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ALBEN DES JAHRES


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 22.12.2022

2022

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 1/2023

1 TOM LIWA

EINE ANDERE ZEIT

DAS EWIGE GENIE UNTER den deutschen Songwritern rückt erstmals auf die Poleposition der RS-Jahres- Charts. Das ist umso erstaunlicher, als es überhaupt das erste deutschsprachige Album ist, das die Kritiker:innen auf Platz 1 gewählt haben. Erstaunlich ist auch, wie sich Tom Liwa ein ums andere Mal aus dem Sumpf der Selbstgefälligkeit befreit. Er hätte sich ja längst zurückziehen können: auf die Verkultung, die Verehrung für den ach so verkannten Außenseiter. Aber Liwa ist keiner, der sich auf seinen künstlerischen Meriten ausruht, sondern einer, der seinen kreativen Weg – so verschlungen der auch sein mag – unbeirrt weitergeht, manchmal mit dem Kopf durch die Wand, manchmal behutsam vorwärts tastend, allen Widerständen, die das hiesige Musikbusiness so mit sich bringt, zum Trotz.

„Eine andere Zeit“ nimmt zwischen den vielen herausragenden Liwa- und ...„Eine andere ...

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... Flowerpornoes-Platten noch einmal eine Sonderstellung ein, weil es den spirituell durchgeschepperten Sinnsucher mit dem experimentierfreudigen Kindskopf versöhnt. Es dürfte schwer werden, anderswo eine ähnlich versponnene und zugleich nahbare Musik zu finden. Darin liegt vielleicht Liwas größte Meisterschaft. Denn im Prinzip enthält die Zutaten, die bei anderen nerven und langweilen: die Zitierwut, das eklektische Hakenschlagen. Zu schreiben, dass sich all das bei Liwa ganz natürlich, ja organisch anfühlt, wäre ein Klischee und eine Untertreibung. Mit Liwa schlendern wir nicht durch eine Kunstausstellung für Popgeschichte – wir fahren durch eine Seelenlandschaft, die ständig in Bewegung ist, die aufgetürmt und abgetragen und angespült wird, die verweht und vergeht und von vorn beginnt und immer neue Schichten von Zeit freilegt. Auf dieser Fahrt begegnen wir den unterschiedlichsten Wesen. Waren es auf dem Flowerpornoes-Album (2021) Gestalten, die mit Liwa noch ein paar Rechnungen zu begleichen hatten, ist bevölkert von Protagonist:innen aus dem Reich des Unterbewusstseins.

Gendern dient an dieser Stelle übrigens nicht der politisch korrekten Pflichterfüllung – das nur zur Erklärung für jene sich vom Aussterben bedroht fühlende Spezies Männer, die sich auf Beifahrersitzen eines Hodens beraubt fühlen –, Gendern ist im Fall von „Eine andere Zeit“ nur folgerichtig. Das Album basiert nämlich auf einem Gedankenspiel: Was, wenn ich nicht als Junge zur Welt gekommen wäre? Und, daraus resultierend, die Frage: Trage ich Weiblichkeiten in mir, und wenn ja, wie viele? Liwa kostet diesen alternativen Lebensverlauf genüsslich aus, vom „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“- Cover bis zum Pseudonym Marion van der Beek, der Frau, die Liwa vielleicht geworden wäre. Ein Konzept also, das bei aller überbordenden Fantasie im Vergleich zu anderen Pop-Versuchen über Geschlechteridentitäten ziemlich konkret wirkt.

Man muss von diesem Hintergrund nichts wissen, um sich von den surrealen Mäandern und Bewusstseinsströmen auf „Eine andere Zeit“ fortreißen zu lassen. „Schon wieder Februar“ berichtet lakonisch vom Einbruch der Routine und dem Aufwachen in der Wirklichkeit: „Wir wollten eigentlich viel weiter sein, aber wir sind nur bis hier gekommen/ Die tollen Jobs und das Haus in den Wolken haben die Gespenster mitgenommen“, singt Liwa mit einem Schulterzucken. Er findet keinen Trost in Floskeln und endet süffisant: „Der Fail des Jahrhunderts im Jahrhundert der Fails.“ Sämtliche Register seiner Erzählkunst zieht Liwa in „Hunter“, einer neunminütigen Strophe, die er dem Grateful-Dead-Texter Robert Hunter gewidmet hat. „Da, wo sich alle Wege kreuzen, ist ein Berg mit einer Höhle, wo ein Drache wohnt/ Wer bedingungslose Liebe nie erlebt hat, sieht ihn nicht“, heißt es zu Beginn des Stücks. Und wie dann Alltagsbeobachtung, Trommelreise und Traumatherapie in eins fallen, wie John Martyn, Richard Brautigan und die Brüder Grimm vor dem inneren Ohr auferstehen, wie schließlich gar keine Worte mehr nötig sind und die Geschichte in Liwas Kehlkopfgesang aufgeht – das ist von unbeschreiblicher Schönheit. Noch transzendentaler, noch schamanischer gerät das zwischen Neil Young und Van Morrison oszillierende „Onya“.

