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AFGHANISTAN, das verlassenste Land


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 34/2021 vom 22.08.2021

An der Mauer des Flughafens von Kabul drängen sich so viele Menschen, dass man den Asphalt der Straße nicht mehr sieht. Der Himmel ist grau, aber die Temperatur liegt bei mehr als 30 Grad. Aus Lautsprechern dröhnen Durchsagen: „Wir werden jeden in den Flughafen einlassen, jeder wird evakuiert.“ Doch dann zischen wieder Tränengassalven über die Menge. Und wieder fallen Schüsse.

„Man weiß gar nicht, wer da schießt. Man hat nur ständig Angst um sein Leben“, sagt Wahed. Der 34-Jährige war einst Dolmetscher für die Bundeswehr und gehört zu den wenigen, die eine Chance auf Evakuierung haben. Theoretisch. Wahed hat mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen bereits einen Tag und eine Nacht am Flughafen gewartet. Sein früherer Arbeitgeber aus Deutschland hatte ihn dorthin beordert. Er werde ausgeflogen, hieß es. Doch irgendwann bekam Wahed auf dem Handy eine Nachricht von seinem ehemaligen Vorgesetzten. „Sehr schlechte Neuigkeiten“, schreibt der Oberst a. D. Und weiter: „Die Deutschen werden Dich und Deine Familie nicht ausfliegen. Bitte bring’ Dich in Sicherheit. Es tut mir wirklich sehr leid.“ Wahed solle bitte niemanden beschuldigen. Er solle eine gute Lösung finden. Er sei doch schlau. Aber Wahed weiß nicht, was er jetzt tun soll. „Uns kann nur noch Gott retten“, sagt er.

Niemand auf der Welt scheint zu wissen, was aus Afghanistan werden soll. Selbst die Taliban wirken von ihrem eigenen Triumph überrumpelt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 waren die USA und ihre Verbündeten in das Land im Hindukusch einmarschiert, weil von dort aus die Terrorgruppe al-Qaida die Angriffe unter dem Schutz der Taliban gesteuert hatte. Fast 20 Jahre lang hat der Westen versucht, die Islamisten zu besiegen und eine funktionierende Demokratie in Afghanistan zu errichten. Beides ist misslungen.

Im vergangenen Jahr schloss US-Präsident Donald Trump ein Abkommen mit den Taliban. Das sah einen Abzug der US-Truppen und offiziell auch eine Fortsetzung der Friedensgespräche zwischen den Taliban und der gewählten afghanischen Regierung vor. Doch in Wahrheit ging es für die USA und ihre Verbündeten nur noch darum, ihre andauernde Niederlage zu beenden. Nun, so scheint es, misslingt auch das. Afghanistan, das verlassenste Land, lässt den Westen nicht los.

Die Zukunft Afghanistans ist denkbar ungewiss, selbst was die nächsten Tage betrifft. Im Moment geht es nur darum, wer noch aus dem Land kommt und wer dabei helfen kann. Den Flughafen haben die USA zwar noch weitgehend unter Kontrolle, aber Geheimdienste warnen inzwischen vor möglichen Anschlägen in der Menschenmenge. Auch Kommandoeinheiten anderer Nato-Staaten haben sich hier installiert. Die Taliban haben den Flughafen umzingelt und lassen Afghanen je nach Willen an Checkpoints zum Gelände. Zunächst wurden nur ausländische Staatsbürger ausgeflogen. Jetzt sind nach und nach afghanische Ortskräfte und Akteure der Zivilgesellschaft an der Reihe. Frauenrechtlerinnen, aber auch Journalisten. Doch auch wegen des Andrangs wird der Weg zum Flughafen immer gefährlicher. Am Samstag wurden alle Tore geschlossen.

USA BLEIBEN NUR SO LANGE, BIS ALLE EVAKUIERT SIND

Bis zum 31. August sollten die amerikanischen Soldaten noch am Flughafen bleiben, doch in den USA wird längst spekuliert, ob ihr Einsatz nicht verlängert wird. Präsident Joe Biden hält sich das offen. Es handelt sich nicht um eine Kursumkehr. Die Soldaten sollen, wenn überhaupt, nur so lange ausharren, bis alle Amerikaner und einstige Ortskräfte evakuiert sind. Biden will der Präsident werden, der den „endlosen Krieg“ beendet hat. Darum beschleunigte er den Abzug sogar noch über den mit den Verbündeten vereinbarten Zeitplan hinaus. Der US-Präsident trug damit entscheidend zum Debakel bei.

