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Aktuell: Das Aus für 01 118: Abschied nach 85 Jahren


eisenbahn magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 12.09.2019

Das ging schnell: Im Frühjahr 2019 kündigte die Historische Eisenbahn Frankfurt das Dienstende ihrer Museumslok 01 118 an, Anfang August des Jahres wurde es voll zogen. Die Maschine kommt in ein privates Museum – ist dies das Ende einer Legende?


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Bildquelle: eisenbahn magazin, Ausgabe 10/2019

Am 11. Mai 1972 kommt die 01 2118 im internationalen Reiseverkehr zum Einsatz. Sie bringt den schweren D 109 Bonn –Warschau von Helmstedt nach Berlin


Burkhard Wolny/Eb-Stiftg.

K urz vor dem Schluss bekam sie noch einmal die große Bühne. Am Samstag, den 3. August, bespannte die 01 118 einen Sonderzug von Frankfurt (Main) über die rechte Rheinstrecke nach Koblenz – ...

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K urz vor dem Schluss bekam sie noch einmal die große Bühne. Am Samstag, den 3. August, bespannte die 01 118 einen Sonderzug von Frankfurt (Main) über die rechte Rheinstrecke nach Koblenz – Köln und über die linke Rheinstrecke wieder zurück. Am Haken hing eine lange Wagenschlange, inklusive „Rheingold“- und „Rheingold“- Aussichtswagen. Es war der passende Rahmen für den Abschied von einer langen Karriere: Nach 85 Jahren – 47 in Staatsbahndiensten und 38 als Museums- und Sonderzuglok – ist die berühmte Altbau-01 am 4. August 2019 in ein privates, nicht öffentlich zugängliches Museum eingerückt. Sie schmückt nun die Sammlung des Industriellen Prof. Dr. Martin Viessmann im nordhessischen Battenberg. Das ist der vorläufige Abschluss eines Abkommens, das der museale Betreiber, der Historische Eisenbahn Frankfurt e. V. (HEF), mit dem Privatmann getroffen hat. Die Lok befand sich seit 2013 in Prof. Viessmanns Besitz.

Als die 01 118 im Jahre 1934 als eine Lok der zweiten, verbesserten 01-Serie mit größeren Laufrädern und 130 km/h Höchstgeschwindigkeit unter der Fabriknummer 1415 von Krupp an die Deutsche Reichsbahn abgeliefert wurde, war noch nicht abzusehen, welch außergewöhnliches Leben dieser Schnellzuglok bevorstand. Zugeteilt wurde die Lok dem klassischen Schnellzug-Bahnbetriebswerk Leipzig Hbf West, wo sie bis 1940 im Dienst stand, um anschließend das Kriegsende beim Bw Halle P zu erleben.

Bis 1980 unentbehrlich

Die Nachkriegs-Jahre der Lok waren geprägt von zahllosen Umstationierungen quer durch die sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR. Mitte der 1950er-Jahre stand bei der Deutschen Reichsbahn der DDR eine Rekonstruktion dieser und aller weiteren 64 01-Loks zur Baureihe 01.5 zur Debatte. Die 01 118 „entkam“ aber diesem grundlegenden Umbau und durfte in gewohntem Aussehen weiterdampfen. Mit großen Windleitblechen und altem Kessel repräsentierte sie das klassische Bild einer Vorkriegs- oder Altbau-01 – dabei fiel es gar nicht auf, dass die Lok im Laufe ihrer Dienstzeit mit sieben verschiedenen Kesseln unterwegs war. Richtig heimisch wurde die 01 118 dann auf der Strecke Dresden – Berlin, wovon wechselnde Beheimatungen in Berlin Ostbahnhof und Dresden- Altstadt (ab 1967 nur noch „Dresden“) zeugen. 1970 hielt dann das EDV-Zeitalter Einzug und bescherte der Lok die neue Nummer 01 2118- 6. Noch bis 1977 konnte die Maschine vor den schweren Schnellzügen zwischen Dresden und Berlin zeigen, was in ihr steckt. Als diese Dienste an Dieselloks übergingen, wurde es ruhiger um die 01 118, die aber als Reservelok vorerst noch in Dresden blieb. Die Ölkrise in der DDR brachte die 01 118 im Jahr 1980 zu Heizlokeinsätzen zum Bw Magdeburg, Streckendienste sind nicht bekannt. Letzte Station bei der DR war ab Juli 1980 das Bw Saalfeld, wo sie wie einige andere kohlegefeuerte 01 einige der ölgefeuerten Reko-Loks der Baureihe 01.5 ersetzte.