Alles aufzuzählen, was an „Eine andere Zeit“ großartig ist, stünde im Widerspruch zur Magie dieser Musik. Sie birgt ein paralleles (Liwa-)Universum, in dem man sich verlieren will. Eines der rätselhaftesten, hinreißendsten Lieder heißt „Kekse für die Königin des Himmels“. Tom Liwa hat sich mit diesem Album zur Königin der deutschen Songschreiber:innen gekrönt. Der König war er ja eh schon.

MAX GÖSCHE

BESTER SONG: „APRIL SCYTHE“

KRITIKER: JENS BALZER, MAIK BRÜGGEMEYER, WOLFGANG DOEBELING, JÖRG FEYER, BIRGIT FUSS, MAX GÖSCHE, JAN JEKAL, FRANK LÄHNEMANN, INA SIMONE MAUTZ, RALF NIEMCYZK, HANS NIESWANDT, ERIC PFEIL, GUNTHER REINHARDT, ROBERT ROTIFER, GILDA SAHEDI, JÖRN SCHLÜTER, PETER UNFRIED, MARC VETTER, ARNE WILLANDER, SEBASTIAN ZABEL UND J ÜRGEN ZIEMER

2 WEYES BLOOD

AND IN THE DARKNESS, HEARTS AGLOW

Die internationale Kulturkritik liegt Natalie Mering alias Weyes Blood zu Füßen. Ihr spät im Jahr 2022 veröffentlichtes fünftes Studioalbum hat zu allerlei wohlmeinenden Kapriolen geführt. Etwa wenn „Pitchfork“ Andrei Tarkowskis Spielfilm „Stalker“ ins Feld führt, um den Spagat ihrer fragilen Song-Kompositionen zu beschreiben: „Härte und Stärke sind Begleiter des Todes. Flexibilität und Weichheit sind eine Verkörperung des Lebens.“ Der „NME“, seit geraumer Zeit auf Boulevard gebügelt, spricht von „einem der atemberaubendsten Alben des Jahres“. Die „New York Times“ attestiert der 34-jährigen Kalifornierin „eine wunderschöne Stimme im globalen Schmerz“.

Alles richtig, alles stimmt. In der Tat ist Mering in ihrer langen Karriere eine Art Optimalzustand zwischen künstlerischer Korrektheit und einer nonchalanten Sexiness, die sich etwa in ihrem koketten Matros:innen- Video zu der Single „It’s Not Just Me, It’s Everybody“ zeigt. Überhaupt geht bei ihr nichts, ohne eine filmische Umsetzung gleich mitzudenken. Dabei ist ihre Insiderkenntnis in puncto Horror-Trash absolut kongenial für ihren Hang zum quecksilbersanften Gruselsound. Man darf gespannt sein, ob ihre Karriere bald kommerziell explodiert.

RN

BESTER SONG: „THE WORST IS DONE“

3 BILL CALLAHAN

YTILAER

Post-Pandemie-Platten: ein schwieriges Genre, das man am besten einem unaufgeregten Meister der reduzierten Metapher und der gut abgetrockneten Pointe wie Bill Callahan überlässt. „And we’re coming out of dreams/ As we’re coming back to dreams“, fasst gleich die erste Zeile im Eröffnungssong, „First Bird“, die kollektive Erfahrung ebenso simpel wie treffend zusammen. Genauso fühlt es sich an, das überwunden geglaubte Trauma, das einen im Morgengrauen erst recht wieder heimsucht.

Es hilft, dass Callahans persönliche Reise als Autor und Mensch ihn in den letzten Jahren in Richtung einer bettwarmen Menschenfreundlichkeit befördert hat. Dieser Tage kann er ein Lied wie „Coyotes“ mit einer Zeile wie „Yes, I am your lover man“ beginnen, ganz ohne süffisant gelüfteten Mundwinkel. Das soll nicht heißen, dass er nicht mehr zu Sarkasmus fähig wäre, siehe sein Porträt inneramerikanischer Aggression wie „Naked Souls“ oder die volle drei Minuten auf ihren Schlagzeugbeat wartende Seemannsballade „Everyway“.

