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Aktuell: Betriebsaufnahme Stuttgarter Netze: mit Ansage Fehlstart


eisenbahn magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 12.09.2019

Seit Juni 2019 sind Abellio und Go-Ahead auf mehreren Strecken um Stuttgart unterwegs. Neue und modern ausgestattete Fahrzeuge, ein besseres Angebot und eine höhere Zuverlässigkeit sollen mehr Fahrgäste in die Züge locken. Doch der Start lief alles andere als rund


A n Wettbewerb im Schienenpersonennahverkehr im großen Stil war vor einem Jahrzehnt in Baden-Württemberg noch nicht zu denken. Im Jahr 2003 vergab das Land Baden- Württemberg unter Verkehrsminister Stefan Mappus (CDU) den sogenannten „Großen Verkehrsvertrag“ freihändig an DB Regio. Mit einem Volumen von etwa 49 Millionen Zugkilometer jährlich ...

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A n Wettbewerb im Schienenpersonennahverkehr im großen Stil war vor einem Jahrzehnt in Baden-Württemberg noch nicht zu denken. Im Jahr 2003 vergab das Land Baden- Württemberg unter Verkehrsminister Stefan Mappus (CDU) den sogenannten „Großen Verkehrsvertrag“ freihändig an DB Regio. Mit einem Volumen von etwa 49 Millionen Zugkilometer jährlich umfasste dieser den überwiegenden Teil des baden-württembergischen Nahverkehrs. Stolze 11,69 Euro pro Zugkilometer zuzüglich laufender Kosten und Fahrgeldeinnahmen erhielt DB Regio. Finanzielle Spielräume für Angebotsausweitungen gab es nicht, zwischenzeitlich mussten Leistungen sogar abbestellt werden.

Statt einer Talent-Doppeltraktion befährt am 29. Juni 2019 der von Abellio angemietete 426 026 der DB das Bietigheimer Enzviadukt. DPN 19532 (Stuttgart Hbf – Pforzheim Hbf) fehlt es damit nicht nur am Platzangebot an sich, sondern auch am fahrplanmäßig vorgesehen Zugteil nach Bruchsal, der komplett entfiel


DB verliert vor Gericht

Prestigeprojekt der Neuausschreibungswelle war das Netz 1 „Stuttgarter Netze“, das mit Abstand größte Vergabenetz mit einer Laufzeit von Juni 2019 bis Dezember 2032. Darin enthalten ist der überwiegende Teil der auf die Landeshauptstadt zulaufenden Nahverkehrsstrecken. Aufgrund der Menge an Zugkilometern (rund 14,8 Millionen jährlich) wurde es auf drei Lose aufgeteilt und eine Loslimitierung festgelegt: Ein Bieter, der in allen drei Losen das wirtschaftlichste Angebot vorlegt, konnte maximal für zwei Lose den Zuschlag erhalten. Am 17. November 2015 wurde Abellio der Zuschlag für das Los 1 „Neckartal“ und Go-Ahead der Zuschlag für die Lose 2 „Rems-Fils“ und 3 „Franken- Enz“ erteilt. Allerdings hatten nicht die beiden Sieger, sondern DB Regio das wirtschaftlichste Angebot abgegeben, und zwar für alle drei Lose. Das Land schloss die DB-Tochter jedoch wegen Formfehlern aus. DB Regio, die auf Biegen und Brechen gewinnen wollte, rügte die Entscheidung und zog vor das Oberlandesgericht Karlsruhe, verlor aber den Prozess am 29. April 2016. Auch die Richter sahen es als unzulässig an, dass DB Regio die Vergabeunterlagen änderte und folglich nicht mit den vorgegebenen Zahlen rechnete. Zudem hielten sie die Angabe bei den Werkstattkosten in Höhe von null Euro für „lebensfremd und realitätsfern“. Pikantes Detail am Rande: Der dafür verantwortliche damalige Chef von DB Regio Württemberg, Andreas Moschinski-Wald, wurde wenige Monate später Geschäftsführer von Abellio Baden-Württemberg, just jenem Wettbewerber, der von dem folgenschweren Patzer profitierte. Nach dem endgültigen Verlust schien DB Regio die Lust verloren zu haben. Fehlende und verdreckte Wagen, Verspätungen und Ausfälle waren nun an der Tagesordnung.

