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AIRLINE PORTRÄT: AIR KORYO: KIMS KLEINES RARITÄTENKABINETT


Aero International - epaper ⋅ Ausgabe 50/2019 vom 05.04.2019

Der Besuch bei der staatlichen Fluggesellschaft Nordkoreas gleicht einer Zeitreise in die traditionsreiche Geschichte des sowjetischen Flugzeugbaus


Artikelbild für den Artikel "AIRLINE PORTRÄT: AIR KORYO: KIMS KLEINES RARITÄTENKABINETT" aus der Ausgabe 50/2019 von Aero International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Aero International, Ausgabe 50/2019

Die Tupolew TU-204 ist das modernste Muster, das Air Koryo betreibt


Air Koryo fliegt sowohl mit Tupolew TU-204 als auch Antonow AN-148 (im Vordergrund) Peking an


Die Tupolew TU-134 mit der Registrierung P-814 ist das letzte je gebaute Flugzeug dieses Typs


Flughafen Peking, Terminal 2, irgendwo in der hinteren Ecke des Check-in-Bereiches E. Die Abfertigung für Flug JS 152 hat begonnen. Ein normaler Flug, könnte man meinen. Doch irgendetwas ist anders. Sieht man ...

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... sich das Gepäck der Passagiere an, so fällt auf, dass es sich sowohl in Größe und Menge als auch in der Art von durchschnittlichen Reisekoffern deutlich unterscheidet und regelmäßig Sperrgepäckdimensionen annimmt. Und auch die Passagiere wirken anders: die Männer ausschließlich in dunklen Anzügen, die Frauen im Kostüm; allesamt mit einem roten Parteiabzeichen.

Der Blick auf die Anzeigetafel verschafft Klarheit über das Reiseziel: FNJ, der Drei Letter-Code des internationalen Flughafens von Pjöngjang, der Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Korea, auch Nordkorea genannt. Der Flug mit dem Nationalcarrier des unter der Herrschaft des Machthabers Kim Jong-un stehenden Staates, Air Koryo, wird uns, einer Zeitreise gleich, in gut zwei Stunden in ein Land bringen, von dem wenig bis nichts bekannt ist. „Uns“, das ist neben den nach Hause zurückkehrenden Nordkoreanern eine Gruppe von Luftfahrtenthusiasten, die zwischen freudiger Erwartung und diffusen Gefühlen gegenüber dem, was da kommen mag, schwankend, die Tupolew TU-204, Baujahr 1994 und bei Air Koryo seit 2007 im Einsatz, betritt. Dies ist das modernste Muster in der Flotte der staatlichen Fluggesellschaft, die, sieht man einmal von der nur kurz existierenden Vorgängergesellschaft SOKAO, einem nordkoreanisch-sowjetischen Gemeinschaftsunternehmen, ab, im Jahr 1954 als Choson Minhang gegründet wurde.

WIE ALLES BEGANN

Der Koreakrieg, letztlich ein Stellvertreterkrieg der Weltsysteme, wurde mit einem Waffenstillstand am 27. Juli 1953 beendet. Eine demilitarisierte Zone trennte Nordvon Südkorea. Und von da an verliefen die Entwicklungen der beiden Koreas auf sehr unterschiedlichem, absolut gegensätzlichem Weg. Das dem sozialistischen Wirtschaftssystem zugewandte Nordkorea benötigte zum Wiederaufbau des durch den Krieg geschundenen Landes dringend Güter und Fachleute. Die Infrastruktur war schlecht, die Wege, beispielsweise nach Moskau, waren weit. Das war die Geburtsstunde der Choson Minhang, der unter staatlicher Kontrolle (CAAK) stehenden Fluggesellschaft Nordkoreas.

Der reguläre Flugverkehr begann jedoch erst am 21. September 1955 mit Lisunow Li-2, Antonow AN-2 sowie Iljuschin IL-12. In den 1960er-Jahren wurde die Flotte dann zunächst um IL-14 und IL-18 erweitert. Mit der Indienststellung der ersten Tupolew TU- 154 im Jahr 1976 begann bei Choson Minhang das Jetzeitalter. Flüge nach Moskau, Prag und Ost-Berlin waren fortan, wenn auch mit Zwischenlandungen, möglich.

In dieser Zeit stießen auch erste Tupolew TU-134 sowie Antonow AN-24 für den Inlandflugverkehr zur Flotte sowie zu Beginn der 1980er-Jahre weitere Tupolew TU-154. 1982 folgte der nächste logische Schritt: JS, so der offizielle IATA-Code der Airline, erhielt die ersten Langstreckenflugzeuge vom Typ Iljuschin IL-62M, um endlich auch Nonstop-Verbindungen in die „sozialistischen Bruderstaaten“ durchführen zu können. Moskau war dafür selbstredend das erste Ziel.

