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ALASKA–KANADA: ARKTISCHE FREIHEIT


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 11.06.2020

Der Herbst ist nicht gerade die beste Jahreszeit für eine Motorradtour durch Alaska. Eigentlich könnte man es schon unvernünftig nennen. Doch der Drang nach Abenteuer und Freiheit war für Martin Leonhardt (Text und Fotos) viel größer. Er machte sich trotz vieler Warnungen mit seiner KTM auf in Richtung Norden. 10.000 Kilometer fuhr er durch die arktische Einsamkeit. Es wurde eine Reise, die in ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen hat.


Artikelbild für den Artikel "ALASKA–KANADA: ARKTISCHE FREIHEIT" aus der Ausgabe 4/2020 von Motorrad ABENTEUER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motorrad ABENTEUER, Ausgabe 4/2020

Nordlichter zaubern eine traumhafte Atmosphäre in die kühlen Campingnächte in Kanadas Yukon.


Unterwegs im Wunderland der Alaska Range Berge auf dem Denali Highway.

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Wildcampen ist in Kanada nicht nur gestattet sondern ausdrücklich empfohlen – hier in einer einfachen Jäger-Baracke.


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1 In Tuktoyaktuk schließe ich Freundschaft mit Jaro und Michele. 2 Die Denali Grizzlybären fressen sich kurz vor dem Winterschlaf noch Speck an. 3 Ein Katmai Braunbär kann bis zu 600 kg schwer werden. Abstand ist ratsam. 4 Der Denali Nationalpark ist ein wahres Wunderland für Outdoor-Liebhaber. 5 Der Alaska Moose ist weltweit der größte Elch mit Schulterhöhen bis zu zwei Metern.

Juli 2019 – Vancouver, Kanada: Ein eisiger Wind weht von der pazifischen Küste in das Land. Es ist ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit und die Millionenstadt versinkt im Dunst des Regens. Mit ihr erreiche ich einen weiteren Wegpunkt auf einer jahrelangen Reise, die den Kilometerstand meines Motorrades schon auf 140.000 ansteigen ließ. Hat man eigentlich nicht schon genug erlebt, frage ich mich? Viele lange Monate hatte ich zuletzt Mexiko und die USA kreuz und quer erkundet. Ich war gefallen, mental gebrochen, hatte einen Unfall und bin trotzdem wieder aufgestanden, um – vielleicht aus einer unvernünftigen Gewohnheit heraus – einfach weiter zu machen mit dem, was ich am besten kann: Reisen! Und es scheint so, als sei mein unergründliches Verlangen, große Freiheiten und neue Abenteuer zu erleben, gerade von neuem entfacht.

Wie fast jede Motorradtour, die mich in der Vergangenheit angetrieben hatte, war auch mein Vorhaben, bis hoch an die arktische Küste zu fahren, von abratenden Kommentaren und Meinungen geprägt: »Wenn du nach Alaska fahren willst dann musst du augenblicklich los! Ansonsten versinkst du im Schnee und auch so ist das viel zu gefährlich!«, hatte mir eine Bikerin in San Francisco geraten. Das war Mitte Mai. Auch später hieß es nur, »Das ist viel zu spät!«, »Du bist doch verrückt!«, und »Was? Mit dem Motorrad in den Herbst und Winter – du spinnst!« Nun, knapp zwei Monate später, denke ich kurz an all die Worte, lasse mich allerdings wenig beirren und studiere stattdessen lieber die aktuellen Wetterkarten. Es ist offensichtlich, eine Frühlingsfahrt wird das nicht werden, aber kalte Temperaturen und Regen konnten mich eigentlich noch nie von meinen Plänen abhalten. Ich schiebe alle Zweifel beiseite, belade »Katze« mit Proviant, gönne ihr einen Ölwechsel, besorge einen neuen Satz Reifen und kaufe mir noch schnell die dicksten Handschuhe, die es im örtlichen »Hunters-Store« zu kaufen gibt.