Aber vor allem anderen ist, was uns dieser Mittfünfziger da mit gelassenem Bariton und weit vor Band und Bläser gemischter, sanft geschrammelter Nylonsaiten-Gitarre bietet, eine gute Stunde Weisheit und Trost.

RR

BESTER SONG: „FIRST BIRD“

4 WET LEG

WET LEG

„Mommy, Daddy, look at me/ I went to school and I got a degree/ All my friends call it the big D/ I went to school and I got the big D!“ So beginnt der Song, auf den sich schon seit anderthalb Jahren alle einigen können. Dieses frech-minimalistische Post-Punk- Meisterwerk taucht auf Elton Johns Playlist auf, David Grohl schwärmt davon, und natürlich ist „Chaise Longue“ ein heißer Grammy-Kandidat – genauso wie das Album, auf dem das Lied zu finden ist. Rhian Teasdale und Hester Chambers sind als die Indie-Pop- Sensation der Saison der großartigste Exportschlager von der Isle of Wight seit Jeremy Irons. So tollkühn-unverkrampft, catchy und noisy hat einen ein Indie-Rock-Album schon verdammt lange nicht mehr überrumpelt.

Die beiden Britinnen füllen ihr Debüt mit zackigen Beats, knuffigen Basslinien, fluffigen Gitarrenriffs, machen mit sperrig-spröde-eingängigen Smash-Hits wie „Ur Mum“, „Piece Of Shit“, „Too Late Now“ oder „Oh No“ einen Riesenspaß und holen den Sturm und Drang zurück in den Indie-Rock. Allerdings mit einem feministischen Twist, etwa wenn Teasdale sich in „Wet Dream“ weigert, irgendjemandes feuchter Traum zu sein: „What makes you think you’re good enough/ To think about me when you’re touching yourself?“

GR

BESTER SONG: „CHAISE LONGUE“

5 WILCO

CRUEL COUNTRY

Es ist nicht entscheidend, dass Wilco ein Album (vermutlich mehr oder minder) live in einem Raum aufgenommen haben – die Band hätte ungefähr jedes ihrer Alben so produzieren können. „Cruel Country“ ist viel mehr davon geprägt, dass die Arrangements ohne lange Planung, sondern spontan entstanden. Und weil Jeff Tweedy gebrochene Americana- Songs schreibt, klingt seine Band, wenn sie nicht allzu viel nachdenkt, wie eine Americana-Band. Aber was für eine! Wie wundervoll intuitiv die Musiker einen warmen, mit hundert Aromen und Erinnerungen angefüllten Klang entstehen lassen! Diese Songs hätten natürlich auch ein Tweedy-Soloalbum werden können, dort aber wohl zerschossener geklungen. Sein aktuelles Ethos – einfach schreiben, nicht zu viel zensieren – erklärt, warum auf „Cruel Country“ nicht zehn oder zwölf Lieder sind, sondern einundzwanzig.

Amerika ist ein Thema. Aus Tweedys privaten, oft verschlüsselten Texten schälen sich Assoziationen zum Zustand der USA heraus, des geliebten und schrecklichen Landes, dessen zwei Lager sich nicht einig werden können. Den wegen seiner Klarheit oft zitierten Schlüsselsatz singt Tweedy im sanft schunkelnden „Hints“: „There is no middle when the other side will rather kill than compromise.“

JS

BESTER SONG: „TIRED OF TAKING IT OUT ON YOU“

6 BIG THIEF

DRAGON NEW WARM MOUNTAIN I BELIEVE YOU

Der Star des fünften Big-Thief-Albums ist nicht etwa die meisterhafte Songwriterin Adrianne Lenker oder der geschmackvolle Gitarrist Buck Meek, obwohl beide hier große Momente haben, sondern Schlagzeuger James Krivchenia. Er hat die Band herausgefordert, sich außerhalb ihrer so stilvoll eingerichteten Americana-Nische zu bewegen. Er produzierte „Dragon …“ und gab das Konzept vor: Die Band nahm in vier Studios auf – in Upstate New York, im kalifornischen Topanga Canyon, in der Sonora-Wüste in Arizona und in den Bergen von Colorado – und ließ sich von jedem Ort zu einem bestimmten Sound inspirieren. So ist ein Doppelalbum entstanden, auf dem die Band all ihre lieb gewonnenen Qualitäten vereint und immer wieder überrascht.