Die alten russischen Flugzeuge sind wartungsintensiv. Oft erfolgt dies im Freien, wie hier bei dieser IL-62M


Der Klassiker in der Flotte ist die Iljuschin IL-18. Sie versieht immer noch treu ihre Dienste, obwohl sie inzwischen schon 50 Jahre alt ist


Für den Handelsaustausch, vor allem mit China und Russland, beschaffte sich Air Koryo Frachtflugzeuge vom Typ IL-76


Flugbereit wirkt diese IL-14, über deren Herkunft und Verwendungszweck gerätselt werden darf. Sie wird in den Myonhang-Bergen ausgestellt


Mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems in den frühen 1990er-Jahren verschwanden für Nordkorea die sie unterstützenden ökonomischen Partner sukzessive von der Weltkarte und somit auch die Zielorte der Choson Minhang. Als Unterstützer blieben dem Land am Ende nur noch Russland und China.

Zwischen 1992 und 1993 benannte sich die Airline in Air Koryo um und passte auch die Bemalung ihrer Flugzeuge entsprechend an. Die ersten drei Frachter, Iljuschin IL-76, wurden geordert, um den Handelsaustausch mit China und Russland intensivieren zu können. Allerdings erfolgte ein massiver Einschnitt für den Flugbetrieb der staatlichen Airline: Air Koryo wurde im März 2006 in die Liste der Betriebsuntersagungen für den Luftraum der Europäischen Union aufgenommen. Der Alte Kontinent blieb der Airline ab diesem Zeitpunkt verschlossen. Die europäische Kommission sagte, die international vorgeschriebenen Sicherheitsstandards würden nicht eingehalten. Darüber hinaus sei die Aufsichtspflicht der nordkoreanischen Behörden mangelhaft.

TU-204 FÜR DIE ZUKUNFT

Air Koryo reagierte und beschaffte sich moderneres Fluggerät in Form der russischen Tupolew TU-204. Das erste Flugzeug, eine 300er, landete im Dezember 2007 in Pjöngjang. Im März 2010 folgte eine TU-204-100, die gestreckte Variante der TU-204-300. Auch das Reporting- und Aufsichtssystem wurde verbessert. Mit Erfolg: Am 30. März 2010 erhielten die beiden TU-204 die Berechtigung, wieder in die Europäische Union einfliegen zu dürfen.

In ein solches Flugzeug steigen wir an diesem Tag in Peking, um unsere Zeitreise zu beginnen. An Bord heißen uns modern gekleidete, freundliche Flugbegleiterinnen in hervorragendem Englisch willkommen. Das Flugzeug, vergleichbar mit der A320-Familie beziehungsweise Boeing 737 oder 757, verfügt über Ledersitze, Inflight-Monitore und wirkt auch sonst gut vergleichbar mit westlichem Fluggerät.

Doch unser Fokus ist ein anderer: In keinem Land der Welt sind alte russische Flugzeugtypen noch so geballt in einsatzbereitem Zustand anzutreffen wie in Nordkorea. Die fossilen Kostbarkeiten, bestens gewartet, wie mitreisende Flugzeugmechaniker bestätigten, sollen während der rund einwöchigen Reise am Boden und im Flug ausführlich erkundet und erlebt werden. So stehen also neben dem touristischen Rahmenprogramm Flüge mit AN-24, IL-18, IL- 76, IL-62M, TU-134 (Air Koryo betreibt mit der P-814 übrigens das letzte je gebaute Flugzeug dieses Typs) oder TU-154 auf der Liste.

Die Business Class in der Tupolew TU-204


Antiquierte Servicefahrzeuge sind in Nordkorea nach wie vor einsatzbereit


Die Bestuhlung der Iljuschin IL-62


ZIELE IM ÜBERBLICK

Air Koryos Flugplan spiegelt die nach wie vor enge Bande Nordkoreas zu den sozialistischen Bruderstaaten Russland und China wider. Im grenzüberschreitenden Verkehr werden nur die AN-148 und TU-204 eingesetzt.

Entsprechend groß ist die Vorfreude. Über die Bordmonitore laufen während der Anreise Tourismus- und Naturfilme, hauptsächlich jedoch erklingt Musik nordkoreanischer Militärorchester. Das Catering besteht aus einem Burger plus Getränk und soll sich während der Reise durch das Land dann noch deutlich opulenter präsentieren.

EINGESCHRÄNKTE MÖGLICHKEITEN

Air Koryo würde gern die Flotte aktiver und schneller modernisieren. Aufgrund der Isolation des Landes ist das Unternehmen jedoch nur sehr eingeschränkt handlungsfähig. Ein Dilemma: Auf der einen Seite die Wirtschaftssanktionen und das Embargo sowohl durch die UNO als auch die USA, auf der anderen Seite das beschränkte Einflugverbot für Air Koryo nicht nur in Westeuropa. Eine Erneuerung der Flotte ist jedoch dringend nötig, funktioniert aber letztlich nur mittels russischen Fluggeräten.