Jahrelang waren n-Wagen-Garnituren Standard auf vielen von Stuttgart ausgehenden Strecken wie der Remsbahn (im Bild: 111 047 mit RE 19470 von Aalen nach Stuttgart bei Lorch am 8. August 2014). Nach einem Dosto-Intermezzo fahren seit Juni 2019 FLIRT 3 von Go-Ahead


Infrastruktur von Go-Ahead und Abellio:Die Betriebshöfe

F ür die Wartung bauten die beiden neuen Anbieter jeweils eine Werkstatt. Am Bahnhof Essingen (b Aalen), der bereits vor Jahrzehnten als Halt aufgelassen wurde, errichtete Go-Ahead auf engstem Raum sein Betriebswerk. Dieses umfasst eine zweigleisige Wartungshalle mit Werkstatt, Lager und Verwaltung, mehrere Abstellgleise und eine (noch nicht fertiggestellte) Außenreinigungsanlage. Neben den 55 FLIRT 3 für Netz 1 werden dort ab Dezember 2019 auch die elf dreiteiligen FLIRT 3XL für das Netz 3a (RE Stuttgart – Nürnberg) gewartet. Die Instandhaltung vergab Go-Ahead an Stadler.

Das Abellio-Werk befindet sich nahe des Pforzheimer Hauptbahnhofs auf dem Gelände der AVG, das Abellio gepachtet hat. Aufgrund der umfangreichen Fahrzeugnachbestellung wird die Werkstatt ohne eine Außenreinigungsanlage auskommen müssen. Bei Redaktionsschluss war die Werkstatt noch nicht fertiggestellt.

Im Bw Essingen werden die Go-Ahead-FLIRT gewartet (6. August 2019)


Für die Premierenfahrt am 9. Juni, DPN 19584, bot Abellio einen der beiden einzigen ausgelieferten Talent 3 in Form von 8442 301 auf, hier kurz vor der Abfahrt in Stuttgart Hbf


Alle Fotos: Alexander Wilkens

Im Inneren sind die Neufahrzeuge (im Bild ein FLIRT) mit großen Sitzabständen, Tischen, WLAN und Mehrzweckbereichen für SPNV-Verhältnisse komfortabel eingerichtet. Die Polster tragen das baden-württembergische Landesdesign mit Stauferlöwe


Das in drei Lose aufgeteilte Netz 1 reicht bis nach Mannheim und Würzburg


Grafikquelle: MVBW

Neue Fahrzeuge

Für ihre Lose bestellten die Sieger neue Elektrotriebzüge. Abellio Rail Baden-Württemberg, eine Tochter der niederländischen Staatsbahn, gab für das Los 1 (6,8 Mio. Zugkilometer/Jahr) bei Bombardier Transportation 24 drei- und 19 fünfteilige Talent 3 (Baureihe 8442) in Auftrag. Sie entsprechen optisch weitgehend den Talent 2, verfügen aber bereits über Drehgestelle sowie Leit- und Sicherungstechnik des Talent 3.