MB

BESTER SONG: „TIME ESCAPING“

7 KENDRICK LAMAR

MR. MORALE & THE BIG STEPPERS

Im Gegensatz zu einigen HipHop-Superstar-Kollegahs ist Kendrick Lamar weder irre noch rechtsradikal geworden. Auf seinem fünften Album macht er gar einen Schritt aus dem Rampenlicht, bleibt dabei ambitioniert und auch ein wenig schräg. Als begnadeter Stylist ist er der erste und einzige Rapper, der für sein Storytelling (auf „Damn“, 2017) einen Pulitzerpreis gewonnen hat. Er ist eine moralische Autorität in der HipHop-Szene und weiß, dass es zwischen Funk- und Soul-Verweisen auch kesseln muss. Sein Streben nach epischem Wumms zeigt sich schon in der Pflicht zum Doppelalbum. Fünf Jahre hat er sich Zeit gelassen, auch für eine intensive Selbstbespiegelung, die atemberaubende musikalische und lyrische Formen findet und so innovativ ist wie wenig anderes.

RN

BESTER SONG: „DIE HARD“

8 ROSALÍA

MOTOMAMI

Rosalía hat ihre Karriere als Flamenco- Sängerin begonnen. Ihr Debütalbum, „Los Ángeles“ (2017), war noch ganz klassisch geprägt, auf dem Zweitling, „El mal querer“ modernisierte sie das Genre mit elektronischen Mitteln. Auf „Motomami“ nimmt sie den Flamenco nun zum Ausgangspunkt für eine Erkundung der Musik der spanischsprachigen Diaspora im 20. Jahrhundert, von Tango und Fandango bis zum neuesten Latin Pop. Sie singt Reggaeton-Stücke mit Auto-Tune-manipulierter Stimme, sie barmt mit ihrem klaren, schönen Sopran zu knallenden Industrial-Beats, sie spielt mit den Stilen und fügt sie ineinander, und sie nutzt die nur scheinbar alle Unterschiede nivellierenden Mittel der elektronischen Tanzmusik, um den Eigensinn dieser Traditionen zu konturieren.

JB

BESTER SONG: „LA FAMA“

9 HUSTEN

AUS ALLEN NÄHTEN

Wer hätte gedacht, dass es im dritten Corona-Jahr so erfreulich sein kann, Husten zu hören? Die gleichnamige Berliner Band besteht aus Gisbert zu Knyphausen, Bassist und Produzent Moses Schneider (Tocotronic, Fehlfarben) und Gitarrist Tobias Friedrich, der 2022 auch seinen Debütroman, „Der Flussregenpfeifer“, veröffentlicht hat. Auf „Aus allen Nähten“ werden das Dringliche und das Unabwendbare beleuchtet – mit Nebelscheinwerfern, Grubenlampen und Wunderkerzen. Die zehn Songs halten sogar noch mehr, als die seit 2017 veröffentlichten vier Husten-EPs versprochen hatten: Indie-Rock mit Panorama-Melodiebögen und gravurwürdigen Texten. Und ein herrliches Duett mit Sophie Hunger im Sixties-Motown-Gewand gibt’s noch on top.

ISM

BESTER SONG: „MANCHMAL TRÄUM ICH VON …“

10 KEVIN MORBY

THIS IS A PHOTOGRAPH

Kevin Morby ist ein großer amerikanischer Nostalgiker und Eklektiker. Wie seine genialischen Vorgänger Ryan Adams und Conor Oberst veröffentlicht er seine Platten in zu schneller Folge, dazwischen Live-Alben. Aber sogar in der beeindruckenden Sammlung von sieben Studioalben seit 2013 ragt „This Is A Photograph“ heraus: In unverschämt eingängigen, atmosphärischen Songs bewegt Morby sich leichtfüßig zwischen Folk, Country Music und Southern Soul, Bläser, Streicher und Background-Chöre sind wunderbar arrangiert. Der Multiinstrumentalist Sam Cohen hat das Album in New York aufgenommen – eine Meisterleistung der Transparenz. Mit Erin Rae singt Morby „Bittersweet, TN“ – aber er und Cohen sind das Traumpaar.

