gashebel nach vorn. 563 Tonnen setzen sich langsam in Bewegung, angetrieben von sechs Triebwerken des Typs Lotarew „Progress“ D-18T, die jeweils Tonnen Treibstoff pro Stunde verheizen. Nach 2800 Metern Startrollstrecke nimmt die AN-225 bei nun 280 Stundenkilometern die Nase hoch und steigt zügig auf.
Höhe 29 (KK) Fuß (rìiiid 8800 Meter). Flugzeit nach Kiew 2,15 Stunden. Die beiden Aero-Mitarbeiter mitgerechnet sind 22 Personen an Bord. Neun Angehörige der technischen Crew und der Lademeister residieren in der während des Fluges nicht zugänglichen Heckkabine oberhalb des gigantischen Laderaums. Einige von ihnen, die während der vergangenen Nacht bei Temperaturen um 15 Grad unter Null auf dem Airport München die Fracht verstaut und gesichert haben, werden in Kiew ausgetauscht.
Landung auf der kurz zuvor vom Schnee geräumten Runway der Antonow-Werke bei Kiew in der Ukraine mit 295 Stundenkilometer. Die erste Etappe des bisher schwersten kommerziellen Transportfluges der Luftfahrtgeschichte ist reibungslos geglückt. Die Uhren in Kiew zeigen 15 Uhr Ortszeit. Um 19.21 Uhr fliegt die AN-225 zunächst weiter nach Uljanowsk und dann zu ihrem Transportziel Bishkek in Kirgisistan, wo sie gegen 3 Uhr Ortszeit am nächsten Morgen sicher landet.

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Bei der 1996 gegründeten und mit zehn Mann Personal noch kleinen Proair-Charter-Transport-GmbH in Stuttgart, die den schwergewichtigen Auftrag der US-Regierung von ihrem Kooperationspartner DHL erhalten hat, wird die Nachricht mit Erleichterung aufgenommen. Das Flugzeug, das gut 13 Jahre nach dem Erstflug eigentlich ein Prototyp geblieben ist, hat die Bewährungsprobe bestanden. Doch selbst wenn es entsprechende Anfragen geben sollte: Die AN-225 steht bis in den April hinein nicht zur Verfügung. Im Antonow-Werk sollen, unter anderem mit Strukturverbesserungen, die Voraussetzungen geschaffen werden, die maximale Frachtkapazität von gegenwärtig 230 auf 250 Tonnen zu erhöhen. Das Abfluggewicht läge dann bei gut 600 Tonnen. Noch Fragen?