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Ästhetische Erfahrung: Im Auge des Betrachters


Hohe Luft kompakt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.05.2019

»Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit«, sagte Karl Valentin. Da ist etwas dran. Und es gilt nicht nur für den Erschaffer, auch für den Rezipienten eines Werkes. Nur wer sich gegenüber den Welten, die es auftut, öffnet, wird in ihm etwas erkennen. Ein philosophischer Blick auf die Magie ästhetischer Erfahrung.


ES GIBT BILDER, die lassen einen nicht los. Zum Beispiel »Der Schrei« von Edvard Munch. Die schwarzen Linien, die alle auf den Kopf zuzulaufen scheinen. Das verzerrte, fratzenhafte Gesicht, das Starren der Augen, der aufgerissene Mund. Irgendetwas Furchtbares muss geschehen sein. Aber was? Kunst kann uns ergreifen, erschüttern, überwältigen. Sie bringt uns zum Lachen und Weinen. Sie rührt und reizt uns, sie lässt uns schaudern, sie regt uns auf. Sie kann uns irritieren und vor Rätsel stellen. Kunst ver wandelt uns. Aber wie macht sie das? Was ist ästhetische Erfahrung überhaupt? Was macht sie mit uns – und worin besteht ihr Wert für unser Leben?

Ästhetische Erfahrung hat offenbar keinen Nutzen. Wenn wir Kunst erleben, wollen wir damit sonst nichts erreichen. Wir verfolgen kein Ziel, das außerhalb der Erfahrung selbst liegt. Ästhetische Erfahrung sei »interesselos«, sagte Immanuel Kant (1724 –1804). Sicherlich kann das Betrachten eines Bildes Freude bereiten. Aber eine Kunstausstellung besuchen wir nicht einfach nur, um etwas Angenehmes zu erleben. Was wir suchen, das ist die ästhetische Erfahrung selbst.

Ein Kunstwerk »sagt« uns etwas, es spricht uns an. Aber es spricht nicht einfach von sich aus, und es spricht nicht zu jedem. Wer achtlos durch eine Ausstellung läuft, wer sich nicht auf die Kunst einlässt, der wird auch keine ästhetischen Erfahrungen ma chen, sondern sich allenfalls langweilen. Um Kunst zu erleben, müssen wir dafür empfänglich sein. Ästhetische Erfahrung erfordert eine besondere Art der Wahrnehmung. Dabei genügt es nicht, einfach nur passiv vor einem Bild zu stehen. Wir müssen schon selbst etwas tun, wir müssen »Energie aufwenden«, wie der amerikanische Philosoph John Dewey (1859 –1952) schrieb. Ästhetische Erfahrung bedeutet also Arbeit. Dazu müssen wir uns von Stereotypen, von vorgefassten Meinungen befreien. Es ist noch keine ästhetische Erfahrung, ein Gemälde als ein »Bild von Picasso« zu identifizieren, im Gegenteil. Das passive Wiedererkennen erstickt die Wahrnehmung, bevor sie sich frei entfalten kann. Ähnlich ist es, wenn wir zum Beispiel auf der Straße einen Bekannten erblicken. Wir erkennen ihn zwar, aber wir sehen ihn nicht um seiner selbst willen. Wir »sehen« ihn nicht wirklich.

MIT ÄSTHETISCHEN ERFAHRUNGEN ist es wie mit dem Kennenlernen einer Person, die man noch nie gesehen hat. Erst sammeln wir Eindrücke, wir mustern und studieren den anderen und machen uns schließlich unser eigenes Bild von der Person.

Auch bei der Wahrnehmung von Kunst muss der Betrachter »seine eigene Erfahrung schaffen«, sagt Dewey. Indem wir das Kunstwerk aufmerksam betrachten, seine Komposition, das Zusammenspiel der Details studieren, gewinnen wir unsere eigene Perspektive. Das ist nicht notwendiger weise die Perspektive des Künstlers, der das Werk geschaffen hat. Vielmehr rekonstruieren wir das Kunstwerk, wir erschaffen es für uns selbst gleichsam neu. Ohne diesen Akt der »Neuschöpfung«, sagt Dewey, können wir es gar nicht als Kunstwerk wahrnehmen: »Wer zu faul oder zu sehr in Konventionen gefangen ist, um diese Arbeit zu leisten, der wird weder sehen noch hören.«