AW

BESTER SONG: „A RANDOM ACT OF KINDNESS“

11 THE WEATHER STATION

HOW IS IT THAT I SHOULD LOOK AT THE STARS

Mit „Ignorance“ fand Tamara Lindeman zu einem musikalischen Ausdruck, der ihren hochsensiblen Beobachtungen neue Kraft verlieh. Ursprünglich waren die Songs, die symbolisch verdichtet von Klimaangst und dem Verlust von Liebe handelten, ohne komplexe Wohlklanginstrumentierung geplant. Vielmehr wollte die kanadische Musikerin sie lediglich mit Klaviertupfern umspannen. „How Is It That I Should Look At The Stars“ holt dies nun nach und ist sozusagen der balladeske Begleiter und das introvertierte Echo von „Ignorance“: sehr zurückgenommen, intim und philosophisch fragend. Lindeman haucht oft mehr, als dass sie singt, und setzt der pochenden Herzensfurcht mit einem Blick ins – von menschlicher Zerstörung verschonte –All eine zarte Hoffnung entgegen.

MV

BESTER SONG: „TO TALK ABOUT“

12 DIE NERVEN

DIE NERVEN

Man spricht nicht über den Tod, man spricht nicht über das Sterben. Es lässt sich damit kein Geld verdienen, auf solchen Content will keiner klicken. Die Nerven besingen das Unaussprechliche, richten den Blick auf das tiefste Schwarz, auf das menschliche Herz, und drehen die Verstärker dabei auf 11. Sie haben dieses Album „Die Nerven“ genannt, denn diese Musik ist ihre Essenz, die Band ist zu ihrem Kern vorgedrungen. Der Rock, den dieses Trio errichtet, ist schwer und mächtig, sanft und schön. Nie waren sie dynamischer und dramaturgisch geschickter. Nie waren sie, so scheint es, wütender und radikaler. Ihre Parolen sind politisch und poetisch, atemloser Ausdruck ihrer Hilflosigkeit. „Und ich dachte irgendwie/ In Europa stirbt man nie.“

JJ

BESTER SONG: „EUROPA“

13 EZRA FURMAN

ALL OF US FLAMES

Es ist eine Freude, die Entwicklung von Ezra Furman zu verfolgen. Seit ihrer Entscheidung, als Frau zu leben, klingt ihre Musik noch beseelter, noch kraftvoller – und all die Vergleiche mit Bruce Springsteen stimmen: die dramatische Stimme, die alarmierten Gitarren, die unruhigen Melodien. Doch es sind die (sehr vielen) Worte, die Furmans sechstes Soloalbum so besonders machen. Ihre Geschichten berühren so direkt, dass es wehtut. Die verzweifelten Außenseiter in Songs wie „Train Comes Through“ oder „Temple Of Broken Dreams“ sind immer auf der Suche nach Auswegen und Verbindungen zu Gleichgesinnten, verletzlich und stark zugleich – wie die Sängerin. „Point me toward the real, motherfuckers“, verlangt sie einmal – während sie genau das tut.

BF

BESTER SONG: „FOREVER IN SUNSET“

14 ARCTIC MONKEYS

THE CAR

Nie sang Alex Turner intensiver als hier, nie wollte er mehr, nie jubilierten die Streicher so sehr. Von Burt Bacharach und Scott Walker bis hin zu Curtis Mayfield und Graham Gouldman standen die wirklich Großen der Musikgeschichte Pate. Die Arctic Monkeys wären nicht sie selbst, würden sie nicht mehrere Songs in einen einzigen packen und einen anderen Weg einschlagen als den, den man von ihnen erwartet.

FL

BESTER SONG: „JET SKIS ON THE MOAT“

15 MAKAYA MCCRAVEN

IN THESE TIMES

Der ideale Soundtrack, um aus dem Alltag kurz in die Unendlichkeit abzutauchen. Die Musik des Schlagzeugers in Genres zu pressen ist unmöglich – egal ob es sich um spirituellen Jazz, Ambient oder symphonischen Soul handelt. Kamasi Washington und Pharoah Sanders sind verwandte Seelen, ebenso Marvin Gaye. Manchmal klingt sogar die Folklore von McCravens Mutter an, der ungarischen Sängerin Ágnes Zsigmondi.