Die zum britischen Go-Ahead-Konzern gehörende Go-Ahead Baden- Württemberg hat mit FLIRT 3 (Baureihe 1429) von Stadler Rail geboten. Für das Los 2 (4,1 Mio. Zugkm/Jahr) wurden elf drei- und 15 fünfteilige Züge bestellt. Die neun vier- und zehn sechsteiligen Fahrzeuge für Los 3 (jährlich 4,3 Mio. Zugkm/Jahr) unterscheiden sich in der Technik: Für den Einsatz auf der Schnellfahrstrecke Mannheim – Stuttgart sind sie mit dem Zugbeeinflussungssystem LZB ausgestattet. Die Ausschreibung erfolgte zu der Zeit, als die Höhe der vom Bund den Ländern zur Verfügung gestellten Regionalisierungsmittel nicht geklärt war, und war dementsprechend ressourcenoptimiert. Nachdem deren Erhöhung feststand, entschied sich das Land, in zwei Tranchen Nachbestellungen zu tätigen. Ziel war die Entspannung der Wendezeiten und die Erhöhung des Angebots und der Kapazitäten. Für Abellio wurden zwei drei- und sieben fünfteilige Talent nachbestellt, Go-Ahead erhält zwei drei-, vier fünf und vier sechsteilige FLIRT. Nach deren Auslieferung im Laufe des Jahres 2020 wird der Fuhrpark von Abellio 52 Züge und der von Go-Ahead 55 Züge umfassen.

Zur Vereinfachung des Betriebskonzepts fuhr Go-Ahead die RB-Leistungen Stuttgart – Aalen zu Beginn in Doppeltraktion. Am 1. August 2019 verlassen ET 5.01 und ET 3.08 als DPN 19430 den Bahnhof Schwäbisch-Gmünd


Sonderaushänge waren in der Anfangszeit oft die einzige Infoquelle für Fahrplanänderungen bei Go-Ahead


Beide Unternehmen nutzen das „BW-Modell“ zur Fahrzeugfinanzierung. Sobald die Zulassung vorliegt, werden die Fahrzeuge an die Landesanstalt Schienenfahrzeuge Baden-Württemberg (SFBW) weiterveräußert und von der SFBW zurückverpachtet.

Angebot erweitert

Den deutlich gesunkenen Zuschussbedarf von unter sechs Euro nutzte das Land, um lange geforderte Angebotsausweitungen umzusetzen. Diese werden im Rahmen der dreistufigen Inbetriebnahme umgesetzt. Zum kleinen Fahrplanwechsel am 9. Juni 2019 ging die erste Stufe in Betrieb. Abellio übernahm dabei die RE- und RB-Leistungen Stuttgart – Mühlacker – Pforzheim / Bruchsal – Heidelberg. Es handelt sich größtenteils um ein Flügelkonzept mit einer stündlichen Zugtrennung und -vereinigung in Mühlacker. Abgelöst wurde nicht nur DB Regio, sondern auch die Albtal-Verkehrsgesellschaft (AVG). Die Stadtbahnleistungen Bruchsal – Mühlacker (S9) werden nun bis auf zwei tägliche Zugpaare von Abellio erbracht. Auch die S5 der AVG, die bisher bis Bietigheim-Bissingen verkehrte, endet nun in Pforzheim.

Neu ist die IRE-Linie Karlsruhe – Stuttgart – Aalen, die um 60 Minuten versetzt zur IC-Linie 61 (Karlsruhe – Nürnberg) verkehrt und von Go-Ahead gefahren wird. Generell wurde das Nahverkehrsangebot zwischen Stuttgart und Karlsruhe neu konzipiert. Statt eines jeweils zweistündlichen IRE und RE verkehren innerhalb zwei Stunden drei (am Wochenende zwei) IRE. Auf der Remsbahn (Stuttgart – Aalen) wurde montags bis samstags der RB-Halbstundentakt eingeführt. Zwischen Aalen und Crailsheim endete das Dieseln unter Fahrdraht. Ein Stärken und Schwächen erfolgt morgens und nachmittags in Aalen, ansonsten fährt der Drei- oder Fünfteiler bis Ellwangen/Crailsheim.

