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AKTUELL: Konzert-Termine


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 06.09.2019
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Weitere Hinweise auf Konzerte sowie auf Radio- und Fernsehsendungen finden Sie ab Seite 136.

Mit Bach und Boccherini: Zum Tode des Cellisten Anner Bylsma (1934-2019)

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Anner Bylsma


Foto: Archiv

Der Name Anner Bylsma ruft vor allem Assoziationen zur „authentischen“, „originalen“ oder wie auch immer genannten „historisch informierten“ Aufführungspraxis wach. Zu Recht einerseits, und doch wäre eine solche Eingrenzung andererseits ungerecht gegenüber einem Menschen, der von keinem Unterschied zwischen „alter“ und „neuer“ Musik wusste, sondern auf alles neugierig war und stets versuchte, das gerade auf seinem Notenpult liegende Werk – egal aus welcher Zeit und von welchem Komponisten – noch besser zu verstehen und noch tiefer darin einzudringen.

Der musikalische Werdegang des am 17. Februar 1934 in Den Haag geborenen Anner Bylsma folgte zunächst althergebrachten Mustern. Sein Vater war ein leidenschaftlicher Allround- Musiker, den er als seinen „ersten und besten Lehrer“ bezeichnete. Sein Studium am Konservatorium von Den Haag schloss Bylsma 1957 mit dem Prix d’Excellence ab. Zwei Jahre später gewann er den ersten Preis beim Casals-Wettbewerb in Mexiko. Da war er bereits Solocellist der Niederländischen Oper; 1962 wechselte er an dieselbe Position beim Concertgebouw- Orchester, die er sechs Jahre lang innehatte, bis er sie aus Frust über den Orchesteralltag aufgab.

Durch die Bekanntschaft mit einigen Pionieren der Alte- Musik-Bewegung wie dem Cembalisten Gustav Leonhardt und dem Flötisten Frans Brüggen sammelte Bylsma Erfahrungen auf diesem Gebiet. Wie mehrere Schallplatten aus dieser Zeit bezeugen, war er sich nicht zu schade, den Continuo-Part etwa einer Blockflötensonate von Telemann zu übernehmen. Dabei hatte er bereits 1965 die erste von zahlreichen Aufnahmen vorgelegt, die er der Musik eines Komponisten widmete, dessen Name für überbordende Virtuosität auf dem Violoncello steht: Luigi Boccherini. Bylsma blieb Zeit seines Lebens ein begeisterter Befürworter der Musik Boccherinis, eines seiner Meinung nach unterschätzten Komponisten, der „wie ein schlechterer Haydn gehandelt“ werde. Nicht nur seine Cellokonzerte, sondern auch mehrere Kammermusikwerke Boccherinis hat Bylsma immer wieder aufs Programm gesetzt und u.a. mit seinem eigenen Ensemble L’Archibudelli aufgenommen.

Die Kernbesetzung von L’Archibudelli – diese Wortschöpfung ist typisch für Bylsmas trockenen Humor und bedeutet so viel wie „Bögen und Darm[-saiten]“ – bestand aus der Geigerin Vera Beths (Bylsmas zweiter Ehefrau), dem Bratschisten Jürgen Kussmaul und Bylsma selbst am Cello. Zusätzliche Spieler wurden nach Bedarf eingeladen; musiziert wurde selbstverständlich auf historisch adäquatem Instrumentarium. Das Repertoire des Ensembles, das reichlich auf Tonträgern dokumentiert ist, reichte von Mozart und Boccherini bis Brahms und Bruckner.

Anner Bylsmas lebenslange Beschäftigung mit den Suiten für Violoncello von Johann Sebastian Bach resultierte in zwei Aufnahmen des kompletten Zyklus. Die erste entstand 1979 und schlug schon deshalb wie eine Bombe ein, weil sie zu den allerersten gehörte, die auf einem Instrument in barocker Bau- und Spielweise gemacht wurden; Bylsma spielte dabei sein Matteo-Goffriller-Cello von ca. 1690. Für seine zweite Aufnahme 1992 wurde ihm von der Smithsonian Institution das sogenannte „Servais“-Stradivari von 1701 zur Verfügung gestellt. In den dazwischenliegenden Jahren hatte Bylsmas Interpretation eine Reife erlangt, die alles Gelernte längst hinter sich gelassen hatte: Bachs Suiten klingen bei ihm wie aus dem Stegreif improvisiert. Seine Ideen (nicht nur) über diesen Werkzyklus hielt er in seinem 1998 erschienenen Buch „Bach, the Fencing Master“ fest. Bach war auch Bylsmas letzter Konzertauftritt gewidmet, der während der Amsterdamer Cello-Biennale 2006 stattfand. Unterrichtet hat er bis in sein neuntes Lebensjahrzehnt hinein. Am 25. Juli ist Anner Bylsma 85-jährig in Amsterdam gestorben.

Bernard Haitink hört auf

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Wenn Sie dies lesen, wird Bernard Haitink wohl sein letztes Konzert dirigiert haben – mit den Wiener Philharmonikern und Bruckners siebter Sinfonie am 6. September in Luzern. „Ich bin neunzig. Und ich sagte, ich werde ein Sabbatical nehmen, weil ich keine Lust habe auf all diese offiziellen Abschiedsdinge. Aber es ist eine Tatsache, dass ich nicht mehr dirigieren werde.“ Pünktlich zum Abschied erscheint bei Bärenreiter und Henschel ein schöner Interviewband. Er zeigt, dass ein bedeutender Dirigent ein sehr sympathischer und bescheidener Mensch sein kann, aber kein großer Musikdenker sein muss. Brillante Thesen findet man hier nicht, aber doch viel Kluges und Erhellendes aus einem erfolgreichen Dirigentenleben. (Peter Hagmann, Erich Singer: Bernard Haitink. „Dirigieren ist ein Rätsel“)

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