JZ

BESTER SONG: „DREAM ANOTHER“

16 DIE STERNE

HALLO EUPHORIA

Diskurspop trifft auf Funk und Easy Listening. Frank Spilkers Tanzkapelle für denkende Menschen probt zu zackigen Gitarren wagemutig den Aufstand gegen die kapitalistisch-narzisstische Weltordnung, kommentiert mit zartbitterer Lakonie und coolen Grooves das Hier und Jetzt, arbeitet sich an Verschwörungsmythen, dem Klimawandel, der Hilflosigkeit der Gutmeinenden, Deutschrap und sich selbst ab.

GR

BESTER SONG: „WIR WISSEN NICHTS“

17 DANGER MOUSE & BLACK THOUGHT

CHEAT CODES

Der wortmächtige The-Roots-MC Black Thought rappt über Rassismus, die Traumata der Black Community, seinen eigenen Werdegang und die Klimakatastrophe. Starproduzent Danger Mouse inszeniert die Rhymes zu nostalgischen Samples, die „Cheat Codes“ eine Funkiness und tänzelnde Leichtigkeit geben, die an Sly & The Family Stone erinnern. Und jedes Feature, von Run The Jewels bis Michael Kiwanuka, sitzt.

MB

BESTER SONG: „NO GOLD TEETH“

18 DAWES

MISADVENTURES OF DOOMSCROLLER

Die Kalifornier wagen den Sprung in die nächste Bandgalaxie in Form von nur sechs längeren Stücken mit verzinkten Instrumental-Intermezzi. Taylor Goldsmith bleibt unverkennbar, aber die Anmutung ist eher Steely Dan als Jackson Browne, eher Prog-Pop-Abenteuer als Laurel-Canyon-Heimeligkeit. Wer immer nur wieder ein etwas anderes „All Your Favorite Bands“ hören möchte, hat gut zu kauen.

JF

BESTER SONG: „EVERYTHING IS PERMANENT“

19 JOCHEN DISTELMEYER

GEFÜHLTE WAHRHEITEN

„Ich sing für dich, wenn du dich fragst, was eigentlich vor sich geht/ Dass immer mehr mit denen mitmarschieren“ – wer Distelmeyer Gemeinplätze unterstellt, vergisst die Zauberwirkung seiner Worte. Es sind stets die guten Leute, die seine Lieder hören. Sein erstes Album mit neuen Songs seit 2009 hat durch die Nähe zu Blues, Country und Akustikballaden etwas von Alterswerk. Und ist ein Instant-Klassiker.

BESTER SONG: „ZURÜCK ZU MIR“

SN

20 THE SMILE

A LIGHT FOR ATTRACTING ATTENTION

So gut wie Radiohead, Gitarren und Electro perfekt austariert, schließlich bestehen zwei Drittel dieser Band aus Thom Yorke und Jonny Greenwood. „Don’t bore us/ Get to the chorus“, zitiert Yorke seine Kritiker und präsentiert uns eine „Man In The Mirror“-Hommage („Free In The Knowledge“) sowie ein dringliches Plädoyer gegen die Spaltung der Gesellschaft: „People in the streets/ Please, we all want the same.“

BESTER SONG: „THE SAME“

SN

21 PORRIDGE RADIO

WATER SLIDE, DIVING BOARD, LADDER TO THE SKY

Das Quartett aus Brighton schaukelt sich diesmal zu Höchstleistungen hoch. Auf einer Achterbahn der Gefühle perfektionieren Porridge Radio ihren Indie- Rock, bestehend aus einer Shoegaze- Wall-of-Sound, Grunge-Gitarren und Vintage-Orgeln. Eindringlicher als Dana Margolin sang noch niemand „I don’t wanna be loved“, während die Slits auf Marianne Faithfull treffen. Todtraurig, todschön.

FL

BESTER SONG: „BACK TO THE RADIO“

PETER DOHERTY & FRÉDÉRIC LO

THE FANTASY LIFE OF POETRY & CRIME

In seinem Exil in der Normandie hat Peter Doherty einige Texte in eine Kladde geschrieben. Der französische Gitarrist Frédéric Lo hat die Songs komponiert und sie mit einem kleinen Quasi-Jazz- Ensemble eingespielt. Doherty, würdevoll mit Plauze, singt diese Lieder in einer gemieteten Villa sehr schön. Es ist, als wären die frühen Songs der Libertines als Kammer-Kaffeehausmusik wiederauferstanden.

