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Aggression hat viele Gesichter


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Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 03.11.2021

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Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 12/2021

Maren Grote

Die Hundetrainerin und Fachdozentin macht Lust auf Wissen rund um den Hund und bietet neben Einzel-Coachings auch Weiterbildungen für Hundebesitzer und andere Trainer an. Auch online in verschiedensten Webinaren. Infos: www.marengrote.de

Aggression ist normal und notwendig und gehört zum Sozialverhalten eines Hundes unabdingbar dazu. Zum Aggressionsverhalten gehört allerdings weit mehr als das Beißen oder Verletzen. Aggression ist alles, was dafür notwendig ist, um sich abzugrenzen, seine Ansprüche und Ideen gegen andere durchzusetzen oder sich selbst oder Ressourcen gegen andere zu verteidigen. Aggressive Kommunikation ist also überall im Hundealltag zu finden und gehört zum normalen Kontakt dazu. Wir Menschen machen oft den Fehler, Aggression mit „Böse sein“ gleichzusetzen.

Jedes Lebewesen, das in sozialen Gruppen zusammenlebt und kommuniziert, zeigt aber in den passenden Situationen ...

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... dieses Verhalten. Es gehört dazu. Auch Hunde wollen manchmal einfach nur etwas durchsetzen oder für sich beanspruchen. Ganz egoistisch.

Das ist nicht schlecht sozialisiert, sondern normal. Hunde sind wie Menschen. Sie haben genau wie wir egoistische Vorstellungen und versuchen, sich das Leben erst mal selbst zum Besten zu gestalten und ihre Schätze und Errungenschaften für sich zu behalten.

Aggression hat verschiedene Stufen

Alle Verhaltensweisen von Sich-steif-Machen und mit den Augen drohfixieren, knurren, schnappen und beißen gehören zur Aggression dazu. Mal ist sie ganz klein und leise und äußert sich nur durch einen Blick oder ein kurzes Zähneblecken, mal bedeutet sie eine heftige Rauferei mit Geknurre und Geschrei. Und sie kann sogar bedeuten, dass eine Auseinandersetzung zu tiefen Fleischwunden oder dem Tod führt. Dazwischen liegen also Welten – und alle Graustufen.

Das Schöne ist: Tiefe Fleischwunden und Tod sind extrem selten das Ziel und das Resultat von Aggressionsverhalten beim Hund. Vergleichbar mit unserer menschlichen Aggression. Wir streiten uns alle und im Laufe unseres Lebens hat sicher jeder schon mal einen zornigen Streit geführt, in dem er sich aggressiv gezeigt hat. Wahrscheinlich eher unzählige.

Vielleicht haben wir sogar schon kleinere, körperliche Auseinandersetzungen erlebt. Eine Schlägerei auf dem Schulhof oder in einer Kneipe, eine Rangelei mit Schubsen oder sogar einer gebrochenen Nase. Das alles ist immer noch ganz weit entfernt von einer Tötungsabsicht, und die ist auch bei Menschen der seltene Fall beim Ausleben von Aggression.

Trotzdem ist es natürlich eine Frage der Höflichkeit, seinen Hund nicht einfach schalten und walten zu lassen, nur weil es normal ist. Dass Hunde etwas untereinander regeln könnten, heißt nicht im Umkehrschluss, dass sie es auch müssen. Das heißt eben auch, dass Erziehung so sorgfältig sein sollte, dass der eigenen Hund abgerufen und angeleint werden kann, um Konflikten einfach aus dem Weg zu gehen. Aggression ist also normal, gehört dazu, sollte aber dennoch in kontrollierte Bahnen gelenkt und kritisch betrachtet werden. Denn während es normal ist, sich auch mal aggressiv zu zeigen, so gibt es durchaus Unterschiede in der Angemessenheit des Verhaltens. Um etwas zu streiten, vielleicht auch jemanden zu schubsen, mag durchaus im Rahmen sein, wenn es einen nachvollziehbaren Grund gibt. Einem anderen Hund wegen eines Balls tiefe, blutende Wunden zuzufügen, ist dagegen jenseits jeder Angemessenheit. Deswegen ist eine wichtige Frage, wie angemessen das aggressive Verhalten ist und ob es sich noch im Normalbereich abspielt.