Traumhaft zieht sich gleich nach Vancouver der Highway 99 an verschiedenen Inseln vorbei und in einen weiten Fjord hinein. Gleich dahinter ragen die ersten Berge des South Provincial Park in die Höhe, was aber allenfalls nur als kleines Beispiel für die Schönheit Kanadas dienen kann. Denn nur vage ermöglichen die Gebirge eine Vorstellung von der enormen Größe der verschiedenen Naturparks, von denen es hunderte gibt. Im direkten Umfeld sind die schnellen Kurvenstraßen dem starken Motor von »Katze« dabei nur allzu recht.

Schon jetzt bin ich im Motorrad-Traumland angekommen und dabei trennen mich noch mehr als 5000 Kilometer von dem fernen Ziel im Norden. Die schönen Kurven wandeln sich spätestens mit dem Highway 37 allerdings immer mehr in unendliche Waldstraßen, die ein Gefühl von Isolation aufkommen lassen. Es ist verwunderlich, dass die Nummern der Straßen sogar dreistellig sind, denn im Grunde gibt es gerade einmal drei größere Abzweigungen auf der ganzen Strecke. Ich entscheide mich, zügig durch den riesigen Yukon und weiter bis in die berühmte Goldgräberstadt Dawson City zu fahren.

Es vergehen lange Motorradtage, deren Nächte ich oft am Ufer des mächtigen Flusses und im Wald verbringe. Wald – ein Wort, das sich ohnehin neu definiert. Mir scheint, dass ich vor Kanada noch überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie groß Wälder eigentlich sein können. Ein Stamm mit grüner Nadelkrone reiht sich an den anderen. Es müssen Milliarden sein.

Rutschpartie auf der Straße nach Inuvik im Norden Kanadas.


Kurz nach Whitehorse läuft eines Abends ein kleiner Schwarzbär auf der Straße. Ich bremse gerade noch rechtzeitig ab, woraufhin der Bär voller Verdruss in das nahe Gestrüpp läuft. Ich blicke dem flauschigen Tier hinterher und noch als ich dachte, etwas sehr Seltenes erlebt zu haben folgen weitere Bären. Erst drei, dann vier und am Ende sollen es insgesamt zwölf sein. Später folgt ein groß gewachsener Braunbär und sogar ein einsamer Wolf, der mich, keine fünf Meter vom Motorrad entfernt, starr mit seinen hypnotisierenden Augen anblickt. Welch ein schönes Tier, unglaublich! Es scheint gerade so als wollte er mit mir reden.

Als ich Tage später in Dawson City ankomme und voller Begeisterung von meinen Erlebnissen berichte, interessiert das die Einheimischen nicht wirklich. »Ach ja, die sind hier ständig unterwegs!«, höre ich einen Mann gelangweilt sagen. Welche Ignoranz, denke ich mir und behalte die schönen Erinnerungen dann eben für mich alleine.

Trotz des charmanten Charakters von Dawson City hält es mich an dem Ort keine zwei Tage. Gedrängt, mein Ziel zu erreichen, lade ich stattdessen alles Proviant und Benzin nach, um den legendären Dempster Highway in Angriff zu nehmen. Wenn nicht jetzt wann dann – obwohl alle meteorologischen Aussagen eine Fahrt in ein Motorrad-Armageddon aus Regen und Frost versprechen. Das Wetter ist hier oben aber auch sehr wechselhaft und die letzten Tage trafen die Vorhersagen nur selten wirklich ein. Das stimmt mich zuversichtlich, meine Lücke schon irgendwie zu finden. Von den vermeintlichen »Weather Gaps« reden zumindest auch die Einheimischen gerne.