Abellio-Talent 3 fehlen

Bereits Monate vor Betriebsaufnahme der ersten Inbetriebnahmestufe teilte Bombardier mit, nicht alle benötigten 16 Talent 3 bis zum 9. Juni 2019 ausliefern zu können. Wurden im Februar 2019 seitens Bombardier noch zehn Züge versprochen, wurden es letztlich mit den beiden Fünfteilern 8442 301 und 303 lediglich zwei, nachdem die Zulassung am 23. Mai erfolgte. Zur Kompensation greift das Unternehmen auf Leihfahrzeuge verschiedener Bahnunternehmen zurück. Von DB Regio mietet Abellio sechs Elektrotriebzüge der Baureihe 425 (425 301, 303, 304, 306, 313, 314) und drei der Baureihe 426 (426 016, 024, 026), bei denen man lediglich die DB-Schriftzüge und -Logos entfernte. Mit ihnen kann der Großteil des Flügelkonzepts gefahren werden. Hinzu kommen vier Hochflur-Stadtbahnen (Baureihe 450) der AVG für die Strecke Mühlacker – Bruchsal und zwei Coradia Continental (Baureihe 440) von agilis, die planmäßig rund um Regensburg im Einsatz sind. Die beiden agilis-440 (zu Beginn 440 411 und 415) werden montags bis freitags zur HVZ eingesetzt (teils in Doppeltraktion), fahren samstags die beiden RB-Umläufe Bietigheim- Bissingen – Pforzheim und sind sonntags ohne planmäßigen Einsatz. Ebenfalls zwischen Stuttgart und Pforzheim eingesetzt werden die beiden Talent 3, sofern sie nicht mit Defekten abgestellt sind. Durch die Ersatzfahrzeuge kann der bestellte Fahrplan vollständig gefahren werden, allerdings müssen (teils starke) Einschränkungen bei den Sitzplatzkapazitäten und der Ausstattung (etwa fehlende Barrierefreiheit und 1. Klasse) in Kauf genommen werden. Zudem wurde aufgrund der geringeren Höchstgeschwindigkeit der ET 425 der Halt Bad Schönborn-Kronau gestrichen. Abgesehen von einer mehrtägigen Ausfallserie Ende Juni läuft der Betrieb bei Abellio weitestgehend zufriedenstellend.


Statt zehn lieferte Bombardier nur zwei Talent 3. Jetzt greift ein Ersatzkonzept mit Leihfahrzeugen


Go-Ahead ohne Ersatzzüge

Anders dagegen bei Go-Ahead: Nachdem Zweifel eintraten, dass rechtzeitig die Zulassung für die gesamte Flotte eintrifft, wurde Monate im Voraus mit der Planung eines Ersatzkonzepts begonnen. Da die Zulassung der Drei- und Vierteiler erwartet wurde, wurden diese für die RB-Linie Stuttgart – Aalen verplant. Die Konzepte für den IRE-Verkehr wechselten mehrmals. Geplant wurde u. a. mit dem Einsatz von alten DBuza- und modernen DBpza-Dostos von DB Regio oder Bimz. Zudem sollte ein Teil der Leistungen entfallen. Im Abschnitt Aalen – Crailsheim kooperierte Go-Ahead mit der GfE Gesellschaft für Eisenbahnbetrieb aus Crailsheim, die zuvor n-Wagen und Elloks der Baureihe 111 von DB Regio erworben hatte. Die 111 sollten zusammen mit gemieteten 151 im Wendezugbetrieb eingesetzt werden.

Am 20. Mai gab Stadler die Zulassung der Dreiund Vierteiler durch das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) bekannt, am 24. Mai folgten die Fünf- und Sechsteiler. Go-Ahead nahm dies zum Anlass, das Ersatzkonzept zu den Akten zu legen – wie sich herausstellen sollte, ein folgenschwerer Fehler.