EIN KUNSTWERK sei eine »Erscheinung, die etwas bedeutet«, meinte Hegel (1770 –1831) in seinen »Vorlesungen über Ästhetik«. Doch diese Bedeutung erschließt sich uns nur, wenn wir uns auf das Kunstwerk einlassen, ihm mit selbstzweckhafter Aufmerksamkeit begegnen. Auf diese Weise eröf fnet die Kunst eine besondere Lebensmöglichkeit. Durch Kunst gewinnen wir einen anderen Blick auf die Welt und auf Formen menschlicher Weltbegegnung. Das Werk konfrontiert den Betrachter mit der Perspektive des Künstlers, mit seinen Wahrnehmungen, Gedanken und Emotionen. Zugleich eröffnet uns die Kunst die Möglichkeit der »Selbstverständigung «, wie der Berliner Philosoph Georg W. Bertram in seinem Buch »Kunst als menschliche Praxis« schreibt.

Die Kunst weist aber auch über die Welt, wie sie uns erscheint, und über uns selbst hinaus. Sie zeigt uns ein Anderes, ein Mögliches jenseits unserer Lebensverhältnisse. Kunst transzendiert die faktische Realität: »In jedem genuinen Kunstwerk erscheint etwas, was es nicht gibt«, schrieb Theodor W. Adorno (1903 –1969) in seiner »Ästhetischen Theorie«. Insofern bedeutet Kunst nach Adorno immer Ver weigerung, sie bietet die letzte »Zuflucht« vor der alles beherrschenden Rationalität, die unsere Welt durchdringt. Sie bringt »Chaos in die Ordnung«, genau dadurch komplettiert sie »unsere Erkenntnis um das von ihr Ausgeschlossene«.

Die Kunst offenbart uns, dass die Wirklichkeit reicher ist als das, was wir begrifflich erfassen können. Ästhetische Erfahrung heißt, sich das »Erschei nen« der Welt zu vergegenwärtigen, schreibt der Philosoph Martin Seel in seinem 2003 erschienenen Buch »Die Ästhetik des Erscheinens«.

Eine solche ästhetische Welt- und Selbstbegegnung findet aber nicht nur in der Kunst statt, sondern überall dort, wo wir bei Dingen oder Szenen innehalten und verweilen, wo wir in ein »Stadium ästhetischer Wachheit« treten: »Die ästhetische Lust ist eine Lust des endlichen Daseins am endlichen Dasein. In dieser Endlichkeit aber entdeckt die ästhetische Anschauung die Gelegenheit zur Vergegenwärtigung unendlicher Möglichkeiten«, schreibt Seel. Und diese Möglichkeiten können sich in vielen Dingen und Situationen artikulieren. Ein Kleidungsstück sagt uns etwas über die Persönlichkeit des Trägers, eine Wohnungseinrichtung über Stil und Geschmack, ein Ort vermittelt uns ein bestimmtes Gefühl. Der Philosoph Gernot Böhme nennt das »Atmosphäre«, sie verbindet das Wahrgenommene mit dem Wahr- nehmenden.

So nennen wir etwa einen Ort nicht deshalb »unheimlich«, weil er diese Eigenschaft objektiv besitzt, sondern weil er eine unheimliche Atmosphäre ausstrahlt. Eine »Ästhetik der Atmosphären« richtet sich gegen ästhetischen Hochmut. Nicht nur die »wahre Kunst« eröffnet authentische ästhetische Erfahrungen. Es kann auch mal ein Designerstuhl, ein iPhone oder ein guter Wein sein. Statt die niederen Sphären des Ästhetischen zu verdammen, sollten wir fragen, welche Erfahrungen sie bei uns auslösen – und inwiefern sie unser Leben ästhetisch bereichern.

ES SCHEINT, als läge im Ästhetischen eine formund ziellose »Kraft«, die unbewusst auf uns einwirkt. Im Hervorbringen wie im Erfahren von Kunst seien wir »keine Subjekte«, behauptet der Frankfurter Philosoph Christoph Menke in seinem 2013 erschienenen Buch »Die Kraft der Kunst«. Ästhetische Kraft erwirbt man nicht durch Lernen und soziale Übung, sie setzt kein »Können« voraus, das unterscheidet sie von unseren »vernünftigen Vermögen«. Wir haben sie schon, bevor wir zu Subjekten abgerichtet werden. In der Kraft des Ästhetischen liegt für Menke ein Freiheitspotenzial. Durch die Kunst erfahren wir nämlich, dass wir auch anders tätig sein können als durch praktisches, zweckgerichtetes Handeln unter dem Diktat von Vernunft und Moral.