AW

BESTER SONG: „THE MONSTER“

BEYONCÉ

RENAISSANCE

Ihre Rückkehr war angemessen inszeniert, mit Queen Bey als Reiterin auf einem leuchtenden Pferd. Und natürlich verblüffte das Album, klingt es doch wie ein klassisches Vocal-House-Produkt der frühen 90er-Jahre, wie Adeva oder CeCe Peniston etwa. Mit Grandezza und identitätsstiftenden Lyrics treibt die Königin Ahninnenforschung und erteilt uns einen guten Rat: „Release ya anger, release ya mind/ Oh, let’s go, let’s go.“

SZ

BESTER SONG: „BREAK MY SOUL“

ELVIS COSTELLO & THE IMPOSTERS

THE BOY NAMED IF

Hier führt Elvis Costello vor, dass er Songs noch immer auf dem Bierdeckel schreiben kann, und die Imposters spielen diese Songs wie auf einem Bierdeckel. Natürlich hört man jederzeit, dass Costello die Stücke auch für Mezzosopran und Harfe komponieren könnte. Vielleicht wird er der Letzte sein, der mit siebzig noch Punkrock aus dem Pub spielt. Könnte sich mal wieder mit Nick Lowe zusammentun.

AW

BESTER SONG: „THE DIFFERENCE“

BETH ORTON

WEATHER ALIVE

Beth Orton gelang sechs Jahre nach „Kidsticks“ nicht nur ein Comeback – sie machte das beste Album ihrer Karriere. Über einer kargen Landschaft aus verhaltenen Klavieren und Synthie-Nebel, die sich manchmal für nuancierte Gastauftritte von Saxofonist Alabaster de- Plume oder Sons-Of-Kemet-Schlagzeuger Tom Skinner lichten, thront in diesen versöhnlichen Schmerzensliedern ihre herrlich brüchige Stimme.

MB

BESTER SONG: „LONELY“

MARLON WILLIAMS

MY BOY

Er könnte sich exklusiv als melancholischer Crooner auf dem „Princes Walk“ verewigen. Doch der Neuseeländer sucht verspielte Herausforderungen zwischen Synth/Dance-Pop und Psych-Country.

KING PRINCESS

HOLD ON BABY

Mikaela Straus bleibt eine Wucht: Wieder hat die New Yorkerin starke Melodien und Texte und ihren eigenwilligen Charme auf einem Album zusammengebracht, das zwischen Euphorie und Trotz schwankt.

ALDOUS HARDING

WARM CHRIS

Das bislang zärtlichste Album der enigmatischen Neuseeländerin betört als organisches Folkpop-Kleinod. Die fein justierten Arrangements erheben die Stücke in den Rang moderner Klassiker.

FATHER JOHN MISTY

CHLOË AND THE NEXT 20TH CENTURY

Joshua Tillman zelebriert auf seinem fünften Album die Rückkehr zur orchestralen Opulenz. Diesmal kein Elton-John-Frühsiebziger-Bombast, sondern eine Expedition von den Zwanzigern bis in die Sixties.

THE DÜSSELDORF DÜSTERBOYS

DUO DUO

Die Neuentdeckung des Jahres auch für Beatles- und Psychedelia-Fans: Das Duo aus Essen meditiert zu ausschweifenden Arrangements, für die „Tomorrow Never Knows“ hörbar Pate gestanden hat.

SAM VANCE-LAW

GOODBYE

Von der Queer-Pop-Revue zum Blues: Der in Berlin lebende Kanadier zeigt auf seinem Trennungsalbum, was er alles kann: opulente Balladen, Synth-Pop, klassisches Singer-Songwritertum. Ein großes trauriges Fest.

KAE TEMPEST

THE LINE IS A CURVE

Ein Liebesalbum, im Zweifel zwischen Sehnen und Erfüllung, zwischen Frust und Himmel, zwischen zarten Melodien und harschen Beats. Kae Tempests intimstes, persönlichstes Werk bisher.

HARRY STYLES

HARRY’S HOUSE

Das Gesamtkunstwerk Styles mit seinen Mode- und Film- Engagements ist natürlich weit größer als seine Musik. Auf dem dritten Album bekennt er sich zum fluffigen Pop. Rock-Kaspereien lässt er sein. Gut so.

THE 1975

BEING FUNNY IN A FOREIGN LANGUAGE

Zum ersten Mal wagen die Pop- Streber aus Manchester eine kompakte Form, verdichten sie ihren Synth-Sound auf vierzig glorreiche Minuten, kongenial produziert von Maestro Jack Antonoff.

RICHARD DAWSON

THE RUBY CORD

Dawson singt von einer Sci?Fi- Welt, in der die physische einer virtuellen Wirklichkeit gewichen ist – mit einem großartigen Weird Folk zwischen Paranoia und überwältigender Menschlichkeit.