Die Gene bestimmen über das Maß der Aggression

Grundsätzlich sollte bei der Intensität und Heftigkeit einer Attacke schon erkennbar sein, dass sich der Hund emotional noch kontrollieren kann, sich hemmt und versucht, wirklich nur so fest zuzubeißen und so oft nachzusetzen, wie es aus seiner Sicht unbedingt notwendig ist.

Ob ein Hund in seiner Aggression also übermäßig stark ausrastet, sich nicht unter Kontrolle hat und unangemessene Verletzungen macht, ist ein wichtiger Punkt. Wie häufig er sich aggressiv zeigt, ist individuell unterschiedlich und an verschiedenen Voraussetzungen zu messen. Da wäre zu allererst die Rasse und damit die Genetik. Hunde, die dafür gezüchtet werden, sich möglichst oft aggressiv zu entäußern, weil ihr „Job“ das braucht, werden sich selbstverständlich im Durchschnitt viel öfter aggressiv zeigen als Hunde, die für ein möglichst friedliches Auskommen mit allen Menschen und Hunden gezüchtet werden. Genau, wie ein Hund einer Jagdhunderasse gern jagen soll, ein Windhund Spaß an kurzen, schnellen Sprints haben soll, und ein Begleitund Familienhund offen für Menschen und neue Situationen sein soll, ist ein Wach- und Schutzhund dafür da, Eindringlinge abzuwehren.

Genau diese Unterschiede im Verhalten sind der Sinn von Rassezucht. Das Aussehen der Hunderassen ist dabei nur ein kleiner Teil und sollte genau deswegen nie der ausschlaggebende Grund sein, sich einen Hund einer bestimmten Rasse anzuschaffen.

Erziehbar ist in diesem Fall nur der Gehorsam, also zum Beispiel die Abrufbarkeit, um den Hund an der Leine zu sichern, oder eine gute Leinenführigkeit, um ruhig an anderen Hunden vorbeizugehen. Manche Situationen oder Kontakte sind aber für diese Hunde einfach nicht konfliktfrei möglich und müssen vom Menschen abgesichert oder vermieden werden.

Angemessen oft Aggression zu zeigen heißt also erst mal: „für diese Rasse angemessen oft!“.

Das gilt auch für Mischlingshunde, denn die Rassen, aus denen sie entstanden sind, haben natürlich einen Einfluss auf ihr Verhalten und ihre Art, mit Konflikten umzugehen.

Rüden und Hündinnen zeigen Unterschiede

Der nächste Punkt, der über eine vermeintlich normale Häufigkeit von Droh-und Kampfverhalten entscheidet, ist die Frage nach dem Geschlecht des Hundes. Rüden kämpfen naturgemäß einfach häufiger mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen. Das heißt noch lange nicht, dass sie gefährlich sind – und es heißt erst recht nicht, dass Hündinnen in ihrem Aggressionsverhalten gegen andere Hunde grundsätzlich heftiger oder gar unangemessen wären. Dass Hündinnen seltener, aber wenn sie es tun, dann mit Tötungsabsicht in Konflikte gehen würden, ist ein hartnäckiger Mythos! Kastrierte Hunde zeigen sich ebenfalls seltener aggressiv im Kontakt mit anderen Hunden. Das hat allerdings keinen Einfluss auf eventuelle Aggression gegenüber Menschen und ist in keiner Weise eine Empfehlung für eine grundsätzliche Kastration! Denn diese bringt auch Nachteile für angemessenes Aggressionsverhalten. Zu früh kastrierte Hunde können durch ihre unausgereifte Art übermäßig heftig und unfairer in ihrem Kampfverhalten werden und öfter Verletzungen im Streit verursachen als ihre unkastrierten Kollegen. Hunde haben also unterschiedlich lange Zündschnüre und diese sind nur zum Teil vom Menschen beeinflussbar.

Was darüber entscheidet, ob der Hund sich angemessen aggressiv zeigt, wenn er es denn tut, ist die Sozialisierung bzw. die Erziehung und die Erfahrungen, die der Hund gesammelt hat.