Die völlige Ästhetisierung des Lebens, der Politik, der Gesellschaft ist gefährlich, weil sie Inszenierung an die Stelle von Wirklichkeit setzt.


Schon Friedrich Nietzsche (1844 –1900) forderte, wir sollten von den Künstlern lernen, die Welt und uns selbst ästhetisch zu verwandeln. Durch die Künstler erfahren wir Nietzsche zufolge den »Willen zum Schein«, ohne den das Dasein »gar nicht auszuhalten « sei. Die Welt an sich sei weder schön noch begehrenswert, aber wir können sie dazu machen. Wir können unsere Perspektive verändern, die Dinge in einem anderen Kontext sehen. Doch dazu müssen wir uns von der Orientierung am praktisch Guten, an Handlungszwecken, Maßstäben und moralischen Normen befreien. Die Voraussetzung für »ästhetisches Tun und Schauen« ist der Rausch, die Entfesselung der künstlerischen Kraft. Was die Künstler können, das ist eigentlich das Nichtkönnen. Ihre Domäne ist nicht das Handeln, sondern das Spiel. Nach dem Modell der Künstler tätig sein, das heißt für Nietzsche schlicht, zu »Dichtern unseres Lebens« zu werden, und zwar »im Kleinsten und Alltäglichsten zuerst«.

Einerseits müssen wir auf Distanz gehen zum Rausch unserer Kräfte. Die völlige Ästhetisierung des Lebens, der Politik, der Gesellschaft ist gefährlich, weil sie Inszenierung an die Stelle von Wirklichkeit setzt. Andererseits brauchen wir das Spielerische, den Enthusiasmus, das Rauschhafte der Kunst, um die Welt und uns selbst zu verändern. Das Ästhetische befreit uns von der Unterwerfung unter Gründe und Zwecke, zugleich erlaubt es uns eine »andere Entfaltung der eigenen Kräfte«, wie Menke schreibt: »Das letzte Wort der Ästhetik ist menschliche Freiheit. « Aber welchen Stellenwert hat ästhetische Erfahrung heute noch? Geht die Kraft des Ästhetischen nicht zunehmend verloren in einer medial vermittelten Wirklichkeit, die uns immer mehr als Fiktion erscheint?

Noch nie gab es so viel Kunst zu sehen wie heute. Sie begegnet uns überall, in Ausstellungen, im Fernsehen, im Internet; zugleich dominiert das Ästhetische unser kulturelles Selbstverständnis, unseren Blick auf die Welt. Gleichzeitig scheinen wir gegen die ästhetische Wahrnehmung selbst immer mehr abzustumpfen. Die Wahrnehmungsflut bedeutet zugleich Wahrnehmungsverlust, eine »Anästhetisierung « unseres Lebens, wie es Wolfgang Welsch in seinem Band »Ästhetisches Denken« von 1990 ausgedrückt hat. Allein ästhetisches Denken, also ein Denken, das mit der Wahrnehmung im Bunde ist, sei daher überhaupt in der Lage, der heutigen Wirklichkeit beizukommen. Das gilt vielleicht auch für unser eigenes gehetztes und vernetztes Leben, in dem wir kaum noch die Zeit finden, uns an schönen Dingen wirklich zu erfreuen, geschweige denn die subtilen Nuancen eines Kunstwerks zu erfassen.

DOCH DIE KRAFT der ästhetischen Erfahrung kann uns helfen, die Resonanz mit der Welt zurückzugewinnen. Schon die bewusste und differenzierte Wahrnehmung, die»aisthesis« selbst, das Unterscheiden von Gerüchen, Klängen oder Stimmen bringt uns wieder in Kontakt mit der Realität. Wer die Dinge ästhetisch wahrnimmt, projiziert nicht die Kunst aufs Leben, schreibt Seel, sondern lässt sich »auf das überall unvertretbare Erscheinen des Wirklichen ein«. Ästhetische Situationen sind überall. Wir müssen nur einmal innehalten und verweilen, die besondere »Atmosphäre« von Orten und Dingen auf uns wirken lassen – und uns bewusst und ablenkungsfrei öffnen für die Welt, in der wir leben.

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