Eigentlich sollten die Taliban und die afghanische Regierung während und nach dem Abzug eine einvernehmliche Lösung für die Zukunft des Landes aushandeln. Damit wäre auch geregelt worden, wie die Grundrechte der Bürger zu schützen sind, wie das Land seine Beziehungen zu ausländischen Unterstützern und internationalen Institutionen fortführt – und wie künftigen Terrorgefahren in Afghanistan zu begegnen ist. Doch die afghanische Armee leistete kaum Widerstand. Zudem nahmen die USA beim Abzug auch Munition und Ersatzteile mit und reduzierten ihre Luftunterstützung auf ein Minimum. Damit fiel auch der Staat, den sie verteidigten. Nun hat das Land eine Taliban-Regierung, die niemand anerkennt und mit der man trotzdem verhandeln muss.

Das Forum für Gespräche mit den Taliban bietet seit einigen Jahren das arabische Golfemirat Katar. Dort ist auch Deutschlands bisheriger Botschafter in Kabul, Markus Potzel, eingetroffen. Er soll mit den Taliban freies Geleit für die ehemaligen Ortskräfte der Bundeswehr aushandeln. Auch andere Diplomaten sind schon zur Stelle. Ob noch weitergehende Verhandlungen mit den Islamisten stattfinden, ist offiziell nicht bekannt. Doch mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sie hier in Katar stattfinden. Die Gespräche sind eine Blackbox. Einer, der sie von innen kennt, ist der deutsche Professor Hans-Joachim Gießmann, Senior Advisor der Berghof-Stiftung in Berlin, der seit Langem an der Moderation der Gespräche beteiligt ist.

„Durch den Sieg der Taliban ist der Verhandlungsspielraum extrem eng geworden“, sagt der Politologe Gießmann. „Man muss jetzt bitten und etwas geben, wenn man etwas von den Taliban haben will.“ Derzeit gäben sich die Islamisten versöhnlich. Das könne man nutzen. „Man muss abwarten, ob ihren Ankündigungen Taten folgen. Aber dass die Taliban jetzt diese Haltung einnehmen, kann eine Chance für Verhandlungen sein.“ Die internationale Gemeinschaft müsse Hilfszusagen an Bedingungen knüpfen, damit die Taliban sich an ihre Versprechen von Mäßigung halten.

Doch sicher sei auch: Die Taliban sind keine geläuterten Demokraten. „Sie wollen ein in ihren Augen echtes islamisches System“, sagt Gießmann. Zwar haben Taliban-Führer in den vergangenen Wochen erklärt, dass Frauen und Mädchen – anders als während der Taliban-Herrschaft der 90er-Jahre – zumindest teilweise arbeiten und Bildungseinrichtungen besuchen dürften. Auch von dem drakonischen Straf- und Hinrichtungssystem der Vergangenheit ist bisher nicht die Rede. Aber es gibt auch Berichte, wonach die Taliban nun unverheiratete Frauen und Mädchen für Zwangsehen mit Kämpfern einsammeln, und aus der Hauptstadt waren Bilder eines Schönheitssalons zu sehen, an dessen Schaufenstern die Gesichter von Frauen mit Sprühfarbe überdeckt worden waren.

„Die Staatsform der Republik lehnen die Taliban offenkundig ab“, sagt Gießmann. Stattdessen wollten sie, dass ihre Religionsgelehrten – ähnlich wie im Iran – die höchste Instanz im Staate darstellten. Darunter könnte das Land durchaus von Technokraten regiert werden. Auch Wahlen lehnten die Taliban eigenem Bekunden nach nicht grundsätzlich ab, solange die Autorität der Religionsgelehrten gewahrt bleibe. Allgemein wird angenommen, dass Taliban-Chef Mullah Hibatullah Achunsada als Emir über Afghanistan herrschen wird, unterstützt von einem dreiköpfigen Ältestengremium der Taliban. Sein Stellvertreter Mullah Baradar, der am Samstag aus Katar nach Kabul zurückkehrte, gilt als möglicher Premierminister. Andersdenkende haben die Taliban schon immer rücksichtslos verfolgt. Dennoch regt sich schon Widerstand gegen ihre Herrschaft. In mehreren Städten gab es dieser Tage Proteste gegen die neuen Herren, Fahnen der Republik wurden geschwenkt, „Tod den Taliban“ an Wände gesprüht. Die Islamisten schossen auf die Demonstranten. Mehrere starben.

