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ALBANIEN: DAS LAND DER STERNE


Off Road - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 14.01.2020

Den Himmel auf Erden gibt es – zumindest für Mercedes-Benz-Fahrer. Denn im touristisch kaum erschlossenen Albanien strahlt der Stern aus Stuttgart heller als irgendwo sonst auf dem Planeten …


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Bildquelle: Off Road, Ausgabe 2/2020

Die Zeiten des Automobils als Statussymbol sind endgültig passé. Immer häufiger müssen sich (zumindest hierzulande) gerade Besitzer großer Fahrzeuge vielmehr dafür rechtfertigen, dass sie noch nicht auf E-Scooter und Car-Sharing umgestiegen sind. Eine Entwicklung, die in Südosteuropa derzeit undenkbar erscheint. Ein besonders ein drucksvolles Beispiel hierfür ist Albanien. Die Bevölkerung des kleinen Balkan-Staats ...

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Die Zeiten des Automobils als Statussymbol sind endgültig passé. Immer häufiger müssen sich (zumindest hierzulande) gerade Besitzer großer Fahrzeuge vielmehr dafür rechtfertigen, dass sie noch nicht auf E-Scooter und Car-Sharing umgestiegen sind. Eine Entwicklung, die in Südosteuropa derzeit undenkbar erscheint. Ein besonders ein drucksvolles Beispiel hierfür ist Albanien. Die Bevölkerung des kleinen Balkan-Staats litt viele Jahrzehnte unter totalitären Regimen verschiedener Couleur. Nach der Besetzung durch die Achsenmächte während des Zweiten Weltkriegs folgte nach der Befreiung vom Faschismus die strikte Regentschaft von Enver Hoxha, der zuerst die Nähe zur Sowjetunion suchte und das Land später durch strategische Bündnisse mit China in Europa endgültig isolierte. Als das kommunistische Regime 1990 sein Ende fand, sehnte sich das albanische Volk nicht in erster Linie nach Demokratie – vielmehr wollte die Bevölkerung etwas vom Wohlstand Europas abhaben. Eine Sehnsucht, die bis heu te vor allem in der Hauptstadt Tirana spürbar ist und die uns zum absurden Straßenbild des Landes führt …

MADE IN GERMANY

Denn anders als das Bruttosozialprodukt des kleinen Landes vermuten lässt, sieht man auf den teils frisch geteerten Straßen nicht nur viele Fahrräder und Eselskarren. Nein, in Albanien gehört es zum guten Ton, einen Mercedes-Benz zu fahren. Wer zum ersten Mal durch Tirana fährt, schüttelt ungläubig den Kopf und zählt leise mit: „Mercedes, Mercedes, Mercedes, Mercedes …“ Andere deutsche Nobelkarossen werden wohl an der Grenze sofort wieder abgewiesen. Und wer jetzt denkt, dass es sich bei den im Land befindlichen Sternen nur um rollenden Kernschrott handelt, wird in seinen Klischees ebenfalls heftig enttäuscht. Zwar sieht man nur selten einen aktuellen Mercedes- Benz, dafür hat es die inoffizielle Staats flotte in sich: Eine Limousine folgt der nächsten, gut erhaltene C- und E-Klassen bestimmen zuvorderst das Straßenbild, dazwischen immer wieder ein Oberklasse-Modell vom Typ W 140 oder W 220. Ja, mit solchen Fahrzeugen vor der Tür kann man die entbehrungsreiche Zeit des strikten Hoxha- Kommunismus stilvoll überwinden. Dass Mercedes-Benz ge wollt oder ungewollt ein Teil der neugewonnenen Freiheit der Bevölkerung symbolisiert, spürt man, wenn man selbst einen Stern durch Albanien lenkt. In unserem Fall ein Modell, das die wenigsten Leute im Land schon mal live gesehen haben dürften: eine X-Klasse in der Sechszylinder- Version 350 d. Dementsprechend freundlich und interessiert reagieren vor allem die Männer und Kinder auf den mächtigen Stern auf dem Kühlergrill.

Grundkurs: Redakteur Bastian Hambalgo beim Survival-Trainung mit Andreas Bolz


Klassik trifft Moderne: Das Umland der albanischen Hauptstadt ist von alten Bauwerken durchzogen.