So plante die staatliche Fluggesellschaft unter anderem, wie uns ein offizieller Vertreter der Airline bereits im Jahr 2014 bestätigte, den Erwerb von Suchoj Superjet SSJ100 sowie Iljuschin IL-96 für Langstreckenverbindungen. Bis zum heutigen Tag wurden diese Pläne jedoch nicht umgesetzt. International verkehrt Air Koryo ohnehin nur mit ihren jeweils zwei AN-148 und TU-204. Nicht zuletzt scheint das auch der Grund dafür zu sein, warum die Airline in den Medien immer wieder gern als die einzige mit nur einem Stern im Bewertungsportal Skytrax gelistete aufgeführt ist: eine nur geringe Passagierzahl mit einem nur minimalen Anteil an ausländischen Fluggästen und eine im Inlandflugverkehr veraltete Flotte.

Der „Uhrenladen“ der TU-134 erfordert die vollste Aufmerksamkeit der Cockpitcrew


Die Flugbegleiterinnen der Air Koryo sind Nordkoreas charmantes Gesicht


Wesentlich aufgeräumter und moderner ist das Cockpit der TU-204


An Bord der IL-18 fliegt noch ein Navigator mit


Wir befinden uns im Landeanflug auf Sunan, den Flughafen der Hauptstadt Nordkoreas Pjöngjang. Hier ist die Entwicklung der Luftfahrt des Landes am deutlichsten spürbar. Noch 2012 befand sich die Bodengerätetechnik in einem ebenso traurigen Zustand wie das alte Terminal und die Vorfeldanlagen. In der Folgezeit wurde das Terminal abgerissen, um Platz für einen hochmodernen Terminalkomplex zu schaffen – getrennt nach Inland und Ausland, mit allen Einrichtungen, die man als Passagier erwartet (Duty Free, Shops, Restaurants,

Business Lounge, Besucherterrasse). Außerdem wurden auch die Hauptrunway sowie das Vorfeld erneuert. Niederflurvorfeldbusse und weitere moderne Bodengerätetechnik wurden ebenfalls angeschafft.

KEIMENDES TOURISMUSGESCHÄFT

Auch der Flughafen Kalma folgte inzwischen dem Hauptstadtbeispiel. Direkt am Meer gelegen, soll dort der Traum von Urlaubsressorts und internationalen Gästen wahr werden. Bei einer Führung durch den Flughafen der Stadt Wonsan wurde den Besuchern durch Vertreter der Airport Authority stolz berichtet, dass alle Einrichtungen internationalen Standards und Vorschriften entsprechen und somit ICAO-genormt seien. Man wäre bereit für den internationalen Flugverkehr

Doch davon war die junge Airline noch weit entfernt, als sie 1958 anfing, den Inlandflugverkehr auf der Strecke von Pjöngjang in die Industriehafenstadt Hamhung sowie nach Chongjin aufzunehmen. Internationale Linienverbindungen wurden – schon aus wirtschaftspolitischen Gründen – hauptsächlich nach Moskau, Sofia und Ost-Berlin (letzteres Ziel bis in die frühen 1990er-Jahre hinein, zunächst mit IL-18, später dann mit IL-62) ins Programm genommen. Regelmäßige Flüge nach Kuala Lumpur sowie nach Kuwait folgten

Der aktuelle Flugplan listet die Ziele Peking, Shenjang, Schanghai und Wladiwostok auf. Inlandflüge werden unter anderem nach Wonsan, Uiju, Samjiyon, Orang und Sondok angeboten. Und so sehr wir, die Besucher aus dem Westen, die Vorfeldfotoshootings oder Cockpitbesuche selbst während des Fluges genossen haben: Es wurde deutlich, dass Air Koryos aviatische Kostbarkeiten, die sich zweifellos von ihrer besten Seite präsentieren, ihrem physischen Ende entgegen sehen. Die Flotte schmolz trotz intensivem und durchaus auch kostspieligem Wartungsaufwand und hingebungsvoller Pflege zwischen 2012 und 2018 bereits spürbar. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn international ohnehin nur die deutlich jüngeren AN-148 und TU-204 verkehren dürfen, und der Inlandbedarf überschaubar ist und vorerst auch bleibt.


FOTOS: LUTZ SCHÖNFELD (5), WEIMENG/AIRTEAMIMAGES (1)

FOTOS: LUTZ SCHÖNFELD (6), FELIX GOTTWALD/AIRTEAMIMAGES (1)