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 34/2021

Doch das Hauptproblem der nächsten Wochen werde die innere Sicherheit in Afghanistan, meint Gießmann. Man höre von ersten Konflikten zwischen einzelnen Gruppen der Taliban. Zudem gebe es bewaffnete Banden, die zum Schein unter dem Banner der Taliban agierten und die Gelegenheit für Raubzüge nutzten. Bei all dem gibt es zurzeit keine funktionierende Polizei. Das Chaos macht auch jenes Problem drängender, das einst zum Einmarsch des Westens führte – das Terrorpotenzial im Land. Noch immer ist al-Qaida in Afghanistan präsent, und auch die Terrormiliz IS hat dort in Konkurrenz zu den Taliban ein Netzwerk aufgebaut. Zwar haben die Taliban in ihrem Abkommen mit Trump zugesagt, sie würden nicht zulassen, dass von Afghanistan wieder eine Terrorgefahr ausgeht. Doch ob sie sich an das Versprechen halten oder es überhaupt durchsetzen können oder wollen, ist ungewiss.

Die US-Regierung ist überzeugt, militante Gruppen auch ohne eine Militärpräsenz in Afghanistan bekämpfen zu können. Dies sehe man etwa in Somalia, Syrien oder dem Jemen, argumentiert Biden. Washington setzt auf Drohnen und Luftwaffeneinsätze von Basen in umliegenden Staaten. Aber ist eine Terrorbekämpfung wirklich so effektiv möglich, wenn keine Soldaten vor Ort sind? Es gibt Grund zur Sorge: Die von den USA bereitgestellte Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte ist in die Hände der Taliban gefallen. Schon jetzt ist al-Qaida einem UN-Bericht zufolge in mindestens 15 afghanischen Provinzen präsent und lässt „keine Anzeichen für einen Abbruch der Beziehungen“ zu den Taliban erkennen. Mit dem Abzug verlieren die westlichen Nationen fast alle ihre nachrichtendienstlichen Quellen im Land. Erst im Juni erklärte US-Generalstabschef Mark Milley, es bestehe ein „mittleres“ Risiko, dass sich Terrorgruppen in Afghanistan innerhalb von etwa zwei Jahren neu formieren könnten.

UNS KANN NUR NOCH GOTT RETTEN

WAHED, 34, ehemaliger Bundeswehr-Dolmetscher

Auch deutsche Sicherheitsbehörden sind besorgt. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich das Land wieder zum Rückzugsgebiet für internationale Terroristen entwickele. Auch weil extremere Kräfte in die ideologische Lücke stoßen könnten, die die Taliban hinterließen, wenn sie sich dauerhaft mäßigten. Auch deutsche Islamisten könnten sich wieder vom Hindukusch angezogen fühlen. Der alte Dschihadisten-Mythos Afghanistan lebe wieder auf.

„NICHT DIE GLEICHEN FEHLER WIE 2015 MACHEN“

Noch unklarer ist, ob von Afghanistan eine neue Migrationskrise ausgehen kann. „Bisher bewegen sich nicht so viele Menschen nach Europa, aber die Situation ändert sich jetzt schnell, und wir müssen auf verschiedene Szenarien vorbereitet sein“, sagte die zuständige EU-Innenkommissarin Ylva Johansson WELT AM SONNTAG. Die Situation im Land sei „instabil“ und die Dinge änderten sich schnell. „Wir sollten nicht die gleichen Fehler wie 2015 machen. Wir sollten nicht warten, bis die Menschen an den EU-Außengrenzen stehen.“ Man müsse die Afghanen innerhalb des Landes und in den Nachbarländern der Region unterstützen. Dazu gehöre auch die Türkei. Für Migranten ist es heute deutlich schwieriger als 2015, die EU zu erreichen. Gerade die von Afghanen oft genutzte Balkanroute ist gespickt mit Hindernissen. Da sind die griechischen Sicherheitskräfte, die Migranten in Booten zurück aufs Meer verfrachten. Aus Ungarn und Kroatien heißt es jetzt, man werde keine afghanischen Flüchtlinge aufnehmen. Der kroatische Innenminister Davor Bozinovic forderte Brüssel auf, „resolut“ die Grenzen zu schützen.

Wahed, der frühere Dolmetscher der Bundeswehr, wird es vielleicht nie nach Deutschland schaffen. Nach Recherchen von WELT AM SONNTAG liegt in Berlin ein Sperrvermerk gegen ihn vor. Eine Formalie, die viele Ortskräfte betreffen könnte, obwohl die Bundesregierung eigentlich Überprüfung nach der Evakuierung angekündigt hat. Sein ehemaliger Offizier versteht das nicht. „Ich habe ihm mein Leben ohne Bedenken in mehreren Gefechten im ersten Halbjahr 2010 anvertraut, und ich persönlich vertraue ihm heute noch“, schreibt er in einer E- Mail. Wahed sei sein bester Mann gewesen. Das moralische Dilemma Afghanistan wird uns noch lange verfolgen. Vielleicht für immer.

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 34/2021

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