Nummer 2: Bleibt die E-Klasse in der Garage, steht der Drahtesel hoch im Kurs


GROBE AUSFAHRT

Bessere Voraussetzungen kann man eigentlich nicht vorfinden, wenn man mit einem Fahrzeug ein Land erkunden will. Denn genau das wollen wir mit dem Pick-up aus Stuttgart tun (auch wenn der Mercedes-Hype der Albaner uns eher das Gefühl gibt, als seien wir bzw. der X 350 d die touristische Attraktion). Startpunkt der Reise ist die Hauptstadt Tirana, der man ansieht, dass sich das Land ständig modernisiert. Neben alten, verfallenen Gebäuden werden moderne Prunkbauten hochgezogen – die vielen Möbelgeschäfte am Rand der Stadt verdeutlichen zum einen diesen Wandel und zum anderen die Lust am Konsum. Wer es durch den dichten und etwas wirren Verkehr der Großstadt schafft und gen Norden aufbricht, tut sich schon nach wenigen Kilometern schwer, zu glauben, dass eben noch das Leben der Hauptstadt um den Pick-up pulsierte … Denn direkt hinter den Stadtgrenzen scheint man einen Sprung in eine andere Zeit zu machen. Die gut ausgebauten Asphaltbänder werden von improvisiert wirkenden und teils stark mitgenommenen Straßen abgelöst, alte, schmale Brücken führen über reißende Wasserläufe. Immer häufiger prägen auch die erwarteten Esel- und Pferdegespanne das Landschaftsbild und ergeben zusammen mit der atemberaubenden Natur eine romantische Szenerie, die nur Kenner dem Land zu getraut hätten. Besonders erfreulich für Offroad-Fans: Unweit der Hauptstadt bilden Berge mit unausgebauten Pfaden ein echtes Paradies für jeden Allradler. Lose Schotterpisten mit engen Kurven und tiefen Löchern sind auch der perfekte Spielplatz für unser Reisemobil. Mühelos kämpft sich die X-Klasse mit dem permanenten Allrad über die Pfade, auf denen sich dem Auge eine weitestgehend unberührte Natur präsentiert. Nur vereinzelte Schilder und provisorisch angelegte Stromleitungen an schiefen Masten sind noch ein Indiz dafür, dass die Zivilisation auch in diesem Teil des Landes schon ihren Siegeszug angetreten hat. Wer nun denkt, dass es sich in dieser ländlichen Region Albaniens „ausgebenzt“ hätte, liegt aber völlig daneben.

Loser Untergrund: Sand und Steine sind für den X 350 d kein Problem.


Offroader werden mit tollen Ausblicken belohnt.


Straßenverkauf: In der Hauptstadt geht es auch ohne Besuch im Supermarkt.


Flexibel: Verworfene Passagen zwingen den Pick-up in die Verschränkung.


Stilvoll: Albanien hinterlässt Spuren auf der X-Klasse.


Arbeitstiere: Begegnungen auf dem albanischen Land.


Düstere Vorahnung: In den Bergen schlägt das Wetter schnell um.


Ungewohnter Anblick: In Tirana erntete die X-Klassen-Kolonne interessierte Blicke


SELTENE SCHÄTZE

Zwar trifft man in der bergigen Landschaft nördlich von Tirana deutlich weniger motorisierte Fortbewegungsmittel an – dafür beträgt die Mercedes-Quote gefühlte 100 Prozent. Jede noch so kleine Behausung, die wir am Wegesrand entdecken, hat einen Stuttgarter Stern in der Einfahrt stehen. Anders als man angesichts des wirklich abenteuerlichen Zustands der Straßen und Wege vermutet, bestimmen wie im urbanen Bereich C- und E-Klassen aller Generationen das Bild. Die G-Klasse scheint ihren Siegeszug in Albanien noch vor sich zu haben – und wird dank des fahrerischen Talents der Einheimischen wohl auf diesen Pisten nicht wirklich benötigt. Ein Phänomen, das man auf beinahe allen natürlichen Offroad-Strecken der Welt beobachten kann: Während Touristen teils auf modifizierte Off roader setzen, kommen die Locals mit Alltagsmo- dellen problemlos in die entlegensten Winkel des Landes. Trotzdem schadet es nicht, wenn der fahrbare Untersatz ein paar Asse im Ärmel hat. An mehreren Stellen der Reise wäre nämlich ohne die XKlasse kein Durchkommen gewesen. Schuld daran sind nicht selten unerwartete Unwetter mit starken Regenfällen, die dem eh schon ramponierten Pfad noch einmal gewaltig zusetzen. Aber auch auf der sogenannten Kings Road, circa anderthalb Stunden nördlich der Hauptstadt, kann es nicht schaden, gröberes Gerät unter dem Hintern zu haben. Zwar wirkt der breite, mit groben Steinen angelegte Weg auf den ersten Metern nicht besonders herausfordernd – doch immer wieder sorgen tiefe Spurrillen und gröberes Geläuf mit kleinen Hindernissen für Abwechslung.

Zeit zum Genießen: Landschaftlich hat der kleine osteuropäische Staat wirklich viel zu bieten.


Kleine Bäche durchquert der edle Mercedes-Lastesel mühelos.


Zweite Heimat: Die X-Klasse passt sich perfekt dem bunten Bild des albanischen Stadtlebens an.