Zahlreiche Startprobleme

Fahrzeuge mit Kinderkrankheiten – insbesondere die Schiebetritte und die zugehörige Software machten Probleme –, Personal, das nicht ausreichend auf den neuen Fahrzeugen geschult wurde, knappe Fahr- und Wendezeiten. Dies alles waren Faktoren, die schon am ersten Betriebstag den Fahrplan zur Makulatur werden ließen. Bereits die beiden allerersten Go-Ahead-Planleistungen verließen Stuttgart, entgegen der Aussage in der Pressemitteilung, mit einer Verspätung – Gleiswechsel, falsche Bahnsteiganzeigen und Türstörungen inklusive. Die Kundeninfo sollte auch im weiteren Verlauf nicht die Paradedisziplin von Go-Ahead werden: Infos am Bahnsteig zu Zügen, Verspätungen oder Gleisänderungen fanden mangels eingespielter Daten in den ersten Tagen kaum statt, Ersatzfahrpläne wurden kurzfristig oder gar nicht veröffentlicht. Während die Presseabteilung von einem „gelungenen Start“ berichtete, brodelte es hinter den Kulissen. Daher wurde am 11. Juni, zwei Tage nach Betriebsaufnahme, aufgrund der vielen Fahrzeugdefekte und Personalmangel (die eingeplanten Leihlokführer der DB waren entweder bei Abellio im Einsatz oder nicht für die FLIRT geschult) ein Notfahrplan aufgestellt. Die IRE-Linie wurde mit Ausnahme eines Zugpaars auf den Abschnitt Karlsruhe – Stuttgart gekürzt, einzelne RBLeistungen entfielen ersatzlos. Zwischen Aalen, wo alle Leistungen gebrochen wurden, und Crailsheim (ab 12. Juni Ellwangen – Crailsheim) wurde der Verkehr wegen eines Fehlers in der Personaldisposition und folglich Personalmangel bis 7. Juli komplett durch Busse ersetzt. Die geplanten IREUmläufe sind aus Stabilitätsgründen aufgrund der Kurzwenden in Aalen (6 Minuten) und Karlsruhe (8 - 12 Minuten) nicht fahrbar. Zur Auflösung gingen am 19. Juni montags bis freitags vier IRE-Paare Stuttgart – Karlsruhe auf DB Regio über, die mit einer 147 und fünf Dostos fährt. Gleichzeitig wurde der IRE bis Schwäbisch Gmünd verlängert. Bei Redaktionsschluss waren der Einsatz der DBGarnitur bis 20. Oktober und die Wiedereinführung des IRE nach Aalen für den 1. September geplant. Doch auch Personalprobleme bereiten Go-Ahead unverändert Sorgen. Zwar wurde Go- Ahead am 16. August in der Presse mit der Aussage, es gebe keine Personalprobleme, zitiert. Doch in dieser Zeit wurden bereits in Aalen Negativwenden wegen Personalmangel durchgeführt. Am 19. August wurde der Verkehr Ellwangen - Crailsheim nachmittags eingestellt.

Noch bis 14. Dezember werden die RB-Leistungen im Filstal mit Doppelstockwagen von DB Regio gefahren. Dann übernimmt Go-Ahead auch diese Leistungen (Aufnahme bei Uhingen)


Weitere Linien bis Juni 2020

Auch ein Ende des Ersatzverkehrs bei Abellio ist vorerst nicht in Sicht. Mitte Juli teilte Bombardier mit, dass sich die bis Ende August geplante Auslieferung von zehn weiteren Talent 3 bis Ende September hinzögert. Der inzwischen 13. Lieferplan sieht nun eine Lieferung von acht Triebzügen bis Ende August vor, weitere fünf Fahrzeuge sollen bis Ende September folgen. Eine Nichteinhaltung würde bedeuten, dass das aktuell gültige Ersatzkonzept nicht wie bisher fortgeführt werden kann, da die 425 und 426 bisher nicht mit zusätzlichen Sandstreuanlagen nachgerüstet wurden und daher ab Anfang September im Herbstbetrieb nicht mehr mit voller Geschwindigkeit fahren dürfen.