Hemmung ist eine Frage der Erziehung

Dabei ist das, was Aggressionsverhalten in gesunden und normalen Maßen hält, eines: die Hemmung. Diese Hemmung muss erlernt und vom Menschen und anderen Hunden gefördert werden. Der Hund braucht Hilfe zu erkennen, dass es zum Leben dazugehört, nicht immer seinen Willen zu bekommen. Genauso wie der Hund lernen muss, mit Frust und Stress umzugehen, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und rücksichtsvoll mit den Körpern von Menschen und Hunden umzugehen. Egal, ob im Bereich von Aggressionsverhalten oder in ganz anderen Bereichen.

Rempeln, sich durchdrängeln, auf die Füße treten und jemanden wehtun beim Hochspringen oder Spielen sind gute Lernfelder. Nimmt der Hund in diesen freundlich gemeinten Situationen schon keine Rücksicht auf Schmerzen und Körper des Gegenübers, wie soll er es dann ausgerechnet in Wut besser machen? In diesen einfachen und freundlichen Situationen kann der Mensch erzieherisch tätig werden und einen achtsamen Umgang seines Hundes fördern.

Auch Hunde können und müssen Höflichkeit und Nachsichtigkeit lernen, genau wie Menschen auch. Erwartet niemand diese Höflichkeit, dann werden sie sich auch genauso danebenbenehmen wie Menschen, die nie gelernt haben, sich zum Wohle aller zurückzunehmen. Erziehung bedeutet, jemanden zu lehren, etwas zu tun oder zu lassen, obwohl dieser aus seiner Emotion heraus gerade das Gegenteil möchte.

Wer seinem Hund von Anfang an beibringt, sich zusammenzunehmen, auch wenn ihn die Freude, die Wut, die Neugier oder etwas Erschreckendes am liebsten durchdrehen lassen würden, der macht ihn bereit für ein angemessenes und faires Aggressionsverhalten.

Die Arbeit daran, den Hund möglichst verträglich zu machen, ist also übergreifend und wird von der gesamten Erziehung und Beziehung beeinflusst. Deswegen ist die Arbeit an einem sozialverträglicheren Hund auch mehr als eine Technik für die Situation, in der der Hund beißen könnte. Aus genau diesem Grund sollte auch niemand einfach auf gut Glück am Aggressionsverhalten seines Hundes mit irgendwelchen Techniken herumexperimentieren, die er oder sie irgendwo gelesen oder gehört hat. Gibt es in diesem Bereich Probleme, dann sind ausgebildete Hundetrainer und -trainerinnen mit Erfahrung in diesem Thema die beste Hilfe.

Ein Maulkorb macht das Leben für beide einfacher

Damit niemand zu Schaden kommt und auch der Hund nicht unter unnötigen Einschränkungen leiden muss, ist ein Maulkorb immer eine gute, erste Lösung, um dann stressfreier nach Hilfe und weiteren Schritten zu suchen und ein darauf aufbauendes Training mit einem Profi zu beginnen. Im Internet finden sich einige gut sortierte Maulkorb-Shops, die auch eine individuelle Beratung anbieten. Normalerweise braucht es ein paar verschiedene Maulkörbe zum Anprobieren, bis man den perfekten gefunden hat. Dieser sollte dann fest und sicher sitzen, nicht rutschen oder scheuern und ausreichend Platz zum Hecheln und Trinken lassen. Gleichzeitig muss er natürlich seinen Sinn als wirklicher Beißschutz erfüllen.

Damit der Hund den Maulkorb mit etwas Gutem verknüpft, sollte er ihn immer dann aufbekommen, bevor etwas Tolles passiert. Zum Beispiel vor dem Spaziergang, sodass das Aufsetzen des Korbes den Spaziergang ankündigt. Ähnlich wie sich die meisten Hunde schon freuen, wenn man die Leine nimmt, wird er sich dann über den Maulkorb freuen. Ein gut ausgewählter Maulkorb ist übrigens keine Einschränkung der Lebensqualität des Hundes, sondern wird, ähnlich wie bei uns Menschen eine Brille auf der Nase, kaum wahrgenommen. MAREN GROTE