Erst einer, dann zwei, drei, am Ende sind es zwölf Bären, die vor mir die Straße kreuzen


Die Fahrt beginnt über hunderte Kilometer sehr unspektakulär. Schleichend wechseln sich noch vor dem Polarkreis weite Wälder mit kargen Tundralandschaften ab. Die Überquerungen der Flüsse mit den Fähren sind kostenlos und wäre nicht das schon bemerkenswert, sind es die jedem Wetter trotzenden, quirligen Fährmeister auf jeden Fall. Fast falle ich vor Lachen über die Reling, als ich mit einem von ihnen über mein Vorhaben scherze. »So spät hab ich aber schon lange niemand mehr von deiner Spezies gesehen!«, sagt er und blickt dabei etwas skeptisch sowohl meinen Motorradanzug als auch »Katze« an. »Vielleicht sehen wir uns wieder!«, sagt er beim Abschied und dieses »vielleicht« bleibt mir noch lange in den Ohren…

Den ganzen Weg bis zur Ankunft in Inuvik herrscht trotzdem gute Laune. Die Stadt am Ende des Dempster Highways wirkt hingegen arg trostlos. Lange Zeit war hier für Fahrzeuge keinerlei Weiterkommen mehr. Nur zu den Winterzeiten konnte man die letzte Siedlung im Norden, Tuktoyaktuk, über einen zugefrorenen See anfahren. Seit wenigen Monaten gibt es allerdings eine neue Straße, der ich auch bis zu dem 380 Kilometer entfernten Ort folge. Nur wenige Meter über dem Meeresspiegel wirkt die Gegend hier oben zunehmend schlicht und es gibt kaum noch größere Pflanzen als vereinzelte grüne und braune Gräser. Die offene Landschaft bietet dabei auch keinerlei Windschutz. Starke Windböen, peitschender Regen und glitschige Fahrspuren bestimmen die einsame Fahrt. Allein der weite Himmel und das Gefühl von purer Tundra sind aber alle Strapazen wert.

Zwei Tage später erreiche ich körperlich ausgelaugt gegen Mitternacht den arktischen Ozean, wo aufgrund der Sommersonne alles noch taghell erscheint. Pures Glück durchströmt mich, als ich vom Motorrad absteige und endlich über das raue und kalte Meer blicken kann. Auch wenn mir hier eisiger Regen und Wind ins Gesicht peitscht, bleibt es ein besonderer Erfolg, denn genau genommen habe ich nun den kompletten Amerikanischen Kontinent von Feuerland bis hierher durchquert. Zum Feiern bleibt aber keine Zeit, denn nur sehr mühselig errichte ich mein Zelt keine zehn Meter entfernt von der Küste auf einer Anhöhe, um schon kurz danach im warmen Schlafsack erschöpft einzuschlafen.

Am nächsten Morgen steige ich nach einer wenig erholsamen Nacht aus dem Zelt und versinke mit beiden Händen und Füßen sofort im Matsch. Es war sicherlich ein großes Glück, dass ich nicht von den Wellen verschluckt worden bin. Mein Zelt gleicht einem angerissenen Fetzen, der in Wasser getränkt wurde und vergeblich versucht, weiterhin wie eine Flagge stolz im Wind zu wehen. »Katze« steht wenigstens noch, ist aber von einem weißen Film der salzhaltigen Luft überzogen – insgesamt ein trauriges Bild. Nochmal blicke ich wehmütig gen Norden in die Arktis. Soll es das nun gewesen sein? All die vielen Kilometer bis an diesen nördlichen Punkt Kanadas für eine kalte Brise und eine ungemütliche Nacht?

Aus Trotz der Arktis gegenüber für ihre schlechte Gastfreundschaft lasse ich alles liegen und erkunde stattdessen den kleinen Ort Tuk. Mein Entdeckerherz sagt mir, dass hier noch irgendwas im Stillen verborgen liegt. Die Menschen wirken zurückhaltend, grüßen aber freundlich. Nebenbei streichle ich einige Huskies, die sich vor den bunten Holzhäusern herumtreiben. Als ich weiter planlos herumstehe, spricht mich aus dem Auto heraus ein netter junger Mann an. »Was hat dich denn hierher verschlagen. Bist du Fotograf?«, fragt er mit einem Handwink in Richtung meiner Kamera um meinen Hals. »Ja bin ich«, antworte ich. »Ist sehr ruhig bei euch.«