PERFEKTER TOUR-GUIDE

Mit der X-Klasse kann der Pilot entspannt dahincruisen und muss nicht ständig angestrengt nach der besten Linie suchen, um das albanische Nationalheiligtum (den Mercedes, nicht etwa die Straße) nicht zu beschädigen. Welch immensen Vorteil das hat, zeigt sich, als sich die Bäume entlang des Weges ein wenig lichten und den Blick auf die unfassbar schöne Landschaft Albaniens freigeben: Im Vordergrund das satte Grün der Bäume, das sich über die hügelige Landschaft erstreckt, in der Ferne lässt sich das bunte Treiben der Großstadt erahnen. Abgerundet wird das Bild von einer dramatisch dicken Wolkendecke, die der Sonne noch so viel Platz lässt, dass sie dem traumhaften Ausblick einen Hauch Romantik verleihen kann. Aber das ist nicht etwa eine wohldurchdachte Inszenierung der albanischen Regierung, um mehr Touristen ins Land zu locken, sondern schlichtweg die weitestgehend unberührte, natürliche Schönheit des Landes. Allerdings sollten sich alle, die Albanien in dieser Form noch erleben wollen, möglichst bald auf die Socken machen. Denn nicht nur haben schon viele Reiseveranstalter die Perle Südosteuropas entdeckt und vermarkten Reisen dorthin als Geheimtipp, das Land sucht auch die Nähe zu Europa und möchte lieber heute als morgen in die Europäische Union aufgenommen werden. Ist es einmal so weit, dann wird unweigerlich ganz Albanien die Chancen des Massentourismus erkennen, sich diesem öffnen und sich westlichen Standards anpassen – mit entsprechenden Folgen für die Natur und das derzeit noch großteils unberührte Landschaftsbild. Mit Sicherheit wird es einen großen Teil seiner Individualität und Ursprünglichkeit verlieren und sein Gesicht verändern. Ob der Mercedes-Stern in dem kleinen Land, dessen Küste die Adria und das Ionische Meer bespülen, dann immer noch so unangefochten hell erstrahlt wie heute, bleibt dahingestellt. Also, liebe Mercedes-Benz-Fanatiker: Bevor andere deutsche Automarken dieses Offroader-Traumland unterwandern – reist schleunigst nach Albanien! Den dafür optimalen fahrbaren Untersatz habt ihr ja zum Glück schon.

T | Bastian Hambalgo F | Mercedes-Benz

Freudenspender: Mercedes-Fahrer werden in Albanien an jeder Ecke herzlich begrüßt


Adelige Straße: Die Kings Road forderte dem X 350 d einiges ab.


Atemberaubende Szenerie: Der Blick auf die Hauptstadt Tirana im Sonnenuntergang.


Albanien

ALLGEMEINE REISEHINWEISE

Wer als deutscher Tourist nach Albanien reisen will, kann dies problemlos und ohne große Vorbereitungen tun. Erst ab einer Aufenthaltsdauer von mehr als 90 Tagen benötigt man ein Visum, das vor Ort beantragt werden kann. Kriminelle Handlungen wie Raub und Diebstähle kommen zwar nur vereinzelt vor, dennoch rät das Auswärtige Amt, keine Wertgegenstände unbewacht im Fahrzeug zu lassen – und das gilt vor allem in den Strandregionen des Landes.

REISE-FAHRZEUG

Mercedes-Benz X 350 d
V6-Turbodiesel, drei Liter Hubraum, Leistung: 258 PS, Drehmoment: 550 Nm
Siebengang-Automatik, permanenter Allradantrieb mit zweistufi gem Verteilergetriebe
Reise-Distanz: circa 250 Kilometer – reine Fahrzeit: circa 7,5 Stunden

WAS MAN WISSEN MUSS

Wegen des teils schlechten Zustands der Straßen und Wege empfi ehlt sich ein offroadtaugliches Reisefahrzeug. Aufgrund der teils schlechten oder einfach fehlenden Beschilderung sind ein aktuelles Navigationssystem oder Kartenmaterial unabdingbar. Von der Routenführung mittels Smartphone wird angesichts des nicht fl ächendeckend ausgebauten Netzes und der hohen Kosten für Datenübertragungen abgeraten. Der Straßenverkehr ist deutlich chaotischer als in Mitteleuropa und scheint teilweise keinen offensichtlichen Regeln zu folgen. So kann Hupen alles bedeuten – von einer freundlichen Begrüßung bis hin zur Aufforderung, in eine Kreuzung einzufahren.

Auf unserer dreitägigen Reise haben wir die albanische Bevölkerung durchweg als äußerst freundlich und hilfsbereit kennengelernt. Die Verständigung kann unter Umständen einige Schwierigkeiten bereiten, da lediglich die jüngere Generation Englisch spricht. Einige wenige Einwohner Albaniens sprechen auch Deutsch.