Bis 1980 war die 01 118 im Regelbetrieb eingesetzt, zuletzt ausgehend vom Bw in Saalfeld


Mit Schnellzugwagen, Rheingold-Wagen (samt Aussichtswagen) und der 140 003 im Schlepp ist die 01 118 am 3. August 2019 auf Abschiedsfahrt; im Bild bei Namedy


Martin Morkowsky

Im Schritttempo fährt die 01 118 am 4. August 2019 auf der Strecke Frankenberg – Battenberg zu ihrem neuen Domizil, einem Privatmuseum. Die Aufnahme entstand in Allendorf/Eder


Jörg Paulus

Dampflok als Devisenbringer

Die Einsätze in Saalfeld endeten jäh, denn die DDR hatte entdeckt, dass man auch mit alten Dampfloks noch viel Geld verdienen konnte – indem man sie als Museumsmaschinen in den Westen verkaufte. Eine Altbau-01 mit ihrem klassischen Aussehen ließ die Herzen der westdeutschen Eisenbahnfans ohnehin höher schlagen. Abgewickelt wurde der Verkauf in die Bundesrepublik über das Außenhandelsministerium der DDR unter Leitung von Alexander Schalk-Golodkowski. Nach dem Abschluss der Kaufverträge und einer Gesamtlaufleistung von 3.559.271 Kilometern machte sich die Lok am 7. November 1981 zusammen mit zwei weiteren historischen Lokomotiven, der 35 1097 (ursprünglich 23 1097) und der 03 2098, über Gerstungen auf den Weg in den Westen.

Schon 1982 wurde die Lok bei der HEF wieder in Betrieb genommen und begann eine glänzende Karriere in Museumsdiensten. Noch im Sommer 1980 hatte die Lok im Raw Meiningen eine L5-Untersuchung erhalten. Durch das Dampfverbot der Bundesbahn beschränkte sich der Einsatz zwar zunächst noch auf private Bahnstrecken wie die Frankfurter Hafenbahn oder die Kleinbahn Frankfurt – Königstein. Aber schon dort wurde die 01 118 gefeiert und zog Eisenbahnfreunde reihenweise an. Das Interesse sollte sich noch steigern: 1985 feierte die Deutsche Bundesbahn das Jubiläum „150 Jahre Eisenbahn in Deutschland“ und bot neben Fahrzeugparaden und Ausstellungen auch Dampfzugfahrten auf ausgewählten Strecken im Raum Nürnberg an.

Sonderzugstar im In- und Ausland

Vom Erfolg dieser Fahrten förmlich überrollt, reichte der eigene DB-Dampflokpark (01 1100, 23 105, 50 622, 86 457) nicht mehr aus. „Rettung“ kam aus Frankfurt von der HEF, die ihre 01 118 der DB anbot, die gerne zugriff. So fuhr die Lok den Sommer 1985 über im Auftrag der Bundesbahn von Nürnberg aus mit Sonderzügen durch Franken und nahm auch an den großen Lokparaden in Nürnberg-Langwasser teil, wo sie mehrere Wagen des historischen Rheingolds ziehen durfte. Als das Dampflokverbot gänzlich aufgehoben wurde, rollte 01 118 durch ganz Deutschland, seit der Wiedervereinigung auch auf ehemaligen DR-Gleisen. Hauptuntersuchungen führte das Werk Meiningen durch, im Frühjahr 2004 erhielt die Lok das Zugsicherungssystem PZB 90 eingebaut.

Die Jahre als Museumslok brachten nach den Jubiläumsfahrten von 1985 für die HEF-Maschine noch zahlreiche weitere Höhepunkte: So gab es mehrere Auslandsfahrten, welche die Lok nach Frankreich, Luxemburg, in die Niederlande und in die Schweiz führten. In Deutschland war die 01 118 gern gesehener Gast bei zahlreichen Festen und Veranstaltungen, zum Beispiel bei den erneuten Jubiläums-Sonderfahrten, nun anlässlich von „175 Jahre Deutsche Eisenbahnen“ 2010 bei der Deutschen Bahn AG. Sie war bei den Rheinland- Pfalz-Plandampf-Veranstaltungen im Oktober 2005 sowie im Frühjahr 2014 dabei, beim 01-Festival auf der „Schiefen Ebene“ im September 2014 und bei den Feierlichkeiten „90 Jahre Baureihe 01“ während des 7. Dresdner Dampflokfestes im April 2015. Immer wieder gab es auch spektakuläre Leistungen zusammen mit anderen Museumslokomotiven: Im Frühjahr 1999 war die 01 118 mit der französischen Schnellzuglok 241 A 65 in Thüringen unterwegs, ebenfalls nach Thüringen führte sie im Frühjahr 2019 eine Fotoveranstaltung mit der Nördlinger 01 2066 – zwei 01 mit Altbaukessel und großen Windleitblechen, das hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Über die Einsatzzeit von 37 Museumsbahn-Jahren hinweg behielt die 01 118 ihr Aussehen nahezu unverändert bei. Als Vertreterin der typischen 01 der Vorkriegs-Reichsbahn gewann sie nicht nur enorme Popularität, sie prägte auch ganz wesentlich das Bild mit, das Eisenbahnfreunde – vor allem in Westdeutschland – von einer Dampflok dieser Baureihe vor Augen hatten.