Jaro, so sein Name, lädt mich auf eine spontane Spritztour durch den Ort ein. »Das ist mein Tuk!«, meint er. Und dieses Tuk erwacht schon wenige Momente nach dieser neuen Bekanntschaft zum Leben. Jaro führt mich zu einigen Freunden, wir besuchen den örtlichen Markt, der in einem riesigen, roten Bau auf vielleicht drei Meter hohen Metallstelzen sitzt. Bei genauem Hinblicken stelle ich fest, dass fast alle Häuser in der Ortschaft auf solchen Stelzen stehen. »Das ist wegen dem Permafrost«, erklärt Jaro.

Der Trip ähnelt einem einzigen Durchlauferhitzer an lokaler Geschichte und Kultur. Ich besuche die Schule, lerne Manuela, die Professorin, kennen, bei der ich wenig später sogar mein Nachtlager aufschlage, denn noch eine Nacht im Zelt wollten mir meine neuen Freunde nicht zumuten. Und so lerne ich nach und nach die wahre Schönheit dieses so fernen Ortes kennen. Bruce, eine weitere Bekanntschaft, Jäger und Fischermann, fährt ein paar Tage später mit mir hinaus aufs offene Meer. Wir suchen nach Walen und angeln auf einer der kleinen Inseln »Whitefish«, der hier gerne getrocknet gegessen wird und tatsächlich sehr köstlich ist.

Tuk schafft es, mich zu verzaubern. Sicherlich bedarf es Zeit, die Stadt zu verstehen, und hätte ich nicht Jaro getroffen, wäre ich sehr wahrscheinlich 1850 Kilometer den Dempster Highway rauf und runter gefahren, ohne auch nur eine Vorstellung vom Leben hier oben erhascht zu haben. Ganze zwei Wochen bin ich Gast im Land der Inuits, während kein Tag vergeht, an dem ich nicht verträumt aus dem Fenster von Manuelas Haus in die kalte Arktis hinaus blicke. »Katze« wiegt sich davor in den Windböen und auch wenn ich nicht wirklich will, weiß ich: der traurige Abschied steht bald an. Dieser Ort hat es geschafft, sich fast wie Heimat anzufühlen.

Mit der nächsten Schönwetterfront – ein Wort, das hier oben mit Vorsicht genossen wird – steht der Aufbruch an. Der Highway liegt nun nicht mehr völlig unbekannt vor mir und es fühlt sich irgendwie anders an, die Spuren in den Schotter zu setzen. Ich sehe und verstehe die Tundra irgendwie anders, so als hätte ich Wissen getankt, um das Leben in der Arktis zu verstehen. Wieder schlafe ich im Zelt am Straßenrand oder unter schützenden Dächern verlassener Häuser, sobald mich die Energie verlässt. Mit jedem Kilometer in den Süden nehmen die Farben der Herbstes zu. Im seltenen Sonnenlicht funkeln die bunten Farbteppiche bis weit in den Horizont hinein.

Erster Schneefall im September entlang des Dempster Highways…


Dank Jaro lerne ich nach und nach die wahre Schönheit dieses so fernen Ortes kennen


Man soll das Glück ja nicht strapazieren, heißt es immer. Aber man sollte es auch ausnutzen dürfen, wenn es denn Zeit dafür ist. Alle Wettervorhersagen stehen für die nächsten drei Wochen auf grün, was sehr ungewöhnlich für diese Zeit ist. Am 20. August überquere ich deswegen über den Top of the World Highway die Grenze zu Alaska. Seit Wochen habe ich keine anderen Motorradfahrer mehr gesehen und bei jedem Halt werde ich von den Einheimischen entweder schief angesehen oder sie kommen mit direkten Fragen auf mich zu. Ich passiere den Drehangelpunkt Tok, welcher alle Straßen hier oben miteinander verbindet und mein Tor zurück nach Kanada darstellt. Ich mache es mir zur Angewohnheit, die Wetterdaten bei jeder Gelegenheit zu beobachten, will ich doch nicht vom schnell heranziehenden Winter überrascht werden. Eine strategische Reiseplanung gehört für gewöhnlich nicht zu meinen großen Stärken, aber in diesen Breitengraden macht das durchaus Sinn. Jeder weitere Kilometer in den Osten birgt von nun an das Risiko, nicht mehr zurück zu kommen.