BILDERBUCH

GELB IST DAS FELD

Über Sätze wie „War es Liebe/ Oder sweet codependency?“ brüten Feuilletonisten, dabei ist Maurice Ernst der Howard Carpendale des Indie-Pop – im besten Sinne: er ummantelt die Sehnsucht mit Retroklängen.

SPOON

LUCIFER ON THE SOFA

Kein Höhepunkt im Katalog der besten US-Rockband der letzten dreißig Jahre, nur eine weitere verdammt gute Platte voller messerscharfer Riffs, hart gekochter Rhythmen und Hooklines mit Widerhaken.

KATHRYN JOSEPH

FOR YOU WHO ARE THE WRONGED

Die Schottin singt in zarten Folksongs von Traumata, die manchmal kaum Worte brauchen und dann wieder in ihrer Klarheit kaum zu ertragen sind – ein so fragiles wie gewaltiges Werk, das einen fassungslos zurücklässt.

BJÖRK

FOSSORAANTS

Nach dem entrückten „Utopia“ zog es Björk in eher erdige Klangwelten, wo die Bässe wie Pilze wuchern. Zwei Gabber-DJs und ein Bassklarinetten-Sextett sorgen für außergewöhnliche Grooves.

BLACK COUNTRY, NEW ROAD

FROM UP THERE

Die Formel: Post-Punk-Rhythmusgruppe plus Saxofon und Streicher plus fragiler Frontmann mit brüchiger Stimme. Das Ergebnis: überwältigende Sounds und Songs, emotional und erhaben.

GET WELL SOON

AMEN

Konstantin Gropper gelingt die in Deutschland eigentlich unmögliche Kombination: ein eklektisches Electro-Pop-Album mit sozialkritischen Zwischentönen, das auch noch jede Menge Spaß macht.

JERRY LEGER

NOTHING PRESSING

Das „Plastic Ono Band“ unter den Lockdown-Alben. Leger erzählt direkt und doch poetisch, wie ihm die Pandemie an die künstlerische Existenz ging, und zog sich mit großen Pub-Rock-Melodien selbst aus dem Blues.

BRUCE SPRINGSTEEN

ONLY THE STRONG SURVIVE

Altersfreude statt Altersmilde: Springsteen ist es egal, dass er eigentlich keine Soul-Stimme hat – er legt so viel Energie und Liebe in diese Coverversionen von Lieblingsstücken, dass sie einen sofort mitreißen.

JENS FRIEBE

WIR SIND SCHÖN

Jens Friebe bringt das Politische und das Private durcheinander, übersetzt die gesellschaftliche Diffusität in Electro-Synthie-Kammerpop und traut sich sogar, Leonard Cohen einzudeutschen.

FONTAINES D.C.

SKINTY FIA

Auf dem dritten Album der Iren ist ihr betörender Mix aus Post-Punk, Indie, Electro und Noise-Rock noch eigentümlicher, experimentierfreudiger, verwirrender, politischer – und besser.

KURT VILE

WATCH MY MOVES

Wenn du nur eine Platte mit in eine einsame Hängematte mitnehmen dürftest, welche wäre es? Diese. Niemand lässt uns friedvoller chillen als Kurt Vile, der Enkel von J.J. Cale und Peter Green.

PHOENIX

ALPHA ZULU

Bald fünfzigjährige Franzosen kreieren ein perfektes Mashup aus Getto-Beats, Bach-Fugen, French House, Dschinghis Khan und Sofia-Coppola-Soundtracks. Forever Young? Könnte funktionieren.

ARCADE FIRE

WE

In Indie-Rock- und Electropop- Hymnen getauchtes Welttheater – überschwänglich, überwältigend, aufwühlend, berückend. Ein Album, wie man es von Arcade Fire kaum noch erwartet hatte.

KOKOROKO

COULD WE BE MORE

Musik kann und darf Balsam für die Seele sein. Das afrobritische Jazz-Oktett Kokoroko musiziert in einem beständigen Flow, der Juju, Jazzrock, Funk, Chick-Corea-Sphärik und Brassbands evoziert.

BEACH HOUSE

ONCE TWICE MELODY

Das Duo aus Baltimore katapultiert sich mit seinem achten Album endgültig in den Dream- Pop-Himmel. Unterstützt von jenseitig anmutenden Streichern schwebt es engelhaft zwischen Love, Broadcast und Dubstar.