Bei den Feiern anlässlich „150 Jahre Deutsche Eisenbahn“ anno 1985 ist die 01 118 mit dabei. Zur Parade in Nürnberg-Langwasser nimmt sie eine „Rheingold“-Garnitur an den Haken


Martin Weltner

Die 01 118 im Modell

D ie Museumslokomotive 01 118 der Historischen Eisenbahn Frankfurt (Main) wurde in mehreren Nenngrößen aufgelegt. So konnten Modellbahner sie 2018 als 1:160-Umsetzung von Minitrix (Artikelnummer 16011), 2011 als TT-Miniatur von Tillig (02132) und zuvor 2010 als H0-Modell von Märklin erwerben; die Göppinger verkauften die Lok damals anlässlich „20 Jahre Märklin-Händler-Initiative“ samt attraktivem Holzsockel (39014).

Doch auch Versionen als Reichsbahn-Maschine sind aus den Modellbahnprogrammen früherer Jahre bekannt: In den Nenngrößen 1 und 0 stellte die Firma Kiss die DR-Pacific mit Wagner-Windleitblechen aufs Gleis. Im gleichen Aussehen, aber als DRG-Epoche-II-Lok, hatte die Firma Zeuke/Berliner TT-Bahnen diese Maschine zur Wendezeit im Sortiment (02120/-29), die später wiederholt unter Tillig erschienen ist.PW

Frankfurter Museumsloks 01 118 in H0 von Märklin (o.) und in N von Minitrix


Werk (2)

Auf dem Rückweg von der Bundesgartenschau in Heilbronn nach Hanau hält die 01 am 28. April 2019 mit ihrem Sonderzug in Wiebelsbach-Heubach im Odenwald. Vier Monate später ist ein solches Foto nicht mehr möglich


Karl Laumann

Von Museumsbahn zu Privatmann

„Hinter den Kulissen“ allerdings musste die HEF nach eigener Darstellung im Jahr 2013 eine schwer wiegende Entscheidung treffen. Um die Hauptuntersuchung im Werk Meiningen finanzieren zu können, entschloss sie sich, die 01 118 an den Privatmann Prof. Viessmann zu verkaufen. Nach Angaben des Vereins verursachten ein Kesselschaden sowie weitere anstehende Arbeiten Kosten in sechsstelliger Höhe, welche die Frankfurter nicht tragen konnten. Vorerst blieb die Lok noch in Museumsdiensten und hätte dies auch über das Jahr 2019 hinaus bleiben können: Die gültigen Fristen erlauben einen Einsatz bis 2021. Doch die bevorstehende Außerbetriebnahme der Strecke Frankenberg – Battenberg, die den Zugang zu dem Privatmuseum und somit zum neuen Domizil der 01 herstellt, verlangten eine vorzeitige Überführung der Schnellzugmaschine. Auch für die Anfahrt am 4. August 2019 musste die Strecke, auf der zwei Jahre zuvor die letzten Transporte liefen, speziell hergerichtet werden.


Für die Fahrt ins Privatmuseum wurde die Strecke nach Battenberg nochmals hergerichtet


So hat die 01 118 nun dort ihr neues Zuhause. Ein Fakt, der allerdings unter Eisenbahnfreunden nicht unumstritten ist. Kritisiert wurde beispielsweise, dass der Eigentümer die Lok quasi unter Verschluss hält und es für die Öffentlichkeit keine Möglichkeit mehr gibt, die legendär gewordene Museumsmaschine zu sehen. Kurz nach der Abschiedsfahrt schaltete sich die HEF in die Diskussion ein und bat in einem Internet-Forum um Verständnis für diesen Schritt. Der vorgezogene Termin für das Dienstende sei, so die HEF in ihrer Stellungnahme, von der Kurhessenbahn als Betreiberin der Battenberger Strecke vorgegeben worden.

Unabhängig vom Zeitpunkt des Abschieds erscheint es nicht abwegig, dass diese Altbau-01 auf Dauer in Vergessenheit geraten könnte, mindestens aber ihr Ruhm verblasst. Oder sollte sich vielleicht doch noch ein Weg finden, auf dem die 01 118 direkt oder indirekt an ihre großen Zeiten anknüpfen kann?