6190 Meter hoch ragt der Denali inmitten des gleichnamigen Nationalparks in die Höhe. Schon bei der Anfahrt über den legendären alten Highway kann ich die markante weiße Spitze des mächtigen Berges sehen. Selbst aus der Ferne versprüht der monumentale Koloss eine besonders erhabene Atmosphäre, die nur sehr schwer in Worte zu fassen ist. Er zählt zu einem der gefährlichsten Berge der Welt und eine Besteigung ist nur Spezialisten in wochenlangen Expeditionen möglich. Im Nationalpark angekommen, reduziert sich mein Abenteuer vorerst auf eine Fahrt von überschaubaren 20 Meilen entlang der Zubringerstraße. Die ist zwar wunderschön, aber entlang des Weges lässt sich nicht einmal ein Bruchteil der Schönheit des 20.000 km² großen Parks erahnen. Und nun?

Unbefriedigt stehe ich am Ende der Straße auf einem Parkplatz. Eine mögliche Weiterfahrt im vollbesetzten Bus schließe ich aus und somit wird es Zeit, für ein paar Tage Rucksack und Wanderstiefel gegen das Motorrad einzutauschen. Keine Menschenseele ist zu sehen, als ich einen Tag später alleine und vollgepackt tief »into the wild« wandere. Es herrscht absolute Ruhe, begleitet von dem Wissen, im Grizzlybären-Land unterwegs zu sein. Ich trinke Wasser aus den Flüssen, orientiere mich mit Kompass und Karte, erkunde naheliegende Gletscher und so manchen spannenden Bergkamm. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so frei in purer Natur gefühlt. Keine Pfade, keine Sicherheiten, nur ein einsames Abenteuer. »Wer die Freiheit liebt, darf die Einsamkeit nicht scheuen!« Man muss wohl dafür gemacht sein. Aber so alleine bin ich auf der 5-tägigen Wanderung nicht wirklich. Ich treffe auf Biber, Vögel, Bergziegen und Karibus. Die weiten Landschaften verzaubern mich und schnell wird klar, dass ich diesen Ort nicht im Schnelldurchgang kennenlernen will.

Ich schließe neue Freundschaften und errichte mein Basiscamp im nahegelegenen Healy. Der touristische Ort eignet sich perfekt, um zwischen den Wanderungen zu entspannen und neue Tipps einzuholen, in welchen Ecken des Nationalparks sich die mächtigen Braunbären aufhalten. Denn das ist mein neues spontanes Ziel geworden. Ich möchte Grizzlybären in ihrer Heimat besuchen und vielleicht sogar fotografieren. Es soll ein richtiges Abenteuer sein. Dafür fahre ich mit »Katze« sogar noch extra in das entfernte Fairbanks, um ein 600 mm Teleobjektiv zu kaufen.

Tagelang erkunde ich später damit den facettenreichen Park. Ich komme dem Denali Mountain so nahe, dass ich direkt auf seinen mächtigen Gletscherausläufern laufen kann. Die Luft ist so wie der Nachthimmel klar und frisch, das Wetter bleibt herbstlich kühl und die bunten Farben der Landschaft tun ihr übriges, damit ich mich wie Alice im Wunderland fühle. Nur die Bären zeigen sich einfach nicht. Ich finde dutzende Beweise ihrer Existenz, Kot, abgewetzte Bäume und Spuren an den Flussufern. Ganze 40 Kilometer lege ich bei der letzten Wanderung zu Fuß zurück.


