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Al te Musik: François-Xavier Roth: Mahler mal zwei


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 15.02.2019

Direkter Vergleich: Roth spielte die Dritte mit dem Gürzenich-Orchester Köln ein. Dann folgt die Erste mit dem historisch informierten EnsembleLes Siècles .


Artikelbild für den Artikel "Al te Musik: François-Xavier Roth: Mahler mal zwei" aus der Ausgabe 1/2019 von Rondo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rondo, Ausgabe 1/2019

Was als nachstes? Wahrend Francois-Xavier Roth als GMD von Koln den Betrieb eines grosen Sinfonie- und Opernorchesters pragt, experimentiert er mit „Les Siecles“ an historischen Spielweisen


Das Kölner Gürzenich-Orchester besitzt in Sachen Mahler höchste Autorität. Schließlich brachte Mahler mit diesem Orchester seine dritte und fünfte Sinfonie zur Uraufführung. Seit der Spielzeit 2015/16 ist François-Xavier Roth Chefdirigent des traditionsreichen ...

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... Klangkörpers, der in Köln auch die Operndienste absolviert. Das Ensemble Les Siecles dagegen ist noch relativ jung: Roth gründete das in Paris ansässige philharmonische Orchester 2003 mit dem Anliegen, Werke vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart auf historischen Instrumenten zu interpretieren. Zum Gespräch treffen wir uns in Amsterdam, Roth probt mit dem Concertgebouw Orkest Strauss’ „Ein Heldenleben“. Doch wir reden über Mahler.

Zwei Orchester, zwei Welten, zwei Mal ein vermutlich sehr unterschiedlicher Mahler. Steckt da ein Plan dahinter? „Nein, das war ein totaler Zufall. Mit dem Gürzenich-Orchester will ich gezielt an dessen Kernrepertoire arbeiten, also Strauss, Reger und vor allem Mahler. Zugleich hat mit Les Siecles eine andere Reise zu Mahler begonnen. Es sind zwei parallele Linien: Der Erfahrungsschatz der Kölner und das Interesse für den Klang in Mahlers Zeit.“

Gustav Mahler hat damals in Köln die Uraufführungen selbst dirigiert und die Partitur mit dem Gürzenich-Orchester erarbeitet. „Es gibt eine Verbindung zwischen den Generationen, man kann das spüren!“

Die Einspielung von Mahlers Erster mit Les Siecles ist noch nicht erschienen, man kann aber ahnen, was zu erwarten ist, wenn man Roths Einspielung von Berlioz’ „Harold en Italie“ mit Les Siecles hört: ein völlig entschlackter Berlioz-Klang, leicht und transparent, Mozart näher als Wagner. „Wenn man diese Musik heute liest und hört, haben wir immer im Kopf, was danach passierte. Wir vergessen dabei, dass diese Musik aber erst einmal auf Bach, Mozart und Haydnfolgte . Wichtiger als die Frage nach den Instrumenten ist für mich die Frage: Wo kam diese Musik her, aus welcher Kultur? Wie setzt man das Vibrato ein, wie spielt man Kadenzen, wie phrasiert man? Ich denke, man muss hören, dass auch Mahler auf der Klassik fußt.“

Wie wirken sich die alten Instrumente bei Mahler aus? „Es ist eine neue Welt, vor allem bei den Blech- und Holzbläsern. Und durch die Darmsaiten klingt alles viel dunkler, nicht so brillant, wie wir es heute kennen, aber dafür sehr logisch.“

In den modernen Orchestern haben sich – mit Ausnahme von Wien – weltweit die gleichen Instrumente durchgesetzt. In der Gegenbewegung zu dieser klanglichen Gleichschaltung und ihren Vor- und Nachteilen setzt die historische Aufführungspraxis auf differenziertere Farben und rauere Klänge – häufig auf Kosten der gewohnten Brillanz und Durchschlagskraft. Für Roth wird sich diese Tendenz in Zukunft noch verstärken. „Ich glaube, die Kultur des Klangs kommt zurück. Dieser universelle Gleichklang, der lange Zeit herrschte, ist wohl auch zu erklären mit den Aufnahmeprozessen. Und mit einer Demonstration von Kraft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten alle zeigen: Ich bin stark, gesund, ich kann brillant, laut und schnell spielen.“

Schönberg historisch

Das Gürzenich-Orchester ist ein Tariforchester, Les Siecles ein freies Ensemble. Roth kennt beide Arbeitsweisen: „Sie unterscheiden sich sehr stark. Ein freies Orchester hat wenig Zeit, die Strukturen sind super eng. Die Musiker müssen immer total auf dem Sprung sein und sehr schnell und flexibel arbeiten. Ein Tariforchester hat dagegen gute und weniger gute Wochen. Aber es gibt andererseits sehr vieles, was man nur mit einem Tariforchester mit viel Zeit machen kann, z.B. ‚Die Soldaten‘ von Zimmermann. Man braucht beide Modelle. Und was unsere Arbeit mit Mahler angeht: Es profitieren beide Orchester voneinander, ich bringe von beiden unterschiedliche Erfahrungen mit, die einander ergänzen. Es ist eine Win-Win-Situation.“

Auf die Zukunft und die Grenzen der historischen Aufführungspraxis befragt, ist Roth zuversichtlich, dass es immer weiter Richtung Gegenwart gehen wird. „Wir haben mit Les Siecles Ravel, Debussy, Strawinski gespielt, mit großem Erfolg, und wir haben große Überraschungen mit diesen Werken erlebt, vieles klang wirklich ganz neu und frappierend anders. Warum nicht bis Schönberg und darüber hinaus? Mich interessiert sehr, die zweite Wiener Schule mit den Instrumenten dieser Zeit zu spielen, ich denke, man kann das alles viel besser verstehen mit größerer Transparenz. Auch die Zwölftöner! Es gibt keine Grenzen, das ist toll! Ich will unbedingt ‚Tristan‘ machen. Und Bruckner.“

Das Beste beider Welten

François-Xavier Roth wurde 1971 in Paris geboren, von 2011 bis 2016 war er Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, seit 2015 leitet er als Generalmusikdirektor der Stadt Köln sowohl das Gürzenich-Orchester als auch die Oper Köln, seit 2017/18 ist er außerdem Principal Guest Conductor des London Symphony Orchestra. Roth engagiert sich besonders für die zeitgenössische Musik, verfolgt aber auch die historische Aufführungspraxis und hat mit dem Ensemble Les Siecles viele Werke der französischen Romantik eingespielt.

Schatzgraber: Roth und „Les Siecles“ bei den Aufnahmen


Neu erschienen: Mahler: Sinfonie Nr. 3 d-Moll , mit Gürzenich-Orchester Köln,harmonia mundi☊ Abonnenten-CD: Track 7

Erscheint im Mai 2019: Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur , mit Les Siecles,harmonia mundi

Zuletzt erschienen: Berlioz: Harold en Italie, Les nuits d’ete , mit Zimmermann, Degout, Les Siecles,harmonia mundi


Foto: François Sechet