Der erneute Lieferverzug hat auch Auswirkungen auf die zweite Inbetriebnahmestufe im Dezember. Dann übernimmt Abellio die Linien von Stuttgart über Heilbronn nach Osterburken und Mannheim. Im Mai 2019 teilte Bombardier mit, bis dahin 18 der 25 benötigten Fahrzeuge ausliefern zu können. Inzwischen werden lediglich zehn Fahrzeuge prognostiziert. Derzeit verhandeln Abellio und DB Regio über ein Ersatzkonzept, bei dem DB Regio für mehrere Monate weiterhin zwischen Stuttgart und Heilbronn fahren soll. Im Juni 2020 wird Abellio schließlich die Strecke Stuttgart – Tübingen übernehmen und einen ganztägigen RE-/RB-Halbstundentakt einführen. Die aus Richtung Heilbronn kommenden Züge werden in Stuttgart durchgebunden. Hinzu kommt ein neuer zweistündlicher IRE zwischen der Universitäts- und der Landeshauptstadt. Go-Ahead wird im Dezember den RBVerkehr auf der Filsbahn (Stuttgart – Ulm) übernehmen. Das bisherige Konzept mit langer Standzeit in Geislingen wurde überarbeitet. Neu ist auch der Halbstundentakt im Abschnitt Plochingen – Geislingen. Auf der zweiten Linie, dem RE Stuttgart – Würzburg, wird das bisher zweistündliche Angebot zu einem Stundentakt verdichtet. Bis dahin kann auf den genannten Strecken noch betagtes DB-Material angetroffen werden. Mit dem Einsatzende der Baureihe 112 sowie der DBuza ist es seit Juni zwar etwas eintöniger geworden, n-Wagen-Einsätze gibt es jedoch weiterhin. Diese konzentrieren sich auf die Linien Stuttgart – Osterburken, Stuttgart – Tübingen und Stuttgart – Ulm, häufig in Kombination mit der Baureihe 147.


Noch bis Juni 2020 ist auf den Strecken um Stuttgart betagtes DB-Material unterwegs


Kapazitätsprobleme drohen

Fraglich ist, inwieweit die Kapazitäten in Zukunft reichen werden. Während auf vielen Strecken der Halbstundentakt mit einem entsprechenden Mehr an Kapazitäten eingeführt wurde, ist davon zu den Stoßzeiten wenig zu sehen. Teils wurden aufgrund von Sparzwängen bei der Ausschreibung sogar die Kapazitäten gekürzt. Zwar ist das Land inzwischen bemüht, die Kapazitäten zu erweitern. Doch für entsprechende Zusatzzüge fehlen die Trassen und die nachbestellten Züge dienen vorrangig für das Auflösen der Kurzwenden und können weniger für Kapazitätserweiterungen genutzt werden. Hinzu kommt, dass zahlreiche Bahnsteige im Rahmen von Modernisierungen nicht verlängert bzw. gekürzt wurden, was insbesondere Richtung Ulm und Heilbronn eine Verlängerung der Züge verunmöglicht. Das Land möchte bis 2030 eine Verdopplung der Fahrgastzahlen. Man darf gespannt sein, ob dies gelingt.

Modelltipp: Talent 3 im „bwegt“-Design

W er das Thema Nahverkehr in Baden-Württemberg auf seiner H0-Anlage in der Epoche VI nachstellen möchte, wird den FLIRT 3 leider vergebens suchen. Immerhin ist seit geraumer Zeit ein Elektro-Talent-3-Triebzug in dreiteiliger Abellio-Ausführung als Baureihe 8442 im „bwegt“-Design erhältlich, den es in der Piko-Expert-Serie unter der Artikelnummer 59509 gab und der bei wenigen Fachhändlern in Deutschland aktuell noch für unter 200 Euro gelistet ist. Denselben Zug hat Piko auch in N realisiert (40207).EM

Piko-Triebzug mit Baden-Württemberg-Bedruckung für den Einsatz auf N-Anlagen


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