Der Braunbär wiegt geschätzte 300 bis 400 Kilo und springt erstaunlich agil über die Hügel


Ich gelange körperlich an meine Grenzen und schon als ich meine Mission aufgegeben will, erblicke ich plötzlich auf der anderen Seite des Flusses einen mächtigen Braunbären. Das Tier wiegt geschätzt sicherlich 300 bis 400 Kilogramm und springt trotzdem erstaunlich agil über die Hügel. Er kullert sich den Hang hinunter, jagt einem kleinen Vogel hinterher und schneller als ich blicken kann, läuft er direkt auf mich zu. Ich verkrieche mich auf meiner Seite des Flusses hinter einem Busch und beobachte gespannt, was wohl passieren wird. Mit seinen riesigen Tatzen stolziert er, ohne auch nur darüber nachzudenken, durch den Fluss und bleibt mitten im Wasser stehen. Er hält seine Schnauze in die Luft, schnuppert und läuft wenig später, ganz unbeachtet meiner Existenz, in die andere Richtung weiter. Ein wahrer Adrenalinschub durchfährt meinen Körper, gefolgt von großen Glücksgefühlen, die selbst als ich Tage später wieder auf dem Motorrad sitze, einfach nicht verblassen wollen. Es soll nicht der letzte Grizzly sein, den ich in Alaska erblicke. Aber der erste Kontakt ist wohl immer etwas Besonderes und diese Begegnung hatte ich mir wirklich erkämpft.

Wie im Rausch der Erlebnisse und endgültig gedrängt von der Angst, mich im eisigen Winter hier oben zu verlieren, fahre ich in den Süden nach Anchorage. Der September neigt sich dem Ende zu und einige Straßen schließen bereits, viele Fährverbindungen und Tunnel werden es ihnen bald gleich tun. Mir bleiben nur noch wenige Tage. Auf dem Weg nach Homer, dem südlichsten Punkt, den man über eine Straße hier oben erreichen kann, erblicke ich weitere Gletscher und traumhaft schöne Gebirgsketten. Die wenigen Städte auf der Strecke wirken allerdings schon verlassen. Der Sommertourismus ist vorbei und ein Großteil der Bürger reist zurück in einen der anderen 49 Bundesstaaten der USA.

»Out of order« oder »Closed« lese ich nun meist vor den Läden. Es scheint so, als tun die Menschen es den Bären gleich, die sich schon bald in den Winterschlaf begeben werden. Langsam macht sich auch die Kälte bemerkbar. Dick habe ich mich in den Motorradanzug gepackt, trage lange Unterwäsche, verschiedene Halstücher und natürlich die »extreme warmth« Handschuhe. Aber all das reicht nun nicht mehr und der noch moderate Wink des Wetters gibt mir zu verstehen, dass es nun nach Hause gehen muss. Und Zuhause liegt für »Katze« in diesem Fall 4200 Kilometer entfernt in Vancouver.

Eine meiner letzten Nächte in Alaska verbringe ich in einem leeren Flussbett. Es ist fast einen halben Kilometer breit und ich kann mir nur vage vorstellen, welche enormen Mächte von Wassermassen hier im Frühjahr während der Schneeschmelze durch rauschen.

Nur einen winzigen Teil von Alaska durfte ich kennenlernen. Aber dieser Teil war für mich so faszinierend, rein und intensiv und wird mich ganz sicher bis zum Ende meines Lebens begleiten. Und ich hoffe es wird kein Traum bleiben, diese größte Exklave der Erde, ihre Natur, die pure Wildnis und all ihre Freiheit noch einmal zu besuchen.

Zweieinhalb Wochen später lagere ich »Katze« nach einer wenig abwechslungsreichen Fahrt ein und trete die Rückreise nach Deutschland an. Sie darf hier überwintern. Einen Grund zum Zurückkommen gibt es also allemal. Und die 10.000 Kilometer bis in die Arktis und zurück sind ja bei genauer Betrachtung eigentlich kaum der Rede wert… oder?

Wildnis pur im südlichen Alaska – ab hier geht es dann nur noch mit Wanderschuhen weiter.